Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

II

Der Riese

Irgendwo im weiten Rußland und manchmal auch hier und da in Europa auftauchend) gab es einen großen Führer, einen riesigen Bruder aller Revolutionäre. Wir sind ihm schon begegnet. Lenin lag im Kampfe nicht nur mit den Behörden, sondern auch mit einem guten Teil der Leute seiner eigenen Partei. Er forderte - und das war sein großer Gedanke, sein großes Werk, in dem alles andere eingeschlossen war - eine prinzipienfeste, reine, saubere und einheitliche Partei, gesichert gegen das Eindringen aller Art von zersetzenden Einflüssen. Er sagte, dass nur eine so beschaffene Partei ihre Sendung der Weltänderung erfüllen könne, und dass das die Hauptfrage sei, In diesem Sinne schuf er den Sozialismus im Sozialismus noch einmal neu.

Wir haben schon gesehen, dass Stalin, während seines Gefängnisaufenthaltes von Freunden über die Vorgänge verständigt, sich vorbehaltlos auf den Standpunkt gestellt hatte, den Lenin auf dem 2. Parteitag eingenommen hatte. Auf diesem Kongress hatte Wladimir Iljitsch absichtlich und nachdrücklich die zwischen Menschewiki und Bolschewiki über die Taktik entstandenen Meinungsverschiedenheiten unterstrichen und ganz bewusst einen Trennungsstrich zwischen den beiden Richtungen gezogen. Von seiten dieses Mannes der Einheit war das ein äußerst schwerwiegender Schritt. Er hatte dafür nicht weniger schwerwiegende Gründe: eine Einheit zwischen zwei zu verschiedenartigen Richtungen kann nur eine scheinbare und künstliche sein; sie kann nur auf dem Papier Bestand haben. Sie ist eine verlogene Einheit. Stalin war derselben Meinung. Diese Stellungnahme entsprach seinem Temperament und seiner Ideenwelt, und man kann sagen, dass er schon gewählt hatte, bevor er wählte. Es gab niemals Meinungsverschiedenheiten zwischen Lenin und Stalin.

Dafür hatten sie beide heftige Gegner innerhalb der Partei, an erster Stelle Trotzki, den überzeugten und redegewandten Menschewiken, der der Meinung war, dass die starre Prinzipientreue der Bolschewiki die Partei zur Unfruchtbarkeit verurteile. Trotzki beschuldigte Lenin der Fraktionsmacherei und der Spaltung der Arbeiterklasse.

Lenin , der Agitator und universelle Staatsmann, fast ein Übermensch durch die Unfehlbarkeit, mit der er unter allen Umständen und allseitig die Theorie mit der revolutionären Praxis verband, war ein orthodoxer Marxist. Der Lenin ismus ist exakter Marxismus. Er ist ein neues Kapitel des Marxismus, kein Anhang: er ist die Anwendung, die Spezialisierung des Marxismus in einer neuen Lage. Stalin hat geschrieben: "Der Lenin ismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen." "Eine lakonische und gefeilte Definition", wie Manuilski sagt. Der Lenin ismus ist die präzise Antwort des Marxismus auf die neue Epoche. Lenin hat niemals etwas an dem großen grundlegenden Credo des Sozialismus geändert, das in dem Kommunistischen Manifest von 1848 niedergelegt ist. Lenin und Marx sind zwei konzentrische Persönlichkeiten, die sich in dem Kreis bewegt haben, den der ältere von ihnen gezogen hat. Das schöpferische Genie Lenin s kam in der Umwandlung der sozialistischen Lehre in die sozialistische Revolution (und später in die sozialistische Ordnung) zum Ausdruck.

Eine jede realistische Theorie ist biegsam, denn sie richtet sich nach dem Leben aus. Aber sie ist biegsam an ihrem äußersten Ende, nicht an der Basis; biegsam dort, wo die Umstände eine Rolle spielen, nicht dort, wo es um Grundsätze geht die ihrerseits übrigens ursprünglich eine ideale Synthese der Wirklichkeit sind), Das unbeirrbare Festhalten an diesen Grundsätzen, ihre Verteidigung gegen den leisesten Versuch sie zu modifizieren, wird zu einem der am hartnäckigsten von Stalin verfolgten Ziele.

Man kann es nicht oft genug sagen: Bei all seinem explosiven Fortschrittsdrang zwingt der Bolschewismus durchaus nicht, immer und überall automatisch die äußersten Mittel anzuwenden. Es gibt bestimmte Umstände, unter denen die mechanische Anwendung übertriebener Mittel die Gefahr mit sich bringt, dass man über das Ziel hinausschießt, die schon 'erreichten Resultate in Frage stellt und schließlich die Sache der Revolution zurückdrängt, anstatt sie vorwärtszutreiben. Die Schlussfolgerung daraus: Sich nicht blind auf einen vorher bestimmten ewigen Linkskurs festlegen. "An der Spitze marschieren" hat nicht diesen Sinn. In den Händen derer, die zu verwirklichen haben, muss die Lehre sich mit der sich wandelnden Wirklichkeit vermählen; die Verwirklichung ist also eine ständige Anpassung, ein ständiges Erfinden.

Als typisches Beispiel für diese organische Gelenkigkeit der marxistischen Theorie und Praxis, für dieses Kardangetriebe, mag folgendes dienen: Von der Idee besessen, dass, um eine proletarische Revolution in einem Agrarland wie Rußland festen Fuß fassen zu lassen, die Arbeiter sich im sozialen Kampf mit den Bauern verbünden müssen, und nachdem er im Jahre 1894 die Grundziele des Sozialismus in der Agrarfrage unter den Bauern (Konfiszierung und Nationalisierung der großen Güter) propagiert hatte, steckt Lenin das Ziel zurück; als er sich, sechs Jahre später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder an die Bauern wandte. Inzwischen war die Idee der Revolution herangereift (1905 wurde sie zur Wirklichkeit), und die Bauernfrage, die Lenin in einer meisterhaften und tiefen Untersuchung studiert hatte, und die

die Sozialdemokraten vernachlässigt hatten (nach Lenin s Meinung ein ungeheurer, unverzeihlicher politischer Fehler), wurde äußerst brennend: würden die 25 Millionen Bauernhöfe in der revolutionären Bewegung mitmachen oder neutral bleiben?

Im Jahre 1900 verfasste Lenin ein neues Agrarprogramm, in dem er in erster Linie betonte, dass die russische Bauernschaft, geschichtlich und selbst gegenüber der Gesamtentwicklung des Landes stark zurückgeblieben, nicht so sehr unter dem kapitalistischen System zu leiden hatte als unter dem feudalen System, das das Land bedrückte, trotz der finsteren Komödie der Abschaffung der Leibeigenschaft (ja sogar infolge der ruinösen und erpresserischen Maßnahmen, die die demagogische Geste Alexander II. mit sich brachte).

Unter diesen Umständen beschränkte sich das Bauernprogramm Lenin s von 1900 darauf, die Abschaffung der Feudalrechte, unter denen die Bauernschaft noch litt, und die Rückerstattung der Geldsummen zu fordern, die den Bauern mit der Verpflichtung, das belastete Land zu kaufen, durch skandalöse Wucherpreise erpresst worden waren.

So führte Lenin , getrieben von den Erfordernissen des nah bevorstehenden Kampfes, die nächstliegenden Argumente ins Feld, die imstande waren, breite Kreise der Bauernschaft unmittelbar zu berühren. Er verfolgte dabei das Ziel einer möglichsten Annäherung und der eventuellen Zusammenarbeit von Arbeitern und Bauern in dem ersten Akt des revolutionären Dramas: dem Kampf um die Macht. In dieser Phase stellte er sich in der Agrarfrage nur auf diesen ersten Akt ein und nicht auf den letzten, nämlich auf die Organisation der neuen Gesellschaft, die erst für später auf der Tagesordnung stand.

Das ist Marxismus. Es kommt alles darauf an, weit genug in die Zukunft zu blicken, vorauszusehen und im richtigen Augenblick zu handeln, nie die Gesamtheit der gegebenen und sich oft scheinbar widersprechenden Umstände aus dem Auge zu verlieren. Es kommt darauf an, jenen Sinn für das Wesentliche zu haben, der erlaubt, die Wirklichkeit zu beherrschen wie einen Menschen, jenen Sinn, der allen denen eigen ist, die Neues schaffen, seien es Gelehrte, Künstler oder die Waghalter der Geschichte.

