Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

V

Der parasitäre Krieg

Die Opposition. Großangelegte Offensive auf der ganzen Linie gegen die Leitung der russischen Partei und der Kommunistischen Internationale im Jahre 1927. Die Opposition, die sich schon zu verschiedenen Malen und bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt und betätigt hatte, und die immer unter der Oberfläche zersetzend fortwirkte, ging jetzt planmäßig, in heftigen Formen und nach einem ganzen Kriegsplan, zum offenen Kampf über. Sie richtete ihren Hauptschlag gegen Stalin, und Stalin war es, der mit außerordentlicher Energie die Verteidigung der Parteimehrheit verkörperte.

Was ist eigentlich genau diese Opposition? Man hat bei uns mehr als einmal über sie geredet. Man spricht auch heute noch häufig von ihr. Außerhalb des Kreises der Eingeweihten versteht man dieses russische oder aus Rußland importierte Phänomen nicht gleich. Man erfährt, dass einflussreiche Revolutionäre, führende Parteimitglieder, plötzlich daran gehen, ihre Partei wie einen Feind zu behandeln, und dass sie dann ihrerseits als Feinde behandelt werden. Man sieht sie plötzlich aus der Reihe treten und unter einer Flut von Beschimpfungen wie die Teufel um sich schlagen. Sie werden ausgeschaltet, ausgeschlossen, verflucht - für Meinungsverschiedenheiten, die nur als geringfügige Nuancen erscheinen. Man ist geneigt, den Schluss zu ziehen: sie sind doch schreckliche Sektierer, die einen wie die anderen, in diesem neuen Land!

Aber so liegen die Dinge nicht. Wenn man näher zusieht, wird das Komplizierte einfach und das, was oberflächlich erschien, bekommt tieferen Sinn. Es handelt sich gar nicht um Nuancen, sondern um wirklich tiefe Gegensätze, bei denen die ganze Zukunft auf dem Spiele steht.

Wie ist das möglich?

Denken wir zunächst daran, dass die Kommunistische Partei, so wie Lenin sie weise geschaffen hat, eine Partei ist, die in den Fragen der Grundsätze keine Unsicherheit und kein Schwanken zulässt. Für Phantasien ist in ihr kein Platz. In anderen Parteien können in aller Ruhe Führer mit Masken und Doppelzungen herumlaufen und sich betätigen, ohne dass jemand daran denkt, sie zum Chirurgen zu schicken. Aber die Kommunistische Partei duldet keine Buntscheckigkeit bei ihrer Mitgliedschaft. Sie lässt keine unbestimmten Formulierungen zu und lehnt es ab, Dinge oder Ideen durch vage Kompromisse zusammenzuleimen. Sie vertieft jedes Problem und nimmt immer jede Differenz tragisch.

Denken wir weiter daran, dass die Kommunistische Partei in der Sowjetunion in gewissem Sinne staatlichen Charakter trägt. Sie ist die Vorhut des Proletariats, die den sozialistischen Staat leitet und mit seinem Geschick auf Leben und Tod verbunden ist.

Und denken wir schließlich daran, dass sie sich auf ganz neuen Bahnen bewegt, und dass sie Vorbild ist, ohne selbst ein Vorbild zu haben.

Aus diesen drei Gründen bekommt der Zusammenprall verschiedener Richtungen in ihr eine viel größere Bedeutung als anderswo. Sie bedarf mehr als jede andere Partei der Einheit und wird beherrscht von einem unerbittlichen Dynamismus der Einheitlichkeit, der ständig nach Maßnahmen des Richtigstellens und Einlenkens verlangt. Wenn man über die Bedingungen nachdenkt, unter denen sie arbeitet, und über die vielfachen und völlig neuen Aufgaben, die vor ihr stehen, so wird man anerkennen müssen, dass es gar nicht anders sein kann.

Von hier aus lässt sich das Phänomen der Opposition und ihrer Entwicklung verstehen: für jedes Problem, welches zu lösen, für jede Maßnahme, die zu treffen ist, gibt es (grob gesprochen) zwei widersprechende Lösungen, zwei verschiedene Wege, eine These und eine Antithese, ein Ja und ein Nein: jeder Beschluss ruft ein Für und ein Wider hervor. Man bleibt dabei bestehen. Es bleibt bestehen zu einem Teil in. den sagt: Ja, wenn es mehr Für als Wider gibt; aber das "Wider" Tatsachen, denn keine Maßnahme ist in anfassendem und absolutem Sinne begründet. Es bleibt bestehen zu einem anderen Teil im Geiste derjenigen, welche zur Minorität gehörten oder die schwankten, als die Maßnahme beschlossen wurde. Dabei kommt es dann zu gewissen interessanten, aber verhängnisvollen Entstellungen, zu Übertreibungen der Gegenargumente und der Widerstände. Mit anderen Worten: die ursprüngliche Richtung des betreffenden Menschen oder Parteiarbeiters, kommt wieder zum Vorschein, entfaltet sich, gewinnt an Stärke, wird lebendig und aktiv.

Bei diesem Vorgang spielt das rein persönliche Interesse eine viel weniger bedeutende Rolle, als man bei uns zu glauben geneigt ist. Persönliche Abneigung der Menschen untereinander kann wohl die Folge, aber nie und unter keinen Umständen die Ursache der Opposition sein. Bei Trotzkis Feindschaft gegen die Partei spielt die sehr übertriebene Meinung, die er von seinem eigenen Wert hat, seine Intoleranz gegenüber jeder Art von Kritik ("er verzeiht es niemals, wenn man seinen Ehrgeiz trifft", sagte Lenin ), und seine Abneigung dagegen, irgendwo zu stehen, ohne ungeteilt den ersten Platz innezuhaben, eine gewisse Rolle. Die Ideologie ist das natürliche Arsenal, aus der diese Feindseligkeit sich mit möglichst vollkommenen Waffen versorgt. Wer den Kampf will, findet immer Anlass dazu (in der Epoche der Renaissance und der Reformation hat man Fürsten und Länder sich dem Protestantismus in die Arme werfen sehen, nicht aus Überzeugung, sondern um ihrem persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Ehrgeiz eine einleuchtende Verkleidung und einen idealen Deckmantel geben zu können). Aber selbst im Falle Trotzki ist die Opposition in erster Linie eine Frage tiefer prinzipieller Gegensätze. Diese betreffen nicht eigentlich die Tatsachen an und für sich. Sie kommen immer zum Ausdruck in Gestalt von allgemeinen Denkformen, geistigen Gewohnheiten, in der Form der verschiedenen intellektuellen Temperamente, wenn man so sagen kann.

Was der Opposition ihre große Bedeutung gibt und was ihre Gefahr ausmacht, ist dies: die betreffenden einander widersprechenden Richtungen werden zu tiefen Gegensätzen in der Auslegung der kommunistischen Lehre. Ein Gegensatz in der Frage der praktischen Auslegung der Lehre, d. h. des Marxismus, eine andere Einschätzung der "Eigenart des gegenwärtigen Moments" kann unberechenbare Folgen haben und kann der ganzen Politik einen anderen Sinn geben. Ein Irrtum in der Behandlung einer einzelnen Tatsache lässt sich ausbessern wie ein Rechenfehler. Aber ein Irrtum in den Grundfragen führt zu einer Entstellung des Gesamtbildes. Er geht von der Wurzel aus, wächst geometrisch und führt unvermeidlich zu einer ganzen Anzahl von Veränderungen im einzelnen und schließlich zu einer Wendung in der Geschichte der Nation, ganz zu schweigen von Katastrophen. Er wird zur Änderung der "Linie" der führenden Partei.

Die Opposition ist in ihrem Ursprung eine Richtungskrankheit.

Aber es ist eine Richtungskrankheit von besonderer Art, eine besondere, schwere Krankheit, deren spezifisches Symptom der Disziplinbruch ist, die praktische Trennung und Loslösung von dem leitenden Block. Dadurch wird die in Opposition zur Mehrheit stehende Richtung aus einem Gegenstand, über den man diskutiert, zum. Feind, gegen den man Krieg führt.

Insofern ist die Opposition vollkommen verschieden von der Selbstkritik. Die Selbstkritik bezweckt die gemeinsame gegenseitige Korrektur der verschiedenen Auffassungen. Es ist möglich, dass verschiedene Meinungen bestehen und dass man ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken über alle Punkte diskutiert. Die Selbstkritik bedeutet jenes Maximum von Meinungsfreiheit, die das Privileg der bolschewistischen Partei ist.

