Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

Ein Revolutionär in der Zarenzeit

Es war in Gori, einer Stadt - einem Dorf eher - in Georgien, und es war vor einem guten halben Jahrhundert, im Jahre 1879. Ein Knabe, Joseph Wissarionowitsch mit Namen, wurde geboren in einer hölzernen, mit Schindeln gedeckten, auf Ziegeln ruhenden Hütte, die eine Tür auf der Vorderseite und einen Kellereingang auf der Rückseite hatte. Die Umgebung war nicht gerade üppig. Vor dem Haus eine Gasse mit holprigem Steinpflaster, in der Mitte eine Wasserrinne. Gegenüber Baracken, vielfach geflickt, mit nach allen Seiten starrenden Dachrinnen.

Die Mutter, Katharina, hatte ein schönes, ernstes Gesicht mit schwarzen Augen (so schwarz, dass sie überzufließen und mit dunklen Schatten die Haut ringsum zu überfluten schienen). Neuere Bilder zeigen uns das regelmäßige Antlitz, eingerahmt von dem Viereck des schwarzen Schleiers, den die kaukasischen Frauen eines gewissen Alters nach der alten und strengen Sitte tragen. Der Vater, Wissarion Dshugaschwili, stammte aus dem Dorf Didi-Lilo und war Schuhmacher von Beruf. Er arbeitete in einer Schuhfabrik im nahen Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Man zeigt in einem Museum den strickbespannten Schemel, den er benutzt und abgewetzt hat. Wissarion war ein armer Mann, wenig gebildet, aber gutmütig. Er gab Joseph in die Schule von Gori (ein laubbeschattetes, einem Bauernhof ähnelndes Häuschen) und später in das Seminar von Tiflis - er tat wirklich alles für ihn, was er mit seinen Mitteln tun konnte.

Dann: Ich kam mit 15 Jahren in die revolutionäre Bewegung, indem ich in Beziehung zu den Geheimgruppen der russischen Marxisten trat, die es in Transkaukasien gab. Diese Gruppen übten eine starke Anziehung auf mich aus und ließen mich Geschmack an der verbotenen Literatur gewinnen...

Joseph Wissarionowitsch hielt die Augen offen. Es gibt unter den Menschen eine Mehrheit, die sich der bestehenden Macht fügt, schweigt und weitertrottet. Das ist die Herde, von der Tacitus spricht, und von der er sagt, dank dieser stummen Bürger "kann man alles machen". Es gibt andere, eine kleine Minderheit, die zu widersprechen wagen und die sich nicht fügen.

Er also hielt die Augen offen und lauschte.

Georgien bildet (mit Armenien und Aserbeidshan) am südlichen Abhang des Kaukasus zwischen dem Schwarzen dem Kaspischen Meer - Transkaukasien. Am Ende einer langen und ruhmreichen Geschichte verlor Georgien (letzter "Wall" der Christenheit gegen die Türken) seine Unabhängigkeit und wurde im 19. Jahrhundert in die Peripherie des russischen Zarenreiches eingegliedert. Von St. Petersburg aus unternahmen es die Großrussen, das Land zu entnationalisieren und zu russifizieren, wie sie es mit all den verschiedenen Teilen des gewaltigen kaiserlichen Flickreiches taten, und wie es die großen Länder immer mit den annektierten Gebieten und den Kolonien getan haben: die Metropole schluckt, und dann versucht sie mit Hilfe aller möglichen Kunstgriffe zu verdauen, in erster Reihe aber mit Hilfe von Brutalität und Verfolgung. (Im eigentlichen Rußland begnügte sich der Zar damit, das Volk jeder Freiheit und, im größten Umfang, jeder Bildung zu berauben.) Fremde Völker, wie die Georgier, zu beherrschen, hieß gegen sie wüten. Man hat damals mit Recht sagen können: "Die Völker Kaukasiens haben nur ein Recht, nämlich das, gerichtet zu werden." Sie durften nur seufzen, und auch das nur in russischer Sprache. So entstand in dieser dem Herrscherland direkt angegliederten Kolonie eine nationalistische Strömung mit der Befreiung Georgiens als Idealziel. Das Problem wurde dadurch kompliziert, dass eine große Zahl verschiedener Rassen nicht nur in Transkaukasien sondern auch in Georgien nebeneinander lebten. Außer den Georgiern gab es Armenier, Türken, Juden, Kurden und ein Dutzend anderer Stämme. Und diese bunte Herde von Untertanen, alle gleich verfolgt von den Russen, lebte untereinander in ewigem Kriegszustand. Wenn sie es gekonnt hätten, hätten sie sich nicht nur auf die Petersburger Kettenhunde gestürzt, sondern wären vielleicht noch heftiger alle übereinander hergefallen.

Neben dieser alten separatistischen Strömung, die in einer ziemlich starken "föderalistischen" Partei ihren Ausdruck fand, gab es noch die sozialistische Bewegung.

Alle die großen Gruppierungen, die in der allgemeinen Freiheitsbewegung in Rußland bestanden, bildeten sich ziemlich schnell auch im Kaukasus aus.

Nach der Niederlage im Krimkrieg von 1856 (es sind immer die Kriege, die die Völker am tiefsten aufwühlen)- kam es zu einer Gegenbewegung gegen den Absolutismus, der Rußland im Vergleich mit den großen Ländern des Westens im Zustand einer besonderen und privilegierten Barbarei hielt. Eine reformistische Bourgeoisie, die die besten Absichten verfolgte, richtete ihre Blicke auf das "Licht aus dem Westen".

1860 - 1869: Reformen kommen diesen Tendenzen entgegen. Die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Schaffung der Semstwos (Gemeindeselbstverwaltung), eine Reorganisation des Gerichtswesens. Aber so viel Staub diese Reformen aufwirbelten, man konnte bald feststellen, dass sie nicht viel an der Lage änderten. Die Aufhebung der Leibeigenschaft war von nichts weniger diktiert als von Gleichheitsbestrebungen. Sie verfolgte finanzielle Zwecke, kam praktisch dem Grundbesitz zugute und war schließlich aus politischen Erwägungen geboren: "Damit die Befreiung der Bauern nicht von selbst, nicht von unten kommt" (so sagte der Zar selbst). Aus der Enttäuschung entstand die große Bewegung der Narodniki: Nicht mehr hypnotisiert auf den Westen blicken, sondern im Gegenteil die spezifisch russischen Traditionen aufnehmen, den Mir (die alte Dorfkommune) und das Artel (die alte Produktionsgenossenschaft); auf diesem Wege sollte das russische Volk zum Sozialismus kommen, "ohne durch die Schrecken des Kapitalismus hindurchzugehen". Die große Zeit der Narodniki (ihre Verbände "Land und Freiheit", "Volkswille" und andere) war die Periode zwischen 1870 und 1881. Die Narodniki, die man in Europa meist Nihilisten nannte, rannten mit Bomben- und Revolverattentaten gegen das Regime der Herrscher im Winterpalais an. Die Verfolgungen, die 1881 nach der Ermordung Alexander II. einsetzten, zerstörten die Organisationen. Nur die literarischen Theoretiker blieben übrig.

