Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

III

Nationale Probleme

Unmittelbar nach den "Oktobertagen" wurde Stalin zum Volkskommissar für Nationalitätenfragen ernannt (er sollte diesen Posten bis zum Jahre 1923 innehaben).

Das Problem der Nationalitäten: die Einheit der Verschiedenheiten.

Vor etwa 10 Jahren hat Stalin bei einer feierlichen Gelegenheit erklärt: Wenn der erste Grundpfeiler der Sowjetrepublik das Bündnis zwischen Arbeiter und Bauern ist, so der zweite Grundpfeiler das Bündnis der verschiedenen Nationalitäten: Russen, Ukrainer, Baschkiren, Weißrussen, Georgier, Aserbeidshaner, Armenier, Daghestaner, Tataren, Kirgisen, Usbeken, Tadshiken, Turkmenen.

Nach der Zerstörung der zwei Reiche des alten Rußlands - des zaristischen, das drei Jahrhunderte, und des bürgerlichen, das sechs Monate bestanden hat - konnte Stalin für alle und in erster Reihe für die führenden Köpfe, für Lenin und das Zentralkomitee, als einer der qualifiziertesten Theoretiker und Praktiker der Nationalitätenfrage gelten. Und man betrachtet ihn auch heute in der Union als denjenigen, der diese Frage am besten kennt.

Kernproblem der Revolution - es handelt sich im besonderen um das Skelett des neuen Staates und im allgemeinen um das geographische Skelett des Sozialismus - hat die Nationalitätenfrage Bedeutung nicht nur für die in klaren Linien gezeichnete Karte Rußlands, sondern für die zerkästelte und gesprenkelte Karte der Welt.

Wir im Westen sagen oft: "Die Russen", wenn wir von den Bürgern der Nation sprechen, die den 8000 Kilometer langen Streifen der Erdoberfläche zwischen Polen und Alaska bewohnt. Aber das ist nur eine summarische, abgekürzte, sozusagen symbolische Ausdrucksweise. Denn Rußland ist nur eines der Länder, die die UdSSR bilden. Nicht eine Provinz: ein Land, eine Republik. Außer Rußland gibt es auf den 2 Milliarden Hektar der Union an die hundert kleiner Länder und verschiedener Völkerschaften, die jetzt, nachdem sie einst wahllos der Hausmacht des im Kreml sitzenden russischen Herrscherhauses einverleibt worden waren, zu einer Föderation zusammengeschlossen sind. Rußland im eigentlichen Sinne ist nur die bedeutendste dieser Nationen und in einer russischen Stadt befindet sich das Verwaltungszentrum des Riesenterritoriums: ein Verwaltungszentrum muss man schon haben, um sich verwalten zu können. Aber der Georgier ist ein Georgier. Der Ukrainer ein Ukrainer. Sie sind nicht mehr Russen als du und ich.

In der Zarenzeit wurden diese Gebiete und Völkerschaften, die mit Gewalt annektiert worden waren, ebenso mit Gewalt im Schoße der Nation gehalten, und "Nation" bedeutete damals - brutal verteidigt - Rußland. Russifizierung, Entnationalisierung, russischer Anstrich von der Struktur bis zur Mentalität: Die Grenzen mit Militärstiefeln zertreten, die nationale Sprache von der russischen Sprache lärmend übertönt. Es handelte sich, wie wir schon im Vorbeigehen an Georgien gesehen hatten, für die Petersburger und Moskauer Zentralgewalt, für den mit goldenen Tressen beladenen heiligen Mann, der aus dem obersten Schloss das Zepter über "alle Reußen" schwang, darum, die kolonisierten fremden Völkerschaften in eine neue Haut zu stecken. Von ihm gingen die zersetzenden Gesetze aus, die bestimmt waren, die völkische Originalität der Nationalitäten aufzulösen - bis aufs Blut.

Diese Nationalitäten leben heute unter einem ganz anderen Regime, das die logische Folge der sozialistischen Prinzipien ist. Diese Prinzipien, die seit der Schaffung des Arbeiter- und Bauernstaates die Lösung eines Problems regeln, das die Grundlage der Weltzivilisation ist, und die dieses Problem durch greifbare Verwirklichungen im nationalen Rahmen auf die Höhe einer internationalen Frage heben - diese Prinzipien hatten und haben einen vor allen berufenen Interpreten: Stalin. Wir haben hier eines seiner bedeutendsten "Spezialfächer" vor uns, und die anderen Sowjetspezialisten auf diesem Gebiet erkennen an, "dass sie ihre Kenntnisse vor allem der Lektüre der Artikel Stalins verdanken, die im Laufe der Jahre vor dem Kriege in der Zeitschrift ,Prosweschtschenije' (,Bildung`) erschienen".

Die instinktive Opposition gegen den Russen, die Angst vor der Diktatur Rußlands (selbst im Rahmen des Sozialismus) war, wie wir gesehen haben, kennzeichnend für die erste Phase der Geschichte der revolutionären Propaganda im Innern des zusammengewürfelten Kontinents, den das russische Zarenreich bildete. Auch nach der Gründung der Partei waren nationale und nationalistische Strömungen am Werke, um Zwiespalt zwischen den Arbeitern zu säen und eine Stimmung des allgemeinen Misstrauens gegen das russische Proletariat zu schaffen.

Schon im Jahre 1905 hatten die polnischen und litauischen Arbeiter - damals russische Untertanen - ihre eigenen sozialdemokratischen Parteien, die der SDAPR nicht angeschlossen waren. Dasselbe galt für viele jüdische Arbeiter, die im "Jüdischen Arbeiterbund", kurz "Bund" genannt. organisiert waren.