Dieses Beispiel einer weitgehenden Zurücksteckung des Ziels in einer der wichtigsten revolutionären Fragen angesichts einer bevorstehenden Erhebung, die alle Chancen hatte, eine bürgerliche Revolution zu bleiben, lässt uns das schöpferische Genie ahnen, das man haben muss, um einfach ein "Schüler von Marx" zu sein wie Lenin oder ein "Schüler von Lenin " wie Stalin.

 

Stalin begegnet Lenin .

"Im Jahre 1903 habe ich Lenin zum ersten Male kennengelernt. Allerdings geschah dies nicht unmittelbar, sondern auf schriftlichem Wege. Aber es hinterließ bei mir einen unauslöschlichen Eindruck, der mir in der ganzen Zeit meiner Parteitätigkeit verblieb. Ich war damals in Sibirien in der Verbannung. Die Kenntnis von Lenin s revolutionärer Tätigkeit seit Ende der neunziger Jahre und besonders nach dem Jahre 1.901, nach der Gründung der ,Iskra', hatte mich überzeugt, dass wir in Lenin einen ungewöhnlichen Menschen besitzen. Er war schon damals für mich kein einfacher Parteiführer, sondern der tatsächliche Gründer der Partei; denn er allein verstand ihr inneres Wesen und ihre dringenden Erfordernisse. Bei einem Vergleich mit den anderen Führern unserer Partei schien es mir immer, als ob Lenin seine Mitkämpfer - Plechanow, Martow, Axelrod und die anderen - um Haupteslänge überragte, dass Lenin im Vergleich mit ihnen nicht einfach einer der Führer, sondern ein Führer höheren Typus, ein Bergadler sei, der im Kampf keine Furcht kennt und mutig die Partei auf den unerforschten Wegen der russischen revolutionären Bewegung vorwärts führt. Dieser Eindruck blieb so stark in mir haften, dass ich die Notwendigkeit verspürte, einem meiner nächsten Freunde, der damals in der Emigration weilte, darüber zu schreiben und ihn um seine Meinung über Lenin zu bitten. Kurze Zeit darauf, als ich schon in der Verbannung in Sibirien war - es war Ende 1903 -, erhielt ich von meinem Freund eine begeisterte Antwort und einen einfachen, aber inhaltsschweren Brief von Lenin , den, wie sich nachher herausstellte, mein Freund mit dem Inhalt meines Briefes bekannt gemacht hatte. Lenin s Brief war verhältnismäßig kurz, aber er enthielt eine mutige, kühne Kritik der praktischen Arbeit unserer Partei und eine ausgezeichnete klare, kurzgefasste Darstellung des Planes der Parteiarbeit für die nächste Zeit."

Dieser Brief, den Stalin "aus konspirativer Gewohnheit" verbrannte, und dessen Vernichtung er sich später nicht verzeihen konnte, dieser kleine Brief öffnete dem vierundzwanzigjährigen Revolutionär vollends die Augen, sowohl über die Pflichten des Revolutionärs, als auch über den Mann, der diese Pflicht in größter Reinheit, mit der größten Autorität und der größten Reichweite verkörperte. Damals glaubte Stalin, Lenin wirklich zu kennen. Aber:

"Zum ersten Male begegnete ich Lenin im Dezember 1905 auf der Konferenz der Bolschewiki in Tammerfors. Ich hoffte, den Bergadler unserer Partei, einen großen Mann, einen nicht nur politisch großen, sondern, wenn ihr wollt, auch physisch großen Mann zu erblicken, denn Lenin erschien in meiner Phantasie groß und stattlich, ein Riese. Wie groß aber war meine Enttäuschung, als ich einen ganz einfachen Menschen unter Mittelstatur erblickte, der sich durch nichts, buchstäblich durch nichts von anderen Sterblichen unterschied.

Man stellt sich gewöhnlich vor, dass ein ,großer Mann' sich unbedingt zu den Sitzungen verspäten muss, so dass die Versammlungsteilnehmer atemlos sein Erscheinen erwarten, wobei vor dem Erscheinen des großen Mannes ein Flüstern durch die Reihen geht: ,Pst, ... leise ... er kommt ..' Diese Feierlichkeit erschien auch mir nicht überflüssig, denn sie imponiert und flößt Achtung ein. Wie groß war aber meine Enttäuschung, als ich erfuhr, dass Lenin schon vor anderen Delegierten zur Versammlung gekommen war und dort, irgendwo in einer Ecke, sich unterhält, eine ganz gewöhnliche Unterhaltung führt mit ganz gewöhnlichen Konferenzdelegierten. Ich kann auch nicht verhehlen, dass mir dieser Umstand damals als Verletzung gewisser unumgänglicher Regeln erschien.

Erst später verstand ich, dass diese Einfachheit und Bescheidenheit Lenin s, dieses Bestreben, unbemerkt zu bleiben, oder jedenfalls nicht augenfällig hervorzutreten und nicht seine hohe Stellung zu unterstreichen, einer der stärksten Züge im Charakter Lenin s, dieses neuen Führers neuer Massen, der einfachen und gewöhnlichen Massen, der ,untersten' Schichten der Menschheit war."

So kam es, dass oben im Norden, bei den russischen Antipoden Georgiens, der junge Revolutionär, dessen Tätigkeit schon nicht mehr allein auf den Kaukasus beschränkt war, zum ersten Male in Berührung mit dem Manne kam, den eine seiner Schülerinnen, Lebedjewa, mit dem einen Satz gezeichnet und umrissen hat: "Er war einfach, allen zugänglich und dabei so groß."

All das spielte sich am Vorabend der russischen Revolution von 1905 ab. Die Niederlagen im Russisch-Japanischen Krieg brachten sie vor der Zeit, etwas zufällig, zum Ausbruch. Es war die erste Revolution. Sie erreichte ihr Ziel nicht, sie wurde erstickt, aber sie war nicht nutzlos. Sie war das Vorspiel, das durch alle Schrecken einer furchtbaren Reaktion hindurch große Lehren hinterließ.

Stalin hat später dargestellt, wie der Ausgang der Revolution von 1905 ohne Zweifel ein anderer gewesen wäre, wenn die Menschewiki, die in der Arbeiterklasse bedeutende Organisationen besaßen, und die zu jener Zeit alles hätten in die Hand bekommen können, nicht die Führung dieser Revolution an die Bourgeoisie abgetreten hätten. Dazu brachte sie das, was Lenin und die Bolschewiki als das menschewistische "Schema" bezeichneten, eine vage Theorie, nach der das Proletariat in der russischen Revolution, die eine bürgerliche sein müsse, nur die Rolle einer "extremen Linksopposition" spielen dürfe. Diese Vorbehalte und diese Kasuistik, auf denen die Menschewiki herumritten, anstatt alles auf die Karte der proletarischen Massenbewegung zu setzen und der Theorie durch Losungen, die die Arbeiter entflammen konnten, Leben zu geben, ließen die große Erhebung von 1905 ersticken (oder waren wenigstens eine der Ursachen ihres Erstickens), wobei die "legalen" Marxisten sich die Finger wund schrieben, um die Arbeiter vor den Karren der bürgerlichen Revolution zu spannen.

Ein lateinischer Dichter hat gesagt, dass der, der eine Sache beginnt, sie schon zur Hälfte gemacht hat. Man kann dagegen mit ebensoviel Recht sagen, dass der, der eine Sache nur zur Hälfte tut, sie gar nicht getan hat. Aus der großen Reihe der Volkserhebungen der letzten Zeit kann man die Lehre ziehen, dass, solange das Proletariat nicht die Leitung übernimmt, nichts für es herauskommt.

Eine Welle von furchtbaren Unterdrückungen folgte auf 1905. Die Reaktion wütete überall und breitete sich unaufhaltsam aus. Es genügt zu erwähnen, dass in den Jahren 1905-1909 die Zahl der politischen Gefangenen in Rußland von 85000 auf 200000 pro Jahr stieg. Zu den eigentlichen polizeilichen Verfolgungen kam das blutige Wüten der Banden der "Schwarzen Hundert" von der ultrazaristischen "Vereinigung der echten Russen" hinzu, einem zusammengelaufenen Pack von Weißen, Provokateuren und Banditen.

