Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

IV

Die ersten Steine 1917-1927

So sollte, dank einer eigenartigen Verbindung von historischen Bedingungen, Rußland, ein ökonomisch und kulturell zurückgebliebenes Land, das aber über eine starke revolutionäre Elite verfügte, als erstes den Weg des Sozialismus betreten. Sich mit Schwung hinwegsetzen über die Kartenhausrepubliken und über das Sammelsurium der verschiedenen kapitalistischen Formeln, wie sie in den demokratischen Monarchien und den monarchistischen Demokratien gebräuchlich waren - das war leicht gesagt. Aber wie sah das in der Praxis aus?

Sobald man die Macht in Händen hatte, musste man sich ihrer bedienen, und zwar ohne dass man Zeit hatte, einmal Luft zu schöpfen. Die riesige Staatsmaschine, die jetzt aus den Händen eines aufgeblasenen, bösartigen Narren - nach einem kurzen ungewissen Stillstand in den düsteren Gefilden der Provisorischen Regierung - in die Hände der positiv eingestellten Extremisten, der berechnenden Enthusiasten übergegangen war, musste um jeden Preis weiter funktionieren in diesem größten Lande unseres Planeten, zwischen dem Gestern, das es nicht mehr gab, und dem Morgen, das noch nicht da war.

Von den drei riesigen Aufgaben, die zu lösen waren: Krieg mit dem Ausland, Bürgerkrieg, wirtschaftliche und soziale Organisation im Innern - war die erste, der Krieg mit dem Ausland, auch nach Brest-Litowsk, auch nach dem Waffenstillstand nicht erledigt; denn wenn auch der größte Teil der alten Feinde die Partie in aller Öffentlichkeit feige aufgegeben hatte, so war der Bürgerkrieg, der der Revolution auf dem Fuße folgte, eng verquickt mit Intervention vom Ausland her.

Was war zu tun? Alles! Von einem Tag auf den anderen weiterleben und Stein um Stein aufbauen! Alles musste gleichzeitig geschehen: Zu gleicher Zeit musste man die Revolution organisieren und in allen Himmelsrichtungen, an allen Grenzen, die konterrevolutionären Überfälle zurückschlagen und das ehemalige Kaiserreich, dieses bäuerliche und unwissende Land (80 Prozent Bauern, 70 Prozent Analphabeten), das zerstörte, gebrandschatzte, blutgetränkte, verflossene Reich in eine große Nation verwandeln, die im politischen Sinne sozialistisch aufgebaut war (als erste ihrer Art unter all den andern) und wirtschaftlich auf der Höhe der modernen Technik stand (ebenso hoch und höher als die andern).

Gehen wir noch einmal zu jenen Tagen des Beginns, des Ausgangs zurück. Wie sah das Erbe aus, welches war die Bilanz? Was war im November 1917, zu der Stunde, wo man Lenin in Smolny die Hissung der roten Fahne meldete - der roten Fahne, die seitdem zu einem der Mittelpunkte der Welt geworden ist -, was war damals von Rußland übrig?

Der imperialistische Krieg von 1914 hatte Rußland 40 Milliarden Goldrubel gekostet; ein Drittel seiner Arbeiterbevölkerung war hingemordet; die industrielle Produktion und das Transportwesen waren gegenüber 1913 auf den fünften oder sechsten Teil zurückgegangen. Der Bürgerkrieg, der das Reich fast in seiner ganzen Ausdehnung durchtobte, brachte neue Verluste in der Höhe von 5 Milliarden Goldrubel. Die Fabriken und ein großer Teil der öffentlichen Bauten lagen in Trümmern. Auf dem Lande lag die Hälfte des Bodens brach. Die Verwaltung, das Unterrichtswesen, der ganze Staatsapparat war angesichts des Zusammenbruchs und dank der gehässigen Zersetzungsarbeit des inneren Feindes in voller Auflösung. Die Rote Armee hatte keine Gewehre, keine Stiefel, kein Brot. Der neue Staat, gegen den Blockade und Boykott auf der Lauer lagen, war im Augenblick das Ziel der bewaffneten Angriffe der Großmächte.

Wir wollen uns diesen Invasionskrieg ganz besonderer Art, diesen gemeinen und verschleierten Krieg, dessen ruhmbedeckte Leiter die Herren Clemenceau, Poincaré, Lloyd George waren diese erprobten Henker von Volksrevolutionen, die ganze Völker eingesperrt, enthauptet, zertrampelt haben, diese alten Tiger, alten Füchse, alten Bestien, die an der Spitze der erfolgreichen Niederwerfung aller aus dem Kriege 1914 hervorgegangenen Befreiungsbewegungen gestanden haben - wir wollen uns das alles ganz in der Nähe ansehen. Wir wollen das betrachten, was, wie Stalin kürzlich sagte, der "ehrenwerte" Herr Churchill "die Invasion der 14 Staaten" genannt hat.

Die Armee des weißen Abenteurers Koltschak, der den Zaren wieder auf den Thron bringen wollte, hat von der französischen Regierung 1700 Maschinengewehre, 30 Tanks und Dutzende von Kanonen erhalten. An der Offensive Koltschaks haben Tausende von englischen und amerikanischen Soldaten, 60000 tschechoslowakische Soldaten und 40000 japanische Soldaten teilgenommen.

Die Armee Denikins - 60000 Mann -, von Kopf bis Fuß durch England mit Waffen und Munition ausgerüstet. Sie hat 200000 Gewehre, 2000 Kanonen und 30 Tanks erhalten. Mehrere Hundert englische Offiziere waren als Berater und Instrukteure bei der Armee Denikins.

An dem Landungsmanöver der Alliierten in Wladiwostok nahmen 2 japanische Divisionen, 2 englische Bataillone, 6000 Amerikaner und 3000 Franzosen und Italiener teil. England hat für den Bürgerkrieg in Rußland 140 Millionen Pfund Sterling und - das war für diese Spieler auf der Weltkarte die leichtere Ausgabe - 50000 Soldaten ausgegeben.

In der Zeit von 1918 bis 1921 haben England und Frankreich keinen Augenblick aufgehört, Russen zu töten und russisches Gebiet zu verwüsten. Notieren wir nur im Vorübergehen: Noch Ende 1927 waren 450 Ingenieure und 17000 Arbeiter damit beschäftigt, das wieder aufzubauen, was allein in dem kaukasischen Petroleumgebiet die westliche Zivilisation bei ihrer vorübergehenden Niederlassung zerstört hatte. Man kann den Schaden, der in Rußland durch die ungeheure und ungeheuerliche Intervention der Großmächte Europas und Amerikas angerichtet worden ist, auf 4,4 Milliarden Goldrubel berechnen.

Man denke nur daran, dass noch im Jahre 1921 - 3 Jahre nach dem Ende des Krieges - der in Rußland befindliche französische Admiral Dumesnil ganz offen die Feinde der Sowjetregierung unterstützte; (Ist dieser Dumesnil nicht derselbe, den die Polizei als Direktor der "Societe Speciale Financiere" vorfand, als diese ihren skandalösen Bankrott erlebte und ihr Manager, der Schwindler Charles Levy verhaftet wurde?) daran, dass Herr Millerand, Präsident der Französischen Republik (er könnte den Vorsitz aller Renegaten der Welt übernehmen) und Herr Doumergue, ein anderer Präsident der Französischen Republik (dieser alte Lügenpriester, der kürzlich mit Krokodilstränen in den Augen die Franzosen ausräuberte und seine linke, "demokratische" Hand den Faschisten reichte), dass diese Herren etwas zu tun wagten, was selbst England und die Türkei nicht riskierten, nämlich, dass sie die aus Georgien verjagten Jordania und Tsekeli offiziell als Vorsitzenden und Gesandten dieses Landes anerkannten; und daran schließlich, dass das offizielle Frankreich, das sich immer loyal und demokratisch nannte, Koltschak und nach ihm Wrangel als Vizezaren anerkannt hat.

Man denke auch daran, dass es Frankreich war, wo sich die weißen Garden wieder sammelten, einen ganzen bewaffneten Staat im Staate errichteten und unter der wohlwollenden Billigung der Behörden (derselben Behörden, die die ausländischen Arbeiter für die bloße Teilnahme an einer nicht offiziellen oder nicht religiösen Kundgebung ausweisen und neue Gesetze ausarbeiten, um sie ohne jeden Grund auszuweisen) ihre verschiedenen Organisationen und militärischen Formationen aufbauten. Diese Klopffechter des Zarismus sind im vollen Waffenschmuck unter dem Triumphbogen hindurch gezogen. Sie sind es auch, die dem weißen Mörder Gorgulow die Waffe in die Hand gedrückt haben (weil der Präsident Doumer in den Augen der Zaristen das Verbrechen begangen hatte, sich den Sowjets gegenüber nicht genügend ablehnend zu verhalten). Was die ehemaligen Wrangelsoldaten betrifft, so sind sie mit offenen Armen in den Balkanländern und besonders in Jugoslawien aufgenommen worden, wo sie mit ihren Waffen - und selbst in ihren Uniformen - darauf warten, wieder für die "heilige Sache" der Wiederaufrichtung der Reaktion zu marschieren. (Jugoslawien hatte wirklich wenig Grund, als es vor kurzem Ungarn die Duldung von Erziehungsanstalten für Mörder vorwarf - es hatte höchstens das Recht, seine Nachbarn der unlauteren Konkurrenz zu beschuldigen.)

Da wir schon einmal bei diesem Punkte sind, wollen wir auch die späteren Jahre betrachten, um das Gesamtbild der unerhörten, planmäßigen Attentate zu gehen, die man sich heute bemüht schamhaft zu verschleiern - als ob die Geschichte ein Salon der guten Gesellschaft wäre, wo man über anstößige Dinge nicht spricht, damit den werten Anwesenden nicht übel wird.

Sabotageakte gegen die junge Industrie, die die Sowjetunion mit übermenschlichen Anstrengungen aufzubauen unternahm, sind zu einem internationalen Unternehmen geworden, an dem hochgestellte Personen, Offiziere, Ingenieure, Agenten, die Diplomatie und die Polizei der Großmächte teilgenommen haben. Welche Fülle von unterirdischen Intrigen und Komplotten! Ich bin noch ganz benommen von all den Photographien von Dokumenten, die ich selbst mit eigenen Augen gesehen habe. Während langer Jahre brauchte man nur in einem beliebigen Winkel der Union zu suchen, um unvermeidlich aus England, Frankreich, Polen oder Rumänien stammende Spionage - und Schädlingsbazillen zu finden, die in nächster Nachbarschaft mit dem Erreger der weißen Pest am Werke waren. Auch heute noch findet man Reste von ihnen. Dieselben Leute, die in dem kaum befreiten und noch unsicher marschierenden Rußland Brücken und öffentliche Bauten sprengten, Schmirgelsand in die Maschinen warfen und die wenigen Lokomotiven unbrauchbar machten - diese selben Leute schütten 1932 Glassplitter in die Konserven der Arbeiter-Konsumgenossenschaften und schicken im Dezember 1934 einen Mann vor, um in Lenin grad, im Smolny aus dem Hinterhalt Sergej Kirow zu ermorden. Und man entdeckt Verschwörernester, Mördergruppen und Terroristen, die aus Finnland, Polen und Lettland, wo sie sich zu Hunderten herumtreiben, heimlich über die Grenze kommen. Und die große "anständige" Presse nimmt heuchlerisch die Verbrechen dieses von der weißen Presse, der "Russischen Wahrheit" und anderer Deckorganisationen, aufgehetzten Gesindels in Schutz.

Was soll man über die ebenso bösartige wie abenteuerliche Rolle des Intelligence Service sagen, der mit Hilfe von Millionen Pfund Sterling die ganze Welt mit seinem Netz von reaktionären Briten überzieht, dieser Bande von internationalen Spionen, Spitzeln, Bestechern, Zerstörern und Mördern! Ein zufällig herausgegriffenes Beispiel von der Unverschämtheit, mit der diese giftigen Eindringlinge arbeiten: Herr Georges Valois, ehemaliges Mitglied der Action Fransaise erzählt in seinem Vorwort zu einer Rede Stalins - ohne daran zu denken wie ungeheuerlich die Sache ist, von der er berichtet, und nur um in einer bestimmten Frage Lenin als Zeugen anrufen zu können -, dass ein Agent des Intelligente Service sich in die obersten Kreise der Sowjetregierung und in das Herz der obersten leitenden Körperschaften eingeschlichen hatte; dass dieser Agent der englischen Regierung einen Bericht schickte, den diese an die französische Regierung weiterleitete, die ihn ihrerseits in der Person des Herrn Poineare Herrn Leon Daudet mitteilte, dem Chef der französischen Royalisten, dem Großwesir der französischen Kronprätendenten, und dass auf diese Weise er, Herr Georges Valois, damals Mitglied der Action Franfaise, den Bericht kennen lernte.

