Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

Die eiserne Hand

Eine andere Aufgabe von äußerster Dringlichkeit harrte ihrer Lösung: der Bürgerkrieg; Feinde - einige von ihnen ausgerüstet und unterstützt von den europäischen Großstaaten - schlossen bis an die Zähne bewaffnet Rußland ein, bedrängten seine Grenzen, hatten sie schon an vielen Punkten überschritten.

"Es gab Momente, besonders im Oktober 1919, wo die junge Republik dem Untergang geweiht zu sein schien. Aber weder die drohenden weißen Armeen, noch der Eintritt Polens in den Krieg, noch die Bauernaufstände oder der Hunger konnten sie unterkriegen, und beflügelt von Lenin trugen die in Lumpen gehüllten Bataillone den Sieg über 14 Nationen davon", ist der reaktionäre Journalist Maltet, dem der Kapitalismus am Herzen liegt und der im übrigen sehr parteiisch ist, gezwungen, in einer Reportage zu schreiben.

Der persönliche Anteil Stalins am Bürgerkrieg kann nicht stark genug unterstrichen werden.

Überall wo an der Front des Bürgerkriegs eine ernste Gefahr drohte, wurde Stalin hingeschickt.

"Zwischen 1918 und 1920 war Stalin der einzige, den das Zentralkomitee von einer Front an die andere auf die für die Revolution kritischsten Stellen entsandte." (Kalinin.) "Wenn irgendwo die Rote Armee wankte, wenn die konterrevolutionären Kräfte größere Erfolge hatten, wenn die Erregung und die Spannung in Katastrophen umzuschlagen drohten, immer dann tauchte Stalin auf. In Nächten ohne Schlaf organisierte er, nahm die Leitung in die Hand, brach Widerstände, war hartnäckig und führte die Wendung herbei, rettete die Situation." (Kaganowitsch.)

Es ging so weit, dass:

"Man machte mich zum Spezialisten für Reinigung der Heeresleitungsställe." (Anspielung auf die Unordnung in den Institutionen, die Trotzki leitete.)

Es ist das einer der erstaunlichsten Abschnitte von Stalins Laufbahn und einer von denen, die am meisten unbekannt geblieben sind. Sein Verhalten und seine Erfolge an der Front während zweier Jahre hätten genügt, um einen Feldherrn, berühmt und populär zu machen.

Folgendes berichten uns Woroschilow und Kaganowitsch aus dieser stürmischen Periode über die "Militärtätigkeit" dessen, den Kaganowitsch einen "der bedeutendsten Organisatoren des Sieges im Bürgerkrieg" nennt.

Im Laufe von zwei Jahren ging Stalin nacheinander an die Front von Zarizyn (mit Woroschilow und Minin), an die Front des III. Armeekorps in Perm (mit Dsershinski), an die Front von Petrograd (gegen den ersten Vormarsch Judenitsch), an die Westfront von Smolensk (gegen die polnische Gegenoffensive), an die Südfront (gegen Denikin), wieder an die polnische Front im Gebiet von Shitomir und wieder an die Südfront (gegen Wrangel).

Man kann sich schwer eine furchtbarere Lage denken, als die, in der sich die Männer des Oktober im Jahre 1918 in einem Lande befanden, das ein einziges mit Ruinen und Leichen bedecktes, von einem Kampf um Leben und Tod für das höchste Kriegsziel - das politische Regime -, durchtobtes Schlachtfeld war.

In Moskau bereitete sich der Aufstand der Sozialrevolutionäre vor. Im Westen war Murawjew zum Feinde übergegangen. Im Ural entfaltete und befestigte sich die tschechische Konterrevolution. Im äußersten Süden rückten die Engländer gegen Baku vor. "Ein Feuerring umgab das Land." Stalin kam in Zarizyn an. In ununterbrochener Kette gingen Telegramme zwischen ihm und Lenin hin und her. Stalin war nach Zarizyn nicht als Militärinspektor gekommen, sondern zur Leitung des Verpflegungsdienstes für Südrußland. Zarizyn war ein Knotenpunkt von entscheidender Bedeutung. Die Erhebung des Dongebietes und der Verlust Zarizyns hätte auch den Verlust der ganzen großen Kornkammer des Nordkaukasus mit allen seinen schlimmen Folgen bedeutet.

Kaum angekommen:

"Ich nehme mir alle vor, die es verdient haben. Ich hoffe, bald Ordnung schaffen zu können. Seien Sie sicher, Genosse Lenin , dass niemand geschont wird, weder ich noch die anderen, und dass wir trotzdem Getreide schicken werden. Wenn unsere Militärspezialisten (diese Stümper) nicht geschlafen oder gebummelt hätten, wäre der Durchbruch unserer Reihen nicht erfolgt, und wenn diese wieder geschlossen werden, so geschieht das nicht dank ihnen, sondern trotz ihrer."

Denn Stalin hatte in dem ganzen Gebiet ein "unglaubliches Durcheinander" vorgefunden. Die Partei-, Gewerkschafts-, Sowjet- und Militärorganisationen, alles war in Auflösung begriffen und lief in alle Winde auseinander. Auf Schritt und Tritt stieß man auf eine bedrohliche Stärkung der Konterrevolution durch Zuzug aus den Reihen der Kosaken, die durch die deutsche Besatzungsarmee in der Ukraine weitgehende Unterstützung erhielten. Die weißen Banden hatten nacheinander alle Plätze in der Umgebung Zarizyns besetzt und so die Aufbringung des Getreides, auf das Moskau und Petersburg warteten, unterbunden. Schließlich bedrohten sie direkt Zarizyn.

Im ersten Augenblick verstand Stalin, dass man zunächst der unfähigen und schwankenden Militärleitung die Zügel aus der Hand nehmen musste. Am 11. Juli telegrafierte er an Lenin : "Die Lage wird dadurch komplizierter, dass der Generalstab für den Nordkaukasus vollkommen unfähig ist, die Konterrevolution zu bekämpfen ... Diese Herren, die sich nur als Angestellte des Generalstabes betrachten und wie nicht zur Sache gehörige Leute, wie Gäste, ihre Pläne zeichnen, sind den Operationen gegenüber vollkommen gleichgültig."

Stalin ist nicht der Mann, um nur Feststellungen zu machen. Man muss handeln und er handelt: "Ich halte mich nicht für berechtigt, dieser Gleichgültigkeit einfach zuzuschauen, während die Front von Kalnin (Nordkaukasus)von ihrer Verpflegungsbasis abgeschnitten ist, und die Nordfront die Verbindung mit den Getreidegebieten verloren hat. Ich werde diese Mängel und viele andere Mängel örtlicher Natur ausbessern. Ich werde jetzt und in Zukunft Maßnahmen bis zur Absetzung von Offizieren und Kommandeuren, die der Sache schaden, ergreifen -- ungeachtet aller formalen Schwierigkeiten, formalen Widerstände, die ich, wenn nötig, brechen werde. Ich nehme dafür natürlich gegenüber den höchsten Instanzen die volle Verantwortung auf mich."