In dieser Zeit der skrupellosen und wilden Niederschlagung der Revolution von 1905 ließ sich auf dem reaktionären Rußland - von oben her und ganz an der Oberfläche - so etwas wie Demokratie nieder: eine Art von Verfassung, mit einem Scheinparlament, ein Phantom von Liberalismus. Die zeitgenössische Geschichte gibt in gewissen Abständen immer wieder das Schauspiel derartiger politischer Riesenkarikaturen.

Der Zar, ein schlotternder Trottel, ein Sklave der Zarin (diese Dame hasste den Liberalismus und hatte sich in den Kopf gesetzt, das Heilige Rußland völlig von ihm zu befreien), ein Spielzeug in den Händen der Popen und Zauberer, war in den seltenen Augenblicken von Klarheit grausam: "Keine Freisprüche" und "besonders keine Gnadengesuche" erklärte nach 1905 der gekrönte Kerkermeister, Büttel und Henker der Russen, dieser Mann, der übrigens im Zusammenhang mit einem Industrieunternehmen in der Mandschurei, an dem er finanziell interessiert war, persönlich die Verantwortung für den Krieg gegen Japan trug.

Um den Zaren und unter ihm der Staat: Minister, deren Hauptbestreben darin bestand, die Arbeitermassen in finsterster Unwissenheit zu halten, die proletarischen Forderungen zu ersticken und das Volk Spießruten laufen zu lassen, die Bauern in einer noch schlimmeren Lage zu halten als vor der Abschaffung der Leibeigenschaft, die Laster der Dunkelmänner zu decken, die den großen Damen aus dem Kreml als Ratgeber dienten; die nur mit astronomischen Zahlen wieder zugehenden Unterschlagungen der Beamten aller Farben durchgehen zu lassen, die Untaten der besoffenen Mörder aus den Reihen der "Schwarzen Hundert" und die aufgezogenen Pogrome zu dulden, ein Gewerbe, das besser florierte als alle anderen.

Es gab einige äußerst gemäßigte konstitutionelle Parteien, die durch die "demokratischen" Punkte ihrer Programme gegen den Sozialismus gefeit waren, und die nur in den Augen der Weißen einen rosa Anstrich besaßen - so die Oktobristen und die Kadetten (konstitutionelle Demokraten). Sie warteten mit viel Geduld und Respekt auf eine bürgerliche Revolution, um zu Staatsaufträgen zu kommen. (Im Vorbeigehen sei bemerkt, dass die Führer der Kadettenpartei, die, zerrieben zwischen der Reaktion und der Oktoberrevolution nicht dazukamen, auch nur die geringste Rolle zu spielen, als geschworene Feinde der Bolschewiki noch lange vor dem Kriege erklärt hatten, dass, im Falle der Aufrichtung eines Verfassungsstaates nach westlichem Muster, an Stelle der Zarenherrschaft die neue Regierung die Schulden, die der Zar seit 1905 gemacht hatte, nicht anerkennen würde, weil es "von dem Zaren gegen sein Volk gemachte Anleihen" seien. Im Jahre 1906, als die terroristische Aktion der russischen Regierung in vollem Gange war, waren die Staatskassen leer. Damals wurden sie von Frankreich aufgefüllt. Diese Tat des Ministers Rouvier (der im übrigen ein Dieb war) erlaubte der Zarenregierung ihre Repressionsmaßnahmen in verstärktem Maße wieder aufzunehmen. Selbst sehr gemäßigte russische Kreise haben das bestätigt.)

Nach der Erhebung und der Niederlage von 1905 setzten die bolschewistischen Sozialisten ihre Organisationstätigkeit unbeirrbar fort. Sie allein hatten nicht den Kopf verloren, denn sie allein hatten sich den Glauben erhalten. Sie rechneten auf den kommenden neuen Aufschwung der Massenbewegung

Im Jahre 1906 fand in Stockholm ein Parteitag statt, an dem Stalin unter dem Namen Iwanowitsch als Delegierter der bolschewistischen Elemente der Tifliser Organisation teilnahm.

Auf diesem Parteitag zog Lenin gegen die Menschewiki zu Felde. Diese waren dort durch ihre besten Köpfe vertreten: Plechanow, Axelrod, Martow. Mit all seiner Unversöhnlichkeit, seiner aggressiven und aufrüttelnden Klarheit zerstörte Lenin ihre Argumente Stück für Stück.

Lenin war durchaus nicht, was man gewöhnlich einen großen Redner nennt. Er war ein Mann, der redete. Eine Ausnahme machen nur gewisse Perioden (so die Oktobertage), wo es galt, die Massen direkt und unmittelbar aufzurütteln, und wo man um jeden Preis vor den allgewaltigen Menschenmassen auftreten musste. Lenin sprach ganz untheatralisch. Auf den Kongressen fand man ihn oft nüchtern, ja trocken. Er ging nur darauf aus, seine Hörer zu überzeugen, sie von innen und nicht von außen für seine Meinung zu gewinnen, durch den gewichtigen Inhalt, nicht nur durch pathetische Gesten und theatralisches Getanze. Man kann sagen, dass die Rednerposen, die man ihm in den Abbildern verleiht, nicht eigentlich der Wirklichkeit entsprechen, und dass er sich niemals so viel bewegt hat, wie in seinen Denkmälern.

Lenin s einfache und volle Art zu reden war instinktiv auch von Stalin angenommen worden und ist ihm immer eigen geblieben.

Auch Stalin ging nie darauf aus, die Rednertribüne zum Postament zu machen, und strebte nicht. danach "ein großer Schreier" zu sein wie etwa Mussolini oder Hitler, ebenso wenig wie danach, das große Spiel der Gerichtsredner vom Schlage Alexandrows nachzuahmen, die es so gut verstehen auf die Netzhaut, das Trommelfell und die Tränendrüsen ihres Publikums einzuwirken, oder das ansteckende Geheul eines Gandhi. Er war, und er ist bis heute in seiner Rede sogar noch nüchterner als Lenin . Serafima Gopner berichtet von dem großen Eindruck der Rede, die Stalin im April 1917 über die Tätigkeit des Petrograder Sowjets hielt (dessen einziges bolschewistisches Mitglied er war). Es war "eine ganz kurze Rede, in der aber alles gesagt war"; die ganze damalige Lage war lückenlos dargestellt und es war unmöglich ein einziges Wort zu entfernen, oder zu ändern. Orachelaschwili sagt von den Reden Stalins, dass in ihnen "auch nicht ein Tropfen Wassers" sei.

Aber auch noch, wenn er fast nur "murmelt", mit einer beinahe gedämpften Stimme ohne Mimik und einzig, um auszudrücken, was er denkt, auch dann fesselt, überzeugt und erschüttert Stalin wie Lenin durch die Substanz seiner Reden, die auch beim Lesen nichts von ihrer Festigkeit und Tiefe verlieren.

Auf jenem Parteitag in Stockholm hatten die Menschewiki die Mehrheit. Die Mehrzahl der Kongressteilnehmer war bei den Reden der Bolschewiki weniger Zuhörer als Gegner von vornherein. Was nun?

"Zum ersten Male sah ich Lenin damals als Besiegten. Nicht im geringsten ähnelte er jenen Führern, die nach einer Niederlage lamentieren oder den Mut verlieren. Im Gegenteil, die Niederlage verwandelte Lenin in eine Energiequelle, die seine Anhänger zu neuen Kämpfen, zum kommenden Siege begeisterte. Ich spreche von der Niederlage Lenin s. Aber was war das für eine Niederlage? Man musste sich Lenin s Gegner, die Sieger auf dem Stockholmer Kongress - Plechanow, Axelrod, Martow u. a. - ansehen; sie sahen sehr wenig wirklichen Siegern ähnlich, denn Lenin hatte in seiner rücksichtslosen Kritik des Menschewismus, wie man zu sagen pflegt, keine heile Stelle an ihnen gelassen. Ich entsinne mich, wie wir bolschewistischen Delegierten in einem Haufen zusammengedrängt Lenin ansahen und um Rat fragten. In den Reden mancher Delegierten machte sich Müdigkeit, Mutlosigkeit bemerkbar. Ich entsinne mich, wie Lenin als Antwort auf solche Reden die schneidenden Worte durch die Zähne stieß: ,Lamentiert nicht, Genossen, wir werden sicher siegen, denn wir haben recht.' Hass gegen die lamentierenden Intellektuellen, Glauben an die eigene Kraft, Glauben an den Sieg, - davon sprach damals Lenin . Man fühlte, dass die Niederlage der Bolschewiki eine vorübergehende Niederlage war, dass die Bolschewiki in nächster Zukunft siegen mussten."