Das allgemeine Bestreben, den sozialistischen Staat zu diskreditieren, und der moralische Zwang, dies Land, das eine ständige Herausforderung des Imperialismus darstellt, mit Schmutz zu bewerfen, hat eine ungewöhnliche Flut von Lügen und Verleumdungen entfesselt. Es ist unmöglich hier auf diese sagenhafte und groteske Erscheinung einzugehen. Dazu brauchte man mehr als ein ganzes Buch. Es sei nur angemerkt, dass schlimmer als diese Dummheiten (von denen allerdings immer etwas in den Ohren der Zeitgenossen hängen bleibt) jene gut organisierten und gut ausgerüsteten Agenturen und Werkstätten sind, die vor allem in Mitteleuropa bestehen und den Zweck haben, sensationelle, falsche Sowjetdokumente zu fabrizieren, um den neuen Staat bei den Behörden und bei der öffentlichen Meinung der Großmächte in Misskredit zu bringen. Die Tatsachen sind bekannt und sie sind übrigens in aller Form auf der Tribüne des englischen Unterhauses durch eine bekannte politische Persönlichkeit bestätigt worden. Der falsche "Sinowjewbrief" hatte entscheidende Bedeutung für die Beziehungen Englands zu der Sowjetunion. Die Fälschung, deren sich Zankow, der Henker Bulgariens, bediente, erlaubte ihm, den roten Teufel an die Wand zu malen und gab ihm Gelegenheit, für sein im Krieg besiegtes Land von den Siegern die Genehmigung zur Aufstellung zusätzlicher Militärkräfte zum Mordfeldzug gegen sein Land zu erhalten.

Man kann es gewiss verstehen, dass der gewaltige "Präzedenzfall" der vollkommenen Umwälzung des zaristischen Rußland alle Reaktionäre auf die Beine gebracht hat, besonders die von der so genannten demokratischen Sorte (die sich bei dieser ganzen Geschichte wahrhaftig besonders bloßgestellt haben). Aber man muss sich doch wundern, dass so viele ehrliche Liberale in Frankreich die russische Revolution ebenso behandelt haben, wie England Frankreich nach der Revolution 1789 behandelte. Man muss sich wundern, dass so viele bedeutende Intellektuelle so lange Zeit ein so vollständiges Unverständnis für eine Erscheinung von diesem Ausmaße und dieser Tiefe gezeigt haben. (So etwas nennt man bei uns "fortschrittliche Ideen".)

Inmitten all dieses Hasses, dieser Hereinfälle und dieser Flüche wirkte es sonderbar, wenn sich damals schon hin und wieder solche Stimmen erhoben, wie z. B. die jenes unbekannten Journalisten namens Bullit, der da sagte: Es wird einst ein Tag kommen, wo man alle Menschen unserer Zeit danach beurteilen wird, wie weit sie die großartigen Bemühungen des roten Rußlands verstanden und verteidigt haben.

Der Tag wird kommen, ja, aber bis dahin:

"Nicht nur hin und wieder sondern während ganzer zweier Jahre von 1918 ab, ihr besinnt euch, Genossen", so sagte kürzlich Stalin, "haben die Arbeiter von Petrograd nicht ein einziges Stück Brot bekommen. Die Tage, wo sie 50 Gramm krümeliges Schwarzbrot erhielten, waren Glückstage."

Das war also die Lage, mit der die Revolution, umzingelt von der ganzen kapitalistischen Menagerie, fertig werden musste. Es war nicht nur alles zu tun - die Lage war noch schlimmer: alles war von neuem anzufangen.

Es schien gegeben, dass man von dem Augenblick an, wo man die Macht besaß und noch nicht die verbündeten Weißen und Europäer gegen sich hatte, in aller Eile durch einige vorläufige Zugeständnisse den furchtbaren wirtschaftlichen Zerfall aufhalten musste. Sollte man nicht daran denken, die so schwerkranke Wirtschaft durch irgendeine Kombination nach und nach wieder auf die Beine zu bringen, indem man den alten Mechanismus, den noch vorhandenen bürgerlichen Apparat in irgendeiner Weise ausnützt? Zunächst die wichtigsten Dinge anpacken, ausschließlich an die Erhaltung der militärischen Verteidigungskraft - und des nackten Lebens - denken, bevor man sich auf den Ausbau des politischen Systems und den Umbau der Wirtschaft einließ - war das nicht das Gegebene?

Ja, das war das Gegebene vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus, aber es war unzulässig im politischen Sinne. Kurzsichtige, übereilige Geschäftsleute würden so gehandelt haben. Nicht so Sozialisten, die eine neue Welt schaffen! Es schien, wie gesagt, einleuchtend, aber die revolutionäre Klugheit verlangte mehr, als was nur "einleuchtete"; sie war weitblickender. Sie erkannte, dass in diesem Moment in dieser Weise handeln soviel bedeutet hätte, wie den Gang der Maschinen auf "Rückwärts" schalten. Sie beschloss auch in der furchtbaren Lage, in der man sich befand, zunächst einmal endgültig mit der politischen und sozialen Vergangenheit aufzuräumen und den alten Apparat für immer voll-ständig zu zertrümmern, anstatt auch nur eine Ecke der neuen -Gesellschaft auf ihm aufzubauen. Es hieß, mit andern Worten, weiter zerstören, obwohl man selbst fast vor der Zerstörung stand. Dieser Entschluss war genial in seiner Kühnheit und entscheidend für den dramatischen aber richtigen weiteren Verlauf der Dinge.

Die Bourgeoisie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Zeit zu Ende war. Die Herrschaft des Kapitals sollte irgendwo auf dem alten Kontinent gebrochen sein? Das wollte ihr nicht in den Kopf. Außerhalb der Reihen der Revolutionäre glaubte eigentlich niemand an die Revolution. Man trat den Proklamationen dieser Regierung, die gar zu verschieden war von den bisher bekannten, und die sich mit so übertriebener Wut über den alten Zarismus und den neuen, scheinliberalen Ersatz-Zarismus hermachte, skeptisch und gleichgültig gegenüber. "Bis zu den Zeitungshändlern herab", stellte man rückblickend auf dem IV. Kongress der Komintern (1922) fest, "weigerten sich die Leute, die wichtigsten revolutionären Maßnahmen der Arbeiterregierung ernst zu nehmen ... Jede Fabrik, jede Bank, jedes Büro, jeder Laden, jedes Rechtsanwaltskabinett war eine gegen uns gerichtete Festung."

Wieder einmal stand in seiner ganzen Größe vor der Revolution das Problem ihrer Existenz. Die Revolution musste ihre Gestalt zeigen, aber auch ihre Gewalt. Die Niederlage der russischen Bourgeoisie war noch nicht vollständig. Ein Teil des Sieges musste noch errungen werden.

Das bedeutete: Diese Revolution, koste es was es wolle, bis zu Ende durchzuführen; die Bourgeoisie endgültig niederschlagen; alle Brücken abbrechen; radikal konfiszieren und enteignen; alles beschlagnahmen, den Handel, die Industrie, den Verkehr.

Das hieß aber, die Lage, in der man sich befand, bewusst komplizieren und erschweren; die Krise und das Elend wahrscheinlich, ja fast unvermeidlich, an gewissen Punkten noch vermehren; von der Bevölkerung Anstrengungen verlangen, die allem Anschein nach die irdischen Möglichkeiten überschritten; und besonders den Bauern unzufrieden machen. Und doch haben da, wo engstirnige und mittelmäßige Politiker den Weg des Kompromisses eingeschlagen hätten, der letzten Endes zur Errichtung des bürgerlichen Regimes geführt haben würde, die Männer vom Oktober weiter Schlag um Schlag geführt.

Manchmal zuckte Unsicherheit in den Reihen der Revolutionäre auf, ja es kam zu Schwankungen an den höchsten Stellen. Ein Beispiel: der ehemalige Großindustrielle Urquarth machte den Vorschlag, gegen Bezahlung eine Konzession auf die Fabriken im Ural zu erwerben, die er durch die Enteignung verloren hatte. Kamenew und Sinowjew waren in einer Panikstimmung bereit, diese Konzession zu erteilen. Stalin war gegen den Plan. Lenin ebenfalls, aber er war für gründliche Erwägung. Man berief Bela Kun, der damals im Ural arbeitete, zur Berichterstattung über die Stimmung der Arbeiter und Angestellten in den betreffenden Betrieben. Die Arbeiter und Angestellten waren gegen die Konzession, die für Urquarth nur ein Mittel war, uni sich wieder in den Sattel zu schwingen, und die die Republik bei geringem Gewinn in neue Abhängigkeit brachte. Als die entscheidende Sitzung stattfand, versuchten Sinowjew und Kamenew von Stalin eine Erklärung gegen die Konzession zu bekommen, die sie selbst befürworteten (sie wollten sich, wie sie später eingestanden, dieser Erklärung für einen besonderen Zweck bedienen). Aber Stalin weigerte sich zu sprechen, bevor die Delegierten aus dem Ural Mitteilung über die dortige Stimmung gemacht hätten. Der Bericht Bela Kuns über diese Stimmung führte zur Ablehnung der Konzession. Man biss nicht an den Köder.

Nach der gewaltsamen Ausschaltung des alten bürgerlichen Apparates wurde der "Kriegskommunismus" aufgerichtet, der die möglichste Ausnützung nur eines Teiles der nationalisierten Wirtschaft in kürzester Zeit zum Ziele hatte, "ein schwerfälliger, zentralisierter Apparat, der dazu bestimmt war, der durch Krieg. Revolution und Sabotage desorganisierten Industrie das Minimum von Produkten zu entnehmen, das nötig war, um die Städte und die Rote Armee vor dein Hungertod zu schützen".

Um die nötige Getreidemenge zu sichern, musste man zur "gewaltsamen Einziehung der Überschüsse der Bauernwirtschaften" schreiten. Es war ein System der staatlichen Rationierung, "das Regime einer belagerten Festung".

Auf diese Weise wurden im selben Maße wie die weißen und die ausländischen Truppen über die Grenzen gejagt wurden, tatsächlich die Reste der bürgerlichen Macht vollkommen beseitigt und in die Vergangenheit verbannt. Aus dem historischen und wirtschaftlichen Ruin blieben nur die Revolution und der Friede zurück. Dafür waren Industrie und Handel verfallen, und das öffentliche Leben lag in Todeszuckungen. Die Natur mischte sich ein: eine der furchtbarsten Hungerkatastrophen der modernen Zeit, hervorgerufen durch eine außerordentliche Dürre, hatte die fruchtbarsten Gebiete der russischen Erde überfallen. In allen andern Gebieten war der Bauer, der freiwillig oder gezwungen während der zweijährigen gewaltigen Schlacht zur Verpflegung der Armee beigetragen hatte, erschreckt, misstrauisch und oft feindlich gesinnt. An einzelnen Stellen kam es sogar zu Aufständen.

Die große Unterstützung, auf die man hoffte und nach der man Tag für Tag am Horizont Ausschau hielt: die internationale Revolution, wollte und wollte nicht kommen. Was machte das internationale Proletariat? Es kam hier und dort ein wenig in Bewegung, aber ohne anhaltenden Erfolg; oder es wurde geschlagen wie in Ungarn, wo allerdings die Bajonette der Alliierten die entscheidende Rolle bei der Wiederaufrichtung der jahrhundertealten Ordnung gespielt haben; oder es wurde besiegt, wie das Proletariat, auf das man besonders gerechnet hatte, das deutsche, um dessen Niedermetzelung sich allerdings Herr Clemenceau besonders verdient gemacht hat.

Man musste auf diese Hilfe verzichten und die Männer von 1919 - die Soldaten des Jahres II der Revolution - mussten sich darüber klar werden, dass der Sowjetstaat seine Wirtschaft mit eigenen Mitteln würde aufbauen müssen.