In seiner frühen Jugend hatte Lenin mit diesen Kreisen in Verbindung gestanden. Sein älterer Bruder Alexander nahm an der Arbeit im "Volkswillen" teil und wurde 1887 für seine Teilnahme an einem Attentat auf Alexander III. durch den Strang hingerichtet. Maria Uljanowa, die Schwester, berichtet uns, dass, als die traurige Nachricht von der Hinrichtung die Familie Uljanow erreichte, Wladimir Iljitsch, damals 17 Jahre alt, mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck sagte: "Nein, wir werden andere Wege gehen. Dieser Weg ist nicht der richtige."

Dieser andere Weg war der des wissenschaftlichen Sozialismus, hervorgegangen aus dem alten Ideal der politischen Freiheit, der Abschaffung der Privilegien, der Gleichheit und all-gemeinen Brüderlichkeit, jenem Ideal, das Karl Marx in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgenommen und umgeschmiedet hat. Einer der Grundzüge der marxistischen Lehre, die den alten Sozialismus von seinen lächerlichen und gefährlichen Kindereien befreit hat, war die Verbindung von Wirtschaft und Politik, von Sozialismus und Arbeiterbewegung. Die Notwendigkeit dieser Verschmelzung scheint uns heute unzweifelhaft. Aber sie war es nicht immer, und in dem Augenblick, wo alles neu zu schaffen war, musste dieser Gedanke gefunden werden.

Der Sozialismus war eine internationale Organisation geworden. Auf die I. Internationale, die, von Marx und Engels selbst gegründet, "die ideologischen Grundlagen des proletarischen Kampfes geschaffen" hatte, war die II. Internationale gefolgt, die "den Boden für die Entfaltung einer breiten Massenbewegung der Arbeiterschaft vorbereitete". Der marxistische Sozialist bediente sich - im Gegensatz zu den "Sozialrevolutionären" und den Anarchisten, von denen es zahlenmäßig kleine, aber gewalttätige Gruppen gab - nicht des Terrorismus oder des Attentats. Diese blinden, chirurgischen Methoden, die fast immer wild über ihr Ziel hinausschießen und zu anderen als den gewollten Resultaten führen, waren nicht seine Sache. Seine Sache war es, durch die Erkenntnis des wahren Interesses, durch die bewusste Disziplin und durch die positive Festigkeit einer praktischen Lehre die große Masse der Ausgebeuteten und Unterdrückten zu organisieren. Der Marxismus machte in Rußland infolge der gewaltsamen Auflösung und Selbstzersetzung der Narodniki und dank der wenn auch langsam fortschreitenden Industrialisierung des Landes in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts ziemlich schnelle Fortschritte. Lenin gab sich ihm ganz hin. Wir sehen ihn eine breit angelegte und zäh durchgeführte Kampagne zugunsten der marxistischen Idee und der Organisation der Massen und gegen die wilde Romantik und die praktisch reaktionären Phantasien der Narodniki unternehmen. (Ein Teilnehmer berichtet von einer geheimen, "sehr konspirativen" Versammlung in Moskau im Jahre 1893, wo man sehr lebhaft diskutierte. Man sah dort "diesen jungen Mann mit etwas gelichtetem Haar, einen sehr eigenartigen Kerl, der schon damals ein großes Tier unter den Marxisten war" ( Lenin war erst 23 Jahre alt), dem berühmten Theoretiker W. P. Woronzow siegreich die Stirne bieten.

Bereits im Jahre 1884 hatte die Gruppe "Befreiung der Arbeit" das erste Programm der russischen Sozialdemokratie herausgegeben. Damals fanden fast alle Mitglieder dieser Gruppe in einem Boot auf dem Genfer See Platz. Die Bewegung wurde zunächst (wie die der Narodniki) fast ausschließlich von den Intellektuellen getragen. Die große Hungersnot von 1891 brachte ihre Initiatoren, wie Plechanow und Axelrod, mit der Arbeiterklasse in Berührung. Viele Studienzirkel und Verbände entstanden. Ein erster Kongress (der 1898 in Minsk stattfand) vereinigte die verschiedenen Gruppen und wählte ein Zentralkomitee, aber die Verhaftung der Mehrzahl der Kongressteilnehmer verhinderte die Durchführung der Beschlüsse.

Schon zeigten sich gewisse Meinungsverschiedenheiten im Innern dieser jungen Partei, besonders hinsichtlich der Unterscheidung, die, nach der Meinung einiger, zu machen sei zwischen dem wirtschaftlichen Kampf (als Angelegenheit der Arbeiter) und dem politischen Kampf (als Angelegenheit aller demokratischen Elemente).

Lenin machte es sich zur Aufgabe, die Einheit zu schmieden und diese sozialdemokratische Partei, die seit 1898 nur formell bestand, wirklich zu gründen. Er hatte mit dieser Arbeit Erfolg, in einer Zeit, wo ringsum wilde Reaktion tobte, das Herdenvolk aller Reußen ein wahres Sklavendasein führte, die Romanows ihre barbarische Herrschaft ausübten, und die von den untersten bis zu den höchsten Stellen korrumpierten und entarteten Herren dieses Riesengefängnisses die öffentlichen Gelder in der phantastischsten Weise vergeudeten.

Die Epoche, wo es dem Marxismus gelang, die verschiedenen Richtungen und Strömungen der russischen Revolution innerhalb und außerhalb des Landes zu disziplinieren, ist ungefähr dieselbe wie die, mit der wir uns vorhin beschäftigten. Es war im Jahre 1897, dass Joseph Wissarionowitsch Dshugaschwili den marxistischen Studienzirkel im Seminar von Tiflis leitete und, wie Sandro Mirabischwili erzählt, den Schlafsaal in ein zweites Seminar verwandelte.

Das Tifliser Seminar war, wie alle seinesgleichen, eine qualifizierte Brutstätte des Dunkelmännertums und der Vergiftung mit Traditionen und war überdies von niederträchtigen Verwaltern geleitet.

...Wir waren einem erniedrigenden Regime, despotischen Methoden unterworfen. Bespitzelung war in diesem Haus an der Tagesordnung. Um 9 Uhr rief uns die Glocke zum Frühstück. Man ging ins Refektorium, und wenn man zurückkam, stellte man fest, dass während des Essens eine Durchsuchung stattgefunden hatte und unsere Schränke von oben bis unten durchwühlt waren...

Trotz alledem - und gerade deswegen - war das Seminar ein "Herd neuer Ideen", denn diese Dinge schufen, was man auch tun mochte, Keime von Unzufriedenheit und Protesten. Es bildeten sich Gruppen von Aufsässigen, die sich nicht fügen wollten, und die ihre Gedanken natürlich in den Winkeln im Flüstertone zum Ausdruck brachten. Unter diesen Gruppen gab es eine nationalistische (Georgien muss eine unabhängige Nation werden!), eine volkstümlerische (Nieder mit den Tyrannen!) und eine internationalistisch-marxistische. Dieser letzteren trat Joseph oder vielmehr Sosso Dshugaschwili, von ihren Ideen heftig angezogen, bei.

Wie sah er aus? Als Kind war er klein, zart, von kühnem, beinahe etwas frechem Aussehen und trug den Kopf immer hoch erhoben. Später, als er mit den Jahren aufgeschossen war, erschien er ziemlich gebrechlich und zart: das Gesicht eines sehr verfeinerten Intellektuellen, dichtes, borstiges, tintenschwarzes Haar. Seine jugendliche Magerkeit ließ das georgische Oval seines Gesichts und das etwas längliche Auge seiner Rasse noch stärker in Erscheinung treten. Zu jener Zeit stellte der junge Kämpfer eine interessante, weil sehr vollkommene Mischung von Arbeiter und Intellektuellem dar. Nicht sehr groß, schmale Schultern, längliches Gesicht, ein feiner Bart, etwas schwere Augenlider, eine schmale und gerade Nase, auf den üppigen schwarzen Haaren die flache Mütze, ein wenig zur Seite geschoben - so stellte er sich damals dar, dieser Eroberer der Massen, dieser Weltumstürzer.