Erst auf dem 4. Parteitag der SDAPR, der 1906 in Stockholm tagte, erfolgte der Anschluss der litauischen und der polnischen Partei und des Bundes an die russische Partei. Aber die heftigen zaristischen Verfolgungen, die nach der Revolution 1905 einsetzten, brachten eine solche Wiederbelebung der separatistischen Tendenzen bei den Nationen und Natiönchen mit sich, dass diese Opposition beinahe mechanisch zu einer neuen Abspaltung des Proletariats der verschiedenen Nationen vom russischen Proletariat führte.

Die Grundprinzipien des Programms und der Taktik der Partei in der nationalen Frage, die im Laufe des Jahres 1913 in Artikeln von Lenin und Stalin formuliert worden waren, wurden in einer Resolution im August 1913 einer Parteikonferenz vorgelegt.

Die wichtigsten Punkte dieses Programms waren folgende: Das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung vom zaristischen Rußland. Für diejenigen, die bereit waren an einer Föderation teilzunehmen, die die einzelnen Landesregierungen verband: territoriale Autonomie, Beseitigung des Russischen als der einheitlichen Staatssprache, das Recht auf die Landessprache (einschließlich der Sprache der Minoritäten), Beseitigung aller Form der nationalen (russischen) Unterdrückung.

So ordneten Lenin und Stalin durch Schaffung dieser marxistischen, so bewusst und so unentrinnbar in sich selbst konsequenten Lösung des Nationalitätenproblems, die auf die territoriale Auflösung des alten Reichs hinauslief, die nationale Frage durch grundsätzliche Klärung so in die revolutionäre Strategie und Taktik ein, dass es kein Entrinnen gab. Sie berücksichtigten im weitesten Maßstab und bis zum äußersten alle Möglichkeiten der Erhaltung der Einheit jeder ethnischen Gruppe innerhalb des "Rußland" genannten Gesamtkomplexes (die ethnische Autonomie wurde nicht nur als ein an sich zu berücksichtigender Faktor sondern als lebendiges und schöpferisches Element behandelt) ohne die Einheit des Ganzen aus dem Auge zu verlieren, die praktisch bedeutende Vorteile hat.

Die Einheit des Ganzen wurde übrigens konkret garantiert durch die Einheit des Systems der sozialistischen Organisationen, der politischen und der gewerkschaftlichen. Die Lenin sche und Stalinsche These, die Theorie und Praxis aufs engste verbindet und Idee und Aktion organisch zusammenschweißt - der Marxismus als angewandte Wissenschaft bedarf ständig des Erfinders, der im Kontakt mit der Realität steht und von ihr ständig vorwärtsgetrieben wird -, stand im scharfen Gegensatz zu der sozialdemokratischen, so genannten austromarxistischen These, die unter der Losung "nationale Kulturautonomie" bekannt ist. Die österreichischen Opportunisten traten im wesentlichen für die Bildung geschlossener nationaler Blocks ein, in die der Sozialismus sich eingliedern sollte. Daraus entstand ein sozialistischer Separatismus; auf dem Wege dieser ideellen Katasteraufnahme wurde der Sozialismus nationalisiert, anstatt dass der Nationalismus sozialisiert wurde. Man teilte den Sozialismus auf der ganzen Fläche des Zarenreiches in verschiedene Scheiben. Diese angebliche Vervollkommnung war das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgab, und Lenin und Stalin traten gegen sie auf. Die Teilung in Nationen und die Achtung vor den Grenzen auch auf das besondere und neue Gebiet des Sozialismus ausdehnen, hieß das Maß gefährlich überschreiten und das richtige Verhältnis zwischen der wünschenswerten Autonomie und der notwendigen Einheit zerstören. Das widersprach dem gesunden, konstruktiven Sinn des Marxismus.

In diesen Streit fuhren der erste Kehraus vom Februar und der Zusammenbruch der Dynastie hinein. Im April 1917 war es Stalin, der auf der Parteikonferenz der Bolschewiki über die nationale Frage referierte.

"Es genügt nicht, die formelle Gleichheit der Völker zu proklamieren. Das würde nicht mehr praktischen Erfolg haben, als die Proklamation der Gleichheit durch die französische Revolution." (Manuilski.) Man musste weiter und tiefer vordringen. Stalin schlug die Annahme der während der Zarenzeit aufgestellten Grundsätze vor. Seine Anschauungen stießen auf Widerstand: Pjatakow und eine Reihe anderer Teilnehmer an der Konferenz traten in längeren Reden gegen den Punkt auf, der von dem Recht der Unabhängigkeit der Nationen bis zur Lostrennung handelte, und dessen eventuelle Konsequenzen sie schreckten.

In einer juristischen Abhandlung über die Sowjetunion hat Miljukow gesagt, dass die angeschlossenen Staaten durch die für alle bestehende Möglichkeit, auszutreten, den Charakter juristischer Personen verlören, was sie daran hindere "irgendwelche internationale Verpflichtungen einzugehen". Das ist bisher noch nicht in Erscheinung getreten. Dagegen hat sich der gewaltige moralische Einfluss gezeigt, den dieses Fehlen jeden Zwangs gegenüber den der Union angeschlossenen Völkern gegeben hat.

Man muss besonders unterstreichen, wie sehr die Annahme dieser These über die Nationalitätenfrage, die in ihrer Großzügigkeit und ihrer sozialistischen Ehrlichkeit zweifellos kühn war, dem revolutionären Kampf gedient hat. Sie ermöglichte der bolschewistischen Partei vor den Arbeiter- und Bauernmassen als das zu erscheinen, was sie wirklich war, nämlich als einzige Partei, die konsequent gegen die zaristische nationale Unterdrückung kämpfte, welche von Kerenski mit Unterstützung der Menschewiki fortgesetzt wurde.