Zu diesem Zweck war es notwendig, in diesem Augenblick, wo der Kriegskommunismus unbrauchbar wurde, der Wirtschaftspolitik eine neue Orientierung zu geben, während zur gleichen Zeit der politische Kampf im Westen und in der übrigen Welt, auch vorübergehend, die Formen des Kampfes um Teilforderungen und die Einheitsfront annehmen würde.

Unter diesen Umständen hielt der Sowjetstaat es für nötig, jetzt ruhig das zu tun, was er zwei Jahre vorher um keinen Preis getan hätte. Von den Methoden des Kriegskommunismus ging er zu denen des freien Marktes über und schuf die Neue Wirtschaftspolitik (kurz NEP genannt).

Man hat bei uns die NEP nicht richtig verstanden, ja man hat sich sehr groben Täuschungen über sie hingegeben (so z. B. Herr Herriot). Man hat sich allgemein eingebildet, diese neue Wirtschaftspolitik sei ein überstürzter Rückzug der Bolschewiki gewesen, vorgenommen in der Erkenntnis, dass sie sich unüberlegt in die Sozialisierung gestürzt hätten und dabei in eine Sackgasse geraten wären.

Aber das ist durchaus falsch. Wie wir oben gesehen haben, hatten es die Bolschewiki, diese Organisatoren großen Stils, ganz in der Ordnung gefunden, zuerst einmal die noch nicht vollständige Revolution zu Ende zu führen. Sie wussten sehr gut, dass sie auf diese Weise den Widerstand und die wirtschaftliche Unordnung zunächst vergrößern würden. Erst nachdem die politische Lage bis aufs letzte bereinigt war, hielten sie es für nötig, gewisse wirtschaftliche Konzessionen zu machen. Die Losung der jungen Sowjetmacht lautet: "Wenn es nötig ist, werde ich Konzessionen machen, aber erst dann, wenn ich vollkommen Herr der Lage bin."

Was wurde unternommen?

Hinsichtlich der Bauern und der Getreideaufbringung wurde die "Einziehung des Ernteüberschusses" - diese besonders gefährliche Methode - durch die Naturalsteuer ersetzt, wobei der die Steuersumme übersteigende Ernteertrag für den freien Handel zugelassen wurde. Das Geld wurde wieder zum allgemeinen Zahlungsmittel gemacht, wobei zugleich Maßnahmen zur Stabilisierung des Rubels ergriffen wurden. Die staatlichen Betriebe wurden auf Rentabilität umgestellt. Die Löhne wurden mit der Qualifikation und dem Arbeitsertrag in Beziehung gebracht. Und da der Staat mehr Betriebe zu seiner Verfügung hatte, als er selbst (ohne überflüssige Aufblähung des Apparates) leiten konnte, verpachtete er eine bestimmte Anzahl von ihnen an Privatunternehmer.

Durch Anwendung dieser Politik, die, wie man sieht, nicht wenige Zugeständnisse von seiten der Bolschewiki in sich schloss, kam es zu einer "schnellen Wiederherstellung der Lage". 1922 ergab sich folgendes Bild: die dem Staate gehörenden Eisenbahnen (63000 km Strecke und 800000 Angestellte) beförderten bereits wieder ein Drittel der Vorkriegsmengen. Auf dem Lande wurden 95 Prozent des anbaufähigen Bodens, der dem Gesetz nach dem Staate gehörte, den Bauern "zur wirtschaftlichen Ausnützung" überlassen (was, gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Dauer und bestimmte Leistungen eingerechnet, soviel bedeutete wie "zum Besitz"); die Bauern bezahlten dafür eine Naturalsteuer: insgesamt 300 Millionen Pud (1 Pud = 16,38 kg.) Getreide von einer Ernte, die bereits drei Viertel der Vorkriegsernte erreichte. Was die industriellen Unternehmungen betrifft, so gehörten sie nach wie vor dem Staat; aber der Staat betrieb selbst nur 4000 Unternehmungen (mit allerdings einer Million Arbeitern) und verpachtete 4000 Unternehmungen (von geringer Bedeutung, mit zusammen 80000 Arbeitern). Das Privatkapital bildete und entwickelte sich vor allem im Handel. Es erreichte insgesamt 30 Prozent des zirkulierenden Handelskapitals. Der Außenhandel, der Staatsmonopol blieb, erreichte bei der Einfuhr ein Viertel und bei der Ausfuhr ein Zwanzigstel der Vorkriegsmengen.

Durch diese Wiederherstellung des Marktes entstand eine Lage, in der sich rechte politische Abweichungen entwickeln konnten. Denn parallel zu dem "sozialistischen Prozess" entwickelte sich ein neuer "kapitalistischer Prozess" (in erster Linie auf dem Lande), und es hieß sich energisch verteidigen. In dem jetzt beginnenden Kampf "hatte die proletarische Macht die höchstentwickelten Produktivkräfte des Landes auf ihrer Seite. Sie trat auf dem Markt in Gestalt eines Eigentümers, Käufers und Verkäufers auf, der stärker war als die anderen, und darüber hinaus über die politische Macht verfügte" ... "die Bourgeoisie hatte ihre alte Erfahrung und ihre Verbindung mit dem Auslandskapital für sich". (Bericht an den IV. Kongress der Komintern 1922.)

Bei diesem Zweikampf ging es um den höchsten Einsatz und sein Ausgang konnte unberechenbare soziale und weltanschauliche Folgen haben. Die eine wie die andere der kämpfenden Gruppen wandte ihre Aufmerksamkeit, in Rußland, dem Agrarland, den Bauern zu. Die Bauern, deren ärmster und ausgebeutetster Teil die Revolution unterstützt hatte, waren misstrauisch geworden gegenüber diesen Revolutionären, die ihnen zwar das Land gegeben, aber das Getreide genommen hatten. Der russische Bauer - Realist aber kurzsichtig, wie er war -, hatte schon zu erkennen gegeben, dass er zu heftigem Widerstand fähig war. Für das Verhältnis der Arbeiterschaft zu den Bauern hatte die NEP, indem sie der privaten Initiative und dem Privatverdienst einige Türen öffnete und Maßnahmen traf, die nichts mehr zu tun hatten mit den brutalen Requisitionen, die ganz den Bauern zur Last gefallen waren, eine entscheidende Bedeutung.

Die Bolschewiki - die von allen Menschen, die über die Zukunft zu entscheiden haben, am wenigsten blind sind - wussten sehr gut, dass die Zukunft des sozialistischen Staates in erster Linie auf dem Bündnis zwischen der produktiven Wirtschaft des flachen Landes und der der Stadt beruhte (wie ja auch die Revolution selbst nur möglich gewesen war, weil die entscheidenden Schichten der Bauern sie gebilligt, unterstützt oder jedenfalls hatten geschehen lassen). Die neuen Herren proklamierten diesen Grundsatz ausdrücklich und legten auch in großen Zügen den Rahmen dieses Bündnisses fest. Sie ließen dabei die Schwerindustrie, die Elektrifizierung, die Perspektiven einer planmäßig aufgebauten Wirtschaft und großer staatlicher Bauten vorläufig außer acht. Zuerst musste die Revolution befestigt werden durch Übergangsmaßnahmen, die die dringendsten Ausbesserungen und die Vorbereitung des weiteren Weges möglich machten. Man durchdrang soweit es ging das flache Land mit genossenschaftlichen Organisationen. Im übrigen erklärte man nachdrücklich: wir sind auf dem Wege vom Kapitalismus zum Sozialismus, wenn auch "dem Ausgangspunkt näher als dem Ziel".

In Moskau wurde feierlich erklärt: "Der Staat erteilt industrielle Konzessionen und schließt Handelsabkommen nur in dem Maße ab, wie die einen oder die anderen die Grundlagen der Wirtschaft nicht erschüttern."

Erinnern Sie sich, meine Damen und Herren, wie man damals in wohlunterrichteten Kreisen über diese Erklärungen gegrinst und selbst laut gelacht hat? Wer sich damals in den Kopf setzte, zu sagen: "Vertraut den Bolschewiki", hatte eine undankbare Aufgabe. "Aha, sie geben schon nach, die wilden Revolutionäre", erklärten die Neunmalweisen aller Nationen. "Es ist doch klar: sie gehen jetzt den ersten Schritt zurück zu den guten alten kapitalistischen Methoden. Es ist der Anfang vom Ende des verrückten sozialistischen Experiments!" Als im Jahre 1921 Tschitscherin in Italien mit dem Vertreter Frankreichs, Herrn Colrat, zusammentraf, wurde der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten in seiner kaum begonnenen Rede von dem Franzosen unterbrochen: die Bolschewiki hätten nicht das Recht über politische Ökonomie zu sprechen angesichts der Desorganisation in der Wirtschaft ihres eigenen Landes. Ich habe nicht die Ehre, Herrn Colrat zu kennen, aber ich kann sagen, dass er ein Dummkopf ist. Auf jeden Fall hätte sein summarisches Urteil nur dann einen Wert oder die geringste Bedeutung haben können, wenn die Bolschewiki die Gelegenheit gehabt hätten, ihre Wirtschaftsmethoden in aller Ruhe auf dem Territorium, das ihnen zugefallen war, anzuwenden, Aber das war ja nicht der Fall. (Übrigens hat nicht nur Herr Colrat derartige Dummheiten geäußert.)

"Der Staat wird nicht zulassen, dass man die Grundfesten seiner Wirtschaft untergräbt." Man kann übrigens verstehen, dass unsere konservativen Republikaner, unsere Verwandlungskünstler der Politik, es unwahrscheinlich finden, dass es Politiker gibt, die die von ihnen gegebenen Versprechungen genau erfüllen und unbeirrbar ihren geraden Weg fortsetzen. In diesen neuen Methoden liegt ein Teil der Originalität der Politiker des Ostens. Solche Methoden werden vielleicht einmal die ganze Politik beherrschen. Eins ist sicher: als diese aufrechten Männer erklärten: "Wir lassen uns nicht übers Ohr hauen", hatten sie recht. Die Aufrichtigkeit, mit der sie das öffentlich erklärten, war ihre Stärke.

"Sie geben schon nach...?" Nein, Herr Minister, nein, Herr Baron, sie geben gar nicht nach! Und die Gesichter der Kapitalisten wurden schnell länger und länger, wurden zur Grimasse. Schon wenige Jahre später konnte jedermann feststellen, dass die Bolschewiki auf der ganzen Linie ihre ursprünglichen Ziele weiterverfolgten, die verpachteten Betriebe wieder in ihre eigene Hand nahmen, den Anteil des Privatkapitals Schritt für Schritt zurückdrängten, und dass sie im Zeichen der NEP aus der Periode wirtschaftlicher Schwierigkeiten als unbestrittene Sieger hervorgingen. Die Kompromisse zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen privaten und kollektiven Unternehmungen - dieser Freundschaftsbund zwischen Wolf und Schaf - waren wirklich nur vorübergehender Natur; die Freude des Weltkapitalismus über die NEP war wirklich nur der Widerschein eines Strohfeuers; und der Nepmann war bald nur noch eine Figur von gestern, die als komische Person einer verblichenen Zeit im Theater auf der Bühne zu sehen war.

Das war Wesen und Sinn der Kompromisspolitik der Bolschewiki. Die Größe Lenin s und die Größe des Mannes, der in diesem schillernden Chaos in seiner nächsten Nähe arbeitete, bestand darin, dass sie Meister des realpolitischen revolutionären Kompromisses waren. Wenn man euch die Frage stellt: "Sind Kompromisse gut oder schlecht?" so antwortet nicht. Ihr könnt nicht antworten. Kompromisse - ich gebrauche dieses Wort in seiner allgemeinen Bedeutung und nicht in dem besonderen, negativen Sinn, den es unter bestimmten Umständen hat - sind manchmal gut und manchmal schlecht. Sie können zum Siege führen wie zur Niederlage. Wo sie nützen ist es Pflicht sie anzuwenden, und ein Fehler, sie abzulehnen. Unter bestimmten Umständen ist das Sektierertum nur die Furcht vor der Verantwortung. Es ist manchmal bequem, hundertprozentige Hartnäckigkeit zu zeigen und sich in den Elfenbeinturm der Reinheit zurückzuziehen, wenn ringsumher alles wankt und auseinander fällt. Aber es gibt auch wieder Lagen, wo man mit Zähnen und Klauen sein Prinzip verteidigen und bis zum äußersten hartnäckig sein muss. Der gute Wille genügt nicht immer, wenn man seine Pflicht richtig erfüllen will. Im Jahre 1921 verdienten den Titel "Kompromissler", im schlechten Sinne des Wortes nicht diejenigen unter den Sozialisten, die für die NEP waren, sondern die, die sich ihr widersetzten. Denn sie gaben die Zukunft an die Gegenwart preis, während der eigentliche Sinn des Kompromisses ist: um der Zukunft willen ein Stück Gegenwart zu opfern. Die Kompromisse Lenin s und Stalins bedeuten - wie die aller großen Strategen: einen Schritt zurückgehen um zwei Schritte vorwärts tun zu können. Bei allen Unfähigen und Ängstlichen und bei allen schwankenden Sozialisten, die bewusst oder unbewusst sich zu drücken versuchen, bedeuten Kompromisse: zwei Schritt zurück für einen Schritt vorwärts.