Seitdem hat das Gesicht Stalins endgültig feste Formen angenommen, und besonders heute, wo das immer noch starre, zu einer Bürste geschorene Haar leicht ergraut ist, ist man versucht zu glauben, dass seine Züge noch proletarischer. ja militärisch geworden sind - vielleicht zum Teil, weil man der Suggestion seiner Kleidung unterliegt. Aber man kann nicht sagen, dass er sich viel verändert hat, eher, dass man jetzt die Energie und die kämpferische Kraft, die dieses Antlitz auch früher zeigte, stärker erkennt. Denn wenn ein Mensch sich im Grunde seines Wesens nicht geändert hat, so ist er es.

Schon in der Zeit, vor etwa 35 Jahren, in der er für Ketskoweli "ein guter Kerl" war, erkannte man ihn an der Sauberkeit seiner Ausdrucksweise. Dieser eigentümliche junge Mann hasste alle Phrasen. Er war das Gegenteil von denjenigen, die mit volltönenden Reden und kühn in die Luft gezeichneten Gesten nach vielen Effekten haschten. "Knappheit, Klarheit und Exaktheit waren seine kennzeichnenden Merkmale."

Zum Unglück für seine Ruhe studierte er in dem Tifliser Seminar im geheimen naturwissenschaftliche und soziologische Bücher. Er trug das geschriebene Gift exakter Kenntnisse in dieses Haus der frommen Denkart. Die Herren des Hauses entdeckten diesen Skandal. Der Drang zum wirklichen Lernen war unvereinbar mit den reinen Traditionen des Seminars: der junge Sosso wurde als "politisch unsicheres Element" relegiert.

"Er ging, ohne sieh umzusehen, geradewegs zu den Arbeitern."

1898 trat er in die Tifliser Organisation der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ein. Das war, wie wir gesehen haben, gerade das offizielle Geburtsjahr dieser russischen Sektion der II. Internationale.

Jetzt war er auf seinem Wege. Er hatte nicht lange zu suchen brauchen, er war sofort gradlinig auf ihn zugegangen. Dieser Intellektuelle, Sohn eines bäuerlichen Arbeiters, wählte das Metier des "Berufsrevolutionärs"; zuerst unter den Eisenbahnern von Tiflis, später unter den Tabak- und Schuharbeitern, dann unter den Arbeitern der meteorologischen Station: ein Arbeiter der Arbeitersache.

Einer von seinen Gefährten der damaligen Zeit, der in jenen Tagen viel mit Sosso Dshugaschwili zusammen war, berichtet uns, wie sein Freund "zu den Arbeitern zu sprechen verstand". Diese Gabe, für jedermann verständlich zu sein, war auch eine charakteristische Eigenschaft Lenin s, der, zehn Jahre älter, damals in den Hauptzentren der russischen sozialistischen Bewegung tätig war. Dieser Lenin , der die Elektrifizierung der Hälfte des alten Kontinents voraussah in einem Augenblick, wo ganz Rußland nur ein von innen und außen beranntes, schuttbedecktes Ruinenfeld war, dieser Seher, der die größten irdischen Pläne, die je ein Gehirn geschmiedet hat, in ihrer ganzen Größe und bis zum letzten I-Punkt zu erfassen verstand, wusste ebenso zu den Arbeitern zu sprechen, selbst individuell: die Mütze tief über den runden und kahlen Schädel gezogen, mit listigen Augen, die Hände in den Taschen, mit dem Aussehen eines gutmütigen, aber dickköpfigen und gewitzten kleinen Kaufmanns trieb er sich an den Fabriktoren herum. Er sprach einen Arbeiter an, unterhielt sich vertraulich mit ihm - und hatte ihn fürs Leben gewonnen. Aus einem Gleichgültigen machte er einen Aufrührer, aus einem Aufrührer einen Revolutionär. (Und der Bauer sagte von ihm: "Dieser kleine Mann da, mit den Pockennarben, weißt du, das ist einer wie du und ich. Er könnte geradewegs vom Felde gekommen sein.") Joseph Wissarionowitsch war vom selben Schlage, und das lässt diese beiden Silhouetten unter der Menge der anderen vor unseren Augen noch näher aneinanderrücken.

"Die natürliche Einfachheit Sossos, seine absolute Gleichgültigkeit gegenüber seiner persönlichen Lebenslage, seine innere Festigkeit, seine schon damals bemerkenswerte Bildung gaben ihm Autorität und machten, dass seine Umgebung ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte und bewahrte. Die Arbeiter von Tiflis nannten ihn: ,unser Sosso'."

Diese fast geniale Gabe, sich mit den Zuhörern auf dasselbe Niveau stellen zu können, war die tiefere Ursache für das Vertrauen und die Liebe, die die Massen diesem Mann entgegenbrachten, und für die gewaltige Rolle, die zu spielen ihm bestimmt war. Wir sollen uns aber nicht täuschen: sich auf die gleiche Höhe stellen bedeutet nicht, sich herablassen, sich billig machen, eine formlose Familiarität genießen. Durchaus nicht. Orachelaschwili gibt uns eine klare Definition: "Er war weder schematisch, noch vulgär." Der Parteifunktionär war für ihn ein Transformator, der dieselben Dinge sah, wie der weiseste Theoretiker, nur angepasst an den Geist und die Bildung des Hörers. Wie? Durch Bilder, durch lebende Beispiele.

Wir anderen, erklärt Orachelaschwili, die mit ihm zu den Propagandisten gehörten, konnten uns nicht von einer bestimmten Terminologie frei machen. Die These, die Antithese und die Synthese und andere Kernstücke der Dialektik saßen uns im Kopf. Und dieses Rüstzeug blieb in unseren Reden an die Arbeiter und Bauern. Anders bei Stalin. Er packt die Dinge von einer anderen Seite an, bei der lebendigen Seite. Er nahm sich z. B. den Begriff der bürgerlichen Demokratie vor und zeigte sonnenklar, warum diese besser ist als der Zarismus und schlechter als der Sozialismus. Und alle verstanden, dass die Demokratie, so geeignet sie war, das Zarenreich umzupflügen, eines Tages auf dem Wege zum Sozialismus zum Hindernis werden konnte, das man sprengen musste ... Etwas anderes: seine Lustigkeit, aber außerhalb der Arbeit. Man muss diese beiden Dinge nicht zu sehr durcheinander bringen. Eines Tages (erzählt immer noch Orachelaschwili) war man bei einem bedeutenden kaukasischen Genossen versammelt. (Man traf sich im Familienkreise, weil man an anderen Orten nicht zusammenkommen konnte.) Während des Essens setzte sich der kleine Sohn des Hausherrn dem Vater auf die Knie. Der spielte mit ihm und versuchte das ungeduldige Kind zu beruhigen, das die ernste Diskussion sehr uninteressant fand. Da stand Stalin auf, nahm das Kind freundlich auf den Arm, brachte es zur Tür und sagte zu ihm: "Du stehst nicht auf der Tagesordnung, mein kleiner Freund!"