Der Ruf zur nationalen Befreiung, diese entfesselnde Losung, die sich zu der von der sozialen Befreiung, zu den Losungen "Friede, Land, Arbeiterkontrolle über die Produktion" gesellte und die sozialen und sozialistischen Ziele in eins zusammenschmolz, brachte die Vorbereitung der Oktoberrevolution einen entscheidenden Schritt weiter. Die Haltung der Bolschewiki in der nationalen Frage brachte ihnen die Sympathien aller ein, ohne, wie man hätte fürchten können, eine nationale Zerstückelung zur Folge zu haben. Wieder einmal trugen Weisheit, Weitblick und Kühnheit einen Triumph davon.

"Wenn wir über Koltschak und Denikin den Sieg haben erringen können", hat Stalin geschrieben, "so deshalb, weil wir die Sympathien der unterdrückten Völker für uns hatten." Nach dem Oktober, nach dem zweiten Kehraus, der in Osteuropa den demokratischen Zarismus der bürgerlichen Herrschaft hinwegfegte, war nichts natürlicher, als dass Stalin zum berufenen Leiter der Parteipolitik in der Nationalitätenfrage ernannt wurde.

Die Adresse an die Völker Rußlands war eine der ersten gesetzgeberischen Handlungen der Sowjetunion. Von Stalin entworfen und geschrieben setzte sie fest:

Die Gleichheit und Souveränität aller Völker des alten russischen Reichs. Das Recht der Selbstbestimmung bis zur Lostrennung und zur Bildung eines unabhängigen Staates. Die Aufhebung aller nationalen (von den Russen diktierten) und religiösen (von der griechisch-katholischen Kirche bestimmten) Einschränkungen und Privilegien. Freie Entwicklung für alle nationalen Minderheiten und Völkergruppen auf dem Territorium des alten Rußland.

Das bedeutete für die Nationen, die sich der Föderation anschlossen: einheitliche Ordnung ausschließlich auf administrativem Gebiet und ein Maximum der nationalen Entfaltung. Die Länder bildeten zusammen eine Gesellschaft auf der Basis gegenseitiger Unabhängigkeit.

Ein anderes grundlegendes Dokument, das im Jahre 1917 erschien und von Lenin und Stalin gezeichnet ist, wandte sich an alle muselmanischen Arbeiter, die innerhalb der Grenzen des ehemaligen europäisch-asiatischen Zarenreiches leben. Sie bildeten den zurückgebliebensten und am meisten unterdrückten Teil des so genannten "russischen" Volkes. Die Sowjetregierung kündigte an, dass sie eine ihrer ersten Aufgaben darin sehe, diese Völkerschaften,die zu Millionen in Tunkestan, Sibirien, im Kaukasus und an der Wolga verstreut leben, auf gleiche Höhe mit den übrigen Völkern zu bringen.

Verweilen wir einen Augenblick bei dieser großartigen, menschlichen und ethnisch gleichbedeutenden Neuregelung dieses verworrensten und tragischsten Problems der Neuzeit, indem wir daran denken, dass diese Neuregelung sich ebenso gut wie auf die Gebiete eines Landes, auch auf die Länder eines Kontinents und auf die ganze Welt anwenden lässt. Tragisch ist das Problem wirklich insofern, als die Frage der Beziehungen der Nationen untereinander - die Frage von Krieg und Frieden - bis heute den blutigen circulus viciosus der modernen Geschichte gebildet hat. Nach der landläufigen Auffassung sind Nationalgefühl und Frieden prinzipielle Gegensätze. Wer Nation sagt, sagt: Ausdehnung, sagt: Machthunger, sagt: Zerfleischung. Alle Beispiele zeigten, dass die Nationen übereinander hergefallen sind, sobald eine materielle Möglichkeit dafür bestand. Die Politik des individuellen Profits und des sozialen Konservatismus, die den Kapitalismus kennzeichnet, pflegt und verschärft systematisch die latente Katastrophe. Das traurige Ergebnis des geschichtlichen Prozesses der Zentralisation ist die Bildung von Blocks, bestehend aus einer Handvoll Ausbeuter und den Massen der Ausgebeuteten innerhalb diskutabler Landesgrenzen, von Blocks, die gegen die Massen der Nachbarländer gerichtet sind. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die Menschen sich eigentlich nach anderen Grundsätzen gruppieren sollten. Es ist nicht zu leugnen, dass auf der ganzen Erde der mörderische Kapitalismus die Menschheit heute in die Geometrie von Landesgrenzen gebannt hat. Der Widerstand gegen die Befreiung auf der Grundlage einer allgemeinen Einigung geht vor allem von dem künstlich kultivierten Nationalismus aus, der nacheinander die einzelnen Teile der Menschheit ergreift, und jedes Ländchen, jedes bewohnte Stückchen des Erdpuzzles mit ausschließlichem und explosivem Ehrgeiz vollpumpt. So besteht die Propaganda des Kapitalismus (in besonders erschreckender Weise in der heutigen Zeit, in der Konjunktur der sozialern Kämpfe, in die die Wirtschaftskrisen und die sich schnell verbreitenden verschiedenen Ideologien unsere Generation gestürzt haben) wesentlich darin, in den Massen den Nationalismus zu pflegen und zur Weißglut zu bringen, die "Vaterländer." in aggressiven Kriegszustand zu versetzen und die Neueinteilung der Welt ständig auf der Tagesordnung zu halten; diese krankhafte Geistesverfassung, die ständige Unruhe, gehört heute zu den Existenzbedingungen des Kapitalismus.