Auch hier lehrt uns der Marxismus wieder einmal: ein Wort ist ein Wort und bedeutet an sich noch nichts. Losungen bekommen ihren Wert erst durch ihre Anwendung, und zwei Erscheinungen, die man grammatisch mit dem gleichen Wort ausdrückt, können durch eine ganze Welt voneinander getrennt sein. Der Marxismus ist letzten Endes eine Sache der Marxisten.

So hat derselbe Mann, der zwischen 1903 und 1912 mit einer gebieterischen und selbst für manchen seiner Anhänger "unverständlichen" Hartnäckigkeit daran arbeitete, alle Kräfte der revolutionären Partei zu sammeln - was zwangsläufig zur Spaltung der verfolgten und vom Zarismus gehetzten Partei führen musste -, zugelassen, dass diese Partei, nachdem sie einmal gesiegt hatte, in vielen Punkten mit den bürgerlichen Methoden Kompromisse abschloss. Wer das für einen Widerspruch hält, irrt sich, denn Lenin , der Diktator der Tatsachen, hatte in beiden Fällen Recht.

Das ist, was Lenin "die gekrümmte gerade Linie" nannte. Ein schönes und starkes Wort, das nichts zu tun hat mit Arabesken, Schnörkeln und Zickzack, sondern das uns eher verständlich wird, wenn wir an die Geradheit der Breitegrade oder an die Krümmung des Einsteinschen Raumes denken.

 

Unter all diesen Manövern kam der Moment, wo man wieder auf die große Hauptlinie des Endziels zurückkommen musste: die Wirtschaft nach Durchgang durch die nötigen Etappen auf die sozialistische Bahn lenken und sie dann weiter planmäßig entwickeln.

Im Jahre 1922 erklärte Lenin auf dem 11. Parteitag - 1 Jahr nach Einführung der NEP - dass der Rückzug beendet, und dass es Zeit sei, an die Umgruppierung der Kräfte zu denken. Er fügte hinzu, dass die richtige Auswahl der Menschen der Schlüssel der Lage sei. Nach diesem Kongress wurde Stalin zum Generalsekretär des Zentralkomitees der russischen Kommunistischen Partei ernannt. Er ging sofort an die Organisation oder vielmehr Reorganisation der Partei zum Zweck ihrer Einstellung auf den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft im Landesmaßstab heran.

Die Lage blieb nach wie vor gespannt. Die Großmächte hatten die Waffen noch nicht niedergelegt, sie hielten sie noch in der linken Hand. Man hatte sich Absagen geholt, als man versucht hatte, etwas von ihnen zu erhalten. Eine Ausnahme machten die skandinavischen Länder und Deutschland; mit letzterem wurde der Vertrag von Rapallo abgeschlossen, der zwischen beiden Ländern eine Art von Solidarität (auf der Grundlage gemeinsamer Leiden) herstellte. Die Konferenz von Genua, auf der die Sowjetunion zum ersten Male mit den andern Großmächten zusammen saß, blieb ohne Resultat. Den Anlass für ihr Scheitern gab die Weigerung der Bolschewiki, die alten Zarenschulden anzuerkennen. Die europäischen Großmächte waren im Begriff, ihre Wirtschaft wiederaufzurichten. Sie bedienten sich dabei der 90 Milliarden Franken, die die Vereinigten Staaten ihnen (ungerechnet der früher, während des Krieges gewährten Anleihen) für diesen Zweck geliehen hatten.

Bekanntlich haben sich die genannten Großmächte später einfach geweigert, diese Summen zurückzuzahlen, indem sie plötzlich einen Unterschied entdeckten zwischen dem Geld das man ihnen schuldete, und dem, das sie selbst schuldeten, und beschlossen ihre eigenen Schulden zu vergessen und die Zahlungen ihrer Schuldner als bloße "Papierfetzen" zu erklären. Bei dieser Weigerung, ihre Schulden zu zahlen, hatten die Großmächte keinen einzigen der moralischen Gründe für sich, die die Sowjetmacht für ihre Weigerung und Anerkennung der Zarenschulden geltend machen konnten. (Diese Gründe waren, wie wir schon einmal gesagt haben, bereits vor dem Kriege von sehr gemäßigten russischen Politikern angeführt worden, die die Anleihen des Zaren als Anleihen einer despotischen Regierung für persönliche Zwecke und für den Krieg gegen das eigene Volk bezeichnet hatten.) Man wird zugeben, dass ein Unterschied besteht zwischen einer revolutionären Regierung, die jede Gemeinschaft mit der Verschwendungssucht eines volksfeindlichen Zaren ablehnt, und der Regierung der europäischen Großmächte, die sich über ihre eigene Unterschrift hinwegsetzten, nachdem sie selbst bis dahin den besiegten Ländern einen bedeutenden Teil der Reparationszahlungen abgenommen hatten!

Während die Mehrzahl der Sowjetbürger - einige wohlgenährte Nepleute ausgenommen -, vorwiegend von Hirse lebte und selbst die führenden Männer aus Unterernährung sichtlich abmagerten, begann die Arbeit für den Aufbau der Zukunft.

Es war eine wohlüberlegte, mit weit blickenden Perspektiven unternommene Arbeit.

Zunächst hieß es die Hauptrichtung festlegen. Die Position des Sowjetschiffs musste festgesetzt werden. Es ist Aufgabe der Theorie, die Praxis darüber zu belehren, wie der Ausgangspunkt zu wählen ist. Die Theorie gibt den Kurs vom Ausgangspunkt zum Ziel. Wenn der Kurs richtig festgelegt ist, kann man die Zukunft vorausbestimmen. Wie Lenin , so sagt auch Stalin, dass hier die entscheidende Aufgabe liegt. Alle, die Stalin am Werke gesehen haben, stimmen darin überein, dass seine hervorragendste Eigenschaft darin besteht, "eine Lage zugleich in der Gesamtheit und in ihren Details zu übersehen, das Wesentliche in den Vordergrund zu stellen und seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was im Augenblick das Wichtigste ist". Man kann beobachten, dass die Leute, die Stalin genau keimen - wie der jüngst verstorbene Kuibyschew, der das staatliche Planinstitut leitete -, wenn sie von seinen Maßnahmen sprechen, nicht nur sagen: er hat das und das getan. Sie sagen: er hat es zum richtigen Zeitpunkt getan.

Das erste große entscheidende Problem, das gelöst werden musste: die Bauernfrage. Das war und ist heute noch das die ganze Sowjetrepublik beherrschende Problem.

Man darf nie vergessen - und muss es sich immer wiederholen -, dass die zwei kennzeichnenden Merkmale des damaligen Rußland waren: ein Agrarland und ein rückständiges Land. Das von den Punkten Petrograd, Odessa, Tiflis, Wladiwostok und Archangelsk bestimmte Gebiet war bis zur. Revolution ein schlecht organisiertes, verworrenes Feudalland, das sich um den reich dekorierten Kreml, um die Diamanten der Krone und der Ikonenwände in den Kathedralen lagerte, durch das, fackelgeschmückt, die Schlittenzüge der Großfürsten jagten und das die Bojaren verließen, um ins Ausland zu gehen, wenn sie sich amüsieren wollten. Noch am Vorabend der Revolution war die Hälfte des Landes Eigentum von 18000 Adelsfamilien, während sich in die andere Hälfte 25 Millionen Bauernfamilien teilten. Diese widersinnigen Zustände hatten überall ihre Spuren hinterlassen. Die sehr zurückgebliebene Industrie war an einigen (verhältnismäßig ausgedehnten) Punkten konzentriert und wurde fast zur Hälfte (43 Prozent) durch ausländisches Kapital betrieben.

Es ist jedoch die Industrie, mit deren Hilfe ein moderner Staat groß werden kann. Mit Hilfe der Industrie musste auch dieses große Gebiet in ein starkes Land umgewandelt werden. Galt das auch für die Bauernwirtschaft? Ja. Auch bei der Bauernschaft war ein wirtschaftlicher und politischer Umschwung nur mit Hilfe der Industrie zu erreichen. Nur sie konnte die Grundlage für die politische Umwandlung des Dorfes geben.

Infolgedessen "musste das Schwergewicht der Wirtschaft auf die Industrie verlegt werden" (Stalin), Das ist jedoch leichter gesagt als getan, angesichts solcher leeren Ozeane von Feldern, Steppen und Wäldern. Aber man muss eben den Mut zur Kühnheit haben, wenn man ein weißes Blatt Papier vor sich hat.

Wir müssen unser Land aus einem Agrarland in ein Industrieland verwandeln, das fähig ist, alles selbst zu produzieren was es braucht. Das ist der Hauptpunkt, die Grundlage unserer Generallinie.

So spricht Stalin, der Volkskommissar für die Arbeiter- und Bauerninspektion.

Aber nach seiner Idee - es ist dieselbe wie Lenin s - genügte es nicht, zu sagen, dass man den Weg der Industrialisierung einschlagen muss. Man muss bestimmten Industriezweigen den Vorrang geben: "Industrialisierung bedeutet nicht allgemeine Entwicklung der ganzen Industrie." Das "Zentrum" der Wirtschaft, ihre "Basis", das einzige Mittel, um den Fortschritt

der gesamten Industrie sicherzustellen, ist, so erklärt Stalin, die Entwicklung der Schwerindustrie (Metall, Brennstoffe, Transport), "die Entwicklung der Produktion von Produktionsmitteln".

Lenin hatte voraussehend darauf hingewiesen: "Wenn wir nicht die Mittel finden, um in unserem Lande die Industrie aufzubauen und zu entwickeln, dann ist es um unsere Zukunft als zivilisiertes und noch mehr als sozialistisches Land geschehen." Stalin äußerte sich im gleichen Sinne über die Schwerindustrie.

Man muss hier noch einmal eine Abschweifung zu ähnlichen wie den früher angestellten Überlegungen einschalten. Es handelte sich bei dieser Frage der Schwerindustrie tatsächlich wieder um eine Berechnung auf lange Sicht, die zunächst nicht einleuchten wollte, ja, ganz im Gegenteil: eine andere Alternative erschien richtiger: Sollte man nicht - zunächst ganz bescheiden - beginnen mit der Wiederherstellung und Entwicklung der Leichtindustrie (Textilien, Massenbedarfsartikel, Nahrungsmittel), die erlaubte, die Bevölkerung zu beliefern, den sofortigen Bedarf zu befriedigen und die dringendsten Forderungen zu stillen ... Hat es der Durchschnittsmensch, dieser große formlose Bürger, dieser riesige Schneemann, nicht lieber, beim Anfang anzufangen?

Wieder einmal brach der "erst vor kurzem endgültig erledigte" Konflikt auf zwischen der Alltagslogik und der Riesenlogik, zwischen den weit blickenden Menschen, die sich schwer lastende Sorgen um die Zukunft machen, und den Kurzsichtigen, die ohne Gepäck reisen.

Vom Kleineren zum Größeren fortschreiten, sagten die letzteren. Dabei bleibt das Opfer der Massen geringer, wird der Zeitraum der Entbehrungen kürzer, lassen sich die Wunden schneller heilen und wird der Frieden im Lande erhalten, anstatt dass man sich Hals über Kopf in eine Umwälzung der Landwirtschaft stürzt und hinter Weltrekorden herjagt, ohne über die notwendigsten Dinge zu verfügen.

Euer Standpunkt ist falsch, Genossen.