Aber die Opposition bewegt sich nicht in den Bahnen der Selbstkritik. Ihr wesentliches und verhängnisvolles Merkmal ist, dass sie sich außerhalb der Partei gruppenmäßig abschließt, die gemeinsam gefundene Lösung nicht annimmt und sich dem Beschluss der Mehrheit nicht unterordnet - dem Beschluss der Mehrheit, der die einzig demokratische und die einzig denkbare Form ist, um eine Meinungsverschiedenheit zum Abschluss zu bringen, bis sie durch die Tatsachen endgültig überprüft wird. Die Opposition klebt an dem Bodensatz, der bei der Abstimmung zurückbleibt. Sie festigt sich um ihn und bildet eine Keimzelle der Nichtüberzeugten. Anstatt den gefassten Beschluss durchzuführen, kämpft sie mehr oder weniger offen gegen ihn. "Die gegenseitige Meinung" verhärtet sich und verkalkt und der Organismus der Partei hat nun einen aggressiven Parasiten in seinem Innern. Die Opposition betreibt, wie man sagt, Fraktionsarbeit, die das Vorspiel zur Spaltung ist. Die Selbstkritik bleibt immer offen, die Opposition schließt sich ab. Die Selbstkritik bleibt im Rahmen der Einheit. Mit der Opposition taucht die Zahl Zwei auf. Die "Meinungsfreiheit" führt auf diese Weise zu einer Art Krankheit, zur Bildung einer Gruppe im Innern der Partei, die sich als Partei aufspielt und eine ständige Verschwörung darstellt. Wenn dieser feindliche Block sich für genügend stark hält (außerhalb der Partei verfügt er, wie alle Oppositionen, über die Unterstützung von seiten der verschiedenartigen Gegner der Staatspolitik), nimmt er den Krieg auf und versucht die Macht zu erobern, um seine ketzerische Meinung zur offiziellen Meinung zu machen.

Lenin hatte auf dem 10. Parteitag den Partikularismus, mit dem diese Krankheit beginnt, ausdrücklich bekämpft und hatte folgende Resolution zur Annahme gebracht: "Jede Parteiorganisation muss streng darüber wachen, dass die Möglichkeit zur unentbehrlichen Kritik der Mängel der Partei, zur Analyse ihrer Grundlinien, zur Berücksichtigung aller praktischen Erfahrung, zur Durchführung ihrer Beschlüsse, zur möglichen Ausbesserung begangener Fehler und zu allem was hierauf folgt, nicht zum Privileg einiger Leute oder einiger um eine Plattform versammelter Gruppen wird, sondern allen Parteimitgliedern offensteht."

Auf welche Fragen bezog sich die Opposition?

Es handelte sich, wie gesagt, um das Vorhandensein von Richtungen allgemeiner Natur, die im Gegensatz zur Mehrheit der Partei standen und nach Kristallisierung strebten. Es ist deshalb verständlich, dass die Opposition gegenüber allen großen Problemen der Leitung der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale zum Ausdruck kam. Sie hat sie bemüht, alle diese Probleme unter einem Gesichtspunkte darzustellen; der im Gegensatz zu den von der leitenden Mehrheit gewählten und praktisch befolgten Gesichtspunkten stand.

Wer in großen Zügen die wichtigsten Ereignisse der russischen revolutionären Bewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts betrachtet, wird bemerken, dass die beiden Grundtendenzen, die reformistische und die revolutionäre, die zur Spaltung der Menschewiki und Bolschewiki geführt hatten, im gewissen Grade auch nach der Machtübernahme im Innern der bolschewistischen Partei weiter bestanden. Einige der führenden Personen: Kamenew, Sinowjew und, mit gewissen Nuancen, auch Trotzki, waren, wie wir gesehen haben, an entscheidenden Wendepunkten Gegner der revolutionären Methoden. Wäre es nach ihnen gegangen, so hätte man die Oktoberrevolution vermeiden und, nachdem sie dann doch ausgebrochen war, die Diktatur des Proletariats umgehen müssen.

Diese Männer hatten kein Vertrauen in die Stärke, und Dauerhaftigkeit eines wahrhaft sozialistischen Staates inmitten einer kapitalistischen Welt. Sie glaubten nicht daran, dass man für die Sache den Mittelhauern gewinnen könne. Darüber hinaus kritisierten sie die Staatsindustrie, die sie als ein seinem Wesen nach kapitalistisches Gebilde betrachteten. Sie waren Anhänger der Zulassung von Fraktionen und Gruppierungen innerhalb der Partei, d. h. sie waren gegen die Einheitlichkeit der Partei. Diese Punkte, für die Sinowjew, Kamenew, Trotzki verschiedene Male gemeinsam eingetreten sind, stellen die wesentlichen Merkmale der wichtigsten unter den verschiedenen Oppositionen dar. Sie zeigen, dass es sich dabei um die Wiederholung der Fehler des Menschewismus handelt.

Zu Lebzeiten Lenin s war die Opposition gegen den von ihm vertretenen Standpunkt gerichtet, da ja Lenin praktisch die Partei leitete, die er "im Laufe von 20 Jahren mit eigenen Händen geschmiedet hat". Aber nach dem Tode Lenin s nahm die Opposition, wenn man so sagen kann, Stalin zum Vorwand, um die Offensive zu verstärken, um dieselben Thesen mit denselben Gegenargumenten anzugreifen, wobei sie sich diesmal jedoch als Verteidiger der Reinheit des Lenin ismus ausgab.

Auch Stalin berief sich auf den Lenin ismus, als er in der Kampagne, die jetzt begann, die Einheit der Partei, die durch die Rebellion der Minderheit in Frage gestellt war, energisch verteidigte. Die Einheit der Partei zu erhalten, wurde sein großes Ziel, wie sie das Ziel Lenin s gewesen war, das Ziel, das Lenin und Stalin zusammen verfolgten, da ja Stalin, wie wir gesehen hatten, niemals in irgendeiner theoretischen oder praktischen Frage anderer Meinung gewesen ist als Lenin .

In dem Schwur Stalins, von dem weiter oben die Rede war, gab einen zweiten Absatz, einen zweiten Vers: "Als Lenin uns verließ, hat er uns hinterlassen, die Einheit unserer Partei zu hüten wie unseren Augapfel. Wir schwören dir, Genosse Lenin , dass wir diesen deinen Willen in Ehren erfüllen werden!"

Seit der große Meister nicht mehr da war, wurde ein Bruch, wurde die Spaltung der Partei möglich, und das wäre ein unermessliches Unglück gewesen.

Die Lage war in einem doppelten Sinn verändert: nicht nur, dass Lenin jetzt nicht mehr neben Stalin stand: neben Stalin stand der durch den Weggang Lenin s in Freiheit gesetzte Trotzki. Die ganze Opposition gruppierte sich um die Person Trotzkis, Wenn er sie nicht in ihrem ganzen Umfang verkörpert, so kann man sagen, dass er sie am besten symbolisiert. Durch ihn besonders wurde sie zu einer großen Gefahr - durch die Autorität, welche er dank der ihm in der Geschichte der Revolution und in den ersten Jahren der Sowjetmacht zugeteilten Rolle besaß.

Nach seinem offenen Kampf gegen das Sowjetregime aus Rußland verbannt, ist Trotzki jetzt gewissen Schikanen durch die Polizei der kapitalistischen Länder und bissigen Bemerkungen in der großen Presse ausgesetzt: das gilt dem ehemaligen Volkskommissar. Was man an Trotzki verfolgt und wofür man sich bei uns in Europa an ihm rächt, das ist der Anteil, den man ihm an der Oktoberrevolution zuschreibt. Die internationale Bourgeoisie, die sich nicht um Details kümmert, macht sich ein Vergnügen daraus, einen "Bolschewik" zu verfolgen. Aber abgesehen von dieser Verfolgung, die er schon lange nicht mehr verdient, findet Trotzki Helfer und Mitarbeiter in dem ganzen Schwarm der verschiedenen Feinde des Sowjetregimes. Ohne selbst von seiner jetzigen politischen Tätigkeit zu sprechen, kann man niemals die Dolchstöße vergessen, die er und die Seinen gegen die Sowjetunion und die Kommunistische Internationale geführt haben. Das war wirklich ein Mordversuch und ein Werk der Zerstörung.

Soll man noch einmal von den persönlichen Momenten sprechen, die zweifellos Trotzkis Haltung beeinflusst haben? Sehr bald, noch zu Lebzeiten Lenin s, stellte es sich heraus, dass er mit niemanden zusammen arbeiten konnte. "Es ist sehr schwer, mit diesem Genossen zusammen zu arbeiten", jammerte Sinowjew, der indessen mehr als einmal in Trotzkis Lager hinübergewechselt ist. Trotzki war wirklich gar zu trotzkistisch!

Inwieweit haben sein despotischer Charakter, sein Widerwillen dagegen, irgend jemanden über sich zu haben, oder mit anderen zu marschieren, anstatt einsam zu strahlen, sein "Bonapartismus" Trotzki dazu getrieben, mit der Partei zu brechen, sich einen eigenen Kriegs Lenin ismus zurechtzumachen und den Kriegspfad einzuschlagen, der mehr oder weniger offen zur Bildung einer neuen Partei und schließlich einer IV. Internationale führte? Es ist schwer, das genau zu sagen. Man kann feststellen, dass Trotzki im Jahre 1921 und dann im Jahre 1923 im Innern der Partei heftige Opposition betrieben, in der Zwischenzeit jedoch, im Jahre 1922, als Berichterstatter auf dem IV. Kongress der Kommunistischen Internationale in sehr klarer Form den Standpunkt der Mehrheit in der komplizierten Frage der NEP vertreten hat. Das hat nicht verhindert, dass die trotzkistische Opposition unter Berufung auf die Theorie der permanenten Revolution gleich nach diesem Kongress versucht hat zu beweisen, dass die Revolution zum Stillstand gekommen sei, und dass die NEP eine kapitalistische Entartung bedeute und zum Thermidor führe. Diese widerspruchsvolle Haltung im Laufe eines so kurzen Zeitabschnittes scheint zu beweisen, dass hier ein äußerlicher, ausschließlich persönlicher Faktor mitgespielt hat.