In dieser Lage haben die Männer des Oktober, die ihre Revolution auf einem Gebiet vollzogen haben, in dem die verschiedensten Völker und Länder im schärfsten Gegensatze einander gegenüberstanden (in einem schärferen Gegensatz als es bei den Vereinigten Staaten Amerikas der Fall ist, da, von den Georgiern bis zu den Samojeden. von der Ukraine bis zur Mongolei eine lange Tradition der Unterdrückung den Nationalismus oft auf die Spitze getrieben hatte), zum ersten Male in der Welt gezeigt, wie dieser althergebrachte und auf dem ganzen Planeten herrschende Antagonismus vernünftig und praktisch beseitigt werden kann: durch eine verständige Lösung, die die scheinbar einander ausschließenden Forderungen vereinigt und den Patriotismus nicht gegen, sondern in den Sozialismus stellt,.

Das große Geheimnis dieser Lösung besteht in der exakten Absonderung und Ordnung der zwei Grundtendenzen: der individuellen Freiheit und des Zusammenschlusses zur gegenseitigen Hilfe. Es kommt darauf an, jeder von ihnen, ohne sie durcheinander zubringen oder zu beeinträchtigen, ihr Tätigkeitsfeld und ihre Mittel zuzuweisen, so dass sie sich nebeneinander entwickeln können und nicht gegeneinander. Die völkische Eigenart, die sittliche und geistige Persönlichkeit des Kollektivs, die nationale Kultur, die Volksseele; alles was in den Sitten, in den Gebräuchen und im Folklore, in der künstlerischen und geistigen Produktion und selbst im Gefühl der Familienzusammengehörigkeit und der Familientradition zum Ausdruck kommt; alles was von der Muttersprache lebt (der Sprache, diesem elastischen Motor, der Geist und Herz der Völker antreibt und weiterbildet) - alles dies wird nicht nur erhalten, sondern bereichert, und nicht nur länderweise, sondern sogar - man geht noch näher an die Wirklichkeit heran - gebietsweise. Man könnte fast von einer übertriebenen Achtung vor den Besonderheiten der völkischen Minderheiten sprechen: sind wir nicht Zeugen, wie im 20. Jahrhundert Moskauer Gelehrte für kleine an den Grenzen des Reiches verlorene Minderheiten eigene Schrift schaffen und ihre tausendjährigen geistigen Traditionen sammeln und festhalten und ihnen so behilflich sind, nach ihren eigenen Gesetzen zu erwachen, neugeboren zu werden und zu wachsen? "Das geht zu weit, das ist Wahnsinn", sagen die kurzsichtigen Neunmalweisen, aber die Weitblickenden, wirklichen Weisen sind anderer Meinung.

Was die religiöse Tradition des Landes betrifft, die fast nie nationalen Ursprungs, sondern in der Mehrzahl der Fälle von außen herein getragen ist (Gott kommt aus der Fremde, wie der Zar und der russische Beamte), so lässt man sie auf sich beruhen. Sie wird sozusagen einfach der Zivilgesetzgebung unterworfen, mit der jede Irrlehre in jedem Land, das nach Bildung und Aufklärung strebt, in Konflikt kommt.

So, auf diesem ganzen, im eigentlichen Sinne völkischen Gebiet, befreit und selbständig gemacht, gehen die Kollektive und die Individuen andererseits untereinander verschiedene Bindungen ein. Welche? Bindungen administrativer, praktischer, physischer Art, die der Gesamtheit der angeschlossenen Einzelteile eine gesunde und kräftige Existenz sichern, die jedem von ihnen unmittelbar zugute kommt, gemeinsame Leitung im Heerwesen, in den Finanzen und in der Außenpolitik. Gemeinsame Verwaltung der natürlichen Reichtümer und Bodenschätze, Diese Verbindung garantiert jedem der Teile konkret und auf absehbare Zeit einen bedeutenden Gewinn. Eine solche Organisation erlaubt in der Tat gemeinsame Leistungen: gemeinsame Pläne für die Wirtschaft und die öffentlichen Arbeiten, Regelung des wirtschaftlichen Aufbaues unter stärkerer Berücksichtigung der zurückgebliebenen Teile, gerechtere und umfangreichere Verteilung der Produkte. Das bedeutet: eine Vervielfachung des Wohlstandes der Gesamtheit und des einzelnen im Rahmen eines mathematisch ausgeglichenen Gesamtplanes für die Entfaltung der kollektiven Tätigkeit. Und dazu: eine große, unmittelbar einsatzbereite militärische Verteidigungskraft, die ipso facto allen Staaten der Union, auch den schwächsten gleichmäßig zugute kommt.

Mit anderen Worten: Die Nationen sind unabhängig auf allen Gebieten, wo dafür ein ideelles Interesse besteht, und verbunden in allen Fragen, wo sie ein gemeinsames materielles Interesse haben, Auf diese Weise sind die zugleich grausamen und zerbrechlichen Bande, die einst unter dem tönenden und trügerischen Titel: "Vereinigung aller russischen Lande" das Reich zusammenhielten, auf der ganzen Linie durch ein System greifbarer Vorteile ersetzt.

Zwischen dem Moskowiter und dem Tataren, diesen zwei Fremden, gibt es wirklich Unterschiede; man legt sie frei, man pflegt sie, man fördert sie sogar. Man macht aus ihnen ein nationales Gesetz. Aber zwischen diesen zwei Peitschen gibt es Gemeinsames: gemeinsame Bedürfnisse, gleiche Ansprüche an das Leben, auf den Frieden und sogar Rechte auf gemeinsames Eigentum. Aus ihnen macht man ein allgemeines Gesetz. Unter diesem Gesichtspunkt betrachten die Zukunftmacher des Sowjetlandes die mit ethnischen Grenzen (wirklichen oder idealen) überzogene Karte der Länder. Zuerst ein unentbehrliches Minimum gemeinsamer Bindungen, um die Sicherheit und den Aufschwung des kollektiven Lebens zu garantieren; sodann das mögliche Maximum nationaler Entfaltung.