Im folgenden Jahr ging Stalin nach Berlin und blieb dort einige Zeit, um sich mit Lenin zu beraten.

Im gleichen Jahr 1907 ein neuer Parteitag, in London. Dieses Mal siegten die Bolschewiki. Und:

"Damals sah ich Lenin zum ersten Male als Sieger. Gewöhnlich steigt manchem Führer der Sieg zu Kopfe, macht ihn hochmütig und aufgeblasen. Meistens beginnt man in solchen Fällen den Sieg zu feiern, auf den Lorbeeren auszuruhen. Aber Lenin ähnelte solchen Führern nicht im geringsten, Im Gegenteil, gerade nach dem Sieg wurde er besonders wachsam und vorsichtig. Ich erinnere mich, wie Lenin damals den Delegierten eindringlich einhämmerte: ,Erstens darf man sich vom Sieg nicht hinreißen lassen und aufgeblasen werden; zweitens muss man den Sieg festigen; drittens muss man denn Gegner ganz den Garaus machen, denn er ist nur geschlagen, aber bei weitem noch nicht erledigt.' Er verspottete scharf die Delegierten, die leichtsinnig versicherten: ,Von nun an ist Schluss mit den Menschewiki,'"

Man soll sich nicht rühmen, bevor man am Ziel sitzt. Und wenn man dort angelangt ist, ist es überflüssig.

"Nicht trauern über eine Niederlage..." "Keine Siegeshymnen anstimmen." Diese großen Worte, die von Lenin stammen und zu deren Echo sich Stalin gemacht hat, gelten für die ganze große Bewegung des modernen Sozialismus, für den Endkampf um eine völlig neue Zivilisation. Aber erinnern sie nicht vor allem an die erhabene Ruhe der größtem Moralisten der Antike, an die - leider wurzellosen - Wipfel des griechischen und römischen Stoizismus, und haben sie nicht etwas von der Musik der Worte, die von den strengen und anspruchsvollen Lippen eines Epiktet und Marc Aurel fielen?

Gegen Ende des Jahres 1907, nach seiner Rückkehr vom Londoner Parteitag, lässt sich Stalin in Baku nieder. Er leitet den "Bakuer Proletarier" (vorher hatte er in Tiflis die Zeitschrift "Dro" redigiert). Nach zwei Monaten hatte er die Mehrheit der sozialdemokratischen Organisation von Baku in das Lager der Bolschewiki geführt.

In demselben Jahre unternahm er mit Lenin einen heftigen Feldzug gegen die Otsowisten, eine Gruppe von Ultralinken, die der Meinung waren, dass die revolutionären Dumaabgeordneten durch die Partei abberufen werden müssten (Otsowisten von otoswatj - abberufen). Das ist falsch, sagten Lenin und Stalin; so verdorben wie die junge Einrichtung auch sein mag, die guten Elemente müssen in ihr bleiben, solange es geht, um von dort aus Verbindungen zu knüpfen und neue Propagandamöglichkeiten zu erschließen. (Ein neuer Beweis dafür, wie gut es die unbeugsamen Bolschewiki verstanden, immer in den Grenzen des gesunden Menschenverstandes zu bleiben, und dass sie jedenfalls auch die Anwendung legaler Mittel zuließen.) Noch einmal geht Stalin ins Ausland, um Lenin zu treffen. Dann wird er noch einmal von der Ochrana verhaftet und noch einmal flieht er. Weiter kämpft er, wieder zusammen mit Lenin , gegen die Anhänger der "Gottesmacherei", gegen ihren Initiator Bogdanow und ihre hauptsächlichen Verteidiger Gorki und Lunatscharski, die den Sozialismus, um ihn populärer zu machen, in eine Religion verwandeln wollten: er ist unernst und schwächlich, dieser Versuch, den offensichtlichen Tatsachen, die für den gesunden Menschenverstand und das brennende persönliche Interesse eine so klare Sprache sprechen, eine mystische und künstliche Grundlage zu geben!

Die Kämpfe dauern die ganzen folgenden Jahre an. Unter tausend Mühsalen und unter heldenhaften Anstrengungen, aber in der Gewissheit des Sieges, gewinnt die große Sache der hartnäckigen Kämpfer für den richtigen Standpunkt im Inneren der Partei Anhänger.

1910 wird Stalin von neuem verhaftet.

Die Zeit von 1909 -1911 war eine harte Probe für die über das ganze Reich verstreuten Revolutionäre: eine Periode der Rückschläge, der Enttäuschung, beinahe der Panik. Die Russische Sozialdemokratische Partei begann unter den ununterbrochenen Schlägen der Konterrevolution zu wanken. Nicht nur die Intellektuellen verließen sie, sondern mehr und mehr auch Arbeiter. Immer häufiger versuchte man, nicht nur von seiten der Menschewiki, sondern auch bei den Bolschewiki, neue Methoden, um wieder zu legalen Arbeitsformen zu kommen. Die auf eine "Liquidierung" der illegalen Tätigkeit gerichteten Tendenzen gingen so weit, eine legale, beinahe offizielle liberale Partei ins Auge zu fassen. Derartige Maßnahmen mussten zum Selbstmord führen: es bedeutete soviel wie "den Sinn des Lebens aufgeben, um am Leben zu bleiben". Lenin leistete diesen Abfallstendenzen gebieterischen und heftigen Widerstand, Stalin war an seiner Seite. In dieser Krankheitszeit mussten sie fast gegen alle kämpfen, aber schließlich siegte Lenin "weil er recht hatte".

Nach einer neuen, eigenmächtigen Unterbrechung seines Gefängnisaufenthaltes ließ sich Stalin 1911 in St. Petersburg nieder. Er wird von neuem gefasst. Seine Verbannung nach Wologda wird abgekürzt durch eine neue Flucht an die Kampffront. Er kehrt wieder nach St. Petersburg zurück, entfaltet eine intensive Tätigkeit und kämpft ohne Unterlass, immer illegal oder halblegal lebend, bald gegen den einen, bald gegen den anderen, d.h. vor allem gegen die Menschewiki (in erster Linie Trotzki) und gegen die Anarcho-Syndikalisten.

Die Prager Konferenz findet zu Beginn des Jahres 1912 statt, ohne Stalin. Diese Konferenz bildet einen Markstein in der Geschichte der sozialen Bewegung: unter dem Einfluss Lenin s wird die Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki endgültig, Von diesem Augenblick an schuf Lenin eine einheitliche bolschewistische Partei, die für immer getrennt war von den Menschewiki. Stalin wird, obwohl abwesend, zum Mitglied des Zentralkomitees der neuen Partei gewählt. Stalin ist überall. Er inspiziert die Parteiorganisationen in verschiedenen Gegenden Rußlands, redigiert die Zeitung "Swesda", wird einer der Gründer der "Prawda". Nach den Massenerschießungen an der Lena wird er verhaftet, von neuem in die Verbannung geschickt und von neuem entspringt er vor der Nase der Wächter und Gendarmen. Im Herbst geht er ins Ausland, um sich mit Lenin zu beraten. Man sieht und hört ihn auf der bolschewistischen Konferenz von Krakau (Ende 1912).

Das war die Zeit, wo die russische Diplomatie in den Fragen der Außenpolitik ihren Kuhhandel mit der französischen Diplomatie begann und jene offiziellen Noten austauschte, die, seitdem sie veröffentlicht worden sind, im hellen Licht der Geschichte erkennen lassen, dass dem russisch-französischen Bündnis die Hauptschuld am Weltkrieg zufällt (Konstantinopel und die Meerengen, Revanche für Elsaß-Lothringen, Iswolski und Poincare). "Diese Kanaille Iswolski", wie Jaurès sagte, dieser Iswolski (der die Menschen ebenso gut kannte wie Jaurès) brachte es fertig, durch geradezu magische Überzeugungsmittel von einem Tag auf den anderen die Meinung der Zeitungen und der Journalisten zu ändern, besonders die des "Temps" und des Herrn Tardieu.