Er beschimpfte seine Gegner niemals, erzählt derselbe Gewährsmann. Die Menschewiki machten uns so viel zu schaffen, dass wir, wenn wir einen von ihnen auf einer Versammlung vor uns hatten, uns nicht versagen konnten, ihm nach besten Kräften mit Worten und vor allem mit Argumenten "ad hominem" (Persönlich beleidigend.) eins auszuwischen! Stalin liebte die Kampfesweise nicht. Grobe, beleidigende Ausdrücke waren eine Waffe, deren Gebrauch er sich versagte. Höchstens kam es einmal vor, dass er, nachdem er alle seine Argumente vorgebracht und einem Widersacher in scharfer Diskussion den Mund gestopft hatte, ihm wie einen Pfeil eine kaukasische Redensart nachschleuderte, wie: "Du bist doch so ein Prachtkerl; was kneifst du vor solchen Windbeuteln, wie wir es sind?"

Der Beruf des illegalen Agitators, des Berufsrevolutionärs, den er wie viele andere gewählt hatte, ist ein schlimmer Beruf. Man wird vogelfrei, immer gehetzt von der Polizei, den ganzen Staatsapparat auf den Fersen: Freiwild für den Zaren und seine zahllose gut genährte, robuste, bis an die Zähne bewaffnete Meute. Man ist wie ein Verbannter, der provisorisch freigelassen ist, immer gespannt, immer auf der Lauer, Man ist der winzige Revolutionär, fast einsam in der Menge, mit herablassendem Unverständnis behandelt von den "gescheiten Leuten", untergehend in dem gewaltigen Kapitalismus, der die Länder von einem Pol zum anderen umklammert hält (nicht nur die 180 Millionen Untertanen des Zaren, sondern alle Lebewesen auf dieser Erde). Man ist der, der mit ein paar Freunden das alles ändern will. Man taucht auf, bald hier, bald da, um Zorn zu säen und die Köpfe aufzuwiegeln, und man hat nichts als seine Überzeugung und seine Stimme, um die Völker in Bewegung zu bringen.

Dieser Beruf, bei dem scharf umrissen am Ende jedes Weges, den man nimmt, das Gefängnis, Sibirien, der Galgen stehen - er ist nicht für alle und jeden geschaffen.

Man braucht dazu eine unerschütterliche Gesundheit im Dienste einer unwiderstehlichen Energie, eine fast unbegrenzte Arbeitsfähigkeit. Man muss überall der Erste, der Beste sein - aber im verborgenen -, muss von einer Tätigkeit zur anderen überspringen können, muss zu fasten und mit den Zähnen zu klappern verstehen, muss es fertig bringen, sich nicht kriegen zu lassen, und zu entspringen, wenn man doch gefasst wird. Man muss sich lieber ein glühendes Eisen unter die Haut jagen oder sich die Zähne einschlagen lassen, als einen Namen oder eine Adresse von sich geben. Das Herz, das man hat, es gehört der Sache; unmöglich, es anderen Dingen zu widmen. Man ist zu gewiss, von da wieder fortgerissen zu werden, wo man ist. Man hat keine freie Zeit, kein Geld.

Und das ist nicht alles. Man muss die Hoffnung im Leibe tragen, in den düstersten Momenten, in den schlimmsten Niederlagen nicht müde werden, an den Sieg zu glauben. Aber auch das genügt noch nicht. Man muss vor allem klar sehen und wissen, was man will.

Das ist die Waffe, die der Marxismus den Revolutionären in die Hand gibt und die diesen neuen Menschen solche Macht über das Geschehen gibt (und ihnen erlaubt und schon erlaubt hat, so richtig in die Zukunft zu sehen).

Früher genügte es, alles in allem, tapfer zu sein, wenn man eine revolutionäre Aktion zum Erfolg führen wollte - zu zeitweisem Erfolg wenigstens, denn ein dauerhafter ist schon eine schwierigere Sache ... Blasen Ibanez, diese liebenswürdige und generöse Attrappe von einem großen Mann, gestand mir einmal mit einem tiefen Seufzer seine Verzweiflung darüber, dass die Zeiten, wo es genügte mit einer kleinen, entschlossenen Gruppe auf die Straße zu gehen, um die Macht zu erobern, vorüber seien. Heute gäbe es Maschinengewehre, und die Barrikaden seien wie aus Karton. Das Metier sei verdorben, und was ihn beträfe, so habe er den Geschmack daran verloren. Ja, heute gibt es Maschinengewehre. Aber nicht nur aus diesem Grunde ist das alte Revolutionslibretto, das früher einmal realistisch war, jetzt romantisch geworden und gehört in die Rumpelkammer. Heute handelt es sich um Revolutionen von anderen Maßen und anderen Ausdehnungen, als es die politischen Sketches waren, die bisher so oft in den Regierungspalästen eine Tafelrunde an die Stelle der anderen gesetzt haben, ohne im übrigen irgend etwas wirklich zu ändern, außer höchstens die Aushängeschilder. Das Interesse der Allgemeinheit, das heute aus den Tiefen nach oben drängt, fordert heute wahrlich andere Maßnahmen.

Der Marxismus leuchtet in die Tiefen und erhellt die verschlungenen Gesetze der großen, unaufhaltsamen Umwälzungen, die sich in der heutigen Gesellschaft vorbereiten, und er zeigt sicher die Regeln, nach denen man ihnen zum Durchbruch verhelfen kann. Der Marxismus, das ist nicht, wie so viele (die ihn nicht kennen) glauben möchten, ein Sammelsurium von verschiedenen Grundsätzen oder Geboten, die man auswendig lernt, wie eine Grammatik oder einen Koran. Er ist eine Methode. Und sie ist im Grunde einfach. Sie ist die Methode des vollkommenen Realismus, die Umschaltung und Lenkung aller Ideen, das Vortreiben aller Anstrengungen zu dem festen Fundament, den konkreten Stützen, dem tragenden Gerippe - hinweg über allen Mystizismus, den religiösen oder spekulativen, über alle Gespensterzüge und Sprünge ins Leere. Keine Ideen oder Formeln, die in der Luft hängen, als ob sie sich dort allein halten könnten. Karl Marx ist der Riese unter den Denkern, der Moderne, der die Nebel vom Himmel des Gedankens wegblasen konnte. Seine Methode führt uns immer zurück bis auf die Ursachen und voraus bis zu den Folgen, ohne je das Reale entgleiten zu lassen, immer die Theorie mit der Praxis verbindend: Wahrheit, Wirklichkeit, Leben.

Seither ist der Sozialismus kein nebelhafter und sentimentaler Traum mehr, in dem man auf Festes nur stößt, um sich den Schädel daran einzurennen, sondern eine Lehre, die die logischen Notwendigkeiten aller Erscheinungen voraussieht, und an deren Verwirklichung jeder loyal mitarbeiten kann. Er macht den Weg frei und schafft Stützpunkte, er macht Gegenwart und Zukunft sichtbar. Er ist die praktische Weisheit, die in gleicher Weise zur Zerstörung wie zum Aufbau treibt.