Angesichts einer Welt, wo der Völkerfrieden zur widersinnigen literarischen Formel geworden ist, und wo jede der 75 und mehr bestehenden Nationen - mehr oder weniger offen - nur danach strebt, auf Kosten der anderen zu leben; angesichts dieser Zustände ist das System der Sowjets, das mit dem neuen Ideal der sozialen Solidarität das alte Ideal vervollkommnet, indem es ihm die Waffen nimmt und an seine Stelle tritt, die ideale Lösung. Ganz zu schweigen von den neuen Quellen von Enthusiasmus, die bei dieser Neuordnung auf dem Kontinent (und eigentlich auf der ganzen Welt) erschlossen werden; von diesem Enthusiasmus, der so große Räume und so große Massen nach und nach in Harmonie versetzt und klar und einfach davon ausgeht, diese Harmonie auf die ganze bewohnte Erde auszudehnen.

Kann man etwas gegen diese Auffassung sagen, selbst wenn man das Land ihrer Verwirklichung auf dem Kontinent verlässt und sie aus großer Höhe betrachtet, aus der größten Höhe, zu der man sich erheben kann, ohne die Erde und die Epoche aus dem Auge zu verlieren (denn wer noch höher geht, kommt in die Regionen des platten und toten Ideals - der Heiligenbilder, der Zauberlampen und des Zungenredens)? Nein, man kann nichts Tiefes, nichts Ernstes dagegen sagen. Sich von ihr getroffen fühlen können in den großen Ländern nur jene größenwahnsinnigen Dunkelmänner, die da sagen: "Meine Rasse muss hier auf der Erde alle anderen Rassen beherrschen", und deren Nationalismus nichts anderes ist, als ein krankhafter Eroberungswahn. Und unter den kleinen Ländern können sich getroffen fühlen nur die besessenen Fanatiker, die sieh an dem Wort "Autonomie" berauschen, die eine absolute, mit den gebieterischen Forderungen der allgemeinen Solidarität unvereinbare, Isolierung allem anderen, selbst dem eigenen Aufstieg, vorziehen, eine Isolierung, die sie zwingt, kümmerlich und unwürdig dahinzuvegetieren, bis der Rachen irgendeines imperialistischen Monstrums sie verschlingt.

Denn für die schwachen und zurückgebliebenen Länder (und sie bilden in der Sowjetunion die Mehrheit) ist dieses System, unter welchem Gesichtswinkel man es auch betrachten möge, unvergleichlich vorteilhafter und intelligenter als das System der einfachen Unabhängigkeit: als Mitglieder der Föderation arbeiten die Nationen an einem gemeinsamen Werk mit und leben nach allem Ermessen miteinander in Frieden. Als einander fremde Nationen herrscht zwischen ihnen nicht Kooperation sondern Konkurrenz, die zwangsläufig in Antagonismus und Feindseligkeit übergeht mit all den Lasten, all den Abhängigkeiten, all den Gefahren und all der Unredlichkeit, die damit zusammenhängen. Die Nationen der Sowjetunion sind klein und groß zugleich.

Verließen sie die Union, so würden sie nichts sein als klein. Alles das ist nicht - oder ist nicht mehr - reine abstrakte Theorie, wie es früher einmal der Fall war. Die neueste Geschichte der Sowjetländer gibt die Illustration für dieses Prinzip, der großartigen kollektiven Versöhnung des Irdischen und des Geistigen in vielfachen, lebendigen Beispielen von leuchtender Überzeugungskraft in Gestalt einer Unzahl von kleinen rückständigen Ländern, die dank der kräftigen Unterstützung durch das Zentrum, d. h. durch die Gesamtheit - im Rahmen der Union mit märchenhafter Geschwindigkeit die ersten Etappen des Fortschrittes und des Wohlstandes und zu gleicher Zeit der eigenen nationalen Entwicklung durchlaufen haben, einer Unzahl von einst feindlichen Völkern (die Feindschaft ist zur Legende geworden), die heute im vollkommenen Frieden miteinander leben. Erreicht zu haben, dass "die Staatsgrenzen nur noch administrative Bedeutung haben" (aus dem Bericht Manuilskis auf dem V. Weltkongress der Komintern), bedeutet wirklich, den Frieden zum Gesetz gemacht zu haben. Wer die inneren Kämpfe von früher gekannt hat und jetzt von Land zu Land reisend die unzerstörbare Verbrüderung sieht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wenn man objektiv bleiben will, kann man diese Erscheinungen nicht ohne tiefe Ergriffenheit begrüßen.

Aber gehen wir noch einmal zum Beginn dieses außerordentlichen Wandelpanoramas zurück. Man muss festhalten, dass die Anwendung dieser neuen Nationalitätenpolitik ein starkes Hilfsmittel bei der Herstellung des Friedens auf diesem riesigen, von der Gewalt der Knuten und der Bankzaren befreiten Territoriums gewesen ist. Sie erlaubte die, wie man dort sagt, "Liquidierung" der konterrevolutionären Regierungen in der Ukraine, in Turkestan und in Transkaukasien, und man muss hier noch einmal sagen, dass nur die Intervention der deutschen Truppen der Konterrevolution ermöglicht hat, sich in den Grenzgebieten festzusetzen und die Sowjetmacht in der Ukraine, in Weißrußland, in Finnland und in den baltischen Ländern zu stürzen (nur in der Ukraine und Weißrußland kam die Revolution wieder zum Siege).