Wie dem auch sei und wovon auch immer Trotzki sich lenken ließ, der eigentliche Grund seiner Lostrennung war die Form seiner politischen Auffassung. Seine Eigenliebe mochte mitspielen - die Ursache war ideologischer Natur. Sie beruht auf einem grundlegenden Gegensatz zu den bolschewistischen Prinzipien Lenin s. Sie spiegelt ein anderes politisches Temperament, eine andere Art der Einschätzung und der Methode wider. Im Verlauf der intensiven und immer schärfer werdenden Entwicklung dieser grundlegenden Gegensätze ist Trotzki soweit gekommen, nach und nach die ganze offizielle Politik der Bolschewiki anzugreifen.

Menschewik zu Beginn seiner Laufbahn, ist Trotzki immer Menschewik geblieben. Er ist Antibolschewik geworden, vielleicht weil er Trotzkist war, aber sicherlich weil er ein alter Menschewik war. Man kann auch sagen: der Trotzki hat in ihm den alten Menschewik wiedererweckt.

Man hat sich darin gefallen und es ist geradezu Mode geworden, in der Manier La Bruyeres, vergleichende Porträts von Lenin und Trotzki zu zeichnen: Lenin , - wie aus einem, Stück gegossen, überlegt, bewusst nüchtern; Trotzki - blendend und lebhaft. Jacques Sadoul hat mit großer Virtuosität die Serie dieser Gegenüberstellungen des genialen und des intelligenten Menschen eröffnet. Es mag vielleicht richtig sein, in diesem malerischen Gegensatz eine tiefere Bedeutung zu suchen, aber es ist doch gefährlich, solche literarischen Versuche zu weit zu treiben (die Notwendigkeit, die vorgefaßte Parallele um jeden Preis durchzuführen, bringt leicht Entgleisungen mit sich). Und vor allem: die beiden Personen stehen nicht auf demselben Niveau, und man kann unter keinen Umständen irgendeine Persönlichkeit mit der riesigen Figur Lenin s vergleichen.

Selbst die Qualitäten Trotzkis haben peinliche Schattenseiten und werden dadurch leicht zu Fehlern. Sein übertriebener, aber enger kritischer Sinn (derjenige Lenin s war, wie es der von Stalin ist, umfassender Natur), lässt ihn am Detail hängenbleiben, hindert ihn, das Ganze zu überblicken, und führt zum Pessimismus.

Und dann: er hat eine zu große Einbildungskraft, eine ungebändigte Phantasie. Und diese Phantasie kommt mit sich selbst in Widerspruch, verliert den Boden unter den Füßen und unterscheidet nicht mehr das Mögliche vom Unmöglichen (was durchaus nicht das Wesen der Phantasie ist). Lenin hat gesagt, dass Trotzki fähig ist, neun richtige Lösungen zu finden und eine zehnte, die zur Katastrophe führt. Leute, die mit Trotzki zusammen gearbeitet haben, erzählen, dass sie jeden Morgen nach dem Aufwachen, wenn sie kaum die Augen aufgetan hatten und sich reckten, vor sich hinmurmelten: "Was wird Trotzki heute Neues erfinden?"

Er sieht zu sehr alle Möglichkeiten. Allerlei Bedenken überfallen ihn. These und Antithese machen ihm Furcht. "Trotzki ist immer in den Wolken", sagte Lenin . Er zaudert, er schwankt, Er kann sich nicht entschließen. Es fehlt ihm an bolschewistischer Sicherheit. Er hat Angst. Er ist instinktiv gegen das, was gemacht wird.

Schließlich: er liebt zu sehr zu reden, er berauscht sich am Klang seiner Stimme. "Selbst unter vier Augen, selbst im vertraulichen Gespräch deklamiert er", sagt einer seiner alten Mitarbeiter. Er hat alles in allem die Eigenschaften eines Advokaten, eines Polemikers, eines Kunstkritikers, eines Journalisten - aber nicht die eines Staatsmannes, der auf neuen unbegangenen Wegen vorwärts schreitet. Es fehlt ihm der ausschließliche und gebieterische Sinn für die Wirklichkeit und für das Leben. Es fehlt ihm die große einfache Brutalität dessen, der schöpferisch handelt. Er besitzt nicht die starke Überzeugung des Marxisten. Er hat Furcht, er hat immer Furcht gehabt. Aus Furcht ist er Menschewik geblieben. Aus Furcht auch wird er wütend und hat manchmal seine Anfälle von linkem Sektierertum. Man kann Trotzki nicht verstehen, wenn man in seinen Krisen von Gewalttätigkeit nicht seine Schwächen spürt.

In einer zusammenfassenden Darstellung hat Manuilski das Problem noch breiter gefasst: "Das fast ununterbrochene Aufeinanderfolgen von Oppositionen war der Ausdruck für das Abgleiten der schwächsten Gruppen der Partei von den bolschewistischen Positionen." Die ganze Opposition ist das Eingeständnis des Zurückweichens, der Entmutigung, des Beginns der Lähmung und der Schlafkrankheit.

Im Ausland vollzog sich Ähnliches: "In der gegenwärtigen Periode der relativen Stabilisierung des Kapitalismus fingen die Mitläufer an zu schwanken und die Reihen der Kommunistischen Internationale zu verlassen." Die Fahne immer hochhalten und dabei marschieren, ist nicht leicht. Nach einiger Zeit werden die Beine müde und die Hand lässt nach - außer, man ist besonders dafür geschaffen.

Man muss mächtige und urwüchsige Mittel einsetzen können, wenn man auf der großen Straße der Geschichte vorwärtskommen will. Man muss über alle Kasuistik hinwegschreiten können. Um die zehnmal gesiebten Argumente der eleatischen Philosophen zu widerlegen, die die Realität der Bewegung verneinten, stand Diogenes einfach schweigend auf und ging. Die Massen beweisen die Unhaltbarkeit eines Einwandes, indem sie über ihn hinwegschreiten. Das tausendköpfige Geschehen setzt sich geschichtlich durch: es ist der geheime Lenker des gesunden Menschenverstandes (der nach Descartes jener Teil der Vernunft ist, den jeder Mensch im Kopf hat). Man muss verstehen, durch alle Diskussionen hindurch mit ihm in Einklang zu kommen. Wenn Trotzki besiegt worden ist, so geschah es infolge der Plattheit, der geschäftigen Mittelmäßigkeit und der Unfähigkeit des Menschewismus. Trotzki wäre Sieger geblieben, wenn er recht gehabt hätte. Ebenso wie die Bolschewiki (die sich seinerzeit, zu Beginn der neuen Ära, im Innern der sozialdemokratischen Partei gegen die Menschewiki aufgelehnt und die Spaltung herbeigeführt haben) geschlagen worden wären - wenn sie unrecht gehabt hätten.

 

Die Opposition hatte also natürlicherweise in erster Linie das größte Problem der russischen Revolution zum Gegenstand: die Möglichkeit des Aufbaues des Sozialismus in einem Lande.

Zu diesem Problem hatte Lenin schon vor der Revolution Stellung genommen. Er schrieb damals: "Der Kapitalismus entwickelt sich in den verschiedenen Ländern höchst ungleichmäßig. Daraus folgt notwendigerweise: der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird zunächst in einem oder mehreren Ländern siegen ... was nicht nur zu Reibungen führen wird, sondern dazu, dass die Bourgeoisie der anderen Länder direkt versuchen wird, das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates niederzuschlagen."

Der Sieg der Oktoberrevolution stellte den Siegern zwei Aufgaben: die sozialistische Umgestaltung der ganzen Welt und den konkreten Aufbau des Sozialismus in einem Teil. Womit sollte man anfangen, oder vielmehr; von welcher Seite her sollte man diese doppelte Aufgabe in Angriff nehmen?

Lenin war der Meinung, dass es vor allem darauf ankam, die sozialistische Gesellschaft da aufzubauen, wo man sie aufbauen konnte, nämlich in Rußland.

Trotzki war der Meinung, dass die Revolution angesichts dieses Problems sich in einer Sackgasse befinde. Der Vorstoß auf einem begrenzten Gebiet angesichts der ganzen kapitalistischen Front schien ihm zu Niederlage verurteilt. (Er hatte Furcht und der Menschewik erhob sich oder vielmehr erwachte wieder in ihm.) Unter diesen Umständen, sagte er, musste man die russische Revolution als eine provisorische Revolution betrachten.