Die in die Zukunft blickende Logik und Geduld antworten durch den Mund Stalins und erklären: ja, man würde einige dringendste Bedürfnisse der Massen in Stadt und Land befriedigen, wenn man mit der Leichtindustrie anfangen würde. Und dann? Wie soll die notwendige Erweiterung der Leichtindustrie mit neuen Maschinen, Rohstoffen usw. sichergestellt werden? Woher sollen diese Maschinen, diese Rohstoffe, diese Transportmittel kommen, wenn nicht wir selbst sie herstellen? Und die Herstellung fordert riesige Summen und lange Jahre vorbereitende Aufbauarbeit. Darum ist der Aufbau und die Entwicklung der Schwerindustrie die erste Aufgabe. Nur die Schwerindustrie kann die Grundlage für die industrielle Erneuerung des ganzen Landes geben. Nur die Entwicklung der Schwerindustrie macht die Kollektivierung der Landwirtschaft (d. h. die Verwirklichung des Sozialismus im großen Maßstabe) möglich.

Wir brauchen das Bündnis zwischen Bauer und Arbeiter, stellte Stalin fest. Aber die Umerziehung des Bauern, die Zerstörung der individualistischen Psychologie und ihrer Verwandlung in Kollektivgeist und damit die Vorbereitung des Weges zu einer sozialistischen Gesellschaft kann nur geschehen auf der Grundlage einer neuen Technik, auf der Grundlage kollektiver Arbeit und der Produktion im großen Maßstabe. Entweder wir lösen diese Aufgabe und dann sind wir endgültig gesichert, oder wir schieben sie beiseite und dann kann der Rückfall in den Kapitalismus unvermeidlich werden. Auch die Frage der Landesverteidigung spielt dabei eine große Rolle. Auch sie verlangt die Schwerindustrie. Die Landesverteidigung ist heilig. Es gibt gewisse große Worte, die in den Garküchen des Kapitalismus mit allen Saucen serviert werden. Das darf uns nicht davon abhalten, da, wo es zum erstenmal möglich wird, ihnen ihren wahren Sinn zu geben. Das Wort Landesverteidigung, das hassenswert überall da ist, wo es soviel bedeutet wie Neid und Räuberei, wie: "Ich bin mehr als du", wo es Ruin und Selbstmord meint und wo es der erste Schritt zum Überfall auf den Nachbarn ist - dieses Wort ist heiliger als das Leben dort. wo es bedeutet: Schutz dessen, was wirklich dem Volke gehört, Etappe des Fortschritts, endgültige Befreiung von der Sklaverei und begründetes Misstrauen gegen die Raubländer, welche nur nach einem. Vorwand suchen, (und diesen Vorwand, wenn nötig fabrizieren), um den lebendigen Sozialismus zu zerstören, wenn es meint: Misstrauen gegen die kapitalistischen Großmächte, die derartige Pläne so oft und mit teilweisem Erfolg verwirklicht haben, dass niemand, der guten Glaubens ist, ihnen diese Absicht absprechen kann. Die Pflicht zur sozialen Verteidigung macht jedes Vertrauen gegenüber den Großmächten zum Verbrechen und bringt den Wunsch und Willen zum Ausdruck, dass das Morgenrot der russischen Revolution wirklich ein Morgenrot ist. Als Stalin einmal, mehrere Jahre später, diese ganzen Gedanken zusammenfasste und sagte, dass der erste Grundpfeiler des Sowjetstaates das Bündnis zwischen Arbeiter und Bauern und der zweite das Bündnis der Nationen ist, fügte er hinzu: der dritte ist die Rote Armee.

So ist also die Schwerindustrie "das erste Glied der Kette, das man anpacken muss, um die ganze Kette aufheben zu können" - ich verwende einen Ausdruck, wie man ihn dort drüben liebt, wo das Abstrakte konkret ausgedrückt wird.

Aber es genügte nicht, an den Aufbau der Schwerindustrie heranzugehen. Es kam auch darauf an, es schnell zu tun, wenn die Aufgabe dadurch auch schwerer wurde. Ein zu langer Zeitraum würde den Sinn dieser Eroberung verfälscht und ernste Gefahren heraufbeschworen haben. Sich zu lange bei riesigen Bauten aufhalten, die noch keinen Ertrag geben, hieß eine Niederlage riskieren. Das bedeutete: Industrialisierung in beschleunigtem Tempo.

An dieser Stelle trat sofort ein neues unerbittliches Hindernis auf: es fehlte an technischen Mitteln, und technische Mittel, das bedeutet sowohl Maschinen als Menschen. Auch bei der Lösung dieses Problems, bei der Ausbildung technischer leitender Kader in aller Eile, hat man zu ungewöhnlichen, kühnen Mitteln gegriffen, die auf den ersten Blick Befremden erregten. Es gab zwei Möglichkeiten, hat später Stalin auseinandergesetzt (ganz vor kurzem: ich hörte es im Radio, während ich die Korrekturen dieses Buches las) ... "zwei Möglichkeiten: die eine bestand darin, zuerst Techniker auszubilden - das war eine Sache von einigen Dutzend Jahren -- und dann die Maschinen zu bauen. Die andere bestand darin, sofort zu gleicher Zeit Maschinen zu bauen und Kader auszubilden. Wir haben diese zweite Lösung gewählt. Es ist dabei nicht ohne Missgriffe und Verluste abgegangen. Aber wir haben dabei etwas gewonnen, was wertvoller war: Zeit, und wir haben, von der Notwendigkeit gedrängt und geleitet, die Techniker erhalten, die wir brauchten. Alles in allem haben wir unendlich viel mehr gewonnen als verloren." Ein neuer großer Erfolg der klugen und weit blickenden bolschewistischen Hartnäckigkeit! "Wir haben gesiegt - und das ist die Hauptsache", stellte Stalin 1935 fest.

Aber damals gefiel dieser Weg des größten Widerstands nicht allen, selbst im Kreise der verantwortlichen leitenden Personen. Es gab Leute, die ein schiefes Gesicht zogen. Stalin holt sie aus ihren Winkeln hervor und verspottet sie, "diese Philister in Pantoffeln, Schlafröcken und Nachtmützen, die die Probleme des sozialistischen Aufbaus nur unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen Bequemlichkeit betrachten".

 

Auf den Ruinen von gestern und vor dem Nebel von morgen erheben sich als riesige, von Menschen wimmelnde Silhouetten große Industriebauten. lieber den Flächen, auf denen noch Trümmer ragen, nehmen die Wolken und Lichtstrahlen die Form von Baugerüsten, Hochöfen, Dämmen und dunklen Regenbogen gleichenden Brückenbogen an. In den Steppen und den fruchtbaren Einöden des flachen Landes tauchen, fast an Photomontagen erinnernd, Fabriken und Industriekombinate wie gepanzerte Städte auf. Schachbrettartig und in Rombenform wird um neu entstandene, wissenschaftliche Oasen herum das Land eingeteilt. Traktoren durchziehen kilometerweit, kommend und gehend und einander ablösend, die Felder. Straßen und Eisenbahnen werden auf die ganze, große Karte gestickt.

Die ersten Bauten und Neuanlagen begannen mit dem Ende des Bürgerkriegs und verteilten sich nach wohlüberlegter Berechnung in Wellen auf große Etappen: 1921, 1925, 1927. Man betreibt mit großem Nachdruck überall auf dem flachen Lande die Schaffung von Konsumgenossenschaften. Es gab seit langer Zeit Genossenschaften in Rußland. Jetzt musste man ihren Ausbau planmäßig steigern. "Die Genossenschaft ist die Hauptstraße, die zum Sozialismus führt" ( Lenin .) Es ist einleuchtend, dass sie das Denken kollektivisiert, eine Atmosphäre der Gemeinschaft bildet und sozialistische Gewohnheiten in die Berechnung des Alltagslebens einführt. Darüber hinaus gibt die Konsumgenossenschaft die Möglichkeit, den Privathandel nach und nach zu verdrängen, indem sie den privaten Zwischenhandel erdrückt und selbst zum Vermittler zwischen den staatlichen "Trusts" und den Verbrauchern wird. Die Organisation von Produktionsgenossenschaften im großen Stil ist dann die nächste Etappe.

Gleichzeitig wurden eine Reihe von Maßnahmen zur Rationalisierung, zur Sparsamkeit, zum Kampf gegen Verschwendung, zur Ertragserhöhung und zur Stärkung der Arbeitsdisziplin getroffen.

Aber nur das gewann wirklich Gestalt und Leben, was eng mit der Elektrifizierung verbunden war.

Die Elektrifizierung war die starke Wurzel, die die ganze riesige erträumte Industrie mit der Erde verband.

Lenin hatte die Bedeutung des elektrischen Stromes für die Zukunft der Welt in einem Augenblick erkannt, wo dies noch niemand verstand, wo die NEP noch im vollen Gang war und die Kapitalisten hofften, dass sich die Wunden an dem schwer getroffenen Volkskörper nicht schließen würden.

Diese damals auftauchende Idee bekam den Namen GOELRO (das Wort ist aus den ersten Buchstaben mehrerer Worte: Staat, Elektrizität, Rußland, gebildet).

"Ich habe Ihren Plan für die Elektrifizierung Rußlands gelesen", schrieb Stalin im März 1920 an Lenin . "Das ist ein meisterhaftes Projekt für einen Wirtschaftsplan, für einen wirklichen Gesamtplan, einen wahren Staatsplan in des Wortes tiefster Bedeutung. Es ist der einzige marxistische Versuch unserer Zeit, um den ganzen Überbau des wirtschaftlich zurückgebliebenen Rußland auf eine ,wirklich reale' und unter den gegenwärtigen Bedingungen einzig mögliche industrielle Basis zu stellen... Was taugen demgegenüber die Dutzende von ,Gesamtplänen', die zu unserer Schande in unserer Presse veröffentlicht werden? Ein Kinderlallen, nicht mehr! Besinnen Sie sich auf den Plan Trotzkis vom vorigen Jahr, auf seine Thesen über die ,wirtschaftliche Wiedergeburt Rußlands' mit Hilfe einer breiten Ausnutzung der unqualifizierten Arbeitskräfte der Arbeiter- und Bauernmassen (Arbeitsarmee) auf den Ruinen der Vorkriegsindustrie. Wie armselig, wie ,primitiv' ist das gegenüber dem GOELRO-Plan! Man meint einen Handwerker aus dem Mittelalter in der Pose eines Helden von Ibsen zu sehen. Meine Meinung? ... Erstens: nicht eine Minute Zeit verlieren mit Gerede über diesen Plan; zweitens: sofort mit der praktischen Verwirklichung (Die hervorgehobenen Stellen sind von Lenin in dem Briefe unterstrichen.) der Sache beginnen ; drittens: für den Beginn dieser Arbeiten mindestens ein Drittel unserer Arbeitskraft zur Verfügung stellen (zwei Drittel - Material und Menschen - werden für die ,laufenden' Bedürfnisse notwendig sein); viertens: das es den Mitarbeitern des GOELRO bei all ihren guten Eigenschaften doch an gesundem praktischen Sinn fehlt (man spürt in ihren Artikeln professorale Impotenz), müssen in die Plankommission Männer der Praxis aufgenommen werden; fünftens: Prawda, Iswestija und vor allem Oekonomitscheskaja Shisn müssen die Popularisierung des ,Elektrifizierungsplans' übernehmen, sowohl um ihn darzustellen, als auch in bezug auf die konkreten Einzelheiten, ohne aus dem Auge zu verlieren, dass es nur einen einzigen ,Gesamtwirtschaftsplan', den ,Elektrifizierungsplan', gibt, und dass alle anderen ,Pläne' nur leeres und schädliches Geschwätz sind." Die Elektrifizierung wird zum Grundpfeiler der zukünftigen Rekonstruktion des Kontinents. Der ganze Neuaufbau dreht sich um diesen Mast. Die elektrischen Wasserkraftwerke versinnbildlichen schon die großen Formen des kommenden kollektiven Fortschrittes. "Sozialismus", sagt Lenin , "das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes." Das ist eine gewaltige Verbindung von Gedanken und Dingen, die Einheiten zusammenbringt und miteinander vermischt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Man hätte die ganze Literatur über den Sozialismus oder über die Elektrizität studieren können, ohne auf diesen Gedanken zu stoßen. Es schien, als wollte man Äpfel mit Apfelsinen addieren, was, wie der Lehrer seinen Schülern in der Volksschule erklärt, nicht möglich ist. Tatsächlich war es aber nichts anderes, als dass der Idee ein gewaltiges materielles Rückgrat gegeben wurde. Man denkt unwillkürlich an das große Wort aus der Schöpfungsgeschichte: Es werde Licht!