Diese selbe Politik gegenüber den nationalen Minderheiten machte es möglich, Koltschak und Denikin zu vernichten und, nachdem der neue Staat die Weißen ausgespieen hatte, die Völkerblöcke zu neuen Republiken zusammenzufassen.

Diese Politik kam der Gesamtheit so offensichtlich zugute, dass alle Völker, die von ihr Kenntnis erhielten, mit den Sowjets sympathisierten. Es hängt nur davon ab, dass sie sie kennen lernten und von der Sprache, mit der man sie ihnen erklärte - und hierbei spielten die Kompetenz und der Wert des Mannes, der zu ihnen sprach, die entscheidende Rolle.

Im Jahre 1922 wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gegründet. Der Name Stalins ist untrennbar mit diesem großen Datum der Geschichte verbunden. Die Verfassung der UdSSR ist im wesentlichen die Anwendung der umstürzenden, von der revolutionären Minderheit unter dem Zarismus aufgestellten Gesetze. Man kann sie so zusammenfassen: Sie setzt fest, oder vielmehr sie schlägt vor: "Ein enges wirtschaftliches und militärisches Bündnis und zugleich die größte Unabhängigkeit, die vollkommene Entwicklungsfreiheit aller nationalen Kulturen, die planmäßige Vernichtung aller Überreste von nationaler Ungleichheit, eine kräftige Unterstützung der schwächeren Völker durch die stärkeren." (N. Popow.)

Werfen wir schnell noch einen Blick nach Süden, nach Osten und nach Westen.

In demselben Transkaukasien, wo Stalin begonnen hatte, aus dem Versteck heraus Feuer in die Herzen der Massen zu tragen, in diesem Gebiet der "feindlichen Brüder", wo die verschiedenen Volksteile einander zerfleischten, hat die Nationalitätenpolitik der Sowjets beinahe Wunder vollbracht: vollkommen verschwunden sind nicht nur die Rassenkämpfe, sondern auch der Rassenhass, die dort früher seit Jahrhunderten schwelten, und das, trotzdem die Menschewiki, die Daschnaken und die Mussawatisten, jene Pseudosozialisten, eine Zeitlang in den drei transkaukasischen Ländern an der Macht gewesen waren, wobei sie, vom Ausland unterstützt, ihre Macht ausnützten, um diese alten inneren Kämpfe wieder anzufachen und das Land an den Rand des Ruins zu bringen. Georgien, Armenien und Aserbeidshan von heute beweisen klar die Richtigkeit des Axioms: Keine andere als die Sowjetlösung sichert einem kleinen Lande die wirkliche Freiheit.

Ein abchasischer Bauer hat mit einfachem und geradem vom Sozialismus erhelltem Sinn diese Lehre in einem hübschen Bild von legendärem Ausmaß so formuliert; "Wenn ein Elefant in einer Ebene spielende Kinder sieht, und sich, um sie vor dem Gewitter zu schützen, auf sie legt, so wird er sie zwar vor dem Gewitter schützen, aber sie auch erdrücken. Nun, der Sowjetelefant schützt uns paar Abehasier vor dem Gewitter, weil Stalin ihm die Beine hält."

Die Ukraine. Die Lösung dieses Problems war von entscheidender Bedeutung. Die Ukraine, so lange vergewaltigt von dem despotischen Zarismus, der ihr die Russifizierung wie eine Krankheit aufzwang, wurde nach der Oktoberrevolution zum Schauplatz wütender Bürgerkriege: der Kampf der ukrainischen Arbeiter und Bauern gegen die "Rada", der Kampf der Donezarbeiter gegen die Banden Kaledins, die Besetzung der Ukraine durch Deutschland, der Sturz des scheindemokratischen Direktoriums und der die demokratische Maskierung verachtenden Macht des Hetman Petljura, die Intervention der Entente (das französische Geschwader im Schwarzen Meer), der Einbruch Denikins, der Krieg gegen die weißen Polen und gegen Wrangel.

Als Stalin, wie man sich erinnert, im Jahre 1918 dorthin geschickt wurde, beschäftigte er sich nicht nur mit den militärischen, sondern auch mit den wirtschaftlichen und politischen Problemen. Im März 1920 nahm er als Vertreter des Zentralkomitees an der 4. Ukrainischen Parteikonferenz und im Jahre 1923, nach dem 12. Parteitag, an der 6. Landeskonferenz teil. In seinen Reden unterstrich er besonders "die enorme Bedeutung einer richtigen nationalen Politik in der Ukraine, sowohl im Innern als auch nach außen". Die ganze Zeit über, bis heute, waren und sind viele Augen auf die Ukraine gerichtet: Polen (einst im Bunde mit Frankreich, dann im Bunde mit dem faschistischen Deutschland) und Hitlerdeutschland ihrerseits verheimlichen nicht ihre Absichten, spinnen kaum versteckte Intrigen und liegen auf der Lauer. Eine Art von Verschwörung bedroht ständig diese Republik, die sich offen und ohne Einschränkungen der Union angeschlossen hat.

Am andern Ende, in Asien, hat die Sowjetisierung das Problem des Fernen Ostens und seiner imperialistischen Kolonisation aufgeworfen. Über die Rolle des Sozialismus, d. h. der Kommunistischen Internationale und der Sowjetmacht, in der Kolonialfrage hat Stalin geschrieben: "Das zaristische Rußland war der Knotenpunkt der imperialistischen Widersprüche. Es stand auf der Grenze, die den Osten vom Westen trennt und verband zwei soziale Ordnungen, die sowohl den hochentwickelten kapitalistischen Ländern wie den Kolonien in gleicher Weise gemeinsam sind. Es war der Hauptstützpunkt des westlichen Imperialismus, der das Finanzkapital des Westens mit den Kolonien des Ostens verband. Aus diesem Grunde ist die russische Revolution das Glied, das die proletarischen Revolutionen der höchstentwickelten kapitalistischen Länder mit den Kolonialrevolutionen verbindet. Deshalb haben ihre Erfahrungen, die Erfahrungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Weltbedeutung."