Moskau antwortet: Ja, alle roten Kräfte reorganisieren: "Die Ordnung wiederherstellen, die Abteilungen zu einer regelrechten Armee zusammenfassen, eine geeignete Leitung ernennen, jeden, der Gehorsam verweigert, wegjagen." (Telegramm des Revolutionären Kriegsrates der Republik mit der Anmerkung: Abgesandt im Einverständnis mit Lenin .)

Als dieser summarische Befehl, diese drei Zeilen, die eine so gewaltige Aufgabe enthielten, in Zarizyn eintrafen, war die Lage noch ernster geworden. Die Reste der Roten Armee der Ukraine trafen ein, in voller Auflösung, auf dem Rückzug vor der in die Donsteppen einmarschierenden deutschen Armee.

Es schien unmöglich, eine so verfahrene Lage wieder in Ordnung zu bringen. Der feurige Wille eines Mannes ging an die Lösung dieser Aufgabe. Er stampft einen revolutionären Kriegsrat aus der Erde, der ohne Zögern die Reorganisierung der regulären Armee beginnt. In aller Eile werden Armeekorps geschaffen, durch Befehl; Divisionen, Brigaden, Regimenter; alle konterrevolutionären Elemente werden aus dem Generalstab, dem Verpflegungsapparat, den Militärformationen der Etappe und ebenso aus den lokalen Sowjet- und Parteiorganisationen entfernt. Es gibt ja genug erprobte alte Bolschewiki, um diesen Organisationen eine feste Grundlage zu geben und sie wieder in Ordnung zu bringen. Und so geschah es. Alles kam in Ordnung und am Rande des konterrevolutionären Flecks im Dongebiet richtete sich gegen die von innen und außen angreifenden Räuber ein energischer und starker roter Generalstab auf.

Aber das war noch nicht alles. Die ganze Stadt war verpestet von Weißen. Sozialrevolutionäre, Terroristen und extreme Monarchisten schienen sich Rendezvous gegeben zu haben. (Diese immer wiederkehrende unvermeidliche Bundesgenossenschaft der angeblich reinsten Revolutionäre mit den schlimmsten Feinden der Revolution - beide Teile wetteiferten in ihrer Bekämpfung - bedarf keines Kommentars.)

Zarizyn diente als Sommerfrische für eine Menge geflüchteter Bourgeois. Sie erholten sich dort in Gemeinschaft mit weißen Offizieren, die sich kaum verbargen, unbekümmert herumliefen und die Straßen und die Gärten der Kurpromenade füllten. Zarizyn war ein Verschwörernest, wo die Verschwörer noch ziemlich frei atmen konnten. Das alles hörte jetzt auf. Der örtliche Revolutionäre Kriegsrat, den Stalin leitete, ernannte eine außerordentliche Kommission (Tscheka), die die spezielle Aufgabe hatte, sich alle diese Leute einmal aus der Nähe zu besehen. In diesen Zeiten, wo der Bürgerkrieg überall an Schärfe zunahm, und die ausländischen Würger der Revolution ihre fieberhaften Anstrengungen verdoppelten und verdreifachten, wird in Zarizyn ein Komplott nach dem anderen aufgedeckt.

Ein gewisser Nossowitsch - ein Verräter, der später in seiner Eigenschaft als Leiter der militärischen Operationen zur Krassnow-Armee übergelaufen ist - berichtet in einer weißgardistischen Zeitung mit dem Namen "Donwellen" (in der Nummer vom 3.2.1919) über die Lage in Zarizyn zur damaligen Zeit. Selbst er muss Stalins Leistung anerkennen, der, obwohl seine Mission als Organisator des Verpflegungswesens durch die schnell aufeinander folgenden Ereignisse in Frage gestellt war, "nicht der Mann war. eine einmal begonnene Sache aufzugeben". Nossowitsch berichtet, wie Stalin die gesamte Militär- und Zivilverwaltung auf einmal in die Hand nahm und nach und nach die Anschläge und alle die Machenschaften der geschworenen Feinde der Revolution zunichte machte.

Ein Beispiel: "Damals", schreibt Nossowitsch, "war die Zarizyner konterrevolutionäre Organisation sehr stark geworden und mit Hilfe von Geld, das aus Moskau gekommen war, wurde eine Intervention vorbereitet, um den Donkosaken bei der Befreiung Zarizyns zu helfen..." "Unglücklicherweise kannte die leitende Gruppe dieser Organisation, ein gewisser Ingenieur Alexejew und seine zwei Söhne, die wirkliche Lage recht wenig, und infolge falscher Dispositionen wurde die Organisation aufgedeckt. Alexejew, seine zwei Söhne und eine beträchtliche Anzahl von Offizieren wurden erschossen..."

Lenin befürchtete einen Angriff der linken Sozialrevolutionäre in Zarizyn und telegrafierte seine Befürchtung an Stalin. Dieser antwortete: "Was die Hysteriker betrifft, seien Sie unbesorgt, unsere Hände zittern nicht. Mit Feinden werden wir umgehen wie mit Feinden."

Diese schwerwiegenden, aber notwendigen Maßnahmen gegenüber einem Feind, der mitten im Krieg gegen das Ausland mit bewaffneter Hand angriff und mit Mord und Terror arbeitete, wirkten sich heilsam auf die Stimmung der roten Regimenter an der Front aus. Ihre militärischen und politischen Leiter und die Masse der Soldaten begannen zu fühlen, dass an ihrer Spitze ein eisenharter Mann stand, mit großen, klaren Ideen vor Augen, unbarmherzig gegenüber allen, die die Sklaven von gestern zur alten Ordnung zurückführen, das junge Volk der Kettenbrecher in den Hinterhalt führen und im Schatten ihrer weißen, ihrer schwarzen, ja selbst der roten Fahnen, diesen befreiten Befreiern den Dolch in den Rücken stoßen wollten.

Stalin nahm die Verantwortung auf sich, aber er wollte auch die Autorität, wie alle, die ihrer für ein großes Ziel bedürfen. Der Renegat Nossowitsch berichtet uns als Beispiel folgende Tatsache: "Als Trotzki, beunruhigt über die Absetzung der militärischen Leitung dieses Bezirks, die er mit so viel Mühe auf die Beine gebracht hatte, in einem Telegramm forderte, den Generalstab und die Kommissare wieder in ihre Funktionen einzusetzen, und ihnen Arbeitsmöglichkeit zu gehen, nahm Stalin das Telegramm und schrieb mit fester Hand die Worte darauf: ,Nicht beachten.' Und das Telegramm wurde nicht beachtet; das Artilleriekommando und ein Teil des Generalstabs wurden auf einem Schiff in Zarizyn zurückgehalten."