Die marxistische Weltauffassung ist wissenschaftlich. Sie riet deckt sich mit der wissenschaftlichen Anschauung. Der Revolutionär bleibt immer ein Künder und ein Soldat, aber er ist vor allem ein Gelehrter, der auf die Straße geht. Wenn man will, so machen alle Gelehrten in der Welt Marxismus ohne es zu wissen, so wie Molieres Herr Jourdain Prosa machte.

Es ist die kritische Beurteilung der Gesellschaft, die in dem anständigen und offenen Menschen den Revolutionär entstehen lässt, nicht aber eine hasserfüllte, erbitterte generöse Aufwallung - oder besser, sie ist es nicht allein. Es ist eine Art berechneter Leidenschaft. Die soziale Ungleichheit ist ein Schreibfehler. Jeder Fehler in den Dingen hat die Tendenz, sich selbst zu korrigieren. Der menschliche Geist muss aber diese Selbstkorrektur durch Voraussicht beschleunigen. Und dann mit Feuer an die Neuordnung! Zuerst der Geist. Das Gefühl - auch es ist eine wertvolle Antriebskraft - muss dem Intellekt folgen und ihm gehorchen. Das Gefühl soll nur der Diener der Gewissheit sein, das Gefühl, das, sich selbst überlassen, ebenso gut zum Diener des Wahnsinns werden kann.

Man lächelt, wenn man den deutschen Schriftsteller Emil Ludwig Stalin die Frage stellen hört (es war vor zwei Jahren): "Sind Sie nicht in Ihrer Kindheit von Ihren Eltern misshandelt worden, dass Sie ein solcher Revolutionär geworden sind?" Dieser gute Emil Ludwig glaubt noch felsenfest an jenen alten Vers der Neunmalweisen, nach dem man böse oder verärgert und von früher Kindheit an von den Eltern verprügelt sein muss, um ein Revolutionär zu werden. Ein armseliges Argument, zu kläglich, um beleidigend zu sein. Gewiss, das Unglück stößt Individuum und Massen vorwärts, aber die Revolutionäre stehen auf dem Wege des kollektiven Fortschritts über solchen kleinen "persönlichen Konjunkturen". Stalin hat Ludwig in seiner geduldigen Art geantwortet: "Ganz und gar nicht. Meine Eltern haben mich nicht misshandelt. Wenn ich zum Revolutionär geworden bin, so nur deshalb, weil ich fand, dass die Marxisten recht haben."

"Eine auf Grundsätzen aufgebaute Politik ist die einzig richtige", hat Stalin wie Lenin immer gesagt. Das ist die Grundeinstellung, das oberste Prinzip, das, wie wieder Stalin sagt, "erlaubt, die uneinnehmbarsten Stellungen zu erstürmen". Die große Triebfeder aber ist für die Führer im sozialen Fortschritt der Glaube an die Massen. Dieser Glaube an die großen Arbeitermassen ist die Losung und der Kampfruf, die dieser Führer am häufigsten ausgegeben hat. "Die schlimmste Krankheit, von der ein Führer befallen werden kann", sagt er, "ist die Angst vor den Massen." Der Führer braucht die Massen mehr, als sie ihn. Sobald ein Führer sich auf kleine Schiebungen ohne die Massen einlässt, ist er verloren, für den Sieg sowohl wie für die Sache.

So zieht der erste Agitator, gewappnet mit Realismus, voller Hass für Phrasen und Abstraktionen, in den Kampf. Es sei im Vorbeigehen auf die Bedeutung Kurnatowskis hingewiesen, der der Kampfgenosse Lenin s und der Pionier seiner Ideen in Transkaukasien war. Er war auch der Verbindungsmann zwischen J. W. Dshugaschwili und dem Lenin ismus. Wenn der Marxismus, nach der frappanten Formulierung Adoratskis, "uns ermöglicht, die Originalität der Gegenwart zu erfassen", so war der Lenin ismus der im vollen Umfang auf die Epoche und Lage angewandte Marxismus. Wie Stalin viele Arten von Decknamen führte: David, Koba, Nisheradse, Tschishikow, Iwanowitsch, Stalin, so nahm auch seine Wirksamkeit mannigfaltige Formen an.

Das erste war, dass er grundsätzlich Stellung nahm in dem Kampf zwischen Alten und Jungen innerhalb der Partei. Die Alten waren für die Propagierung der reinen Idee in kleinen Dosen an eine ausgewählte Schar von Arbeitern, die die Lehren dann weitergeben sollten. Die Jungen waren für den unmittelbaren Kontakt, für die "Straße". Es braucht nicht gesagt zu werden, dass Stalin sich für die letztere Tendenz entschied und ihr zum Siege verhalf.

Der Streik. In den Jahren 1900/01 kam es in Tiflis zu immer von neuem aufflammenden großen Streiks, an deren Zustandekommen unser Agitator, der schnell an Bedeutung gewann, nicht ohne Anteil war. Diese Streiks und besonders die große Kundgebung vom Mai 1901 führten zu der Auflösung des Tifliser Sozialdemokratischen Komitees und zur vollen Illegalität, wenn man so sagen kann.

Stalin war damals ohne einen Pfennig. Der Genosse Ninua und einige andere gaben ihm in jener Zeit, wo er in Tiflis jeden Abend in den acht Studienzirkeln auftrat, zu essen. Ein guter Teil der Arbeit des Agitators bestand darin, sich vor Verfolgungen zu sichern. Man zeigt in Tiflis eines der Häuser, das ihm als illegales Versteck diente. Mit den schmächtigen Säulchen an dem bedeckten Balkon und der kleinen spitzbogigen Hintertür sieht dies Haus aus wie zahllose andere in Tiflis. Erste Vorbedingung für den Zweck, den es zu erfüllen hatte.

Auf den Versammlungen erschien Stalin unvermutet, nahm schweigend Platz und hörte zu bis zu dem Augenblick, wo er das Wort ergriff: Immer sind zwei oder drei Genossen in seiner Begleitung, von denen einer an der Tür Wache hält. Er bleibt nie lange. Durch sinnreiche Manöver weiß er sich jedesmal von "Anhang" zu befreien.

.Jetzt ist er auf einer geheimen Versammlung in einem Zimmer, das an den Kulissenraum eines Theaters anstößt. Als die Polizei den Raum umstellte, brauchte er nur eine Tür einzudrücken, um sich unter das Theaterpublikum zu mischen und zu verschwinden.

...Ein anderes Mal finden wir ihn in der großen Buchhandlung von Popow. Er verlangt ein Buch von Belinski, das er aufmerksam durchblättert, während seine Augen gleichzeitig die Bewegungen eines der Verkäufer verfolgen, dem er schließlich - hast-du-nicht-gesehen - zwei falsche Pässe aushändigt. Sie waren bestimmt für die Flucht zweier Genossen, die die Polizei verhaften wollte. Zu spät! Popow war bekannt als monarchistischer Buchhändler, ein Umstand, der den Genossen Stura, Rykow, Todria, gute Gelegenheit gab, sich dort zu treffen.

Er hat eine feine Nase. Er war es, der, einer glücklichen Eingebung folgend, die Arbeiter von Baku, die auf die Sympathie eines Regiments rechneten (es war eine Falle), von dem Plan abbrachte, einige Kollegen zu befreien; sie waren in der Folge eines Zusammenstoßes mit den "Schwarzen Hundert" verhaftet worden.