Man erinnert sich daran, dass auf dem 6. Parteitag im Sommer 1917 Preobrashenski versucht hatte, die These durchzusetzen, dass die sozialistische Umgestaltung Rußlands die Folge der Aufrichtung des Sozialismus in den anderen Teilen der Welt sein müsse. Dieser vom Trotzkismus inspirierte Zusatz zur Resolution, der die Möglichkeit der Gründung einer sozialistischen Gesellschaft in dem vom Zarismus ruinierten Rußland von dem vorhergehenden Sieg der Weltrevolution abhängig machte, wurde abgelehnt, nachdem Stalin sieh energisch dagegen ausgesprochen hatte.

Karl Radek, dessen Meinung in dieser Frage um so interessanter ist, als er sich - wenigstens zeitweise - der trotzkistischen Betrachtungsweise angeschlossen hatte, sagt hierüber: "Trotzki kehrte zu dem Standpunkt der II. Internationale zurück, den er selbst vor der Spaltung, auf dem 2. Parteitag der russischen Partei formuliert hatte und demzufolge die ,Diktatur des Proletariats' soviel bedeuten sollte, wie die Ausübung der Macht durch ein organisiertes Proletariat, das die Mehrheit der Nation darstellt."

Das bedeutete: Wenn die proletarische Revolution nicht über die Hälfte der Stimmen plus einer Stimme verfügt, ist nichts zu machen. Für Trotzki schrumpfte nicht nur der Sieg des Proletariats in einem Lande, sondern jeder Sieg, der sich nicht auf die absolute Mehrheit stützt, zu einer bloßen "geschichtlichen Episode" zusammen. Trotzki näherte sich auf diese Weise deutlich jenem "zivilisierten europäischen Sozialismus", den die II. Internationale dem Lenin ismus entgegenstellte. Die Sozialdemokraten hatten kein Vertrauen zur Revolution. Die sozialdemokratischen Führer hielten die sozialistische Revolution nur in einem hochentwickelten kapitalistischen Lande für möglich, nicht aber in Rußland, das über keine starke Arbeiterbasis verfügte. Sie glaubten in Rußland nur an die Möglichkeit einer bürgerlichen Revolution, die wie alle bürgerlichen Revolutionen nur den feierlichen Übergang der Herrschaft von der Autokratie an die gestärkte und durch die geschickte Aufpfropfung einer Arbeiteraristokratie verschönerte Bourgeoisie bedeutet haben würde. Die Arbeiterklasse und die Bauernschaft in ihrer Gesamtheit wären dabei ebenso ausgebeutet und unterdrückt geblieben, wie vorher. Wir haben schon gesehen, wie diese falsch begründete Meinung über die wirklichen revolutionären Möglichkeiten in Rußland das verhängnisvolle Versagen der Sozialdemokraten in der Revolution von 1905 herbeigeführt hat.

Andere "Oppositionelle" gingen womöglich noch weiter als Trotzki. "Indem man den Aufbau des Sozialismus in einem Lande predigte, züchtet man in der Partei einen opportunistischen Geist", und "das alles würde zur Preisgabe der durch das revolutionäre Proletariat eroberten Positionen führen", und schließlich, in Erweiterung dieser These, "man würde die internationalen Ziele der Revolution aufgeben." Mit großen Worten und großen Gesten begann hier ein Krieg gegen Windmühlen.

Die allgemeine Theorie Trotzkis (und Hilferdings) bestand darin, dass die im Aufbau befindliche sozialistische Wirtschaft in einer absoluten Abhängigkeit von der kapitalistischen Weltwirtschaft stehe, woraus sich, versicherten sie, notwendig eine kapitalistische Entartung der Sowjetwirtschaft im Rahmen der kapitalistischen Welt ergeben müsse. Radek fügte damals hinzu: "Gegenüber dem Weltkapitalismus sind wir nicht stark genug." Alle diese Leute hatten Furcht. Man spürt ordentlich den Wind der Angst, den Druck der Panik, die diese Oppositionsgruppe wie ein Rudel zusammentrieben.

Lenin und Stalin betrachteten das Problem von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus und gaben die unbestritten richtige Definition: Der Aufbau des Sozialismus in einem Land ist eine Kraft, die man ausnutzen muss. "Gebt mir eine Stelle, um den Hebel anzusetzen, und ich werde die ganze Welt aus den Angeln heben", hatte Archimedes erklärt. Und Radek - der Radek, der sich wiedergefunden hatte - sagt sehr ausdrucksvoll: "Die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande ist der archimedische Punkt im strategischen Plan Lenin s."

Lenin ließ die Organisation der sozialistischen Gesellschaft im Weltmaßstab durchaus nicht außer acht. ( Lenin ließ nie etwas außer acht.) Um diese Organisation handelte es sich für ihn, als er mit Rußland den Anfang machte. In den letzten Artikeln; die Lenin vor seinem Tode schrieb, sagte er, dass der sozialistische Aufbau in Rußland (das über alle Rollstoffe verfügt) ungeachtet des kulturellen Rückstandes des Landes und des Zustandes der Landwirtschaft möglich sei, dank dem Gesetz der ungleichmäßigen Entwicklung des Kapitalismus.

Stalin, dem Trotzki und Sinowjew bösartig "nationale Beschränktheit" vorwarfen, hat niemals aufgehört zu erklären, dass "die Entwicklung und Unterstützung der Revolution in den andern Ländern eine Hauptaufgabe der siegreichen Revolution ist". Er geht selbst so weit, zu betonen, dass die Sowjetunion, so lange sie politisch isoliert bleibt, nicht als endgültig feststehende Größe betrachtet werden kann. Aber es besteht eine Nuance zwischen Übergangscharakter und provisorischem Charakter.

Und Stalin weist darauf hin, welch bedeutende praktische Unterstützung der sozialistische Aufbau in einem Lande für den allgemeinen Vormarsch der Revolution bedeutet. Er unterstreicht die unvermeidliche, umwälzende und wie mit Blitzen erleuchtende Wirkung, die der Aufbau in der Sowjetunion auf die innere Entwicklung der anderen Länder und auf die Stärkung der Kommunistischen Internationale haben muss.

"Man darf", sagte der Verfasser der "Fragen des Lenin ismus", .in dem Sieg der Revolution in einem Lande nicht einen rein nationalen Vorgang sehen, Aber man darf ebensowenig die russische Revolution für ein totes Ding halten, das sich nur durch Hilfe von außen entwickeln kann." Es hängt nicht eine der Alternativen einseitig von der anderen ab, beide bedingen einander gegenseitig.

Die Gegner sprechen warnend von Schranken, chinesischen Mauern. Stalin stellt das Problem richtig und steckt den neuen Weg ab.

Abhängigkeit vom ausländischen Kapitalismus, sagt ihr? Stalin legt den Weg frei: "Genosse Trotzki hat in seiner Rede gesagt, dass wir uns in Wirklichkeit ständig unter der Kontrolle der Weltwirtschaft befinden. Ist das richtig? Nein. Davon träumen die kapitalistischen Räuber, aber das entspricht nicht der Wirklichkeit." Und Stalin stellt fest, dass diese angebliche Kontrolle weder für die Finanzen, noch für die nationalisierten Sowjetbanken, noch für die ebenfalls nationalisierte Industrie oder den Außenhandel besteht. Diese Kontrolle besteht auch nicht in politischer Hinsicht. Von Kontrolle in dem Sinne, den das Wort praktisch haben kann, ist also keine Rede. Alle diese Leute wollen uns mit dem Gespenst der Kontrolle schrecken. "Unsere Beziehungen zur kapitalistischen Welt ausbauen, bedeutet nicht, uns in Abhängigkeit zu ihr zu begeben."

Manuilski hebt im Jahre 1926 die Unrichtigkeit des "Erbgesetzes" hervor, dass Trotzki auszunützen versucht, indem er auf die Wirtschaft der Zarenzeit hinweist. Diese Wirtschaft brachte Rußland tatsächlich in Abhängigkeit vom Weltkapitalismus, weil die kapitalistische Wirtschaft Rußlands wirklich einen untrennbaren Bestandteil der Weltwirtschaft bildete. Für das revolutionäre Rußland liegen die Dinge anders, solange es die Grundprinzipien aufrechterhält, die es von den anderen Ländern unterscheiden.

Schließlich unterstreicht Stalin besonders stark und zusammenfassend, dass es notwendig ist, die Werktätigen der kapitalistischen Länder praktisch davon zu überzeugen, dass die Arbeiterschaft beim Aufbau der neuen Gesellschaft ohne die Bourgeoisie auskommt.