Dieser gigantische Traumplan, der an allen Ecken des Landes Tausende von Pferdekräften aus der Erde und aus dem Wasser stampfte, dieser Elektrifizierungsplan erschien dem Westen anmaßend und komisch. Wells, der große englische Schriftsteller und Spezialist für Zukunftsbilder, hat sich zum Sprachrohr der berufenen Geister gemacht, denen dieses Vorhaben der Sowjets lächerlich erschien. Als Lenin ihm 1921 sagte: "Man wird das europäische und asiatische Rußland elektrifizieren", fand Wells das komisch. Nicht die Idee an und für sich (wenn man diese Idee in England vorbringen würde, erklärte er, so wäre das verständlich; denn England hat die Mittel dazu), aber dass sie in diesem Land der Analphabeten, inmitten von Ruinen und von diesem "kleinen Mann im Kreml" gefasst wurde, das erschien ihm barock. Und zwar umso mehr, als der bolschewistische Prophet mit dem kleinen verstiegenen Gehirn auch davon sprach, dass es in Zukunft in Rußland 100000 Traktoren geben würde, wo man doch damals Traktoren an den Fingern einer Hand abzählen konnte. Wells, der literarische Spezialist der Zukunft, hat in dem einzigen Falle, wo seine Visionen kontrolliert wurden, die Zukunft verkehrt gesehen. Wenn er nur aus seinem Werk diese Seite entfernen könnte, wegen der in der Sowjetunion heute die Schuljungen so grob mit ihm umspringen!

Auf dem 8. Sowjetkongress und auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale verwandelten sich der Elektrifizierungsplan und die Kommission für die Elektrifizierung und wurden zu dem großen systematischen Staatsplan für die ganze Wirtschaft und zur Staatsplankommission. Diese Kommission fing vor allem mit dem Moment an aktiv zu arbeiten, wo die UdSSR, nach Beendigung der Wiederherstellung und Reorganisation der alten Industriebetriebe, den Weg der Neubauten im großen Stil beschritt.

Damit begann die Serie der Fünfjahrpläne, die selbst wieder Teile eines größeren und breiteren Planes sind.

Dieses riesenhafte Unternehmen der Planierung, die ganze Länder auf lange Zeit erfasst, ist ein Produkt des Sowjetgedankens. Aber die Idee hat heute auf die ganze Welt abgefärbt. Wenn sie sich in der Sowjetunion konkret durchgesetzt hat, so existiert sie anderswo abstrakt und als Gerede. Die Sowjetunion hat für ihre Aufbauarbeit von den anderen großen Ländern nichts Wesentliches übernehmen können. Aber diese anderen Länder haben ihrerseits bei der Sowjetunion gewisse Anleihen gemacht. So haben sie ihr u. a. den Begriff der Planwirtschaft entnommen, verbrämt durch einige internationale Ergänzungen, "Planwirtschaft", dieses Wort ist eine gestammelte Ehrenbezeugung des Kapitalismus an den Sozialismus!

Aber gewiss doch: Planwirtschaft. Es gibt kein anderes Mittel für die Rettung des Menschengeschlechts. Sie ist wirklich das Lebenselixier. Aber wer sagt: Plan, der sagt: Einheitlichkeit; und wer sagt: Kapitalismus, der sagt: Anarchie (Anarchie im nationalen und internationalen Maßstab). Wenn das Wort: "Plan", national wie international, nicht seinen vollen konkreten Inhalt hat, so sagt es nichts, so ist es nichts wert, weder im Innern noch nach außen. Mit der Planwirtschaft ist es wie mit dem Frieden: sie kann nicht existieren, wenn man anfängt, sie in Stücke zu teilen.

Wenn wir sagen, dass die Idee des Wirtschaftsplans ausschließlich eine Sowjetidee ist, so nicht aus Gründen der Priorität, sondern aus anderen Gründen. In den kapitalistischen Ländern machen die private Initiative, die Privilegien, die Vielheit und die Verschiedenheit der im Wirtschaftsleben mitspielenden Interessen einen Gesamtplan unmöglich: den besten Beweis hierfür liefern die gewaltsamen Schiebungen, die jedesmal in letzter Stunde, und manchmal auch später, vorgenommen werden, um unseren Staatsbudgets den Anschein des Gleichgewichts zu geben. Anders ist es im sozialistischen Staat, der seine Wirtschaft streng logisch und mathematisch genau im allgemeinen Interesse aufbaut, und wo das Kollektiv, das die Leitung hat, in gleicher Person Gesetzgeber, Exekutive, Eigentümer und Geldgeber ist.

Als der erste Fünfjahrplan der Sowjetunion das Licht der Öffentlichkeit erblickte, hat er mit allen seinen reichen Details und genauen Angaben noch einmal die Leute im Westen zum Lachen gebracht. Worüber lachten sie? Diese Sowjetleute, deren Wirtschaftsstatistik Rückgang anzeigte und die kläglich in den untersten Reihen der Weltwirtschaftsstatistik figurierten, setzen uns schwindelerregende Zahlen vor - die sich auf die Zukunft beziehen! Sie erzählen von dem Ausmaß von Arbeiten, - die noch nicht begonnen sind! Wenn man sie fragt: "Wie steht es mit dieser oder jener Industrie bei euch?" so antworten sie: "In fünf Jahren wird sie so und so aussehen", und dann beginnen sie, großsprecherisch von fernen Perspektiven zu reden.

Und mussten wir nicht angesichts dieser in den Wolken schwebenden Statistiken an die schönen Versprechungen denken, die bei uns die jeweils in Mode befindlichen Politikanten den Bürgern im allgemeinen und ihren Wählern im besonderen machen; mussten wir nicht daran denken wie absurd es wäre, die Maßnahmen, zu denen sich bei uns ein Minister oder eine Regierung verpflichtet, ernst zu nehmen?

Es war kein leichtes Stück Arbeit, in unseren Breitegraden für Vertrauen zu den Moskauer Zahlen zu werben. Man muss schon wirklich Sektierer sein, um an so etwas zu glauben! sagte man uns.

Und andere sagten: die Zahlen des Fünfjahrplans sind eine Fiktion, weil sie zu hoch sind. Eine derartige Kapitalverschiebung ist nur in Kriegszeiten, im Angesicht der Kanonen, möglich.

Ich selbst (ich, Barbusse) habe im Jahre 1928 geschrieben, dass es sich "bei dem laufenden Fünfjahrplan nicht um Zahlen- und Wortspekulationen von Bürokraten und Literaten handele, sondern um positive Direktiven: man müsse die Zahlen des Staatsplans mehr als schon gemachte Eroberungen denn als bloße Anweisungen betrachten", "und", schloss ich, "wenn die Bolschewiki uns versichern, dass die Sowjetindustrie im Jahre 1931 um 8 Prozent gewachsen sein wird, und dass 7 Milliarden Rubel für den Ausbau der Wirtschaft ausgegeben sein werden, dass die Wasserkraftwerke 3½ Millionen Kilowatt erreichen werden ... so müssen wir uns sagen, dass das alles schon virtuell existiert..."

Nun, diese Zahlen sind zum angegebenen Zeitpunkt nicht exakt verwirklicht worden - sie wurden sämtlich überschritten!

Heute ist der "Realwert" der Zahlen der Pläne bewiesen. Im Laufe der Jahre sind die Pläne aus dem Bereich der ungewissen Zukunft in den Bereich der fotografierbaren Gegenwart gerückt. Wenn einige Zahlen nicht ganz erreicht worden sind, so sind die Unterschiede völlig unbedeutend, ja man könnte sagen, überhaupt nicht vorhanden. In vielen Punkten sind die Zahlen dafür überschritten worden. Die Wirtschaftspläne der Sowjets sind Wirklichkeit geworden, zu 109 Prozent in den Jahren 1922/23, zu 105 Prozent in den Jahren 1923 bis 1925. Und das gilt von allen wichtigen Frontanschnitten.

Das ist nicht verwunderlich. Die Pläne der Materialisten sind zugleich die intelligentesten Pläne. Angesichts der vernünftigen Grundsätze des Sozialismus und seines direkten und einfachen Kontakts mit der Wirklichkeit auf der ganzen Linie ist es nicht mehr als normal, dass das, was im Plan vorgesehen ist, mit Genauigkeit zur Wirklichkeit wird - so steil auch die vorgesehene Kurve sein mag. "Es wäre Zauberei, wenn es eben nicht - Sozialismus wäre", sagt Stalin.

Wenn die sozialistische Theorie sich in dieser Weise in Wirklichkeit verwandelt, so ist das nicht nur eine Sache der menschlichen Intelligenz, sondern auch des menschlichen Herzens. Es bedarf noch einer anderen Triebkraft als nur der Logik, um ein vernünftiges Werk von solchen Ausmaßen zu schaffen. Ist es der Wille? Auch der Wille an sich genügt noch nicht. Es bedarf des Enthusiasmus. Mit Hilfe der sozialistischen Ideologie und der direkten Aktion der Partei (sie ist es, die unbestritten an der Spitze der Massen steht und sie, die das Rad vorwärts treibt) muss man die Mitarbeit der Masse der Werktätigen gewinnen, nach der Quantität sowohl wie nach der Qualität. Ohne eine bewusste, entschlossene, begeisterte Mitarbeit der Arbeiterklasse kann man nichts erreichen. Das heißt: "...in ihr die schöpferischen Kräfte erwecken, die der Kapitalismus erstickt hat", "den Arbeiter mit Begeisterung für die Arbeit ausrüsten!" Technische Qualifizierung - aber auch sittliche Qualifizierung. Es ist die Verbindung dieser beiden, übrigens verwandten Kräfte, was über-menschliche Arbeiten ermöglicht.

Begeisterung für die Arbeit? Für die bürgerlichen Wirtschaftstheoretiker ist das soviel wie lachende Hühner. Vom Arbeiter kann man nur dann etwas erreichen, versichern sie, wenn man ihn mit der Aussicht auf höheren Verdienst lockt. Das ist die gute alte Methode, die das kapitalistische System immer angewandt hat, wenn es dazu imstande war (heute fällt es ihm natürlich schwer). Die Losung: "Bereichert euch" kann bei den Massen im Kapitalismus immer auf Erfolg rechnen (und hat immer den sicheren Erfolg, sie zu ruinieren).

Im sozialistischen Regime ist der Arbeiter nicht mehr derselbe wie im Kapitalismus; er gehört einer anderen sozialen Menschengattung an. Im Kapitalismus ist der Arbeiter ein Sträfling in Zwangsarbeit. Er arbeitet wider Willen, weil er nicht für sich selbst arbeitet. (Und er kann sich leicht davon überzeugen, dass er sogar gegen sich selbst arbeitet.) Infolgedessen muss man bei ihm besondere Reizmittel anwenden: das Fünfmarkstück, den Patriotismus, die christliche Moral und die göttliche Vorsehung. Der andere, der sozialistische Arbeiter, versteht bis zur Erschöpfung zu arbeiten "für den Ruhm", denn der Ruhm das ist seine eigene Kraft, sein eigener Aufstieg. In den materialistischen Plänen liegt der größte Idealismus.

Aber nicht nur die Kapitalisten machten dogmatische Einwände. Es gab auch in verschiedenen Schichten der Partei murrende Kritiker. Alle die Aufrufe zum sozialistischen Wettbewerb, sagten diese Genossen, sind ganz gut für die Agitation und Propaganda; aber darauf rechnen wollen, wo es sich nm die Arbeit handelt, im großen wie im kleinen, heißt zu weit gehen; der Genosse Stalin übertreibt. Aber Stalin bestand hartnäckig auf der praktischen Bedeutung des Wettbewerbs für die Sache und versprach von diesem Anreiz positive wirtschaftliche Resultate. Als sich einige Jahre später herausstellte, dass der Enthusiasmus der Arbeiter dem Vormarsch der Arbeit wirklich einen ungeheuren Zuwachs an Umfang und Tempo gab, hatte er einen neuen Sieg davongetragen, den er mit folgenden Worten kennzeichnete: "Dieses Jahr hat uns eine entscheidende Wendung gebracht."