Um die Durchführung seiner Befehle zu überwachen und für bolschewistische Ordnung zu sorgen, ging übrigens Stalin persönlich an die Front, die 600 Kilometer lang war. Dieser Mann, der niemals im Heere gedient hatte, besaß ein so umfassendes Verständnis für Organisationsfragen, dass er es verstand, die verwickeltsten und schwierigsten technischen Fragen zu begreifen und zu lösen (und die Lage wurde von Tag zu Tag kritischer und ließ die Probleme mit beängstigender Geschwindigkeit schwieriger und schwieriger werden).

"Ich entsinne mich, als wenn es gestern gewesen wäre", berichtete Kaganowitsch, "wie Anfang August 1918 die Kosakenabteilungen Krassnows Zarizyn angriffen, um durch, ein Umgehungsmanöver die roten Truppen an die Wolga zurückzuwerfen. Mehrere Tage lang leisteten unsere Truppen, deren Kern eine zum großen Teil aus Arbeitern des Donezbeckens bestehende kommunistische Division bildete, den Angriffen der ausgezeichnet organisierten Kosaken mit unerhörter Energie Widerstand. Es waren außerordentlich schwere Tage. Man muss Stalin in dieser Periode gesehen haben. Unbewegt und wie immer in Gedanken vertieft, buchstäblich niemals schlafend, widmete er seine unerhörte Arbeitskraft bald der Kampffront, bald dem Generalstab der Armee. Die Lage an der Front war beinahe verzweifelt. Die Krassnowschen Kosaken, an deren Spitze Fitschalurow, Mamontow und andere standen, bedrängten von allen Seiten unsere erschöpften Truppen und brachten uns furchtbare Verluste bei. Die feindliche Front bildete ein Hufeisen, dessen Enden sich auf die Wolga stützten. Der Ring wurde von Tag zu Tag enger. Es gab für uns keinen. Ausweg. Aber Stalin verlor nicht die Fassung. Er hatte nur einen einzigen Gedanken: man muss siegen. Dieser unerschütterliche Wille Stalins übertrug sich auf seine nächsten Mitarbeiter und trotzdem die Situation fast ausweglos war, zweifelte niemand am Sieg. Und wir haben gesiegt. Der Feind wurde in voller Auflösung weit über den Don hinaus zurückgeworfen."

Gleich düster, gleich dramatisch war die Lage an der Ostfront in Perm.

Ende 1918 war diese Front aufs äußerste bedroht und ging fast verloren.

Die III. Armee wich zurück und war gezwungen gewesen, Perm aufzugeben. Gestoßen und getrieben von dem Feind, der im Halbkreis vorrückte, war diese III. Armee Ende November völlig demoralisiert. Das Endergebnis der sechs letzten, von ununterbrochenen Kämpfen erfüllten Monate war vernichtend: eine übermäßig lange Front (über 400 km), keine Reserven, eine unsichere Etappe, völlig unzureichende Verpflegung (die 29. Division war fünf Tage lang ohne ein Stück Brot geblieben), bei 35 Grad Kälte mit völlig unwegsamen Straßen, ein völlig unfähiger Generalstab: "Die III. Armee war außerstande, die Angriffe des Feindes aufzuhalten."

Darüber hinaus liefen die Offiziere (aus der alten Zarenarmee) in Massen zum Feind über, und ganze Regimenter gaben sich, angeekelt von der Unfähigkeit und den Ausschweifungen ihrer Befehlshaber, freiwillig gefangen. Kurz: volle Auflösung. Ein Rückzug von 300 Kilometer in 20 Tagen. 18000 Mann, Dutzende von Kanonen, Hunderte von Maschinengewehren verloren. Der Feind rückte vor, bedrohte Wjatka und die ganze Ostfront.

Lenin telegrafierte an den Revolutionären Kriegsrat der Republik: "Erhalten aus der Umgebung Perms verschiedene Parteiinformationen über Kopflosigkeit und katastrophalen Zustand der III. Armee. Beabsichtige Stalin hinzuschicken." Das Zentralkomitee entsandte Stalin und Dsershinski. Stalin schob das Hauptziel seines Auftrages: "Untersuchung der Ursachen des Verlustes von Perm" an zweite Stelle und setzte an die erste Stelle die Maßnahmen zur Wiederherstellung der Lage. Diese Lage war noch viel schwerer, als man sich hatte vorstellen können. Stalin berichtete darüber an den Vorsitzenden des Verteidigungsrates ( Lenin ) in einem Telegramm, in dem er, um die Gefahr abzuwenden, sofortige Verstärkungen anforderte. Acht Tage später berichtete er über die Gesamtheit der Ursachen der Aufgabe Perms und machte, zusammen mit Dsershinski, eine Reihe von Vorschlägen für die Wiederherstellung der Kampfkraft der III. Armee und die zukünftige Aktion. Mit der ihm eigenen Schnelligkeit in seinen Entschlüssen brachte er diese verschiedenen Maßnahmen für die militärische und politische Organisation zur Durchführung. Im selben Monat (Januar 1919) wurde der Vormarsch des Feindes zum Stehen gebracht, die Ostfront ging zur Offensive über, und ihr rechter Flügel besetzte Uralsk.

Ein ähnliches Drama spielte sich im Frühjahr 1919 bei der VII. Armee ab, die gegen die weiße Armee von Judenitsch kämpfte. Diese hatte von Koltschak den Auftrag erhalten, "Petrograd zu erobern" und die revolutionären Truppen von der Ostfront in seinen Sektor abzuziehen.

Von estnischen und finnischen weißen Garden unterstützt und unter dem Schutz der englischen Flotte ging Judenitsch plötzlich zum Angriff über und bedrohte, wie man sich er-innern wird, wirklich ernsthaft Petrograd.

Er hatte übrigens Verbündete in der Stadt selbst; ein Komplott wurde in Petrograd aufgedeckt. Seine Fäden liefen bei einigen Militärspezialisten zusammen, die im Generalstab der Westfront in der VII. Armee und in der Flottenbasis von Kronstadt arbeiteten.

Während Judenitsch gegen Petrograd vorrückte, trug Bulak Bulachowitsch eine Reihe von ernsten Erfolgen im Abschnitt von Pskow davon. Die Zahl der Verräter und Deserteure nahm zu, die Garnisonen der Forts Krassnaja Gorka und Seraja Loschadj sympathisierten offen mit den Feinden der Sowjets. Die Entfernung zwischen der weißen Armee und Petrograd nahm täglich ab. Die Roten wichen zurück. Im Ausland zitterten die Arbeiter nach Nachrichten und hielten verzweifelt Meetings ab, Angst und Wut im Herzen. (Ihr entsinnt euch, Genossen in Frankreich?)