Die Ereignisse haben inzwischen Wirklichkeit werden lassen, was damals Zukunftsträume waren. Und wir können uns jetzt auf die Erfahrung stützen, um unsere Frage zu beantworten. Aber selbst für ihre Zeit erscheint uns jene Diskussion recht sonderbar. Denn worauf hätte sich die russische Revolution stützen können - nachdem es einmal offenbar nicht gelang, in den anderen Ländern des Erdballs sofort die proletarische Revolution durchzusetzen - wenn nicht auf den möglichst erfolgreichen Aufbau des Sozialismus in dem von ihr beherrschten Gebiet? Was hätte sie sonst tun sollen? Das eroberte Land brachliegen lassen, um die zukünftige Eroberung des Restes in Angriff zu nehmen? Überspannte Idee des angeblich so besonnenen Reformismus! Und wie konnte man leugnen, dass die Verwirklichung des Sozialismus auf breiter Grundlage auf einem Teil der Erde eine mächtige, strahlende Anziehungskraft ausüben musste? Kommt man nicht, wenn man auch nur ein wenig über dieses große und dramatische Problem nachdenkt, zu dem Schluss: gerade weil die Revolution in den hochentwickelten und am stärksten kapitalistisch ausgebeuteten Ländern infolge der internationalen Verflochtenheit auf besondere Schwierigkeiten stößt, ist das Vorhandensein eines sozialistischen Staates von besonderer Bedeutung für das Weitertreiben und die Verallgemeinerung des proletarischen Sieges? Aber man musste eben die Schaffung eines solchen revolutionären Kräftereservoirs auf dem Kontinent für möglich halten, und es, weit genug in die Zukunft vorausblickend, ausfindig machen.

Zwei Männer stehen inmitten dieses Handgemenges, in das die Kommunisten des Sowjetlandes verwickelt waren, als Realisten. mit gesundem Menschenverstand, wie zwischen Sehnen vor uns Lenin und Stalin hatten ein Gewimmel von wechselnden Gegnern vor sich, die der Mangel an Vertrauen, der Mangel an Mut oder - wie einer von ihnen nach der Einsicht seiner Fehler gesagt hat - an Glauben, dazu gebracht hatten, die Orientierung zu verlieren und sich soweit zu vergessen, dass sie die kindischsten und schädlichsten Ungereimtheiten vorbrachten.

Stalin und Trotzki stehen einander hier wirklich wie Antipoden gegenüber. Es sind zwei Typen von Menschen, die jeder am äußersten Ende der Reihe unserer Zeitgenossen stehen. Stalin stützt sich ganz auf die Vernunft und den praktischen Sinn. Er ist ausgerüstet mit einer unfehlbaren unbeirrbaren Methodik. Er weiß, er versteht in seinem ganzen Umfang den Lenin ismus, die führende Rolle der Arbeiter-klasse, die führende Rolle der Partei. Er denkt nicht daran, sich persönlich zur Geltung zu bringen und lässt sich durch keinerlei Streben nach Originalität verwirren. Er sucht einfach das zu tun, was getan werden kann. Er ist kein Mann der Beredsamkeit. Er ist der Herr der Lage. Wenn er spricht, so ist sein einziges Bemühen, einfach und klar zu sein. Wie Lenin hämmert er immer wieder auf dieselben Dinge ein. Er liebt es, in seine Rede Fragen einzuflechten (er horcht in seine Zuhörer hinein), und betont immer wieder die gleichen Worte, wie ein Redner der Antike. Er ist ein Meister darin, seinen Zuhörern die Stärken und Schwächen einer Argumentation klarzumachen. Er hat nicht seinesgleichen, wenn es gilt, die reformistische Gefälligkeit, die opportunistische Schmuggelware zu entlarven. "Mit welchem Schleier auch immer", sagt Radek, "der Opportunismus seinen kläglichen Körper verdeckt, Stalin zerreißt ihn." (Du nennst dich orthodox? Du bist nur ein als Linker verkleideter Rechter!)

Dieses vielbesprochene Problem des sozialistischen Aufbaues in einem Lande scheidet, um es noch einmal zu sagen, ziemlich genau die zwei Lager und bestimmt die Haltung der verschiedenen Gruppen im Laufe der ideologisch-politischen Kämpfe, die sich während der ersten Phase des Aufbaues der Sowjetunion abspielten. So wird es auch verständlich, warum man mit Recht hat sagen können, dass der jetzt endlich gegen den besonders seit dem Tode Lenin s in gewissen Kreisen als Tabu betrachteten Trotzki eröffnete Verteidigungs- und Angriffskampf "die Partei reinigte und verjüngte, indem er sie von den Resten der Schlacken der II. Internationale befreite". Der Kampf gegen den Trotzkismus ist der Kampf gegen den kleinbürgerlichen, verworrenen, unsicheren und feigen Geist, gegen den konterrevolutionären Geist, der sich in die Partei eingeschlichen hatte.

Nicht sehr viel später tauchte auf dem rechten Flügel ein neues Fähnlein von Oppositionellen auf. Die Parteileitung, hinter der die Mehrheit der Partei steht, wird in der Bauernfrage unter Kreuzfeuer genommen: links die trotzkistische Opposition, die die Rolle der Bauernschaft in der Revolution nicht versteht, rechts die Bucharinopposition, die die Rolle des Proletariats gegenüber den Bauernmassen aus dem Auge verliert. Die einen erschreckt durch das Gespenst des reichen Bauern und die hässlichen Auswüchse der NEP, die andern durch das Gespenst möglicher Rückschläge beim Aufbau und bereit, aus Angst vor einem Brand den Klassenkampf zu dämpfen. Nicht nach rechts und links abweichen! In der Frage der Kleinbauern sagen: "Sie werden vom Kulaken gefressen werden", heißt, sie unterschätzen. Aber sagen: "Sie werden den Kulaken fressen", heißt, ihnen zuviel zutrauen...

Kamenew und Sinowjew, die zunächst gegen Trotzki auftraten, verbündeten sich nicht nur schließlich mit ihm, sondern sie schlossen sich später auch mit Bucharin zusammen, der gleich ihnen die Bauernfrage als die Zentralfrage des Lenin ismus bezeichnete. "Das ist falsch! ruft die Mehrheit: wer so spricht, russifiziert den Lenin ismus und nimmt ihm seine internationale Bedeutung." Und Manuilski sagt: "Ihr beschreitet den Weg, den Otto Bauer gegangen ist" (den Weg des austromarxistischen Nationalismus).

Stalin fängt unermüdlich immer wieder von vorn an, um die Grundfragen richtig zustellen und zu klären: "Die Grundfrage des Lenin ismus, sein Ausgangspunkt, das ist nicht die Bauernfrage, sondern die Frage der Diktatur des Proletariats, die Frage der Bedingungen für ihre Eroberung und der Bedingungen für ihre Aufrechterhaltung. Die Frage der Bauernschaft als eines Verbündeten des Proletariats im Kampfe um die Macht ist eine davon abgeleitete Frage!"

Dann wendet er sich gegen rechts. Es ist Stalin, von dem die Initiative ausgeht, auf die Tagesordnung des Vl. Kongresses der Kommunistischen Internationale nicht nur den Kampf gegen die Rechtsabweichung (die das Tempo des Abbaues der von der NEP geschaffenen Lage verlangsamen wollte), sondern auch gegen jene Tendenzen zu stellen. die für eine versöhnliche Haltung gegenüber den Rechten eintraten.

 

*

 

Wir wollen die Phasen dieses Kampfes noch einmal kurz festhalten.

Die ersten Äußerungen der Meinungsverschiedenheiten mit Trotzki hatten die Partei in eine schwierige Lage gebracht {"die Partei fiebert", sagte Lenin ); das war in der Periode von Brest-Litowsk und während der Diskussion über die Gewerkschaftsfrage. Die Schwankungen innerhalb der Partei während dieser Epoche und die Angriffe auf Lenin haben den Kronstädter Aufstand erleichtert.

Nach dem Tode Lenin s zeigte Trotzki bei seinen Angriffen auf die Partei zunächst eine gewisse Zurückhaltung, um dann im Laufe der Diskussion über seine Bücher "Der neue Kurs" und "Die Lehren des Oktober" zur offenen und heftigen Attacke überzugehen. Die berüchtigte "Plattform der 46" aus dem. Jahre 1923 enthielt schließlich die Formulierung "Das Land geht dem Ruin entgegen".

Die Protokolle der Parteikonferenzen und Parteitage legen Zeugnis davon ab, dass die Partei Trotzki gegenüber mit Umsicht und Geduld gehandelt hat. Im Jahre 1923, während der Krankheit Lenin s, war Trotzki noch Mitglied des Politbüros, des obersten Organs der Partei. Die Partei versuchte soweit wie es möglich war, auf Trotzki einzuwirken, während dieser schon offensichtlich darauf hinarbeitete, die sich hier und da zeigende Unzufriedenheit zu seinen Gunsten auszunutzen, die Unzufriedenen in einem Block zusammenzufassen und dessen Führung zu übernehmen. Bereits diese ersten parteifeindlichen Gruppen lehnten es ab, den Trotzkismus zu kritisieren und nahmen den von der Parteilinie abweichenden Standpunkt Trotzkis an.