Wenn der Revolutionär mehr und mehr den Heimatboden unter den Füßen verlor, so gewann er einen internationalen Stützpunkt. Es war die Zeitung, die Lenin endlich im Ausland herausbringen konnte, die "Iskra" ("Funke"), das theoretische Zentralorgan einer öffentlichen Verschwörung, wenn man so sagen kann. Der Leitartikel der ersten im Januar 1901 in München herausgegebenen Nummer schloss mit dem Ruf: "Wir müssen die feindliche Festung erstürmen, und wir werden sie erstürmen, wenn wir alle Kräfte des erwachenden Proletariats vereinigen."

Nicht immer lebte Stalin übrigens versteckt. In klug gewählten Augenblicken trat er wieder an die Öffentlichkeit, so z. B. an dem Tage, wo dank seiner Arbeit zum ersten Male im Kaukasus der 1. Mai gefeiert wurde (Mai 1901). Oder ein anderes Mal, wo er an der Spitze einer Gruppe von streikenden Tifliser Eisenbahnern marschierte, auf die der Polizeioffizier zu schießen drohte, wenn sie nicht auseinandergingen. Er war es, der im Namen der Streikenden antwortete: "Wir lassen uns nicht schrecken, man soll unsere Forderungen erfüllen, dann werden wir auseinandergehen." (Die Salve, die diesen Worten folgte, traf keinen der Streikenden.) Er geht nach Batum, in Adjaristan, südlich von Georgien, gründet dort ein Komitee, und damit, berichtet Lakoba, "beginnt ein neues Kapital der großen Biographie". Er lässt sich in dem sumpfigen Vorort Tschaoba nieder und organisiert die Arbeiter der Fabriken von Mantaschow und Rothschild. Die Polizei ist ihm auf den Fersen. Er wechselt schnell seinen Wohnsitz und geht nach Gorodok. Seine Umzüge sind ziemlich schwierig, weil er die Geheimdruckerei, seinen stillen Lautsprecher, mitnehmen muss.

Nach der Kundgebung vom 1. März, an deren Spitze er wie eine Zielscheibe marschierte und bei der es 14 Tote, 40 Verwundete und 450 Verhaftete gab, musste die Druckerei, und der, der sie zum Sprechen brachte, wieder umziehen.

In jener Gegend - in Su-Uksu - gab es einen Kirchhof, dessen Totengräber ein Genosse war. Auf diesem Kirchhof wurden geheime Versammlungen abgehalten (nach den Sitzungen mussten immer die Zigarettenstummel zwischen dem Tohuwabohu der muselmanischen Grabsteine sorgfältig auf gesammelt werden).

Eines Tages wurde hierher im Galopp die Druckerei gebracht. Der Totengräber bekam eine große Kiste auf den Arm, die die Lettern und die Presse enthielt. Mit dieser Last ging er in das benachbarte Maisfeld. Aber plötzlich musste er sich hinwerfen: eine Kette von Gendarmen und hinter ihr eine Kette von Kosaken waren auf der Suche nach der Druckerei. Man musste schnell einen neuen Standort für den Betrieb und seinen Direktor finden. Die Wahl fiel auf das Haus Chaschims. Chaschim war ein alter Mann. Das Herz dieses einfachen muselmanischen Bauern hatte sich eines Tages für Sosso aufgetan, den er verstand und verehrte. Er hatte ihm einmal gesagt: "Ich bin der unbedeutendste der verfolgten Männer, und ich habe. niemals etwas mit den Führern zu tun haben wollen; aber dich, dich erkenne ich an." Später, als er ihn öfter gehört hatte, sagte er einmal zu ihm: "Ich sehe sehr gut wer du bist: du bist Afirchatza (ein abchasischer Held). Du scheinst aus Donner und Blitz geboren. Du bist geschmeidig, und du hast einen großen Geist und ein großes Herz."

Der alte Bauer und sein Sohn nahmen die Druckerei zu sich und bekamen als Beigabe auch Sosso ins Haus. Öfters kamen jetzt ins Dorf auf muselmanische Art tief verschleierte Frauen, die, wenn man sie näher ansah, merkwürdig grobe Bewegungen machten : das waren die Druckereiarbeiter, die mit der nötigen Vorsicht zu ihrem Arbeitsplatz gingen.

Jeden Morgen sah man nun den ehrwürdigen Chaschim mit seinem weißen Bart und seinem Turban aus dem Hause gehen, einen Korb mit Gemüse und Früchten am Arm. Unter den Früchten lagen Flugblätter und Aufrufe. Er ging vor die Tore der Fabriken, um seine Ware zu verkaufen. Wenn er die Käufer kannte, oder einfach wenn sie entsprechend aussahen, wickelte er das Obst in die Flugblätter.

Das geheimnisvolle Leben in dem Arbeitsraum und das Klappern der Presse hatten die Bauern aus der Nachbarschaft auf den Gedanken gebracht, dass Sosso, Chaschims Gast, eine Falschmünzerei betreibe.

Sie hatten keine bestimmte Meinung über diesen Beruf, der sicher große technische Kenntnisse verlangte, aber doch etwas zweifelhaft war. Eines Tages kamen sie zu Sosso und sagten: "Du machst falsches Geld. Das ist schließlich vielleicht nicht so übel, denn arm wie wir sind, wird uns das keinen Schaden bringen. Aber wann wirst du das Geld, das du erfindest, in Umlauf setzen?"

"Ich mache nicht falsches Geld", antwortete Sosso, "ich drucke Flugblätter, die von eurem Elend handeln." "Ach so, umso besser!" riefen die Bauern. "Bei der Herstellung von Rubeln hätten wir dir wohl nicht geholfen, denn davon verstehen wir nicht viel, aber diese andere Sache, da machen wir mit. Das verstehen wir, wir danken dir, und wir werden dir helfen."

Einen Augenblick sei die Chronologie vergessen; wir machen einen Sprung in eine andere Epoche. Derselbe Ort, derselbe Garten Chaschims, aber im Jahre 1917. Der alte Bauer kommt nach dem Sieg der Revolution nach Hause und untersucht seinen Garten. Vor einigen Monaten hatte er, plötzlich gezwungen sein Haus zu verlassen, die Geheimdruckerei vergraben. Das Haus war von Soldaten besetzt worden. die den Garten abgesucht, die Druckereieinrichtung ausgegraben und Blei und Eisen zwischen Gras und Kräuter gestreut hatten. Chaschim suchte sorgfältig alle Teile der Druckerei zusammen, und als er sie beieinander hatte, sagte er zu seinem Sohn: ,,Siehst du, damit haben wir die Revolution gemacht."

Und jetzt kehren wir zum April 1902 zurück. Sosso spricht in Kandelaki. Sosso ist jener braungebrannte, hagere junge Mann in der Ecke des großen Zimmers, mit dem rotgewürfelten Schal, dem schwarzen Bart des romantischen jungen Malers, den tiefschwarzen "wie vom Winde zurück gewehten" Haaren, "dem länglichen Gesicht und dem fröhlichen Draufgängertum". Die Ochrana war wieder einmal auf der Suche nach ihm. Und in diesem Augenblick hatte die Polizei bereits das Souterrain des Hauses von Daraschwilidse besetzt, in dem die Versammlung stattfand, und bewachte alle Eingänge. Jetzt sind sie da. Eine Falle! Aber Sosso sagt: "Das macht nichts", und raucht weiter. Stiefeltritte und Sporenklirren kommen die Treppe herauf und ins Zimmer herein. Das Unvermeidliche geschah. Sosso wird verhaftet, in Batum ins Gefängnis gesteckt und nach Kutais überführt (wo er einen gelungenen Gefangenenstreik organisiert).