Das Zentralkomitee entsandte Stalin, der in drei Wochen den siegreichen Widerstand der Revolution organisiert. Nach drei Wochen sind Unsicherheit und Verwirrung aus der Armee und dem Generalstab verschwunden. Die Arbeiter und Kommunisten von Petrograd sind mobilisiert. Die Desertionen hören auf. Die Feinde werden gestellt und geschlagen und die Verräter vernichtet.

Stalin leitet diesmal sogar rein militärische Operationen. Er telegraphiert an Lenin : "Gleich nach Krassnaja Gorka sind wir auch mit Seraja Loschadj fertig geworden. Die Wiederherstellung der Ordnung in allen Forts und Zitadellen macht schnelle Fortschritte. Die Flottenspezialisten versichern, dass die Einnahme von Krassnaja Gorka die ganze Seekriegswissenschaft über den Haufen wirft. Traurig genug für das, was man da Wissenschaft nennt. Die schnelle Einnahme von Gorka erklärt sich aus meinem rücksichtslosen Eingreifen und hauptsächlich aus dem Einsatz von Zivilabteilungen bei den Operationen. Die Eingriffe gingen bis zur Abänderung der zu Land und auf der See erteilten Befehle und zur erzwungenen Durchführung der von uns dafür gegebenen Anordnungen. Ich halte es für meine Pflicht mitzuteilen, dass ich bei all meinem Respekt für die Wissenschaft auch in Zukunft so handeln werde."

Und diese ganze, so überraschend schnell geführte Kampagne wird abgeschlossen durch ein anderes Telegramm, das sechs Tage später an Lenin abgeht: "Die Umgruppierung unserer Truppen ist im Gange. Während der ganzen Woche kein einziger Fall von individueller oder kollektiver Desertion. Die Deserteure kommen zu Tausenden zurück. Die Zahl der Überläufer vom Feind in unser Lager nimmt ständig zu. Im Laufe einer Woche sind 400 Mann, fast alle mit ihren Waffen, in unsere Reihen übergegangen. Gestern haben wir die Offensive eröffnet. Wir haben die versprochenen Verstärkungen noch nicht erhalten. Wir sind jedoch schon weiter vorgerückt: wir konnten nicht auf der alten Linie bleiben, das war zu nahe an Petrograd. Inzwischen ist die Offensive siegreich, der Feind flieht. Wir haben heute die Linie: Kernowo-Woronio-Slepiwo-Kaskowo besetzt. Gefangene, Kanonen, Maschinengewehre, Munition erbeutet. Die feindliche Flotte zeigt sich nicht. Offensichtlich hat sie Angst vor Krassnaja Gorka, das jetzt ganz in unserer Hand ist." Und nun die Südfront.

 

"Alle Welt erinnert sich an den Herbst 1919", schreibt Manuilski. "Das war der entscheidende, kritische Moment des ganzen Bürgerkrieges." Und Manuilski schildert in den wesentlichen Zügen die Lage, die durch den Einbruch Denikins in die ganze Südfront gekennzeichnet war. Ausgerüstet durch die Alliierten, unterstützt und gefördert durch die Generalstäbe von England und Frankreich rückten die weißen Truppen Denikins gegen Orel vor. Die ganze riesige Südfront flutete in breiten Wellen zurück. Im Innern war die Lage nicht weniger kritisch. Die Verpflegungsschwierigkeiten wuchsen von Tag zu Tag. Die Probleme wurden schier unlösbar. Die Industrie, zu Dreiviertel zerstört, ohne Rohstoffe, Heizmaterial und Arbeitskräfte, kam zum Stillstand. Überall im ganzen Land, selbst in Moskau, regte sich wieder die Konterrevolution.

Was war zu tun angesichts dieses drohenden Zusammenbruchs? Das Zentralkomitee schickte Stalin als Mitglied des Revolutionären Kriegsrats an die Südfront.

"Man braucht heute", schreibt Manuilski, "nicht mehr die Tatsache zu verschweigen, dass Stalin vor seiner Abreise dem Zentralkomitee drei Bedingungen stellte: 1. Trotzki hat sich nicht um die Südfront zu kümmern und soll bleiben wo er ist. 2. Von der Südfront soll sofort eine Reihe von Mitarbeitern abberufen werden, die Stalin für unfähig hält, die Ordnung in der Armee wiederherzustellen. 3. Es sollen sofort andere, von Stalin ausgewählte und für diese Aufgabe geeignete Mitarbeiter an die Südfront geschickt werden. Diese Bedingungen wurden en bloc angenommen."

Aber diese riesige Kriegsmaschine, die man Südfront nannte, erstreckte sich von der Wolga bis zur polnisch-ukrainischen Grenze und umfasste Hunderttausende von Soldaten am Südrande des Landes. Um einen solchen Apparat handhaben und in Bewegung setzen zu können, brauchte man einen präzisen Operationsplan, musste man die Aufgaben der Front klar formulieren. Nur so, nur indem man den Truppen genaue Ziele gab, konnte man die Kräfte umgruppieren, sie ins Gleichgewicht bringen .und sie im richtigen Moment auf den richtigen Platz werfen.

Stalin fand eine in Verwirrung und Zersetzung begriffene Front vor. Eine verzweifelte Gewitterstimmung lag über den Truppen. Die Rote Armee der Republik war auf der entscheidenden Linie: Kursk-Orel-Tula geschlagen. Der Ostflügel trat tatenlos auf der Stelle.

Was war zu tun? Es gab einen Operationsplan, den der Oberste Kriegsrat im September des Vorjahres aufgestellt hatte. Der Plan sah eine große Offensive auf dem linken Flügel, von Zarizyn aus über Noworossisk durch die Dons steppen vor.

Stalin stellte zunächst fest, dass dieser Plan seit September unverändert geblieben war: "Die Offensive muss durch die Gruppe Korin durchgeführt werden mit dem Ziel, den Feind am Don und Kuban zu vernichten."