Sogar das Problem der Technik gelang es mit Hilfe des Enthusiasmus zu lösen. Es war, wie wir gesehen haben, ein schweres und ernstes Problem. Man brauchte Techniker und Spezialisten, aber unter denen, die es waren, oder die es hätten sein können - unter den Russen sowohl wie unter den Ausländern -, gab es einen erschreckenden Prozentsatz von Verrätern. "Der Pöbel hat uns im flachen Felde durch seine Zahl besiegt. Wir werden ihn durch unser Wissen schlagen", hat Paltschinski, einer der Anführer der Schädlinge gesagt. In aller Eile mussten neue zuverlässige technische Kräfte gebildet werden. Die Ausbildung ging mit verdoppelten Kräften vor sich, und bald waren die neuen Techniker in genügender Zahl vorhanden und auf der Höhe.

Der Wettbewerb ist eine Art von freiwilliger Rationalisierung, die der einzelne an sich selbst vornimmt, um höchste Leistungen zu erreichen. Der Wettbewerb, hatte Lenin gesagt, wird im Sozialismus nicht erstickt, sondern im Gegenteil gesteigert. Stalin gibt die folgende Definition oder Beschreibung: "Das Prinzip des sozialistischen Wettbewerbes bedeutet: brüderliche Unterstützung der zurückgebliebenen durch die fortgeschrittenen Genossen zugunsten des allgemeinen Aufstiegs."

Musste es bei der Anwendung und Ausnützung solcher rein sittlichen Antriebe nicht auch Missgriffe und Übertreibungen geben? Stalin selbst hat nachdrücklich darauf hingewiesen und die absoluten - für den Augenblick zu puritanisch, zu kindisch absoluten - Maßnahmen wie die mathematische Revision der Löhne und die Gleichmacherei verurteilt - Maßnahmen, die zu grob und demagogisch sind, und die dadurch der Entwicklung der noch so jungen individuellen und kollektiven sozialen Persönlichkeit mehr schaden als nützen. Es wird übrigens von diesen schematischen Karikaturen auf den Sozialismus noch die Rede sein.

Aber man kann sagen, dass das anfeuernde Vorbild der Elite, das Beispiel der in Massen, in Brigaden, in Armeen vorwärts stürmenden Besten zu gleicher Zeit ein außerordentliches und ständiges Element der Aufbauarbeit ist.

Eine andere Antriebskraft, eine andere Feder: die Selbstkritik. Es war Stalin, der mit besonderem Nachdruck (bei jeder Gelegenheit, aber insbesondere auf einer Parteikonferenz im Jahre 1927) "das Ventil der Selbstkritik" vorgeschlagen und verteidigt hat. Die Partei und ihre aktiven Mitglieder haben als einzelne und in ihrer Gesamtheit die Pflicht, das Recht der Selbstkritik als Waffe anzuwenden. Sie müssen die Fehler und Irrtümer aufdecken, müssen unversöhnlich gegen alle Mängel und Schwächen vorgehen. Tun sie es nicht, so tragen sie selbst die Verantwortung für die Fehler. Man muss verstehen, sich selbst zu verdoppeln, sich selbst zu überwachen und zu kontrollieren. Jeder soll die ganze Verantwortung fühlen, die er trägt. Erst im Sozialismus erhält das Wort des großen Reformators über die Auslegung der heiligen Schrift (ein Wort, das in seinem Mund eine Lüge war) seinen wahren Sinn: "Jeder Mann sein eigener Papst."

 

Eines Tages - das Ereignis fuhr wie ein Blitz aus heiterem Himmel - war Lenin nicht mehr da.

Er starb am 21. Januar 1924 im Alter von 54 Jahren. Allen denen, die bis dahin zu seiner nächsten Umgebung gehört hatten, erschien es unfassbar. (Der Tod zwingt uns, das Unfassbare zu fassen.) Sie konnten sich nicht vorstellen, dass der sie verlassen habe, der die ganze russische Revolution verkörperte, er, der sie in seinem Kopfe ausgetragen, sie vorbereitet, der sie durchgeführt und der sie gerettet hatte; Lenin , einer der größten Eroberer der Geschichte und in jeder Beziehung der reinste; der Mann, der bis heute mehr für die Menschheit getan hat, als irgendein anderer.

"Als die Partei nach Lenin s Tod verwaist dastand und als sie sich fragte: was werden wir ohne unsern genialen Führer machen? - erhob sich die ruhige Stimme Stalins: wir werden mit den Schwierigkeiten fertig werden." (Kaganowitsch.) Einige Tage nach dem Hinscheiden Lenin s (das einen Masseneintritt von Arbeitern in die Partei auslöste, gerade als ob diese Arbeiter, wie Radek bemerkt hat, "versuchten, durch das Geschenk einer Unzahl von Gehirnen das eine geniale Gehirn zu ersetzen, das zu schaffen aufgehört hatte") wandte sich Stalin auf einer großen feierlichen Veranstaltung im Namen der Partei mit einem Abschiedswort an den großen Schatten des Meisters und Freundes, einem Wort, das zum Schwur wurde: " Lenin , als du uns verließest hast du uns zur Pflicht gemacht, den Ehrentitel eines Mitglieds der Kommunistischen Partei hoch und rein zu halten. Wir schwören dir, Genosse Lenin , deinen Willen in Ehren zu erfüllen!"

Seit den Tagen, wo die Sowjetmacht ihre ersten Schritte tat, war Stalin bei Lenin und folgte seiner Spur. Er folgte ihm mit derselben Treue nach, als Lenin nicht mehr da war. Das war vor allem möglich, weil Lenin sich seit langem in Gestalt der Partei ein Ebenbild geschaffen hatte. Er hatte sie selbst geschmiedet, mit Festigkeit, umsichtig, auf alle Einzelheiten bedacht, mit den ganzen mächtigen Mitteln, über die er verfügte, mit seiner ganzen unwiderstehlichen Überzeugungskraft, und er hatte aus ihr ein lebendiges Instrument für die Leitung des Landes der Revolution gemacht. So übermenschlich groß Lenin auch war, es wäre falsch, ihn für unersetzbar zu halten: dafür sorgte die Partei und das, was er aus ihr gemacht hatte. Als Lenin hinweggegangen war, musste aus ihren Reihen der neue Mann hervorgehen, der an seine Stelle trat. Das ist genau das Gegenteil zu der biologischen Nachfolge im dynastischen Regime, die im Laufe von 2000 Jahren die Geschichte durcheinander gebracht hat. So vollzog sich in klaren Linien der Aufstieg Stalins, das ständige Anwachsen seiner auch schon vorher bedeutenden Autorität. Er war es, der mehr und mehr als der neue Führer erschien.

Aber man soll sich über den Sinn dieses schnellen Aufstiegs nicht täuschen, man soll sich hüten, leichtsinnig auf die in allen Tonarten gesungene Melodie von der "persönlichen Macht" und der "Diktatur" zu verfallen.

Es kann in der Kommunistischen Internationale und in der UdSSR keine persönliche Diktatur geben. Es kann sie nicht geben, weil der Kommunismus und das Sowjetregime sich im Rahmen einer äußerst präzisen Lehre entfalten, der gegenüber die größten Führer nur die ersten Diener sind, während das Wesen der persönlichen Diktatur, der persönlichen Macht, darin besteht, dass der Herrscher, entgegen dem Gesetz, sein eigenes Gesetz und seine eigene Laune durchsetzt.

Es kann gegenüber den Ereignissen der Wirklichkeit verschiedene Interpretationen des Marxismus geben. Und in diesem Sinne kann in der Leitung des Staates und der Internationale zu verschiedenen Zeitpunkten eine bestimmte Interpretation, eine bestimmte Tendenz vorherrschen. Diese Interpretation. diese Tendenz - sind sie die richtigen? Die Prüfung vollzieht sieh selbständig und die Direktiven stellen sich als richtig oder falsch heraus im Zusammenhang mit der Logik der Tatsachen und der geschichtlichen Entwicklung. Es wäre also ein grober Irrtum, an eine bloße Autorität zu glauben, an ein persönliches Regime, das sich den großen Organisationen durch künstliche Mittel, durch Gewalt oder Intrige aufzwingt.

Durch Schiebung, Betrug, Korruption, durch Polizeioperationen und Verbrechen, durch die Entsendung von Häschern in die Vorzimmer und von Soldaten in die Sitzungssäle, oder auch indem man seine Feinde (gleich zwei auf einmal) nächtlicherweise im Bett ermorden geht - durch alle diese Methoden kann man König und Kaiser oder Duce oder Reichskanzler werden und bleiben -, aber so kann man niemals zum Sekretär der Kommunistischen Partei aufsteigen!

Ein Mann wie Stalin ist heftig bekämpft worden und hat sich heftig zur Wehr gesetzt. (Er hat übrigens stets die Offensive ergriffen.) Das ist richtig. Aber diese immer wieder von neuem auflebende heftige Diskussion war ein Kampf, der sich im hellen Licht und vor aller Augen abspielte und dessen Streitpunkte in hundertfacher Form an hundert Stellen immer wieder durchgesprochen wurden: ein großer öffentlicher Prozess mit dem ganzen Volk als Richter, nicht ein Palastgeheimnis.

In dem sozialistischen Mechanismus findet wirklich jeder seinen richtigen Platz, je nachdem, was er für Qualitäten mitbringt. Es ist eine ganz natürliche Auslese. Man steigt zu höheren leitenden Stellen auf, in dem Maße, wie man mehr versteht und wie man den unwiderstehlichen Marxismus richtiger verwirklicht. "Es ist einfach seine Überlegenheit als Theoretiker und Praktiker, was Stalin zu unserm Führer gemacht hat", sagt Knorin. Es ist der Führer aus demselben Grunde, der ihn überall Erfolg haben lässt: er hat recht.

Es gibt bisher ein einziges Land, wo die Dinge so liegen - aber sie anders beurteilen wollen, hieße nichts vorn Sowjetregime verstehen. Ich habe Stalin einmal gesagt: "Wissen Sie, dass man Sie in Frankreich für einen Tyrannen hält, der nach seiner bloßen Willkür handelt, und noch dazu für einen blutdürstigen Tyrannen?" Stalin hat sich als Antwort in seinen Stuhl zurückgeworfen und laut und gutmütig gelacht wie ein Arbeiter.

Der Führer, der vermittels der Pläne, die die ganze Tätigkeit des Staates beherrschen, über das Schicksal der Völker verfügt, hält sich selbst für verpflichtet, "dem ersten besten ankommenden Genossen" Rechenschaft zu geben und ist wirklich jederzeit bereit, es zu tun.

Nur die ungewöhnliche Haltung, die auf dem 14. Parteitag Trotzki einnahm - er hatte eine Zeitlang an der Seite Lenin s in der Öffentlichkeit eine bedeutende Rolle zugeteilt erhalten und zeigte jetzt die Tendenz, sich über das Zentralkomitee hinwegzusetzen -, ließ auf diesem Kongress ein "Problem der Parteileitung" entstehen. Der unbeherrschten Persönlichkeit Trotzkis stellte Stalin grundsätzlich das Kollektiv gegenüber: man kann die Partei nicht ohne eine kollektive Körperschaft leiten. Es ist unsinnig darauf zu verzichten, Es ist dumm, nach dem Weggang Iljitsch' auch nur davon zu reden. Gemeinsame Arbeit, kollektive Leitung, Einheit der Partei, Einheit in den Organen des Zentralkomitees mit der Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit als Bedingung - das ist es, was wir heute brauchen! Vor nicht langer Zeit hat Stalin einem ausländischen Besucher, der, wie alle intellektuellen Reisenden zu den Sowjets (und insbesondere die Reisenden zu den großen Persönlichkeiten) darauf aus war, die Frage der persönlichen Macht in dem Arbeiter- und Bauernstaat (einen Seitenblick auf Stalin) unter die Lupe zu nehmen, gesagt: "Nein, man soll nicht individuell Beschlüsse fassen. Die individuellen Beschlüsse sind fast immer einseitig. In jedem Kollegium, in jedem Kollektiv gibt es Personen, mit deren Meinung man rechnen muss. In jedem Kollegium, in jedem Kollektiv gibt es auch Leute, die irrige Meinungen vorbringen können. Die Erfahrung von drei Revolutionen zeigt uns, dass von hundert individuell gefassten Beschlüssen, die nicht kollektiv überprüft und korrigiert wurden, neunzig einseitig sind. Unser leitendes Organ, das Zentralorgan unserer Partei, welches alle kommunistischen und Sowjetorganisationen leitet, zählt ungefähr 70 Mitglieder. Unter diesen 70 Mitgliedern des Zentralkomitees befinden sich unsere besten Techniker, unsere besten Spezialisten, unsere besten Kenner der verschiedenen Zweige unserer Tätigkeit. Dieser Areopag konzentriert in sich die Weisheit unserer Partei. Jeder in diesem Kollegium hat Gelegenheit, die persönlichen Meinungen und die persönlichen Vorschläge des andern zu korrigieren. Jeder hat Gelegenheit, seine Erfahrung geltend zu machen. Wenn es anders wäre, wenn die Beschlüsse individuell gefasst würden, so würden wir in unserer Arbeit ernste Fehler zu verzeichnen haben. Aber da jeder die Möglichkeit hat, die Fehler des andern zu korrigieren, und da alle mit diesen Korrekturen rechnen, sind unsere Schlüsse ebenso richtig wie durchführbar."