Schließlich wird er nach Sibirien in das Gouvernement Irkutsk verbannt. Der Zarismus, der nicht willens und nicht imstande war Sibirien wirtschaftlich zu helfen, hatte es politisch besiedelt, indem er das Land mit einem Netz von Konzentrationslagern und Sträflingskolonien überzog.

Aber eines Tages, nicht lange nach der Zeit, von der wir eben gesprochen haben, tauchte ein Mann im Soldatenmantel in Batum auf. Es war Koba, der sich auf englisch von den Gendarmen verabschiedet hatte und aus Zentralasien zurückgekommen war, diesmal auf eigne Kosten.

Viel kostbare Zeit war verloren. Aber nicht so viel, wie man denken sollte; denn ein Revolutionär bleibt immer Revolutionär, auch im Gefängnis.

Simeon Wereschtschak, ein Sozialrevolutionär und heftiger politischer Gegner ("Nichts gefällt ihm an Stalin", Demjan Bjedni berichtet das, "weder seine Nase, noch die Farbe seiner Haare, noch seine Stimme, rein nichts"), erzählt, wie er im Jahre 1903 in Baku im Gefängnis mit Stalin zusammentraf, in einem Gefängnis, das für 400 Häftlinge gebaut war und ihrer 1500 beherbergte. "Eines Tages tauchte ein neuer Kopf in der Zelle der Bolschewiki auf. ,Das ist Koba', sagte man, Was machte Koba im Gefängnis? Er unterrichtete. Es gab mehrere Studienzirkel, und der Marxist Koba war einer der eifrigsten Lehrer. Der Marxismus war sein Element. Hier war er nicht zu besiegen..."

Wereschtschak beschreibt uns diesen jungen Mann "in einer Bluse aus blauem Satinett mit offenem Kragen, ohne Gürtel und Kopfbedeckung, einer Kapuze über der Schulter und immer ein Buch in der Hand". Er veranstaltete große "organisierte Diskussionen". Koba zog sie den individuellen Diskussionen vor. (Im Verlaufe einer der individuellen Diskussionen - es ging um die Bauernfrage - war es zwischen Sergo Ordshonikidse und seinem Korreferenten, dem Sozialrevolutionär Kertsewadse, zu einem Austausch von Argumenten und schließlich von Schlägen gekommen, bis Ordshonikidse von den Sozialrevolutionären halbtot geschlagen wurde.) Was Wereschtschak an Stalin besonders auffiel, war der unerschütterliche Glaube des gefangenen Bolschewiken an den Sieg der Bolschewiki.

Wieder etwas später finden wir Koba als Bewohner der Zelle Nr. 3 im Gefängnis Bailow von neuem bei der Organisierung von Kursen. Das Gefängnis brachte für ihn nur eine relative Veränderung seiner Beschäftigung mit sich.

Infolge der ständigen Überarbeitung und unter den schwierigen Lebensbedingungen erkrankten viele von den Parteiarbeitern. Koba spürte die ersten Anzeichen der Tuberkulose, Die Ochrana hat ihn geheilt, unter Umständen, für die er ihr keinen besonderen Dank schuldete. Er befand sich in Sibirien auf dem flachen Lande, als er von einem dieser furchtbaren Eisstürme überfallen wurde. die man dort "Purga" nennt. Gegen die Purga gibt es nur ein Mittel: sich ausstrecken und in den Schnee eingraben. Statt das zu tun, setzte Koba seinen Weg fort. Er marschierte auf einem gefrorenen Fluss. Er brauchte Stunden, um die drei Kilometer zurückzulegen, die ihn von der nächsten Hütte trennten. Als er sie schließlich erreicht hatte und über ihre Schwelle trat, hielt man ihn für einen Geist: er war von Kopf bis Fuß in Eis gehüllt. Man taute ihn auf. Er brach zusammen und schlief 18 Stunden ohne Unterbrechung. Nach dieser Geschichte verschwand die Tuberkulose auf immer. So ist es einmal: wenn Sibirien den Tuberkulösen nicht tötet, bringt es ihm radikale Heilung. Ein Mittelding gibt es nicht: die Kälte bringt mal so, mal so - den Mann um oder die Krankheit.

Er war noch im Gefängnis, 1903, als er eine große Neuigkeit erfuhr: auf dem 2. Kongress der Sozialdemokratischen Russischen Arbeiterpartei war auf Initiative Lenin s die Frage einer Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki aufgetaucht. Die Bolschewiki - die unbeugsamen, unbeirrbaren Klassenkämpfer, Männer aus Eisen. Die Menschewiki - die Reformisten, die Anpasser, die Spezialisten für Kompromisse und Schiebungen. Die Menschewiki waren erbost über die Bolschewiki, die ihren Standpunkt absichtlich zu überspitzem schienen.

Die Spaltung stand auf der Tagesordnung, man musste wählen. - Die Macht des Zarismus und die Verfolgungen waren auf ihrem Höhepunkt, die kapitalistische Misswirtschaft in voller Blüte, noch waren die Dinge nicht so weit gediehen wie kurz darauf. Aber Stalin schwankte nicht: er wählte die Bolschewiki. Er entschied sich für Lenin .

Es gibt im Leben jedes Kämpfers immer Augenblicke, wo er einen Entschluss dieser Art fassen muss, der dann sein ganzes weiteres Leben bestimmt. Man denkt an die große Sage der alten Griechen von Herkules, der sich zu Beginn seiner Laufbahn als Gott und Kraftmensch zwischen Tugend und Laster entscheiden musste. Gab es in diesem Fall nicht auch Für und Wider? Der Reformismus ist verführerisch. Er gibt sich vorsichtig und klug und behauptet, unnötiges Blutvergießen zu ersparen. Diejenigen, die weit in die Zukunft sehen und wissen, was für Lösegeld die Logik verlangt, diejenigen, die die Arithmetik der Gesellschaft kennen und die geschichtliche Erfahrung in ihrer ganzen Ausdehnung beherrschen - sie wissen, was auf dem Wege des opportunistischen Verzichtes und der reformistischen Unterwürfigkeit in der Zukunft liegt: erst schöne Gaukelbilder, dann Fallen und schließlich der Verrat. Sie wissen, dass es der Weg der Zerstörung und des Gemetzels ist. Nuancenfragen, sagen die Oberflächlichen. Nein! Das sind Grundfragen, Fragen auf Leben und Tod, denn der Minimalismus (den man auch "das kleinere Übel" nennt) ist konservativ.

Kobi (ein anderer seiner Namen) ist also zum ersten Male aus der Verbannung entflohen. Von diesem Augenblick an tauchen in Abständen schnuppernd, jagend, bald hier, bald dort, in Transkaukasien und Rußland, Gendarmenabteilungen auf, die ihn suchen, ihn fassen und sich von neuem auf die Suche nach ihm machen müssen. So geschah es sechsmal, die Fälle, die man vergessen hat, nicht eingerechnet. Nach seiner Flucht nahm unser Kobi den Kampf gegen die georgischen Menschewiki auf. "In den Jahren 1904 und 1905", schreibt Ordshonikidse, "war Kobi für die Menschewiki der bestgehasste aller kaukasischen Bolschewiki. Für diese wurde er nun anerkannten Führer."