Stalin studiert den Plan, durchdenkt ihn, begutachtet ihn und ist der Meinung, dass er nichts taugt. Dass er nichts mehr taugt. Er war gut vor zwei Monaten, aber die Verhältnisse haben sich geändert. Man muss etwas anderes finden. Stalin sieht es und schickt neue Vorschläge an Lenin . Lesen wir diesen Brief, dieses historische Dokument, welches ebenso sehr die Lage an der riesigen Südfront wie den entschlossenen Klarblick des Mannes beleuchtet, der ihn geschrieben hat:

"Vor zwei Monaten war der Oberste Rat im Prinzip damit einverstanden, dass der Hauptangriff von Westen nach Osten durch das Donezbecken geführt werden sollte. Wenn dieser Plan nicht durchgeführt worden ist, so infolge der neuen Lage, die durch den Rückzug der Truppen aus dem Süden während des Sommers, d. h. durch eine spontane Umgruppierung der Südwestfront entstanden ist, Diese Umgruppierung brachte einen großen Zeitverlust, der Denikin zugute kam. Aber jetzt ist die Lage und mit ihr die Dislokation der Truppen eine vollkommen andere. Die VIII. Armee (eine der Hauptkräfte der alten Südfront) ist vorgerückt und steht vor dem Donezbecken. Budjonnys Reiterarmee (eine andere Hauptkraft) ist ebenfalls vorgerückt. Eine neue Kraft ist dazugekommen: die lettische Division, die in einem Monat nach ihrer Reorganisation wieder eine Bedrohung für Denikin darstellen wird... Wer zwingt den Obersten Rat, den alten Plan beizubehalten? Das kann nur der verstockte, verworrene und für die Republik äußerst gefährliche Fraktionsgeist sein, der im Obersten Rat von dem ,Oberstrategen' (Anspielung auf Trotzki.) kultiviert wird.

Vor einiger Zeit hat der Oberste Rat Korin Direktiven gegeben, durch die Donsteppen auf Noworossisk vorzurücken, d. h. auf einem Weg, der sich vielleicht für unsere Flieger eignet, aber auf dem man unmöglich unsere Infanterie und Artillerie vorwärts bringen kann. Es ist ein Kinderspiel, zu zeigen, dass dieser unsinnige Vormarsch durch feindlich gestimmtes Gebiet auf völlig unwegsamen Straßen zu einer vollkommenen Katastrophe zu werden droht. Es ist leicht zu verstehen, dass dieser Marsch durch die Kosakendörfer, wie es schon vor kurzem geschehen ist, die Kosaken zur Verteidigung ihrer Dörfer gegen uns auf die Seite Denikins treiben muss und Denikin unvermeidlich Gelegenheit geben wird, sich als Retter des Don aufzuspielen, d. h. nur der Stärkung Denikins dienen kann. Aus diesem Grunde muss sofort, ohne eine Minute zu verlieren, der alte, in der Praxis schon überholte Plan aufgegeben und durch den einer zentralen Attacke auf Rostow über Charkow und das Donezbecken ersetzt werden. Auf diese Weise werden wir uns erstens nicht nur nicht in einem uns feindlichen Gebiet befinden, sondern im Gegenteil in einem mit uns sympathisierenden, was unseren Vormarsch erleichtert. Zweitens werden wir eine für uns wichtige Eisenbahnlinie (Donezlinie) und den Haupttransportweg für die Verpflegung Denikins, die Linie Woronesh-Rostow, in die Hand bekommen. Drittens werden wir die Armee Denikins in zwei Teile spalten, von denen der eine, die ,Freiwilligen', mit Machno zu tun haben wird, und werden die Etappe der Kosakenarmee bedrohen. Viertens bekommen wir die Möglichkeit, die Kosaken in Gegensatz zu Denikin zu bringen: wenn wir erfolgreich vorstoßen, wird Denikin versuchen, die Kosaken nach Westen zu treiben, was diese in ihrer Mehrzahl verweigern werden. Fünftens bekommen wir Kohle, während Denikin ohne sie bleibt. Man muss diesen Plan ohne Zögern annehmen ... Zusammenfassend: der alte, von den Ereignissen schon überholte Plan darf auf keinen Fall wieder aufgenommen werden. Das wäre eine Gefahr für die Republik, das würde die Position Denikins bestimmt stärken. Man muss einen anderen Plan aufstellen. Die Bedingungen und Umstände sind nicht nur reif dafür, sondern sie fordern auch gebieterisch eine solche Änderung... Andernfalls hat meine Tätigkeit an der Südfront keinen Sinn mehr, sie wird verbrecherisch, unnütz. Das gibt mir das Recht, oder macht es vielmehr für mich zur Pflicht, anderswohin zu gehen, gleichgültig wohin, selbst zum Teufel, aber nicht hier zubleiben. Ihr Stalin."

Das Zentralkomitee nahm den Plan Stalins ohne Zögern an. Lenin sandte dem Generalstab der Südfront den eigenhändigen Befehl, die früher gegebenen Anweisungen aufzuhalten. Die Hauptoffensive wurde in der Richtung Charkow-Donezbecken-Rostow geführt. Man weiß, was dann kam. Die Armeen Denikins wurden ans Schwarze Meer getrieben. Die Ukraine und der Nordkaukasus wurden von den weißen Garden befreit. Die Revolution gewann den Bürgerkrieg.

Die stets so schnellen und so umfassenden Erfolge Stalins muten fast wie Wunder an. Wunderbar und ganz außenordentlich ist tatsächlich eine so vollkommene Vereinigung aller schöpferischen Elemente des Realismus - im Gedanken und in der Aktion - bei einem einzigen Menschen. Der wahre Realpolitiker muss den scharfen Blick für Unterscheidungen besitzen, muss den Mut haben auszusprechen, dass der längste Weg manchmal der kürzeste ist, und muss die Macht besitzen, den Gang der Dinge auf die notwendige Bahn zu zwingen.

Eines der Ergebnisse der vorübergehenden Anwesenheit Stalins an der Südfront war auch die Schaffung der Reiterarmee, die bei der endgültigen Vertreibung der Weißen eine so große Rolle gespielt hat. Es gelang Stalin durch seine Hartnäckigkeit in dieser Frage eine Auffassung durchzusetzen, mit der zuerst selbst ein Teil des Revolutionären Kriegsrates - desjenigen der Südfront in erster Reihe -- nicht einverstanden war. Ihm verdankt man auch eine wesentliche Änderung der militärischen Taktik: den Einsatz der Stoßtruppen. War die Hauptrichtung der Operationen einmal festgelegt, so sollten sofort die besten Einheiten konzentriert werden, um einen ersten schlagenden Erfolg zu erreichen.