Diese gleiche Epoche sah aber auch einen neuen revolutionären Aufschwung, in dem viele klarblickende Augen den Beginn der großen Erhebung erkannten, die zum Ende des schändlichen Zarenregimes führen sollte.

Die wahren Revolutionäre an der Kampffront machten neue gewaltige Anstrengungen zum Ausbau einer starken einheitlichen und wirklich revolutionären Partei, die der. Menschheit an Stelle des defaitistischen, endgültig verurteilten Menschewismus die Wohltat einer wirklichen tiefen politischen und sozialen Umwälzung bringen sollte. Es handelte sieh darum, die richtige gerade Linie innezuhalten inmitten eines Wirrwarrs von krummen und Zickzack-Taktiken; zwischen den "Liquidatoren", die die Partei überreden wollten, die revolutionären Methoden über Bord zu werfen und in der Legalität aufzugehen; zwischen denen, die am anderen Ende über das Ziel hinausschossen und in Krämpfe verfielen, wenn von der Ausnutzung legaler Möglichkeiten die Rede war; und jenen, die, "in die Toga der Versöhnler gekleidet", entgegen jedem gesunden Menschenverstand die beiden widersprechenden Tendenzen zusammenbringen wollten (das war die Position Trotzkis).

Lenin und Stalin waren der Meinung, dass man gleichzeitig und maximal sowohl die Möglichkeiten der Legalität wie die der Illegalität ausnützen müsse. Sie waren gegen eine Scheineinheit, die nichts sein konnte als eine Mausefalle, aber sie kämpften für die wahre Einheit, für die anziehende Reinheit der Partei.

Heute, wo wir uns über die Geschichte der Vergangenheit beugen können wie über eine Karte, haben wir es leicht, zu sagen, dass sie Recht hatten. Aber - sagen wir es noch einmal - jene Männer, die bis zum Halse in den Ereignissen ihrer Zeit standen, mussten einen genialen Sinn für die Wirklichkeit haben, um ihre Epoche im Lichte der Nachwelt verstehen, alle Wege und Auswege erkennen und die Zukunft voraussehen zu können. Klarblick war hier gleichbedeutend mit Schöpferkraft.

Lenin schenkte allem, was Stalin schrieb, die größte Aufmerksamkeit. So schrieb er 1911: "Die Artikel von Koba verdienen die größte Beachtung. Man kann sich keine bessere Widerlegung der Meinungen und Hoffnungen unserer Friedensstifter und Versöhnler denken."

Und Lenin fügte hinzu: "Trotzki und seinesgleichen sind schlimmer als alle die Liquidatoren, die offen schreiben, was sie denken; denn die Herren Trotzki betrügen die Arbeiter, verbergen das Übel und machen seine Aufdeckung und seine Heilung unmöglich. Alle, die die Gruppe Trotzki unterstützen, unterstützen die Politik der Lüge und des Betruges gegenüber den Arbeitern, die Politik, die darin besteht, das Liquidatorentum zu verschleiern."

Seit langer Zeit - richtiger von jeher - hatte Stalin kein Privatleben mehr. Ohne Pass, verkleidet, musste er ständig seinen Wohnsitz wechseln. Aber nichts hemmte seine Tätigkeit für die Gruppierung der bolschewistischen Partei in der Illegalität. "...Ein Generalstab musste geschaffen und ein leitendes Zentralkomitee gewählt werden, die fähig waren, in dem beginnenden revolutionären Aufschwung die Massen zu organisieren und zu führen" (C. Schweitzer).

Eine andere Frage, der die Aufmerksamkeit Stalins galt, war die sozialistische Nationalitätenpolitik. Das war eine Zentralfrage, von deren richtiger Lösung zum großen Teil das Schicksal des Aufbauwerks der Sowjets abhing. Stalin hatte 1912 Zeit gefunden über diese Frage eine Reihe entscheidend wichtiger Untersuchungen zu schreiben: Der Marxismus und die nationale Frage, von denen später noch die Rede sein wird.

Man verbietet die "Prawda" ("Wahrheit"). Stalin und Molotow lassen eine neue Zeitung unter dem kühnen Ersatznamen "Sa Prawdu" ("Für die Wahrheit") erscheinen. Auch diese wird verboten. Sie erscheint wieder unter dem Titel "Der Weg der Wahrheit".

Schließlich wird Stalin von neuem verhaftet. Im Juli 1913 bringt man den "schrecklichen Wissarionowitsch", der schon den Wächtern von Wologda, Narim und anderen Punkten entkommen war und die besondere Gabe besaß, den Gendarmen durch die Finger zu gehen, nach Sibirien in den Tuluchansker Bezirk. Diesmal wurde er nach allen Regeln der Kunst eingesperrt. Man brachte ihn in ein Dorf mit Namen Kuleika, 20 Kilometer unter dem Polarkreis: zwei oder drei Häuser und ungefähr ebenso viele Monate ohne Schnee. "Er musste sich in der vereisten Tundra wie ein Robinson einrichten", berichtet uns Schumjatski. Er stellte sich Geräte für den Fischfang und die Jagd her, von der Schlinge und dem Netz bis zur Harpune und der Hacke zum Zerschlagen des Eises. Der ganze Tag verging mit Fischen und Jagen, Holzhauen und Zubereitung des Essens. Der ganze Tag ... und doch häuften sich auf dem großen Tisch der Bauernhütte unter dem forschenden und blöden Auge des mit der Kontrolle der Sesshaftigkeit des Verbannten beauftragten Wächters Seiten um Seiten an, die den großen Problemen der Bewegung gewidmet waren.

Er sollte bis 1917 in Sibirien bleiben. Am fernen Horizont zeichnete sich dunkel der Weltkrieg und hell die zweite grolle Revolution ab.

Und jetzt beginnt eine neue Periode in dem Lebensweg, den wir zu verfolgen unternommen haben. Wenn man einen der berufenen Beurteiler befragt, wenn man z. B. einen Mann wie Kaganowitsch bittet, in einem Satz eine Charakteristik dieser Periode von Stalins Leben zu geben, so antwortet er (und welch verhaltener Enthusiasmus klingt in der Stimme!): "Das ist der Prototyp des alten Bolschewik!" und er fügt hinzu- "Das bemerkenswerteste und kennzeichnendste Merkmal der ganzen politischen Tätigkeit Stalins ist, dass er sich niemals von Lenin entfernt hat, niemals nach rechts oder links abgewichen ist." Bela Kun drückt sich in gleicher Weise aus, und ebenso Pjatnitzki, Manuilski und Knorin. Und Ordshonikidse: "In diesen Jahren der Reaktion, als in Rußland die bolschewistische Organisation gegründet und aufgebaut wurde, war Stalin der treue Schüler Lenin s, während Trotzki einen wütenden Kampf gegen Lenin und seine Partei führte. Trotzki nannte Lenin den Spalter, beschuldigte die Bolschewiki der Anwendung illegaler Mittel und fragte herausfordernd, mit welchem Recht sich ihre Zeitung ,Wahrheit' (,Prawda') nenne."

 

Die großen Herren der Stunde entfesselten die Massenschlächterei, Und das russische Volk marschierte für die britische Seeherrschaft und das englische Volk für das Comite des Forges und das französische Volk für Konstantinopel, und alle marschierten für ihre Feinde.

Die Vorgänge vom August 1914 gaben den Bolschewiki in dem Sinne Recht, dass die internationale Sozialdemokratie in ihrer Mehrheit sich auf die Seite der Landesverteidigung und der heiligen Allianz des Proletariats mit den Kapitalisten und Imperialisten ihres Landes schlug. Das war die Allianz der Schlächter und der Opfer zum Wohl der Schlächter. (Liebknecht sagte: der Wölfe und der Schafe.) Man kann nicht zugleich Internationalist und Nationalist sein ohne unehrlich zu werden; und so bedeutete diese Kapitulation den moralischen Niedergang der II. Internationale.