Eines Tages ruft ihm ein Arbeiter von Olibadse zu:

"Aber schließlich, zum Donnerwetter, haben die Menschewiki doch die Mehrheit in der Partei, Genosse Sosso!"

Und dieser Arbeiter erinnert sich heute noch sehr gut an die Antwort von Sosso:

"Die Mehrheit? Aber nicht die Mehrheit der Qualität. Wart' nur ein paar Jahre, und du wirst sehen, wer recht und wer unrecht hat." Und alle Parteigenossen, die diese Periode im Kaukasus mitgemacht haben, erinnern sich noch, wie außer sich die Häupter der Menschewiki wie NÖ Ramishwili oder Seide Diwdariani jedesmal waren, wenn sie erfuhren, dass der "Berufsrevolutionär" Koba als Opponent in eine ihrer Versammlungen kommen sollte, um "ihr friedliches Leben zu stören"

Bubnow hat kürzlich sehr richtig und einleuchtend geschrieben: "Die russischen Bolschewiki waren in der glücklichen Lage, fünfzehn. Jahre lang einen systematischen und intensiven Kampf gegen die Abweichungen nach rechts und nach links führen zu können, lange Zeit vor der Revolution. Sie haben sich damit in der Folgezeit ebensoviel Missgriffe erspart, und der revolutionäre Fortschritt hat dadurch gewonnen, dass die Partei ihre Linie schon erprobt und ihren Standpunkt in reiflicher Überlegung durch das Studium der Theorie und vor allem durch eine vernünftige Taktik festgelegt und geprüft hatte."

Wir kennen das Wort Napoleons: "Wenn man unrecht hat, muss man hartnäckig sein, dann bekommt man schließlich recht." Der Satz ist amüsant und nicht ohne einen gewissen pittoresken artistisch-literarischen Beigeschmack. Aber (ich bitte die Künstler um Verzeihung) er ist grundfalsch. Nichts kann bestehen, was nicht mit der Wirklichkeit der Dinge und ihrem Entwicklungsstand in Einklang steht. Das Gegenteil behaupten heißt, sich die immensen Irrtümer zu eigen machen, von denen der Kapitalismus lebt. Und an deren Unverdaulichkeit er stirbt (bestes Beispiel: die Magenverstimmung von Versailles).

So war es notwendig, zu gleicher Zeit die Anarchisten zu bekämpfen und die Sozialrevolutionäre (ihre Zwillingsbrüder), und die Nationalisten, die nicht weiter sahen als ihre nationale Nase; man musste die Menschewiki bekämpfen in Tiflis, in Batum, in Tschiatura, in Kutais, in Baku. Im Jahre 1905 redigierte Stalin unter anderem die illegale bolschewistische Zeitung "Proletarischer Kampf" und schrieb in georgischer Sprache eine Arbeit "Einiges über die Parteidifferenzen". "Oho, der Autor sitzt fest im Sattel?" sagte nach einer öffentlichen Vorlesung der Broschüre Teophil Tschitschua zu Donidse, der diese Bemerkung bis heute nicht vergessen hat.

Unter Stalins Einfluss gewinnt die Arbeiterbewegung an Breite. Die Methoden wandeln sich. Man betreibt die revolutionäre Propaganda nicht mehr mit den Methoden indirekter Wahlen, d.h. über Zwischenglieder und durch Vermittlung einer dreimal gesiebten Arbeiterelite. Der ansteckende Glaube an die Massen treibt die Aktivisten unwiderstehlich zu direkteren Aktionen, zu handgreiflicheren Methoden, zu den Menschen und auf die Straße. Unter der neuen Leitung triumphiert das System lebhafter Offensiven: öffentliche Demonstrationen, improvisierte Meetings, waghalsige Verbreitung von Flugblättern und Handzetteln.

Die Jahre vergehen in unermüdlicher, geduldiger Arbeit.

"Der Genosse Koba hatte weder Heim noch Familie, er lebte und dachte ausschließlich für die Revolution", erzählt Wazek. Er ließ keine Gelegenheit für eine Demonstration vorübergehen. Wazek erzählt, dass bei dem Begräbnis des Lehrlings Chanlar, der auf Befehl der Leitung der Fabrik, in der er arbeitete, in Baku ermordet worden war, ein Orchester von der Moschee einen Trauermarsch spielte. Der Polizeikommissar verbot die Musik. "Da organisierte Genosse Koba aus den Arbeitern zwei Chöre, von denen einer vor und einer hinter dem Sarge ging", und die im Angesicht und vor den Ohren der Polizei revolutionäre Trauerlieder sangen. Die Polizei brachte auch die Chöre zum Schweigen. Da ließ Koba die Arbeiter pfeifen, ein langgezogenes düsteres Pfeifkonzert. Dieser neue Chor war nicht zum Schweigen zu bringen und die Trauerdemonstration nahm einen grandiosen Verlauf.

In den Berichten, die die Geheimagenten der Ochrana an Seine Exzellenz den Chef der Gendarmerie von Tiflis über "eine gut organisierte revolutionäre sozialdemokratische Organisation, deren Tätigkeit unter den Artikel 250 fällt", erstatteten, heißt es, dass man "diejenigen, die man Arbeitervorhut nennt", in Gemeinschaft von Intellektuellen wie Joseph Dshugaschwili sah. Dieser, so heißt es in einem der Berichte, war bestrebt, "mit Hilfe der Agitation und der Verbreitung illegaler Literatur die Stimmung der entmutigten Arbeiter wieder zu heben", er "vertrat die Vereinigung aller Nationalitäten" und forderte das gemeine Volk auf, zu einer geheimen Kasse beizusteuern, die bestimmt war für "den Kampf gegen den Kapitalismus und die Selbstherrschaft".

Unter anderem informierte der Bauer Sektionschef der Ochrana Seine Eminenz den Erzbischof der Polizisten davon, dass "der Bauer Joseph Dshugaschwili" die Hauptrolle in einer Versammlung gespielt habe, die sich mit der Schaffung einer Geheimdruckerei beschäftigte. Ein Agent meldete übrigens seinem verehrten Vorgesetzten, dass ein gewisser Kaisom Nisheradse, zur Zeit unauffindbar, niemand anders sei als der Bauer Dshugaschwili, und dass dieses Individuum sogar die Unverschämtheit habe, "sich nicht als schuldig zu bekennen".

Danilow teilt eines dieser Verhöre vor einem der Chefs dieser Polizei mit, deren Aufgabe, wie seit je bei der Polizei aller Länder - mit einer Ausnahme, die die Regel bestätigt -, darin bestand, die Volksmassen mit dem Knüppel auf der Straße herumzujagen. Dieser Satrap im türkisblauen Anzug, die Zigarre im Mund und "von einer Wolke von Opopona-Parfüm umgeben, ließ seinem Psychologentalent freien Lauf". Folgendes findet sich in seinem Bericht über die vernommene Person: "Dshugaschwili, Joseph Wissarionowitsch. Mittlere Dicke ... Tiefe Stimme ... Sommersprossen am linken Ohr ... Kopfform gewöhnlich ... macht den Eindruck eines gewöhnlichen Menschen." Wie man sieht, lieg sich vor diesem raffinierten Polizeimann nichts verheimlichen: Bericht über Stalin: Sommersprossen am linken Ohr.

                

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