Neben dieser Strategie der direkten Aktion verlor Stalin auch das Gesamtsystem der militärischen Organisation und die Notwendigkeit, alle Maßnahmen harmonisch diesem Gesamt System einzuordnen, nicht aus dem Auge. Im Januar 1919 hatte er gemeinsam mit Dsershinski geschrieben: "Die Armee kann nicht als eine auf sich selbst gestellte und vollkommen autonome Einheit handeln. In ihren Aktionen hängt sie vollkommen von den Nachbararmeen und vor allem von dem Obersten Kriegsrat der Republik ab. Selbst die kampffähigste Armee kann unter den besten Bedingungen infolge einer falschen Direktive aus dem Zentrum und mangelnden Kontaktes mit den Nachbararmeen geschlagen werden. Man muss an den Fronten eine strenge Zentralisation der Tätigkeit der verschiedenen Armeen für die Verwirklichung ernst durchdachter und bestimmter strategischer Direktiven erreichen. Willkür und Leichtfertigkeit bei der Ausarbeitung der Direktiven, ohne ernstes Studium aller Gegebenheiten, oder plötzliche Änderungen in den Direktiven, oder mangelnde Präzision (und das kommt bei dem Revolutionären Kriegsrat nicht selten vor) machen die Armeeführung unmöglich."

Vergessen wir nicht, da wir einmal vom Kriege sprechen, dass auf dem 3. Parteitag Stalin für den Gedanken einer "anderen Armee" eintrat, einer regulären Armee mit strenger Disziplin und politischen Sektionen als Kader.

Der Bürgerkrieg brach plötzlich von neuem los durch das Auftreten Wrangels, dieses größenwahnsinnigen und gierigen Abenteurers; er schwamm in Geld, Soldaten und Munition dank der Hilfe Frankreichs und Englands, die um jeden Preis als Komplizen der russischen Weißgardisten und Wiederhersteller des Knuten- und Sklavenregimes aufzutreten für nötig fanden.

Wrangel verkündete urbi et orbi den Beginn eines polnischen Feldzuges und rückte von der Krim aus drohend gegen das kaum befreite Donezbecken und damit gegen den ganzen Süden vor.

Der erste Gedanke des Zentralkomitees war, wieder Stalin einzusetzen. Der Beschluss vom 3. August 1920 lautet: "Angesichts der Erfolge Wrangels und der Aufstände im Kubangebiet muss die Wrangelfront als außerordentlich bedeutend betrachtet und als selbständige Front behandelt werden. Stalin wird beauftragt, dort einen Revolutionären Kriegsrat zu bilden. Alle unsere Kräfte werden an diese Front geworfen. Im Einverständnis mit dem gemeinsamen Vorschlag des Obersten Kriegsrates und Stalins werden Jegorow und Frunse zu Kommandeuren der Front ernannt." Lenin teilt Stalin mit: "Das Politbüro hat soeben die Fronten neu eingeteilt, so dass Sie sich ausschließlich mit der Front gegen Wrangel beschäftigen können."

Stalin organisierte die neue Front. Für kurze Zeit musste er die Arbeit verlassen, da er erkrankte. Aber er war als Mitglied des Revolutionären Kriegsrates der Südwestfront während des polnischen Feldzuges auf seinem Platz. Die Zurückwerfung der polnischen Armee, die Befreiung Kiews und der Ukraine, der tiefe Vorstoß nach Galizien sind im weiten Umfange Ergebnisse seiner Leitung. Er ist der Vater des Gedankens des berühmten Durchbruches der ersten Reiterarmee.

Nach dem Zusammenbruch der polnischen Front, der fast vollkommenen Vernichtung der III. Polnischen Armee vor Kiew, der Einnahme von Berditschew und Shitomir und dem Vorstoß der ersten Reiterarmee in der Richtung auf Kowno können die roten. Truppen zur Generaloffensive übergehen. Aber die Niederlage der Roten vor Warschau, wo ihnen die vereinigten polnisch-europäischen Kräfte entgegentraten, entzog der Kavallerie, die schon bis auf 10 km vor Lemberg gekommen war, den Boden.

Für seine meisterhaften Leistungen bei der Wiederherstellung der Lage an den umstrittensten und gefährdetsten Stellen der Front ist Stalin während des Bürgerkrieges zweimal mit dem Rote-Fahne-Orden ausgezeichnet und zum Mitglied des Obersten Kriegsrates der Republik ernannt worden (dem er von 1920 bis 1923 angehört hat).

Man sagt "Bürgerkrieg", aber dieser Ausdruck ist eigentlich nicht exakt. Die russische Revolution wurde angegriffen nicht nur von den Weißen, sondern auch von den Großmächten. Die Rote Armee hatte die Soldateska und Generalstäbe des alten Zarenreichs, Frankreichs und Englands, aber auch Japans, Amerikas, Rumäniens, Griechenlands und anderer Länder gegen sich.

Die imperialistischen Großmächte haben sich nicht begnügt, die Führer der weißen Banden (die offiziell einer nach dem anderen von der französischen Regierung anerkannt wurden) ganz offen mit Geld, Mannschaften und Offizieren zu unterstützen. Vielmehr haben in dieser Periode, wo der Weltkrieg beendet und der Frieden geschlossen war, französische und. englische Truppen, 'als Nachfolger der deutschen Truppen,. gegen jedes Kriegs- und Menschenrecht Rußland besetzt, mit Füßen getreten und gebrandschatzt, Einwohner niedergemetzelt, Führer erschossen, planmäßig Industriegebiete zerstört und friedliche Städte bombardiert. Die deutsche Armee hatte Rußland die baltischen Gebiete und Finnland entrissen. Die Verbündeten haben ihm Polen wieder fortgenommen und haben mit großzügigen Ergänzungen einen unabhängigen Staat daraus gemacht, nicht um der schönen Augen Polens willen, sondern um einen Pufferstaat gegen Rußland zu schaffen. Und sie haben ihm Bessarabien gestohlen, um damit, unter Missachtung der bessarabischen Bevölkerung, Rumänien zu bezahlen. Alles das ist geschehen während England und Frankreich sich überhaupt nicht im Kriegszustand mit Rußland befanden. Diese militärische Intervention war ein allgemeines konterrevolutionäres Unternehmen. Es war nicht nur die Rache für den Separatfrieden. (Vergessen wir nicht, dass als erste nicht die Bolschewiki, sondern die von Deutschland und den Alliierten zugleich unterstützten nationalistischen Ukrainer den Vertrag von Brest-Litowsk unterschrieben haben.) Es sei noch einmal gesagt, dass in Brest-Litowsk Sowjetrußland als Verteidiger der Gerechtigkeit und des Menschenrechtes gegen eine perfide imperialistische Raubpolitik, deren furchtbare Folgen wir heute zu tragen haben, aufgetreten ist. Was das "freie England" und das "Frankreich der großen Revolution" vor allem zur Intervention bewog, war, dass sie sich nicht mit einer antikapitalistischen Revolution abfinden konnten und es für ihre Pflicht hielten, mit allen verfügbaren Mitteln diesen Alpdruck - eine freie Volksregierung mitten in Europa - zu beseitigen.