Lenin war in Galizien als der Krieg ausbrach. Er zog sich in die Schweiz zurück, gründete die Zeitung der "Sozialdemokrat", Organ der russischen bolschewistischen Partei und nahm in Artikelserien zu den brennenden Problemen der Zeit Stellung, Die kleine bolschewistische Gruppe auf ihrem Floß inmitten der chauvinistischen Wogen, die Europa überfluteten, hat unwiderleglich bewiesen, gegen Wind und Flut, auf wessen Seite Recht und Wahrheit stehen. Die Leute, die da gegen den Strom angingen, waren nur eine Handvoll klarer Köpfe, nicht viel gegenüber der ganzen Menschheit. Aber diese Treuhänder einer großen Lehre sollten schließlich über den Irrtum siegen, weil sie Recht hatten. Im gegebenen Augenblick musste die Geschichte ihnen zu Hilfe kommen und man sollte sehen, was sie sagen würde über die, die es gewollt hatten und die, die es nicht gewollt hatten.

Von seiner ersten Nummer an (die am 1. November 1914 erschien) warf der "Sozialdemokrat" Renaudel und Südekum, Haase, Kautsky und Plechanow in einen Topf. Darin lag die grundlegende Bedeutung der bolschewistischen Prinzipienfestigkeit. Sektierertum? Überhitzter Fanatismus? Das Gegenteil, buchstäblich: ein grandioser gesunder Menschenverstand. Es ist eine Tatsache, dass Plechanow, Kautsky und Jules Guesde die Sache des Proletariats verlassen haben, und in das Lager der Bourgeoisie hinübergerutscht sind, (Der Nationalismus ist die große Heerstraße, über die alle großen Renegaten der sozialen Bewegung ziehen.) Es ist eine Tatsache, dass diese gebieterische Unbeugsamkeit, die jene soldatischen Wegbereiter im Blute trugen, die russische Revolution gerettet hat. Alles spricht dafür. Ohne sie wäre diese Revolution ebenso zusammengebrochen wie die deutsche und österreichische Revolution. Und es ist ebenso eine Tatsache, dass man auf dieser Welt den Krieg dadurch abschaffen kann, dass man die ganze Gesellschaft auf neue Füße stellt, und nur durch dieses Mittel. Es gibt kein höheres Sittengesetz als das, das uns verpflichtet die Mittel anzuwenden, die wirklich zum gewollten Ziele führen.

Lenin , sittlich makellos wie kein anderer, steht auf gegen die Sittenapostel der verhängnisvollen Idee des Vaterlandes, deren Wesen einzig darin besteht, einfach die Geographie zu vergöttlichen (was nicht dasselbe ist, wie wenn sie, gestützt auf das ganze werktätige Volk, den wahren Fortschritt vermenschlicht). Lenin sagt auch: "Die II. Internationale ist tot, besiegt vom Opportunismus. Nieder mit dem Opportunismus, es lebe die III. Internationale, die frei ist nicht nur von Überläufern, sondern auch von Opportunisten!"

Diese Worte wurden am 1. November 1914 geschrieben. Viereinhalb Jahre später sollte die III. Internationale fix und fertig dem Gehirn Lenin s entspringen.

1914, während die Bolschewiki in Petrograd gegen die zaristische Reaktion, gegen die Menschewiki und andere Feinde kämpften und die Mitglieder der bolschewistischen Dumafraktion nach Sibirien geschickt werden, wirkt Lenin in Europa. 1915 setzt er auf der Konferenz von Zimmerwald eine Resolution über den imperialistischen Charakter des Krieges und den Bankrott der Sozialdemokratie durch. 1916 vertritt er inmitten der allgemeinen sozialdemokratischen Konfusion auf einer neuen Konferenz diesen Standpunkt mit noch größerem Nachdruck.

In jenen denkwürdigen Zeiten versuchten viele der schlechten Sozialisten sich wieder bei der Bourgeoisie lieb Kind zu machen. Andere waren heroisch genug, um bei dem allgemeinen Bergrutsch ihre Ruhe zu bewahren und in ihren Taten ihren Ideen treu zu bleiben. Es gibt keinen Unterschied zwischen sittlicher Geradheit und positiven Kenntnissen. Das Wort "Gewissen" umfasst alle beide. Das Gewissen, das Bewusstsein ist in unserm Innern das Abbild der ganzen Welt.

 

Februar 1917. Bürgerliche Revolution in Rußland. Abdankung des Zaren. Die provisorische Regierung des Fürsten Lwow, Kerenski.

Lenin kehrt durch Deutschland aus der Schweiz zurück. Frankreich hatte ihm die Durchreise auf einem anderen Weg verweigert. Man kennt die Geschichte mit dem "plombierten Waggon" und die verlogenen Legenden, die sich darum gesponnen haben. Am 3. April 1917 kommt Lenin in Petrograd an. Aus der entgegengesetzten Ecke des Reiches kommt auch Stalin zurück. Auf der Reichskonferenz der Bolschewiki, wo die beiden alten Strömungen wieder zum Ausdruck kommen, und wo Stalin den Standpunkt Lenin s gegen den Opportunismus Kamenews, Sinowjews und anderer verteidigt, wird er ins Zentralkomitee gewählt. Das Politische Büro des Zentralkomitees der Partei wird eingesetzt. Stalin wird sein Mitglied.

Die Lage war schwer für die Anhänger der wahren Revolution, die eine wirklich neue Zukunft anstrebten, gerade als die Auflösung der Maschinerie des Zarenreiches die kühnsten Hoffnungen der Revolutionäre erfüllt zu haben schien.

Würde die Revolution dabei stehen bleiben? Würde die Handvoll ängstlicher und schwächlicher Leute, die die Wogen der verelendeten und erbosten Massen in den Kreml gespült hatte, Gelegenheit bekommen Verrat zu üben? Es bestand die Gefahr, dass es so kommen würde, wie es ja ausnahmslos (bis auf die kurzlebige Pariser Kommune von 1871) bisher überall da gekommen ist, wo einmal auf den 13 Milliarden Hektar Festland der Erde ein kühner Volksaufstand losbrach.

Es gab viele, die die Dinge nicht weitertreiben wollten als bis zum Einsturz des alten, krongeschmückten Kramladens, bis zur Ersetzung der Erbdiktatur der Nachkommen Peters des Großen durch eine angeblich demokratische bürgerliche Regierung, mit der zwei oder drei in Worten demokratische, in der Tat antidemokratische, Parteien Ball gespielt hätten: ein Ministerpräsident an Stelle des Zaren, ein Fauteuil an Stelle des Thrones; etwas abgeänderte Wappen, ungestickte Fahnen, neu gezeichnete Briefmarken und auf den ersten Seiten der Kalender andere Namen für das Personal, dem die Unterdrückung des Volkes anvertraut war; die Diktatur des Proletariats und mit ihr die soziale Gerechtigkeit erstickt in diesem republikanischen Mischmasch. Das alte System des frisch-fröhlichen Kriegs gegen den inneren Feind und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen; neue Lügen, neue politische Verbrechen am Volke.

Stalin hat es sehr klar ausgedrückt: "Die wesentliche Aufgabe der bürgerlichen Revolution besteht in der Übernahme der Macht und in ihrer Anpassung an die bestehende bürgerliche Wirtschaft, während die wesentliche Aufgabe der proletarischen Revolution darin besteht, nach Eroberung der Macht eine neue sozialistische Wirtschaft aufzubauen."

Mit anderen Worten: Die bürgerliche Revolution ist konservativ. Eine halbe Revolution ist Konterrevolution. Aus diesem Grunde war die Lage in Wirklichkeit so dramatisch für die Männer, die "den großen Tag" mit Leben und Blut vorbereitet hatten, und die ihre Pflicht darin sahen, jetzt der bürgerlichen Revolution durch eine zweite Revolution das Gift zu entziehen.

Lenin , "dieser Mann, den Schwierigkeiten in ein Bündel von Energie verwandelten" (Stalin), unternahm es, diese gewaltige Aufgabe zu lösen. Er stellte das Problem der so genannten Doppelmacht klar: ein sozialistischer Staat im Staate. Neben der offiziellen Regierung eine andere, gänzlich neue Regierung, die sich auf den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat von Petrograd stützte und auf Grund ihrer Wirksamkeit und ihrer immer festeren Verwurzelung in den Massen anschickte, zur einzigen Regierung zu werden. Die Arbeitermassen begannen in aller Öffentlichkeit dieser Regierung vor der offiziellen Regierung nebenan den Vorzug zu geben.