Es gab jedoch in der Anfangszeit der Sowjetmacht eine recht eigenartige "asiatische" Auffassung des Nationalitätenproblems. Sie äußerte sich in starken "kolonisatorischen" Tendenzen, d. h. in der Bevormundung der entlegenen Länder: das russische Element sollte die Einleitung und Durchführung der Sowjetisierung besorgen. Russische Arbeiter, russische Parteifunktionäre gingen nach Asien, saßen an allen leitenden Stellen, regelten alles selbst, die Bevölkerung war "vom. Sozialismus beiseite gelassen", wie Stalin sich ausdrückte.

Eine solche Methode stand im Widerspruch zu einem der Grundsätze des Marxismus- Lenin ismus, auf dessen Befolgung Stalin besonderen Wert legte: die direkte und bewusste Teilnahme aller am gemeinsamen Werk. Stalin nimmt also den energischen Kampf gegen diese Ansätze von Moskauer Vorherrschaft auf, die sich in den sozialistischen Aufbau eingeschlichen hatten; gegen diese Methoden, die ein wenig zu sehr an die Methoden des "Protektorats" oder der Kolonisierung des "Sowjeteingeborenen" erinnerten.

Er unternahm es, diese Völkerschaften im weitesten Maße zum Aufbau ihres eigenen Lebens heran zuziehen, ihnen ihre Nationalität und damit ihren Fortschritt selbst anzuvertrauen, und er verwandelte so ihren passiven Sozialismus in einen aktiven. Das geschah mit Hilfe großer. Arbeiten von wirtschaftlicher Bedeutung, die in diesen weiträumigen, bis dahin an der Peripherie Sibiriens vergessenen Gebieten zu ihrem Nutzen in Angriff genommen wurden.

In diesem Geiste verfuhr man beim Umbau des Verwaltungssystems in Turkestan (das seitdem einen mächtigen wirtschaftlichen Aufschwung genommen hat) und bei der wohlüberlegten neuen Ländereinteilung in Zentralasien, bei der mehrere neue Republiken geschaffen wurden: Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisien.

Der ganze Sowjetosten, der heute so sehr vom ausländischen Imperialismus bedroht ist (das provokatorische Japan, vom verkehrten Ende aus modernisiert und bis an die Zähne bewaffnet, liegt in vorderster Linie auf der Lauer, hinter ihm alle die anderen...), dieser ganze Orient ist am besten verteidigt durch das gerechte positive und reiche sozialistische Ideal, das unter seiner Bevölkerung Platz gegriffen hat.

Damit sind wir bei dem chinesischen Problem. Das Riesenterritorium, so gewichtig wie ganz Europa, mit einer Bevölkerung, die seit Anbeginn der Zeiten den Rekord der Massen hält, - auch es hat seine Pseudorevolution hinter sich. Auch China hat zunächst nur einen ehrwürdigen Thron gestürzt und sich dann, nach dem Tode Sun Yat-sens, an eine Clique von Leuten ausgeliefert, deren doppeltes Ziel es war, die völlige Befreiung des Landes zu verhindern und sagenhafte Privatvermögen aus ihm zu schöpfen. Einst und jetzt Opfer ausländischer Räuber, hat das unglückliche China auch heute immer noch unter den einheimischen Räubern zu leiden. Für die Kuomintang (die herrschende Partei) und die Generale, die über die meisten Soldaten verfügen und so die Kuomintang an der Kette führen, gibt es ein Schreckgespenst: den Kommunismus. Und die Japaner und die großen westlichen Länder fürchten das gleiche Schreckgespenst. Nun gibt es eine große Kommunistische Partei Chinas, die im Gegensatz zu der Handvoll von Regierern und Militärs, die, an verschiedene Großmächte verkauft, China auf dem Nacken sitzen, bestrebt ist, das riesige Land von seinem traurigen Schicksal zu befreien. Das Ziel hat sie erreicht in einem gewaltigen Gebiet, dessen Umbildung im Sinne des sozialistischen Fortschritts sie begonnen hat, und sie hat mit ihrer nach Hunderttausenden zählenden Armee fünf große Offensiven abgewehrt und gebrochen, die die einheimischen und ausländischen Banditen gegen sie losgelassen hatten. Fast ein Viertel von China mit hundert Millionen Einwohnern ist heute "rot", und dieses neue China will nicht weniger als das ganze alte China erobern. In diesem Augenblick ist der sechste Feldzug unter persönlicher Leitung Tschang Kai-Scheks, des goldbeladenen Saboteurs von China, dem der deutsche General von Seeckt zur Seite steht, im Gange: 600000 Mann, 200 Kanonen, 150 Flugzeuge. Diese Armee betreibt, oder vielmehr versucht die Einkreisung Sowjetchinas mit Hilfe eines ganzen Systems von Forts, die sie im langsamen Vorrücken errichtet. Dieser sechste Feldzug gegen das befreite China hat das parasitäre weiße China bisher bereits eine Milliarde chinesischer Dollar und 100000 Mann gekostet. Die weißen chinesischen Truppen haben die Hauptstadt Sowjetchinas besetzt. Aber die Rote Armee hat inzwischen ihre Taktik den neuen Umständen entsprechend geändert. Ihre Offensive stößt keilartig vor: unter Aufgabe eines Teils ihrer alten Stellungen führen die Armeen in anderen Gebieten einen triumphalen Vormarsch durch, der die vorübergehenden Gebietsverluste durch neue Eroberungen weitgehend ausgleicht. Die Lage ist heute für die Roten so günstig, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur den Vormarsch der Weißen brechen, sondern auch den japanischen Streitkräften werden entgegentreten können, um das Ziel: "den heiligen Krieg der revolutionären Landesverteidigung des chinesischen Volkes gegen den japanischen Imperialismus" zu verfolgen. Alle freien Geister der Welt müssen wissen, dass es ihnen gelingen wird, und dass auch dort der Leidensweg eines Kontinents sein Ende findet.