(Herr Rene Pinon, ein rechter Schriftsteller, hat sich zum Anwalt der französischen Regierung für den unerhörten Skandal der Entsendung eines französischen Geschwaders und einer Infanteriedivision in das Schwarze Meer im Jahre 1919, dieser groben Einmischung mit bewaffneter Hand ohne Kriegserklärung in die Angelegenheiten eines fremden Volkes gemacht. Herr Pinon versichert, dass "diese Intervention nicht eigentlich eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates darstellte", dass sie "jenseits solcher Überlegungen stand, und dass es sich darum handelte, ein Land und zugleich die ganze Welt von einer sozialen und allgemeinen Gefahr zu befreien..."

Das ist wohl der Höhepunkt des Jesuitismus der Reaktion!)

Die Intervention der Alliierten, die Rußland Länder entreißen sollte, denen die Oktoberrevolution neue Formen des sozialen Lebens gegeben hatte, war wesentlich konterrevolutionär: den besten Beweis dafür liefert die Zusammenarbeit der deutschen Baltikumtruppen (v. d. Goltz-Rosenberg) mit den Truppen der Alliierten.

...Aber schließlich wurde auch der letzte Rest Rußlands von der Konterrevolution befreit.

Die Eigenschaften, die Stalin unter diesen außergewöhnlichen Umständen an den Tag legte, konnten niemanden verwundern, der diesen Mann kannte. Er hat auf einem neuen Tätigkeitsgebiet einfach die Kräfte und persönlichen Fähigkeiten, die wir schon an ihm kennen, zur Anwendung gebracht: schnellen und sicheren Blick; Erkennen der entscheidenden Punkte einer gegebenen Situation; intuitives Erkennen der wahren Ursachen und der notwendigen Folgen jedes beliebigen Vorganges und seiner Rolle im Gesamtbild; Abscheu vor Unordnung und Verworrenheit; unbeugsame Hartnäckigkeit bei der Vorbereitung, Schaffung und Koordinierung aller Vorbedingungen, die zur Verwirklichung eines einmal durchdachten und aufgestellten Planes notwendig sind.

Der Führer, der die Praxis der Verwirklichung so tief und so vollkommen erfasste, war streng und selbst brutal gegenüber Unfähigen, unerbittlich gegenüber Verrätern und Saboteuren. Aber man kann eine ganze Reihe von Fällen anführen, wo er mit aller Energie zugunsten von Leuten eintrat, die ihm mit ungenügenden Beweisen beschuldigt erschienen, wie z. B. Parchomenko, der zum Tode verurteilt war, und dessen Befreiung er durchsetzte.

In solchen Zeiten, wo die Völker hin und her geworfen werden, wo jeder alles einsetzt, wo die Verantwortung, ob man will oder nicht, in alle Poren dringt - in solchen Zeiten wird der Preis des Menschenlebens und das Recht, sich seiner für eine Sache zu bedienen, zum Problem.

Man muss dieses Problem im Lichte des Sozialismus betrachten. Im kapitalistischen Regime, gegenüber dem autoritären Imperialismus, wäre das nicht notwendig. Es liegt zu sehr auf der Hand, dass der imperialistische Kapitalismus auf dem Prinzip der Verachtung des Menschenlebens beruht: die durch Gewalt erzwungenen Handelsbeziehungen, militarisierte Zölle, das System der Meistbegünstigung, zum System erhobener Krieg - individueller wie kollektiver. Die Kolonien sind einem hochrentablen Zuchthausregime unterworfen. Die Kolonisatoren machen die schwachen Eingeborenen zu Gefangenen, beschlagnahmen ihren Grund und Boden, und der Eingeborene wird zum Feind und Haustier: man unterjocht ihn, man rottet ihn aus, man verurteilt ihn zu Zwangsarbeit, und wenn er seine Freiheit verlangt, richtet man ihn hin: Belgisch-Kongo, Morokko, Französisch-Westafrika, Indien, Indochina, Java ... Und im übrigen führt man Kriege, die sichtbare Löcher in die Menschheit reißen, zum Nutzen irgendeiner, durch eine Handvoll "Persönlichkeiten" vertretenen, national-internationalen Firma.

Im Gegensatz hierzu dient das sozialistische System dem Interesse der Menschen. Durch eine gerechte und planmäßige Organisation aller strebt es zur maximalen Verbesserung der Lage jedes einzelnen. Der Sozialismus ist, könnte man sagen, das "menschliche" System par excellence.

Die Rücksicht auf das Menschenleben steht also vor den Bolschewiki - diesen wahrhaften Sozialisten unserer Zeit - als äußerst ernste und schwere Frage. Und sie stellen sich diese Frage selbst.

Sie sagen: Gerade aus Rücksicht auf das Menschenleben muss man imstande sein, gewissen Menschensorten die Möglichkeit zu nehmen, Schaden anzurichten. ("Strafe" wäre hier nicht das richtige Wort; um das Recht in Anspruch nehmen zu können, sich auf die übernatürliche Idee der Sühne zu berufen, müsste es einen persönlich eingreifenden Gott geben.) Und wirklich, man kann eine Kreatur vernichten, um tausende, hunderttausende zu retten, um die Zukunft zu retten und um eine bessere Welt zu bauen, wo der Mensch nicht mehr Instrument oder Opfer des Menschen sein wird.

Viktor Hugo hat in seinem groß angeregten Roman "Die Elenden" mit der ihm eigenen Übertreibung aber auch mit dem umfassenden Weitblick, der das Richtige trifft, von der französischen Revolution gesagt: "Von ihren härtesten Schlägen geht eine Zärtlichkeit für das Menschengeschlecht aus." Wenn diese lyrische Behauptung für die Rumpfrevolution von 1789, die die Bourgeoisie zum Herren des 19. Jahrhunderts machte, zweifelhaft geworden ist, so hat sie ihre volle Geltung für die umfassende Revolution, die die Männer des Oktober mit festen aber reinen Händen durchgeführt haben.

Man hört häufig: "Jede Revolution ist blutig, deshalb will ich nichts von der Revolution wissen, denn ich, ich habe ein empfindsames Herz." Die konservativen Leute, die so sprechen, beweisen, soweit sie nicht Komödie spielen, eine klägliche Kurzsichtigkeit. Stehen nicht wir alle, die wir nicht im Sowjetland leben, mitten in einem Meer von Blut? Man braucht sich nur umzusehen, um das zu erkennen. Aber die meisten Menschen tun es nicht, sie sind unfähig, die Leiden der anderen zu erkennen. Sie beurteilen die Revolution nicht vom Standpunkte des Wohls, das sie den Menschen bringt, sondern vom Standpunkte der ärgerlichen Störung, die sie. für ihr wertes Privatleben bedeutet.