Stalin war Lenin s beste Hilfe. Auf dem 6. (illegalen) Parteitag im August 1917 erstattete Stalin den Bericht über die politische Lage. Er opponierte heftig dagegen, dass dem neunten Punkt der Resolution über die politische Lage ein von Trotzki inspirierter und von Preobrashenski vorgeschlagener Zusatz angehängt würde, der den Aufbau des Sozialismus vom Ausbruch der proletarischen Revolution im Westen abhängig machte. (Diese Frage des "Aufbaus des Sozialismus in einem einzelnen Lande" ist eine von denjenigen, um die sich bis in die letzten Jahre hinein hauptsächlich der Kampf zwischen der Opposition und der Parteimehrheit gedreht hat.) Dagegen war Stalin der Meinung, dass gerade Rußland das Land sein werde, das den Weg zum Sozialismus bahnt: "Warum soll Rußland nicht das Beispiel geben?" Lenin und Stalin sahen das Ziel, an das sie glaubten, vor sich. Preobrashenskis Zusatz wurde nicht angenommen. Wäre es geschehen, so wären wir heute nicht da, wo wir sind.

"Am Vorabend der Oktoberrevolution", berichtet Kalinin, "gehörte Stalin zu den wenigen, mit denen Lenin den Aufstand beschloss, gegen den Widerstand von Sinowjew und Kamenew, die damals Mitglieder des Zentralkomitees waren."

In den Oktobertagen ernannte das Zentralkomitee Stalin zum Mitglied des Fünferkollegiums für die politische Leitung der Revolution und des Siebenerkollegiums für ihre Organisation.

Die proletarische Revolution brach am 25. Oktober (7. November neuen Stils) aus. Lenin gab den entscheidenden Anstoß zur Entfesselung dieses großen Sturms der Geschichte, und man sieht in den Anfängen der Bewegung überall an erster Stelle seine gewaltige Hand. Am 24. Oktober (6. November) - am Vorabend - schrieb er an das Zentralkomitee. dass die Zeit endlich reif sei, und dass man handeln müsse: "Ein weiteres Aufschieben des Aufstandes würde wirklich das Ende bedeuten... Alles hängt an einem Haar ... Alles ist jetzt eine Frage des Volkes, der bewaffneten Massen ... Man darf die Macht auf keinen Fall Kerenski und Konsorten überlassen, nicht länger als bis morgen. Diese Sache muss unbedingt heute Abend oder heute Nacht entschieden werden."

Es bedurfte eines weit über die Gegenwart hinaus dringenden Klarblicks, um die proletarische Revolution gerade in diesem Augenblick zu entfesseln. Wirklich bestand in diesem Augenblick, wo die an den Rand der Verzweiflung getriebenen Arbeiter, Bauern und Soldaten gebieterisch nach Frieden verlangten, die Gefahr der Intervention; es hieß alles aufs Spiel setzen: der Generalstab und die Bourgeoisie bereiteten die Militärdiktatur vor, und Kerenski begann die bolschewistische Partei in die Illegalität zu treiben. Es war "ein Sprung ins Ungewisse". Und doch, hüten wir uns, in dieser Aktion einen Wurf auf gut Glück, ein Mit-dem-Kopf-durchdie-Wand-gehen zu sehen. Sprung ins Ungewisse? Nicht für den, der wie Lenin zu verstehen verstand, und der sich auch hier, inmitten der chaotischen Erschütterung einer ganzen Welt bewusst war, "dass er recht hatte".

Wenn später einmal die befreite Menschheit die Etappen ihrer Befreiung feiern wird, so wird sie dieses Augenblicks ihrer Geschichte mit besonderer Sammlung, mit besonderer Begeisterung gedenken: des 25. Oktober (7. November) 1917, der die gewaltsame Umwandlung der halben Revolution in die wirkliche Revolution brachte. Die Menschheit wird die Männer zu würdigen wissen, die das geschafft haben.

Die Oktoberrevolution, diese einzig wahre Revolution, gelingt.

Sie dekretiert, beginnend mit dem sofortigen Friedensschluss (erste praktische Bedingung, erster Schritt zur Ordnung des Chaos), die Übernahme der ganzen Macht durch die Sowjets, d.h. die Diktatur des Proletariats, die Souveränität der Schaffenden, das wahre Menschenrecht. Sie dekretiert die vollständige Auflösung der bürgerlichen Macht, nicht um an ihre Stelle einfach und für immer die Macht der bis dahin unterdrückten und ausgebeuteten Klasse zu setzen, sondern um das ganze soziale Gefüge durch den einzigen Eingriff zu reorganisieren, der imstande war, eine so grundlegende Neuordnung zu schaffen (durch den Eingriff des Proletariats) und um endlich eine wahre Gesellschaft der Arbeit ins Leben zu rufen, eine Gesellschaft, aufgebaut auf dem ausnahmslosen Zusammenwirken aller, ohne Klassen, ohne Unterdrückung und Ausbeutung, ein unteilbares und allen arbeitenden Menschen offenes Kollektiv. Die kapitalistische Front, die bis dahin den ganzen Erdball umspannt hielt, war auf einem gewaltigen Abschnitt, auf dem sechsten Teil des Festlandes gesprengt.

Der Sozialismus, der standgehalten und seine revolutionäre Reinheit bewahrt hatte, zog strahlend in den Kreml ein. Mit einem Schlage wurde der andere Sozialismus, der des goldenen Mittelwegs, der Schiebungen und Phantasien, der Sozialismus, der mit dem Brustton der Überzeugung den schrittweisen Fortschritt in kleinen Dosen predigte (durch Reformen, die die bürgerliche Macht sofort übernahm und sich aneignete, um gegenüber den Massen nur noch stärker zu werden), dieser andere Sozialismus wurde mit den alten Grillen und dem alten Trödelkram in die Rumpelkammer gestellt.

Sie ist ein Stück Wirklichkeit - aber auch eine bösartige, weil ähnliche Karikatur - jene Erzählung, die John Reed in seinen "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" gegeben hatte: Sozialistische Dumagewaltige mit langen Popenbärten und der Würde aus ihren Laboratorien entsprungener Alchimisten gehen durch die Straßen von Petrograd, um die Revolution von Ausschreitungen abzuhalten; sie stoßen auf einen Wachtposten: "Ich bin Dumaabgeordneter, mein Freund." "Kenne ich nicht. Haben wir alles weggejagt", antwortet der einfache Soldat und sperrt dem jetzt nach dem Zaren auch seinerseits entthronten demokratischen Bonzen den Weg. Diese armen Bonzen, die ihren Sturz nicht vorausgeahnt hatten, waren plötzlich in der Lage von Rip van Winkle. der nach einem Schlaf von hundert Jahren nach Hause kommt.

Aber nicht sie hatten eigentlich geschlafen, sondern die großen Massen, die jetzt aufgewacht waren. Ein ganz neues Kapitel in den Tagen und Taten der Menschheit. Noch nie war so etwas geschehen seit die Welt steht.

Und es begann eine Ära unsagbarer Schwierigkeiten, namenloser Hindernisse.

Aber " Lenin war wirklich ein Genie revolutionärer Explosionen", sagt Stalin; und er sagt auch: "An entscheidenden Wendepunkten erriet er die Bewegung der Klassen und die wesentlichen Züge der Revolution, als läse er sie aus der hohlen Hand ab."

Jetzt hieß es aufbauen, aber zuerst einmal sich behaupten: gegen die Weißen; gegen die Menschewiki, deren Tendenzen auch zersetzend in die Partei eindrangen; gegen die, die Stalin die Hysteriker nannte, nämlich die Sozialrevolutionäre und Anarchisten (die Spiridonowa, die auf einer Versammlung den unerschütterlichen und lächelnden Lenin mit dem Revolver bedrohte), die Anarchisten, die nur eine einzige Losung haben, so groß wie das Nichts: "Weder Gott noch Herren", die sich ein Bein ausreißen, um eins mit eins zu multiplizieren, und die eines schönen Tages dem ABC den Krieg ansagen werden; gegen die Großmächte und Spione; gegen den Verfall; gegen den Hunger; gegen den wirtschaftlichen Zusammenbruch und gegen die finanzielle Erschöpfung.

Man musste mit dem Problem des imperialistischen Krieges fertig werden und mit dem der Nationalitäten, von denen viele noch zitternd vor Hass gegen das Zarenjoch und betäubt von der endlichen Öffnung ihrer Gefängnisse nur an sich dachten und so den Sieg zu gefährden drohten.