Man muss diese Darstellung der kollektiven Arbeitsmethode noch bedeutend erweitern, wenn man sie ganz verstehen will: man muss sehen, mit welcher Energie und Konsequenz Stalin ständig die Mitarbeit nicht nur von Vertretern der Masse, sondern der Massen selbst an der tätigen Geschichte des Sowjetlandes fordert.

Er verurteilt mit Heftigkeit jeden, der "Mangel an Vertrauen in die schöpferischen Fähigkeiten der Massen" zeigt (und sich dabei auf ihre "ungenügende Eingeweihtheit" beruft). Man kläre sie auf, dann führen sie sich und darin führen sie uns! Fort mit jenem "Aristokratismus der Führer gegenüber den Massen", denn sie, die Massen, sind berufen das Alte zu zerbrechen und das Neue aufzubauen. Nicht als Kindermädchen oder Gouvernante handeln; denn es sind letzten Endes weniger unsere Bücher, die die Massen belehren, als wir, die bei den Massen lernen. Nur die Mitarbeit der Massen erlaubt wirklich zu regieren:

"Am Steuerruder stehen und in die Luft blicken, ohne etwas zu sehen bis das Unglück da ist, das heißt nicht regieren. Die Bolschewiki verstehen die Kunst des Regierens anders. Um zu regieren, muss man in die Zukunft blicken ... Isoliert, selbst zusammen mit ein paar anderen leitenden Genossen, kannst du nicht alles sehen; das kannst du nur dann, wenn zu gleicher Zeit Hunderttausende und Millionen von Arbeitern die Schwächen untersuchen, die Irrtümer aufdecken und sich in die Verwirklichung des gemeinsamen Werkes einspannen" ... Das bedeutet das Haus ununterbrochen reinigen, indem man, wie der Herkules der griechischen Sage, einen Strom hindurchgehen lässt.

Den Massen gegenüber ist Überzeugung, nicht Gewalt anzuwenden. Als Sinowjew im Jahre 1927 die Theorie der Diktatur der Partei vertrat, wandte sich Stalin gegen "diese Engstirnigkeit" und erklärte, dass zwischen der Partei und den Massen Harmonie bestehen müsse, und dass das gegenseitige Vertrauen zwischen ihnen nicht durch abstrakte und unbeschränkte Rechte, die die Partei sich anmaße, zerstört werden dürfe. Einmal, weil auch die Partei sich irren kann, und dann, weil die Massen höchstens mit Verspätung einsehen können, dass die Partei recht hat.

Stalin ist durchaus nicht das, als was man ihn sich in der "anderen Hälfte der Menschheit" vorstellt, dort, jenseits der Weltbarrikade, die wie eine einzige große Grenze durch das Gewimmel der offiziellen Grenzen hindurchgeht. Man muss allerdings bedenken, dass diese andere Hälfte aus einer Masse von Blindgeborenen besteht, die von absichtlich Blinden regiert wird.

 

Im Jahre 1925 gab Stalin auf dem 14. Parteitag die Losung der Industrialisierung aus. Seit vier Jahren wirkten sich die Planwirtschaft und Elektrifizierung theoretisch und praktisch bereits auf das Land aus. Es handelte sich jetzt darum, systematisch ans Werk zu gehen, um "in dem kürzesten historischen Zeitraum die fortgeschrittensten kapitalistischen Länder einzuholen und zu überholen."

Stalin erkannte den Begriff der absoluten internationalen Stabilisierung nicht an. Er erschien ihm als künstlicher und grober Begriff, der die Revolution zu erschüttern drohte. Man kommt der Wirklichkeit näher, wenn man sich die zwei Lager, die zwei einander gegenüberstehenden Welten, die zwei Erdhälften: den anglosächsischen Kapitalismus und den Sowjetsozialismus, als ein ständig in lebendiger Bewegung befindliches Panorama vorstellt. Zur Zeit als die kapitalistische Macht auf dem Gipfel der Prosperität stand, und kein Zeichen von Niedergang bemerkbar war, kündigte Stalin den Niedergang an und sagte die große Krise voraus (1928).

1927, 15. Parteitag. Es ist jene Periode des Aufbaus, in deren Mittelpunkt das Problem der Kollektivierung der Landwirtschaft steht: "Von dem armen Bauerngaul auf das Stahlpferd hinübersteigen" - dieses Bilderbogengleichnis, durch das Lenin seinen Gedanken so bildhaft dargestellt hatte, bezeichnet in der Wirklichkeit eine gewaltige Aufgabe, man könnte sogar sagen, die größte Aufgabe der sozialen Strategie der modernen Zeit, das Land durch die Maschine zum Kollektivismus bringen und zugleich durch die Vernunft die Mentalität des Bauern umwandeln. Bei der damaligen Lage der Dinge war die Festigung der Position des Kulaken (des reichen ausbeuterischen Bauern), der durch die NEP mit ihrer Möglichkeit zur Akkumulation und zur Ausbeutung gestärkt worden war, der letzte Punkt, auf den die geschlagene Bourgeoisie ihre Hoffnung auf Revanche und auf die kapitalistische Restauration baute.

Ein großer Künstler, Eisenstein, hat diese "Generallinie", die gemeint ist, wenn man vom Übergang von der armen Bauernschindmähre auf das Dampfross spricht, in einem großen Filmwerk gestaltet. Der Einzelbauer schlägt sich auf seinem Fleckchen Land, auf seinem winzigen individuellen Anteil an dem riesigen Mosaik der Landwirtschaft verzweifelt herum. Auf seiner kleinen Insel wirkt er fast wie ein Schiffbrüchiger: schutzlos Wind und Wetter ausgeliefert, dem Frost und der Dürre ausgesetzt, die jede auf ihre Weise sein Getreide vernichten, dem Hagel preisgegeben, der das Korn niederschlägt, ist er hilflose Beute der Epidemien, die sein einziges Pferd oder seine unersetzbare Kuh dahinraffen. Mann und Frau spannen sich selbst in die bestialische, bodenlose, endlose Arbeit ein. In jeder neuen Jahreszeit setzen sie immer wieder alles aufs Spiel, Sie hassen und beneiden den Arbeiter. Sie hassen und beneiden einander unter Nachbarn: man kann seine Taschen nur füllen, wenn man die seines Nächsten leert. ("Der Bauer", sagt Stalin, "konnte nur zum Wohlstand kommen, indem er den Nachbarn schädigte.") Mau baut sein Haus dicht neben das des Nachbarn, um zu verhindern, dass jener es anzündet. Mann und Frau, Kinder der Erde, sind zugleich den reichen Bauern ausgeliefert, der sie durch die größeren Mittel, über die er verfügt, zugrunde richtet, der sie in Fallen lockt und ihnen mit wucherischen Leihgaben das Blut aussaugt. Sklaven der Erde, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, haben die in den Dörfern verstreuten Bauern nur eine "Freude": ihr vom Hunger verzerrter Mund kann tausendmal wiederholen: "Ich bin Besitzer." Und der Staat kann ihnen, den einzelnen, nicht helfen, denn es sind ihrer zu viele.

Wie ändert sich alles, wenn sie sich zusammentun, zu Hunderten, zu Tausenden, um gemeinsam den Boden zu bebauen, der hundert- und tausendfach wächst, wenn sie ihr Stückchen Land zusammenlegen! Jetzt kann man im großen Maßstab arbeiten. Jetzt gibt es Maschinen, die die Arbeit im Handumdrehen machen und die, alles in allem besser arbeiten, als es der beste Bauer kann. Jetzt gibt es eine große weitreichende, kräftige Organisation, die Hagel, Dürre und Viehsterben belästigen aber nicht umbringen können, und vor der der Kulak gezwungen ist, die Waffen zu strecken. Und jetzt ist der Sowjetstaat da, um allen Armen die Hand zu geben und den Reichen, den Ausbeutern und Wucherern das Handwerk zu legen. Und jetzt häufen sich die Säcke (die großen und die kleinen) und jeder entdeckt, dass er mehr für sich verdient als früher.

In der Sprache der Dialektik sieht dieses große Spiel auf dem Freilichttheater der Welt so aus:

".an die praktischen Aufgaben unserer Aufbauarbeit auf dem Dorfe herangehen durch schrittweise Umwandlung der zersplitterten Bauernwirtschaft in eine kollektive Wirtschaft, bei der die sozial und kollektiv gewordene Landarbeit auf die Höhe einer intensiven und mechanisierten Landwirtschaft gebracht wird, indem man daran denkt, dass diese Entwicklung ein entscheidendes Mittel zur Beschleunigung des Rhythmus der Landwirtschaft und zur Beseitigung der kapitalistischen Elemente in dem Dorfe ist." (Stalin auf dem 15. Parteitag.)

1927, das ist ein wichtiges Datum, denn es bedeutet eine Etappe. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Wirtschaft der Sowjetunion den Stand der Vorkriegszeit erreicht. Die Zahlen von 1927 liegen in fast allen Punkten etwas über den Zahlen von 1913 und bleiben nur in einigen wenigen Punkten hinter ihnen zurück.

Eine Tatsache von entscheidender Bedeutung! Jetzt war der Beweis geliefert, dass eine rein sozialistische Wirtschaft nicht nur möglich, sondern dass sie in einem einzelnen Lande durchführbar ist.

Für die gesamte landwirtschaftliche Produktion war das Vorkriegsniveau um 1 Milliarde Rubel, d. h. um 8 Prozent überschritten. Für die Industrie betrug die Überschreitung 200 Millionen Rubel oder 12 Prozent.

Die Eisenbahnlinien, deren Länge 1913 auf dem Territorium der jetzigen Sowjetunion 58500 betrug, hatten die Länge von 77200 km erreicht. Für das gesamte Land zeigte der Durchschnittslohn einen Zuwachs von 16,9 Prozent (unter Zugrundelegung der Kaufkraft des Geldes).

Die Entwicklung an der Kulturfront war besonders sensationell. Nur einige besonders ins Auge springende Zahlen seien genannt: 1925 gab es in den Elementarschulen der Sowjetunion 2250000 Schüler mehr als in den Schulen Rußlands 1913, und doppelt soviel Schüler in den Berufsschulen als vor dem Kriege. Für Bildungszwecke wurde pro Kopf der doppelte Betrag ausgegeben und die Zahl der wissenschaftlichen Institute hatte sich verzehnfacht.

Das Nationaleinkommen betrug 22,5 Milliarden Rubel. Hinsichtlich der vorhandenen mechanischen Ausrüstung stand die Sowjetunion in der Weltstatistik an sechster Stelle, unmittelbar hinter den Vereinigten Staaten, Kanada, England, Deutschland und Frankreich.

Der Sozialisierungsprozess war weit vorgeschritten: in der industriellen Produktion machte der konsequent sozialistische Sektor 77 Prozent, der Privatsektor 14 Prozent aus (der Rest waren Genossenschaften). Im Handel: sozialistischer Sektor 81,9 Prozent, Privatsektor 18,1 Prozent. Und in der Landwirtschaft kam der sozialistische Sektor nur auf 2,7 Prozent, der private dagegen auf 97,3 Prozent.

Das war, mit dem noch gewaltigen Zurückbleiben der Landwirtschaft, das sensationelle Ergebnis der ersten Schritte des sozialistischen Aufbaus, das Resultat einer erstaunlichen und hartnäckigen Weisheit.

                

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