Menshinski, der kürzlich verstorbene Chef der GPU, hat mir lange auseinandergesetzt, wie absurd es ist, der politischen Partei, die die Geschicke der Sowjetunion lenkt, prinzipielle Grausamkeit oder Mangel an Achtung vor dem Menschenleben vorzuwerfen, dieser Partei, deren Ziel die Solidarität aller Schaffenden auf Erden und die friedliche Arbeit ist... Und er hat mir wirklich gezeigt, wie die revolutionäre Polizei, diese Schwester der Arbeitermassen, jede Gelegenheit benützt, um Gefangene, nicht nur kriminelle (in dieser Hinsicht geht die Geduld und Nachsicht der Bolschewiki bis an die Grenze des Vorstellbaren), sondern auch politische "wieder auf den Weg zu bringen", zu "heilen". Die Kommunisten gehen von dem doppelten Grundsatz aus, dass die kriminellen Verbrecher Leute sind, die sich im Irrtum über ihre eigenen Interessen befinden und ihr Leben verpfuschen; es kommt nur darauf an, ihnen das zu zeigen; und dass die Feinde der proletarischen Revolution (soweit sie ehrlich sind) ebenfalls Leute sind, die sich irren, und dass es ebenfalls möglich ist, es ihnen zu zeigen. Aus diesem Grunde haben die Gefängnisse auf der ganzen Linie die Tendenz, sich in Schulen zu verwandeln.

Das Problem der Repression wird also zur Frage des für den allgemeinen Fortschritt notwendigen Minimums. Dieses Minimum soll nicht überschritten werden. Man darf aber auch nicht hinter ihm zurückbleiben; man würde sich in beiden Fällen schuldig machen. Wer Mörder schont, ist selbst ein Mörder. Es kommt auf die wahre Güte, es kommt darauf an, die ganze Zukunft einzubegreifen.

Wenn die russische Revolution zur großen Freude einiger milder Idealisten sich darauf eingelassen hätte, mechanisch zu verzeihen und sich nicht der Waffen zu bedienen, mit denen man sie angriff, so hätte sie sich dieser Beschäftigung nicht lange widmen können. Sie wäre von Frankreich, England und Polen erdrosselt worden. Man hätte den Zaren und die Weißen nach Petrograd zurückgebracht. Wenn das Werk der Revolution bestehen geblieben ist und schon einen leuchtenden Schein in die Zukunft wirft, so deshalb, weil sie ohne Schwäche und ohne Gnade das ganz abscheuliche Netz von Verrat, Verschwörungen. Dolchstößen in den Rücken, vernichtet hat, alle die Machenschaften der Weißgardisten, imperialistischen Spione, Diplomaten und Polizisten, Saboteure, Sozialrevolutionäre, Anarchisten, nationalistischen Menschewiki, der mehr oder weniger vorn Ausland unterstützten entarteten "Oppositionäre", dieser ganzen Bande, die sich voller Wut auf jene gestürzt haben, die die Freiheit der Arbeit und die Menschenwürde auf den Schild 'heben.

In der Antwort, die Stalin vor einiger Zeit (Ende 1931) auf die Frage eines Interviewers über die "strenge und unbeugsame Haltung der Sowjetregierung im Kampfe gegen ihre Feinde" gegeben hat, hat er gesagt:

"Als die Bolschewiki zur Macht gekommen waren, sind sie ihren Gegner zuerst mit Milde begegnet. Die Menschewiki existierten legal weiter und ließen eine Zeitung erscheinen. Ebenso die Sozialrevolutionäre. Sogar die Kadetten (Konstitutionelle Demokraten) publizierten ihre Zeitung. Als der General Krassnow seinen konterrevolutionären Marsch auf Petrograd durchführte und in unsere Hände fiel, hätten wir ihn nach allen Kriegsregeln mindestens als Gefangenen behalten können. Eigentlich hätten wir ihn erschießen müssen. Aber wir haben ihn ,auf Ehrenwort' in Freiheit gesetzt. Wozu hat das geführt! Man hat bald gesehen, dass solche Milde die Sowjetmacht untergrub: Wir haben einen Fehler begangen, als wir die Feinde der Arbeiterklasse mit soviel Nachsicht behandelten. Hätten wir diesen Fehler später wiederholt, so wäre das ein Verbrechen an der Arbeiterklasse gewesen, wir hätten ihre Interessen verraten. Das war bald für alle Welt klar. Wir konnten in der Tat feststellen, dass unsere Feinde auf jeden Beweis von Nachsicht von unserer Seite mit einer Steigerung ihres Kampfes gegen uns antworteten. In kurzer Zeit organisierten die Sozialrevolutionäre, Gotz und andere, und die rechten Menschewiki in Petrograd den Aufstand der Offiziersschüler, was dazu führte, dass wir viele von unseren revolutionären Matrosen im Kampfe verloren. Derselbe Krassnow, den wir ,auf Ehrenwort' freigelassen hatten, ging hin und organisierte die weißen Kosaken gegen uns. Er verbündete sich mit Mamontow und führte zwei Jahre lang den bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht. Es war mehr als klar, dass wir uns geirrt hatten, als wir uns zu milde zeigten."

Ich füge hinzu, was Stalin mir selbst vor sieben Jahren über den so genannten "roten Terror" gesagt hat. Er sprach von der Todesstrafe: "Wir sind ganz natürlich Anhänger der Abschaffung der Todesstrafe. Wir glauben übrigens, dass wir sie im Innern der Union nicht werden aufrechterhalten müssen. Wir würden sie längst abgeschafft haben, wenn es nicht die Welt um uns herum gäbe, die anderen, die imperialistischen Großmächte; sie sind es, die uns zwingen sie aufrechtzuerhalten, um unsere Existenz zu sichern."

Stalin spielte damit auf die Fülle von zynischen öffentlichen Attentaten und von hinterhältigen geheimen Anschlägen an, deren Opfer die Sowjetunion von seiten der "großen Außenpolitik" des vereinigten Bourgeois-Reiches war, dieser Politik, die, wie aus geheimer Wahlverwandtschaft, immer im Bündnis mit den schlimmsten Feinden der russischen Revolution auftritt. Wer das Recht zu schlagen hat, muss kräftig schlagen.

(Heute, Ende 1934, öffnet die französische Diplomatie weit ihre Arme, und die Sympathie für die Sowjets ist, aus Gründen des europäischen Gleichgewichts, die neueste Mode bei uns. Dieses Spiel an der Oberfläche der großen Politik des Kapitalismus möge niemand täuschen ... Immerhin erlaubt dieser Zustand im gegenwärtigen Augenblick dem französischen Publikum, objektiv mehr als früher die Wahrheit über die russische Revolution und ihre Folgen zu sagen und das wenigstens ist ein sicherer Gewinn.)

                

(zurück zur Startseite)