Man musste also zuerst Frieden mit Deutschland und Österreich abschließen, Es gab gleich ein Problem von tragischer Bedeutung. Seine Lösung glich einem schwindelnden "Sprung ins Ungewisse". Stalin spielte dabei eine Rolle. Der Rat der Volkskommissare wollte Verhandlungen mit den Deutschen über den Abschluss eines Waffenstillstandes anknüpfen und so die Militäroperationen zum Stehen bringen. In diesem Sinne gab er Instruktionen an den Oberbefehlshaber Duchonin.

"...Ich entsinne mich noch des Tages, wo Lenin , Krylenko (der nachmalige Oberkommandierende) und ich uns zum Lenin grader Generalstab begaben, um über den direkten Draht mit Duchonin zu sprechen. Es war ein schwerer Augenblick ... Duchonin und das Hauptquartier weigerten sich kategorisch, den Befehl des Rates der Volkskommissare auszuführen. Die Armeekommandeure waren ganz in der Hand des Hauptquartiers. Und die Soldaten? Man wusste nicht, was die Armee sagen würde, wenn ihre leitenden Instanzen sich gegen die Sowjetmacht wenden würden. Wir wussten, dass in Petrograd ein Aufstand der Offiziersschüler schwelte. Zu alledem marschierte Kerenski zum Angriff auf die Hauptstadt los ... Ich entsinne mich, wie sich das Gesicht Lenin s, der zuerst einen Augenblick lang schweigend am Apparat gestanden hatte, plötzlich wie von einer außerordentlichen Erleuchtung aufhellte. Er hatte offensichtlich einen Entschluss gefasst. ,Gehen wir zum Radio', sagte Lenin , ,es wird uns helfen: wir entheben den General Duchonin durch einen Sonderbefehl seines Postens, wir ernennen Genossen Krylenko an seiner Stelle zum Oberbefehlshaber, und wir wenden uns über die Köpfe der Führer hinweg mit folgendem Aufruf an die Soldaten: Die Generäle verhaften, die militärischen Operationen einstellen, Verbrüderung mit den deutschen und österreichischen Soldaten, die Sache des Friedens selbst in die Hände nehmen.'"

So geschah es auch.

Die Verhandlungen begannen in Brest-Litowsk. Die Bourgeoisie der Siegerländer ist rasend über den Friedensschluss und das Lexikon Larousse, das mit seiner Parteilichkeit, seinem Chauvinismus und seiner reaktionären Gesinnung ein offizielles und diplomatisches Lexikon ist, bezeichnet ihn als "Schandvertrag".

Dieses Urteil ist von Grund auf falsch. Wenn man die Dinge näher betrachtet, so muss man feststellen, dass ganz im Gegensatz zu dem, was die Herren vom Larousse behaupten, die Schande offensichtlich ganz auf seiten der Siegerländer und in erster Linie auf seiten Englands und Frankreichs ist. Der deutsch-russische Separatfrieden hat nur Verräter an ihren eigenen öffentlichen Proklamationen und Versprechungen verraten.

Jacques Sadoul hat in den berühmten Briefen, die er 1918 während der Verhandlungen aus Moskau an Albert Thomas geschrieben hat, die Hintergründe dieses großen Spiels vollkommen richtig aufgedeckt. Die Alliierten hatten während des Krieges die Losung vom Kriege ohne Annexionen und ohne Repressalien, die Losung vom "demokratischen Frieden" in alle Welt hinausposaunt. Mit welch tugendhaftem Eifer haben nicht während vier Jahren Krieg die Münder der Regierenden überall verkündet, dass, abgesehen von Elsaß-Lothringen (das von Anfang an als Ausnahmefall erklärt worden war), die Alliierten keinerlei Gebietseroberung, keinerlei Rachemaßnahmen als Kriegsziel verfolgten! Wie hat man uns nicht an der Front und im Hinterland die Ohren voll getrommelt mit feierlichen Erklärungen über einen "demokratischen Frieden" ohne jede Gewinnsucht, um uns zum "Durchhalten" aufzupeitschen!

Das war also alles nur Demagogie und Betrug gewesen: die Alliierten hatten von allem Anfang an die Absicht, eine riesige Beute zu machen und unter sich zu verteilen. Einige Monate später hat man es gesehen. Während die großen Abgötter der angeblichen Zivilisation im Brustton der Überzeugung vor den Massen das Gegenteil beschworen, hatten sie schon seit langem Verträge über die Teilung der Beute abgeschlossen und unterschrieben. Der Bruch, zu dem es in Brest-Litowsk zwischen Rußland und den Siegermächten kam, hatte seinen Grund darin, dass diese, im November 1917 von den Bolschewiki aufgefordert, Deutschland einen demokratischen Frieden anzubieten und loyal ihre Kriegsziele zu erklären, diesen Vorschlag - man weiß aus welchen Gründen - abgelehnt hatten. Das sozialistische Rußland hat sich nicht zu einem solchen Eidbruch hergegeben, der, unter Umgehung des allgemeinen Wunsches nach Frieden und durch Verlängerung der Metzelei, wie wir heute feststellen können, neue Kriege unvermeidlich gemacht und zur Entwicklung des Faschismus in Deutschland geführt hat. Die großen Nationen. leider, mit den Lloyd George, Poincaré, Clémenceau usw. an der Spitze, haben gegenüber Rußland, gerade weil e, die Initiative zum Frieden ergriff, die denkbar ehrloseste Haltung eingenommen, eine Haltung, die sich, und auch das nur zum Schein, erst geändert hat, als sie Gelegenheit fanden, auf dem riesigen russischen Markt Geschäfte zu machen. Die Zukunft, die nichts vergisst, wird die Betrügereien dieser ehrenwerten Völkerhirten gebührend zu würdigen wissen.

Die Friedensverhandlungen wurden durch Trotzki geführt, der sich inzwischen dem Bolschewismus angeschlossen hatte und in der Regierung eine wichtige Stellung einnahm. In der Hauptstadt leitete Lenin die Verhandlungen, nicht ohne stets Stalin zu Rate zu ziehen. Auf eine telegraphische Bitte um Instruktionen, die Trotzki auf der direkten Leitung an Lenin schickte, antwortete dieser mit dem folgenden vom 15. Februar 1918 datierten Telegramm: "Antwort an Trotzki. Vor Beantwortung dieser Frage möchte ich erst Stalin zu Rate ziehen." Ein wenig später, am 18. Februar, telegraphiert Lenin : "An Trotzki. Stalin eben angekommen. Wir werden die Lage gemeinsam prüfen und Ihnen sofort eine gemeinsame Antwort gehen. Lenin ."

Man kennt im Allgemeinen die entscheidende Rolle, die Stalin während der Brester Verhandlungen gespielt hat, zu wenig. In der Partei hatte sich eine Linksfraktion gebildet - zu ihr gehörten viele der energischsten Kämpfer aus der Zeit des Kampfes um die Macht -, die gegen die Unterzeichnung des Vertrages war. Auch Trotzki war dagegen und gab die Losung "Weder Krieg noch Frieden!" aus; er glaubte, dass der Krieg wirklich erst in der Weltrevolution sein Ende finden werde. Lenin und Stalin allein waren für den sofortigen Friedensschluss. Lenin schwankte, ob er seine persönliche Autorität einsetzen sollte. Stalin brachte ihn dazu, es zu tun. Die Unterredung, in der das geschah, ist für das Schicksal der Revolution entscheidend gewesen.

Zu dieser Zeit übrigens "ließ Lenin keinen Tag vorübergehen, ohne Stalin zu sehen", schreibt S. Pjestkowski. "Aus diesem Grund wahrscheinlich lag unser Büro damals gleich neben dem von Lenin . Während des Tages rief Lenin Stalin ans Telefon oder kam auch in unser Büro, um ihn abzuholen. So war Stalin den größten Teil des Tages mit Lenin zusammen ... Eines Tages sah ich, als ich bei Lenin eintrat, eine interessante Szene: An der Wand hing eine große Karte von Rußland, vor ihr zwei Stühle, auf denen Lenin und Stalin standen. Ich sah sie mit dem Finger im nördlichen Teil des Landes eine Linie ziehen..."

Nachts, wenn es im Smolny etwas ruhiger wurde, ging Stalin zum Zimmer der direkten Linien, um zu telefonieren und blieb dort viele Stunden lang.

                

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