Kein klarblickendes Auge kann heute die Losung "China den Chinesen" anders lesen als: "Sowjetchina".

Stalin hat sich ganz besonders mit der chinesischen Kommunistischen Partei und den heldenhaften Bemühungen der chinesischen Sowjets beschäftigt. Er hat in der chinesischen Kommission der Komintern im Jahre 1926 die Linie der KP Chinas ausgerichtet. Durch sein Auftreten, das zu den denkwürdigsten Vorgängen in den Annalen der Komintern gehört, hat er die Irrtümer und Fehler bekämpft, die dem Misstrauen gegenüber der Arbeiter- und Bauernrevolution entsprangen und ist gegen gewisse Tendenzen aufgetreten, die die chinesische Revolution auf der Linie einer demokratisch-bürgerlichen Revolution festhalten wollten. "Alle Maßnahmen, die er vorschlug, sind später durch die Ereignisse gerechtfertigt worden."

Diese Nationalitätenpolitik, die weit über das Zentrum ihrer Verwirklichung hinausstrahlt, hat nicht nur einen heilsamen Einfluss auf die kolonialen und halbkolonialen Länder gehabt (wo die nationale Befreiung die erste Etappe der sozialen Befreiung ist, die beide im Sozialismus münden). Sie beeinflusst jetzt und in der Zukunft auch, direkt oder indirekt, eine ganze Reihe von europäischen Staaten mit unterdrückten Minderheiten: die zusammengewürfelten Nationen, die durch den Krieg von 1914 geschaffen oder vergrößert worden sind: Jugoslawien, das keine Föderation ist, sondern eine im Schraubstock zusammen gepresste Gruppierung von Slowenien, Kroatien, Montenegro und einem Stück Mazedonien, über denen die Diktatur Serbiens steht; oder die Tschechoslowakei, ein ebenso buntscheckiges Bruchstück aus dem barocken Gemisch des alten österreich-ungarischen Reiches; oder Polen, wo es nur 50 Prozent polnische Bevölkerung gibt; oder Rumänien, dem die kindischen und barbarischen Chirurgen von Versailles in aller Eile das ungarische Transsylvanien, das russische Bessarabien und die Dobrudscha angenäht haben; oder auch England, dessen Zwangsehe mit Irland einer weiter zurückliegenden Schiebung entsprungen ist, oder schließlich das flämisch-wallonische Konglomerat, das sich Belgien nennt.

In allen diesen Ländern ist die Lenin sche Nationalitätenpolitik ein Element der Revolution und der Ordnung, und aus den Massen ihrer Bewohner sind Tausende von Augenpaaren auf die neuen weisen Gesetze territorialer Rationalisierung gerichtet.

In den Kolonial- und Halbkolonialländern und bei den unterdrückten Minderheiten verwandelt das Sowjetprinzip mit der doppelten Emanzipation, die es bringt, riesige Volksmassen, die heute noch Reserven des Kapitalismus sind, in mächtige Reserven des Sozialismus.

Das neue Gesetz strahlt und leuchtet über die ganze Welt ohne Ausnahme. In der Osthälfte Europas und der Westhälfte Asiens findet ein internationales Prinzip seine nationale Anwendung. Dieses Prinzip liegt vor aller Augen da. Es ist fertig zur allgemeinen Anwendung. Die Konstellation der Sowjetunion ist ein für allemal zum unlöslichen Bestandteil der Konstellation der Länder und Völker der ganzen Welt geworden.

An dem Tage, wo ganz Europa Sowjetland sein wird, wird es ein Frankreich, ein Deutschland, ein Italien, ein Polen usw. ... geben, die sich nach ihren geistigen und sittlichen Besonderheiten ganz wie heute, und besser als heute, entfalten werden, und es wird zwischen ihnen nur noch Verwaltungsgrenzen geben, denen jeder offensive Charakter auf immer genommen sein wird.

Das ist also vor unseren Augen, für uns, die wir nicht gewöhnt sind, Neuerungen von so großem Ausmaß zu sehen, die Sowjetlösung des "unlösbaren" nationalen Problems. Das ist sie in Theorie und Praxis. Das sind die Grundelemente des sozialistischen Aufbaus "im Raum", Grundsätze, die zugleich einfach und gerecht, wissenschaftlich und ethisch sind, und durch die mehrere Ideale auf einen Schlag verwirklicht werden. Wenn der Sozialismus nicht existierte, müsste man ihn erfinden, um die lebendige Wirklichkeit zu entwirren; man müsste ihn erfinden mit seinem geschmeidigen Fleisch um sein Gerippe, das fest ist wie die Zahlen.

Hier sehen wir ihn am Werk, wie er die Menschheit von heute ordnet, die uns ein Bild der Missgunst und des Hasses und des Streites zeigt, und wie er das tausendjährige unsichere Tasten der unübersehbaren Massen auf der unübersehbaren Erde zu einer besseren Gesellschaft leitet. In das verworrene Chaos unserer Übergangsepoche, in unser Mittelalter schneiden die nunmehr unauslöschlichen Losungen der Vorläufer ein, der Männer, die sich rühmen können, die Welt entdeckt zu haben wie sie ist.

                

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