Als nach dem Tode Lenin s Stalin den Kampf gegen die Opposition aufnahm, begann er damit, dem alten Gegner Lenin s gegenüber nicht Repressivmaßnahmen, sondern "die pädagogische Methode" (der Ausdruck stammt von Jaroslawski) anzuwenden. Diese Versuche, mit den Mitteln der Überzeugung zum Ziel zu kommen, hatten keinen Erfolg, und es erhob sieh die Frage: kann Trotzki noch länger in der Parteiführung, ja überhaupt in den Reihen der Partei bleiben? Diese Frage wurde umso brennender, seitdem Trotzki sich die so genannte "Clemenceau-These" zu eigen gemacht hatte: wenn es zum Kriege kommt, muss man die Regierung wechseln. Angewandt auf die Sowjetunion und ihren auf der Grundlage der Einheitlichkeit und der Harmonie aufgebauten leitenden Apparat, bedeutete diese Theorie einen direkten Aufruf zur Spaltung und zum Bürgerkrieg.

Im Dezember 1925 erschienen auf dem 14. bolschewistischen Parteitag Sinowjew und Kamenew an der Spitze einer nach allen Regeln der Kunst organisierten, größtenteils aus Lenin grader Delegierten bestehenden Opposition. Sie vertraten die früher angeführten Thesen: Verneinung des sozialistischen Aufbaues in einem Lande; Leugnung der positiven Rolle des Mittelbauern für den sozialistischen Aufbau, Bezeichnung des sozialistischen Sektors der Produktion als Staatskapitalismus und Forderung des Rechts auf Bildung von Fraktionen. Diese Opposition erhielt den Namen "Neue Opposition". Ihr Wortführer Sinowjew verlangte auf dem Kongress das Wort. zu einem Korreferat nach dem offiziellen Referat Stalins, Diese Forderung wurde bewilligt: das war die offizielle Kriegserklärung. Stalin trat mit aller Energie dieser Offensive der "Neuen Opposition" entgegen, deren Fehler nach seiner Ansicht sämtlich aus einem Grundfehler hervorgingen: aus dem Mangel an Vertrauen auf den Sieg des Sozialismus.

Im Jahre 1926/27 zeigte sich eine neue Erscheinung: die Opposition versuchte sich zu verbreitern, wurde zu einer Art von Trust zur Fabrikation von Thesen und unternahm den Versuch einer breit angelegten Aktion im großen Stil mit äußersten Mitteln.

Die Oppositionellen um Trotzki verfassten ein Dokument, das alle ihre Beschuldigungen enthielt, eine Plattform. Die Grundgedanken der Opposition waren in diesem Dokument sorgfaltig in ein System gebracht und bildeten ein umfassendes Programm, ein ganzes Lehrbuch, das beweisen sollte, dass die Parteileitung vollkommen die Bahnen des Lenin ismus verlassen habe und in der ganzen Linie auf dem falschen Wege sei. Zu gleicher Zeit entfalteten diese alten Gegner und neuen Feinde der Partei im Auslande eine Kampagne der Verleumdung gegen die Sowjetunion und die Partei und ihren augenblicklichen Kurs.

Angesichts dieser Kriegserklärung und Verschärfung der Anklagen beschloss das Zentralkomitee, dass das Politbüro einen Monat vor dem Parteitag seine Thesen veröffentlichen soll, dass die Opposition ihre Gegenthesen beisteuern könne und dass diese Dokumente in der Parteipresse veröffentlicht und den Organisationen zugeschickt werden sollten. Dieser Beschluss des Zentralkomitees bedeutete die Eröffnung der Diskussion über alle Punkte während der Dauer eines Monats.

Aber bereits am 3. September 1927 verbreitete die Opposition ihre Plattform im Umfang von 120 Seiten, forderte ihre sofortige Veröffentlichung und die offizielle Absendung an alle Ortskomitees und Organisationen. Die Parteileitung lehnte dieses ihren Beschlüssen zuwiderlaufende Ansinnen ab, mit der Begründung, dass das ein Luxus sei, den sich Leute, die mitten in angestrengter Aufbauarbeit stehen, nicht leisten könnten.

Man muss dieses Machwerk, diese "Plattform", gründlich kennen, wenn man die vielverschlungenen Wege der Gedanken der Opposition verstehen will. Alle diese Bruchstücke von Kritik und Anklage zusammengenommen, gaben der Opposition ein neues Kleid. Es war ein alle Punkte der Lehre, des Lebens und der Aktion der Partei und der Regierung betreffendes buntscheckiges Sammelsurium von Beschuldigungen, eine Enzyklopädie, die den offiziellen Lenin ismus im Namen eines neuen Lenin ismus auf den Kopf stellte.

Es ist unmöglich, den Inhalt dieses aggressiven Dokuments auch nur im Auszug wiederzugeben. Es schillere in zu viel verschiedenen Farben.

Es ist übrigens auch nicht mehr notwendig, jeden Paragraphen dieses Neo- Lenin ismus jetzt, wo die Opposition durch das Leben selbst widerlegt worden ist, unter die Lupe zu nehmen. Die Tatsachen haben die von der Opposition aufgeworfenen Probleme gelöst. Ihre Fragen sind von der Geschichte eindeutig beantwortet worden. Die Ereignisse, die den Sinn des sozialistischen Aufbaues und seines Fortschritts enthüllt haben, haben den Argumenten der Opposition den Boden entzogen und nichts von ihnen übrig gelassen.

Im übrigen hat - und das enthebt uns der Aufgabe der kritischen Analyse - die Mehrheit der besten Anhänger der Opposition, durch die Ereignisse überzeugt, in Ehren die Waffen gestreckt (in Ehren: denn sie haben dadurch Einsicht und Charakter gezeigt).

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Opposition tiefe Wurzeln hatte und infolgedessen - ganz zu schweigen von der ständigen Aktivität Trotzkis und einiger hartnäckiger illegaler Gruppen. weiter schwelt und gefährlich bleibt, wenn sie jetzt auch keine Chancen auf Erfolg mehr hat. Auch aller Hoffnungen beraubt, bleibt der Hass bestehen und sucht nach Gelegenheit, um einen Schlag zu führen. Wir haben kürzlich erfahren, dass die terroristische Organisation " Lenin grader Zentrum", die Nikolajew beauftragte, Kirow zu ermorden, sich aus "verfaulten Resten" der ehemaligen Opposition Sinowjew-Kamenew-Trotzki zusammensetzte, dass sie mit zaristischen Meuchelmördern und ausländischen Auftraggebern in Verbindung stand, und dass eine ihrer Aufgaben darin bestand, führende Persönlichkeiten der Sowjetunion zu ermorden, um an der Niederlage der Opposition Rache zu nehmen und Unruhen im In- und Ausland hervorzurufen.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände führt die aufmerksame Lektüre der historischen Plattform der Opposition von 1927 zu den folgenden Überlegungen, die es sich lohnt.. dokumentarisch festzuhalten, um über die Ausmaße des so ernsten Konfliktes zu einem abschließenden Urteil zu kommen.

Es sei zunächst ein für allemal gesagt, dass die von der Opposition angeführten Tatsachen als Beispiele gedacht waren, bestimmt, den Vorwurf der Anwendung falscher Methoden oder der falschen Anwendung richtiger Methoden zu begründen. Im Grunde geht es um die Methoden, Tendenzen, die Leitgedanken (das Schlagwort "Abweichung" taucht fast in jeder Zeile aller Thesen der einen wie der anderen Seite auf). Es handelt sich also um mehr oder weniger scharf ausgeprägte Meinungsverschiedenheiten über die Grundsätze und die Taktik des Lenin ismus.

Da sind zunächst viele statistische Angaben, auf die die Opposition sich stützt, um ihre Anklage der Abweichung und ihre Voraussage des Sturzes in den Abgrund zu begründen. Diese Angaben sind zweifellos unrichtig, sei es, dass die angeführten Zahlen einfach falsch sind, sei es, dass sie dadurch entstellt sind, dass nicht alle Seiten des betreffenden Problems in Rechnung gesetzt sind.

Einige Beispiele: das angeblich zunehmende Zurückbleiben der Industrie und des Transportes gegenüber der Nachfrage (ein Hauptanklagepunkt); das Zurückbleiben der Lohnerhöhung gegenüber dem Arbeitsertrag; die Verlängerung des Arbeitstages; die Zunahme der Überstunden; das Anwachsen des Abstandes zwischen den Löhnen der Frauen und Männer; der Tiefstand des Lohnes für Jugendliche; das Anwachsen der Arbeitslosigkeit in der Industrie; die Höhe der Arbeitslosenunterstützung usw..

Da gibt es weiter viele Anklagen, für die überhaupt kein Beweis angeführt wird und die im übrigen im Widerspruch zu bereits gefassten Beschlüssen der Partei und zu bereits erreichten Resultaten stehen.

Beispiele: Die Verschleierung der Entwicklung der Kulakenwirtschaft; das Suchen der Partei nach einem Stützpunkt bei den Kulaken; die Unterdrückung der Demokratie im Innern der Partei; der Verzicht auf die Idee der Industrialisierung; der Versuch, den Genossenschaftsplan und den Elektrifizierungsplan einander gegenüberzustellen.

Da kommt schließlich eine große Zahl von Vorschlägen, die offensichtlich gefährlich, unangebracht und geeignet sind, verhängnisvolle Folgen heraufzubeschwören. Alle diese Vorschläge rechnen nicht in genügendem Maße mit der Wirklichkeit und erscheinen deutlich als Bluff und Demagogie; sie sind entweder an sich falsch oder unzweckmäßig und verfrüht.

Beispiele dafür sind: Die billige Kritik an den Nachteilen, die die NEP mit sich gebracht hatte; die Ausschlachtung dieser unvermeidlichen und seinerzeit unter Zwang in Kauf genommenen Erscheinungen; das Verlangen, die daraus entspringenden Unzuträglichkeiten von einem Tag auf den andern abzuschaffen; die Unterstützung nationalistischer Strömungen, die die Einheit der Sowjetföderation gefährdeten; der Vorschlag, die Engrospreise zu erhöhen (der 16. Parteitag hat nachgewiesen, zu welch verhängnisvollen Folgen diese Maßnahme geführt hätte, die die Opposition, ohne den Gesamtmechanismus der Wirtschaft des Landes zu berücksichtigen, in dem einzigen Bestreben vorschlug, sich die Gunst und die Unterstützung der Bauern zu sichern); die Einschränkung der Produktion (Schließung von Fabriken, Überrationalisierung); die ebenfalls demagogisch gemeinten Vorschläge zur Senkung der Belastung der armen Bauern und zur Zurückziehung des Staatskapitals aus den Genossenschaften (was einer Stärkung des Privatkapitals gleichkam); zusätzliche Besteuerung der Reichen (was auf Konfiskation, auf plötzliche Ausschaltung des Privatkapitals, d. h. auf sofortige Liquidierung der NEP hinauslief, die noch nicht bis zu Ende ausgenutzt war) ; zusätzliche staatliche Getreideaufbringung (was unvermeidlich zum Zusammenbruch der ganzen so komplizierten Kreditpolitik der Sowjetunion geführt haben wurde).

Alle diese Vorschläge sind sehr verführerisch, wenn man der Galerie gefallen will, aber sie lösen nur scheinbar und nur auf dem Papier die Probleme, die in der Praxis nur schrittweise und mit der Zeit zu lösen sind.

Es ist ja leicht gegen die wirklich bestehende Kulakengefahr zu wettern, über wachsende Arbeitslosigkeit, ungenügenden Wohnungsbau für Arbeiter und Entartungserscheinungen in der Bürokratie zu lamentieren. Es ist auch leicht, fast bei jeder Frage zu sagen: "Es müsste viel schneller gehen." Aber man muss zuerst wissen, ob es möglich ist, schneller vorwärts zugehen und ob die relative, nicht absolute, Langsamkeit des Fortschritts Schuld der Parteileitung ist, und ob wirklich die Notwendigkeit einer radikalen Wendung in der Politik besteht.

Ist die Partei zum Beispiel schuld daran, dass die für den vollkommenen Umbau aller Arbeiterwohnungen nötigen Milliarden nicht aufzutreiben sind? Und ist es nicht komisch, in der dramatischen Frage der Industrialisierung der Landwirtschaft (deren Notwendigkeit allgemein anerkannt ist, aber die teils mit, teils ohne Absicht gebremst wird) das Pferd am Schwanz aufzuzäumen und die sich eben entwickelnden und schon greifbare Resultate zeigenden Konsumgenossenschaften durch eine auf dem Papier stehende Überelektrifizierung zu ersetzen? In diesem Ausspielen der Großindustrie gegen die Genossenschaften haben wir eine ähnliche Antinomie vor uns, wie in der Fragestellung: Sozialismus in einem Lande gegen die Weltrevolution. Soll man das schon zur Hälfte erreichte kleinere Ziel für das noch nicht erreichbare größere aufgeben? Die Alternative, vor die man hier gestellt werden soll, lautet: entweder etwas Konkretes weiter fortsetzen oder beim Ende anfangen.

Manche von den Maßnahmen schließlich, die die Opposition fieberhaft zur "Rettung" vorschlug, waren übrigens das, was die Partei selbst forderte und durchführte. In diesen Fällen trug die Opposition Eulen nach Athen. Viel Lärm um nichts!

Man lege sofort 500 Millionen Rubel in der Schwerindustrie an! - fordert die Opposition. Nun, die ständig ansteigende Kurve der Kapitalsanlage der Industrie wies bereits im Jahre 1927, wo diese Forderung aufgestellt wurde, 460 Millionen Rubel auf. Andere Vorschläge der Opposition, wie z. B. die bessere Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte, die stärkere Unterstützung der armen Bauern und Kleingewerbetreibenden, die Regelung der Arbeit der Jugendlichen waren sogar einfach schon gefassten und in Durchführung befindlichen Beschlüssen der Partei entnommen. Die Sorge um die "Demokratie", d. h. um die Zusammenarbeit aller, die Teilnahme der Massen an der Arbeit und die Berücksichtigung der Minderheiten im politischen Leben war von jeher die Sache Lenin s und Stalins. Tatsächlich ist keine Regierung so stark verpflichtet Rechenschaft abzulegen und sich durch eine ihrerseits mit den Massen verbundene Partei kontrollieren zu lassen, wie die Sowjetregierung. Das Rückgrat des öffentlichen Lebens der Sowjetunion bildet eine Reihe von römischen und arabischen Zahlen, die die Kongresse der Kommunistischen Internationale, die Sowjetkongresse, die Kongresse und Konferenzen der Partei und die Tagungen ihres Zentralkomitees bezeichnen. Der Uneingeweihte verliert sich in diesem Wald von Zahlen und Bezeichnungen, die aber ein bestimmtes System ausdrücken und die dank der Öffentlichkeit, in der sich die durch sie bezeichnenden Verhandlungen abspielen, ein lebendiges Bild der Demokratie geben: sobald ein Diskussionsgegenstand auftaucht, tritt er auf einer dieser Tagungen in das helle Licht der Öffentlichkeit.

Bürokratie? Ja, man hat fast immer recht, wenn man die Bürokratie kritisiert. Sie hat eine bedauerliche Tendenz zur unfruchtbaren Verfettung, oder, wenn sie mager ist, zum Vertrocknen. Man muss diese unumgängliche Institution ständig im Auge behalten und darüber wachen, dass sie ihre Funktion nicht überschreitet. Aber der Verwaltungsapparat wird leicht zum Prügelknaben und mehr als einmal zieht man mit übertriebener und blinder Heftigkeit über ihn her, nur weil man aus dem einen oder anderen Grunde der Regierung, in deren Dienst er steht, etwas am Zeuge flicken will. Mehr als 20 Jahre vor dem Beginn der Revolution hat Lenin im Jahre 1903, zu den Menschewiki und Trotzki gewandt, gesagt: "Es ist klar, dass das Geschrei über die Demokratie nur eine Methode ist, die persönliche Unzufriedenheit mit der Zusammensetzung der leitenden Organe zum Ausdruck zu bringen. Du bist Bürokrat, weil du von dem Kongress nicht nach meinem Willen, sondern gegen ihn ernannt worden bist ... Du handelst brutal und mechanisch, weil du dich auf die Mehrheit des Parteitages stützt und meinem Wunsch, in die Leitung kooptiert zu werden, nicht Rechnung trägst. Du bist ein Autokrat, weil du die Macht nicht in die Hände der alten Clique zurückgeben willst, die um so energischer ihren alten Standpunkt vertritt, als ihr die von dem Kongress bereitete Niederlage unangenehm ist." So sagte Lenin , der außerordentliche Psychologe mit den hundert durchdringenden Augen.

 

Die Plenartagung des Zentralkomitees und der Kontrollkommission, die im Jahre 1927 vor dem 15. Parteitag stattfand, machte einen letzten Versuch, den offenen Krieg gegen Trotzki und Sinowjew zu vermeiden. Sie forderte Trotzki auf, seine Theorie über die Notwendigkeit eines Regierungswechsels, seine Verleumdungen über den "Thermidor-Charakter" der Parteileitung aufzugeben und sich bedingungslos für die Verteidigung der Generallinie der Partei zu erklären. Trotzki und Sinowjew haben die sich hier bietende Gelegenheit, endgültig den Frieden in der Partei wiederherzustellen, zurückgewiesen. Sie wurden daraufhin aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen, erhielten eine Rüge und wurden mit dem Ausschluss aus der Partei bedroht, wenn sie ihre parteischädliche Tätigkeit fortsetzen.

Trotzki und Sinowjew (letzterer hatte besonderen Einfluss in Lenin grad, wo er der Vorsitzende des Sowjets war) haben den Krieg fortgesetzt. Sie haben versucht, die Jugend gegen die Partei auszuspielen. Sie gingen über zu Geheimversammlungen, illegalen Druckereien, Verbreitung von Flugblättern. Sie besetzten gewaltsam Lokale und griffen schließlich zum Mittel der Straßendemonstration, wie z. B. am 7. November 1927. Auf dem 15. Parteitag zeigte eine Ausstellung ihre intensive politische Verschwörertätigkeit gegen die Parteileitung. Aus dem Material dieser Ausstellung ging hervor, dass Trotzki und seine Anhänger bereits die Gründung einer Partei mit einem Zentralkomitee, Bezirks- und Ortskomitees, einem technischen Apparat, mit Beitragszahlung und einer eigenen Presse beschlossen hatten. Und zwar nicht nur in der Sowjetunion sondern im internationalen Maßstab, mit dem Ziel, die III. Internationale zu erobern. Auf den von den Trotzkisten veranstalteten Versammlungen wurde den auf der Linie der Partei stehenden Mitgliedern des Zentralkomitees der Eintritt verweigert (so geschah es u. a. mit Jaroslawski, der mit physischer Gewalt aus einer Versammlung in Moskau entfernt wurde).

Der 15. Parteitag versuchte diesen bedauerlichen und gefährlichen Kampf zu beenden, beschwor Trotzki, seine Organisationen aufzulösen und ein für allemal auf Kampfmethoden zu verzichten, die nicht nur über den Rahmen der Rechte eines Mitgliedes der bolschewistischen Partei, sondern selbst der "Sowjetloyalität" hinausging und endlich seine systematisch feindliche Haltung gegen den Standpunkt der Mehrheit aufzugeben. Aber die Gegenvorschläge der Trotzkisten, die die Unterschrift von 121 Personen trugen, enthielten nur noch heftigere und gröbere Angriffe. Trotzki und die Seinen wurden aus der Partei ausgeschlossen. Dieser Beschluss ließ noch eine Tür offen: die Möglichkeit der Wiederaufnahme in die Partei war für jeden einzelnen vorgesehen für den Fall, dass er sich von seinen Ideen lossagte und sich dementsprechend praktisch betätigte. Das sieht anders aus, als jene trotzkistische Karikatur, auf der Jaroslawski, der Vorsitzende der Kontrollkommission, als sprungbereite und bissige, von Stalin an der Leine geführte Dogge dargestellt ist.

Ließe sich aber am Ende nicht vielleicht doch noch sagen: die Opposition hat jedenfalls ein Gutes gehabt, indem sie die Aufmerksamkeit der Leitung auf einige schwache Seiten lenkte und sie vor dieser oder jener Gefahr warnte?

Nein. Und zwar einmal, weil die Selbstkritik ein unendlich viel wirksameres Mittel war, um die Leitung wachsam zu erhalten, als dieser Zweikampf auf Leben und Tod.

Dann aber: die regelmäßig und steil ansteigende Kurve der Errungenschaften des Sowjetstaates lässt nirgends eine Spur der Vorschläge der Opposition erkennen. Es gab kein Versäumnis, das die Opposition hätte korrigieren können. Dagegen hat sie Klippen aufgerichtet, für deren Umgehung komplizierte Manöver nötig waren und es ist kein Zufall, dass der schnelle Aufstieg der Sowjetunion von dem Moment an beginnt, wo die Opposition niedergekämpft war. Man muss den Männern, die heute die UdSSR leiten, bestätigen, dass sie von dem Tage der Oktoberrevolution an ihren Standpunkt und ihre Methoden in nichts geändert haben, und dass alles; was seit Lenin geschehen ist, im Geiste Lenin s getan worden ist und nicht nach einer Karikatur oder Fälschung des Lenin ismus.

Ich greife, ein wenig zufällig, eine einzelne Episode aus längst vergangenen Zeiten, ja aus dem vorigen Jahrhundert heraus: Vano Sturua erzählt von einem Besuch, den Stalin im Jahre 1898 - man sieht, es war nicht gestern! - den Arbeitern der Großbetriebe von Tiflis abstattete: "Sosso tat sich durch Entschlossenheit und Festigkeit hervor, er trat heftig gegen die ,Weichheit', die ,schwankende Haltung', den ,üblen, versöhnlerischen Geist' auf, den er bei vielen der Genossen feststellte, und derselbe Sosso (er war damals 19 Jahre alt) witterte im voraus den Abfall gewisser Intellektueller, ,von denen die gute Hälfte wirklich nach dem 2. Parteikongress in das menschewistische Lager hinüberwechselte'"

So zeigte sich Stalin damals und so zeigte er sich etwa dreißig Jahre später gegenüber der Oppositionsgruppe. Es war derselbe Mann, der Mann mit den gleichen Eigenschaften: der Realist, der seiner Sache sicher ist und vorwärts schreitet, im Gegensatz zu den Faselhänsen, den Pessimisten, die auf der Stelle treten.

Die Opposition hat alles, was sie konnte, getan, um die Revolution zu entmutigen. Sie hat, nach besten Kräften wenigstens, Zweifel unter die Leute gesät, das Gespenst der Zerstörung, der Verzweiflung, des Untergangs an die Wand gemalt und den letzten Tag vorausgesagt.

"Packt die Opposition fest an", sagte Stalin, "schiebt ihre revolutionäre Phraseologie beiseite, und ihr findet auf ihrem Grunde die Kapitulation!"

Und ein andermal: "Der Trotzkismus versucht, den Kräften unserer Revolution Unglauben einzuimpfen."

Der Trotzkismus, der überall auf der Erdkugel ein wenig Boden gefunden hat, indem er auch in das Netz der Organisationen der Kommunistischen Internationale einzudringen versuchte, hat mit den ihm verfügbaren Mitteln versucht, das Werk des Oktobers zu vernichten. Um Trotzki gruppiert, führt eine ganze Schar von allen Seiten zusammengelaufener Leute - Ausgeschlossene, Renegaten, Unzufriedene, Anarchisten - eine Kampagne der systematischen Verleumdung und Sabotage, einen ausgemacht antibolschewistischen und sowjetfeindlichen, durchaus negativen Kampf, der alle Formen der Verräterei annimmt. Diese Überläufer geben sich alle Mühe, zu Totengräbern der russischen Revolution zu werden.

Es ist richtig, Trotzki als einen Konterrevolutionär zu betrachten.

Stalin hatte seinerzeit gesagt: Die Opposition wird schließlich bei den Weißen landen. Es gab Leute, die diese Voraussage übertrieben fanden und ihre Schärfe der Hitze des Kampfes zuschrieben. Die blutigen Ereignisse vom Dezember 1934 haben Stalin in trauriger Weise recht gegeben - und es ist nicht der einzige Beweis!

Hätte die Opposition triumphiert, so wäre die Partei entzweigeschlagen worden und die Revolution würde krank daniederliegen. Ordshonikidse konnte schreiben: "Ein Sieg des Trotzkismus hätte den sozialistischen Aufbau scheitern lassen. Der Sieg Stalins über Trotzki und die Rechten war eine Art Auferstehung der Oktoberrevolution."

 

Stalin hat sich nicht darauf beschränkt, das Problem der Opposition im Zentrum der kommunistischen Welt zu lösen und hier die gordischen Knoten dieses politischen Byzantinismus zu zerhauen. Er hat auch den anderen kommunistischen Parteien geholfen, ihre Schwankungen nach rechts zu überwinden und sich von dem tödlichen Gift des Opportunismus und Reformismus zu befreien: der polnischen Partei nach dem Mai 1926; der englischen und französischen Partei, die im Jahre 1927/28 vor der Aufgabe standen "ihre Wahltaktik auf das Geleise einer wirklichen revolutionären Politik zu bringen". Um dieselbe Zeit drohte der Opportunismus in die deutsche Partei einzudringen. Aber die deutschen Kommunisten entfernten die rechten und ultralinken Opportunisten aus ihren Reihen. Ebenso ging es den Opportunisten in der Tschechoslowakei und den Lovestone- und Pepperleuten in den Vereinigten Staaten. Im Jahre 1923 hatte die bulgarische Kommunistische Partei mit Stalins Hilfe die fremden Elemente ausgeschlossen, die die Partei zwischen rechts und links, zwischen Demagogie und Opportunismus hatten hin und her schwanken lassen. "Das Proletariat braucht klare Ziele (im Programm) und eine feste Linie (in der Taktik)", sagt Stalin, der durchführt was er sagt.

Zum Beweis dafür, zu wie richtigen Voraussagen ein tiefer und klarer Geist gelangen kann, ist es interessant, daran zu erinnern, dass sich Stalin im Jahre 1920 über die deutsche Sozialdemokratie, die damals noch eine große Mitgliederzahl hatte und einheitlich dastand, sehr skeptisch geäußert und Vorbehalte hinsichtlich ihrer Einheit gemacht hat, die er "mehr trügerisch als real" nannte. Wer die tragische Geschichte der letzten Jahre verfolgt hat, erkennt, wie bedeutend und treffend diese Worte waren, deren Richtigkeit die Ereignisse so furchtbar bestätigen sollten.

Seit der Periode der Hauptkämpfe gegen die Opposition wachte Stalin so eifersüchtig wie nie zuvor über die ungeschmälerte Größe des Lenin ismus, den er in einem Augenblick vor Entstellungen bewahrt hatte, wo dieses große Befreiungswerk. das zwar nie aufgehört hatte sich zu entfalten, doch noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte; in dem Augenblick, wo die Revolutionäre und das Proletariat der Sowjetunion daran waren, dem gewaltigen neuen Organismus der Revolution in Eile, und doch mit Weile, mit größter Hingebung, mit einer Art von Blutübertragung, Leben einzuflößen.

                

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