Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

Die Bauernschaft

Was auf dem flachen Lande durchgeführt wurde, war noch eindrucksvoller und bedeutender.

Es war eine noch größere Schlacht und ein noch größerer Sieg; denn es handelte sich darum, einen grundlegenden Wandel in Traditionen zu schaffen, die viel lebenskräftigere und unberührtere Wurzeln besaßen.

Ist das Bauernproblem ein für allemal gelöst? Nein, noch nicht. Aber der erste riesige Schritt ist getan. Das Wichtigste ist geschafft: Der Sieg ist praktisch erfochten, der Einbruch ist gelungen. Es kommt jetzt darauf an, die Position zu befestigen und die tieferen Lehren der Ereignisse fest im Kopfe des Landmannes Wurzel schlagen zu lassen.

Blicken wir noch einmal auf das schier unabsehbare Panorama des russischen Landes zurück.

"Der Kampf um die Eroberung der Bauernschaft geht wie ein roter Faden durch unsere ganze Revolution, von 1905 bis 1917, hindurch", hat Stalin gesagt.

Die große Masse der Bauern dazu zu bringen, mit der Revolution zu sympathisieren, oder ihr nicht feindlich gegenüberzustehen, war angesichts der Elendslage, in der sich ihre große Mehrzahl unter dem alten Regime befand, eine relativ leichte Sache: Vor die Wahl zwischen Zarismus und Revolution gestellt, schwankten die Bauern nicht. Aber nachdem die Revolution einmal im Zentrum befestigt war, stieß der sozialistische Aufbau, den bestimmte wirtschaftliche und politische Umstände möglich machten, auf einen großen Widerstand: auf die überwiegende Rolle der Landwirtschaft in der Gesamtökonomie des Landes.

"Eine der größten Schwierigkeiten für den sozialistischen Aufbau", hatte Lenin ganz zu Beginn gesagt, "besteht darin, dass Rußland ein Agrarland ist." Und derselbe Lenin stellt fest, dass die kleine bäuerliche Privatwirtschaft prinzipiell mehr zum Kapitalismus als zum Sozialismus neigt.

Wie war das flache Land in den allgemeinen Aufbau einzuordnen? Für den Großgrundbesitz wurde das Problem sofort durch die Enteignung des gemeinsamen Feindes, des Großgrundbesitzers, gelöst. Es blieb der Kleinbesitz, es blieben die Millionen von individuellen Parzellenbauern - und wie alle Bauern in der Welt will der Mushik in erster Linie sein eigenes Feld bestellen, an dem er mit allen Fibern hängt.

Als man, ein wenig wie gute Schwimmer bei einem Schiffbruch, in der NEP herumschwamm, sagte Lenin voraus: "Die Hauptaufgabe, deren Lösung alles andere entscheidet und der alles untergeordnet werden muss, ist die Zusammenschweißung der neuen Wirtschaft, die wir noch sehr schlecht, sehr ungeschickt aufzubauen begonnen haben, aber die wir doch aufbauen, mit der Landwirtschaft, von der Millionen von Bauern leben." Diese Zusammenschweißung musste ihre Bindemittel finden in gemeinsamen Interessen, in einem materiellen Vorteil der Bauern. Hier ging es nicht um große Worte, sondern um Vorteil oder Nachteil.

"Nicht irgendein mystisches Gefühl wird den Bauern zum Sozialismus treiben, sondern sein Interesse, nur sein Interesse." Dem Bauern beweisen, dass der Sozialismus ihm Vorteile bringt! Wie soll das geschehen? Wir kennen die Antwort: durch den landwirtschaftlichen Großbetrieb. Der landwirtschaftliche Großbetrieb mit vervollkommneten Methoden hat die Zusammenlegung der Felder und den Zusammenschluss der auf ihnen arbeitenden Bauern zur Voraussetzung - dann bringt er mehr ein als der Kleinbetrieb. Er bedeutet also die direkte Eingliederung der notwendigen Interessen des einzelnen in ein sozialistisches System. Der russische Bauer, der viel mehr Realist als Mystiker ist (er hat eine Art Mystik der Realität), kann durch Zahlen gewonnen werden: sobald er sieht, dass sein Anteil am Ertrag beim kollektiven Betrieb zugleich größer und dauerhafter ist, als der Ertrag des zerstückelten individuellen Kleinbetriebes. Der Mushik glaubt an den Talisman der Zahlen.

Es kam darauf an, den armen Bauern und besondere - denn der sehr arme Bauer ist immer leichter zu lenken. da er nichts zu verlieren hat - den armen Mittelbauern, die Mittelbauern überhaupt zu gewinnen. Auf dem 15. Parteitag beschäftigte sich Stalin mit den Mittelbauern. Er wies besonders darauf hin, dass "der Mittelbauer sich uns in der Periode der Oktoberrevolution zugewandt hat, nachdem er sich überzeugt hatte, dass die Bourgeoisie ein für allemal gestürzt war, dass man dem Kulaken zu Leibe ging, und dass die Rote Armee an. den Fronten des Bürgerkrieges zu siegen begann".

Man brauchte ein festes Bündnis mit den Mittelbauern, ein Bündnis "das keineswegs seinen Vorurteilen entgegenkam", sondern das darauf ausging, ihn die notwendige Umwandlung "im Sinne der Kollektivierung der Sowjetwirtschaft überhaupt und der Landwirtschaft im besonderen" und der Ausschaltung des parasitären Kulaken verstehen und annehmen, zu lassen. Denn eine solche Eroberung der Massen kann nicht durch Zwang, sondern nur durch Überzeugung geschehen. Es handelte sich um die ganz natürliche Ausdehnung des Genossenschaftssystems, das schon ausgezeichnete Erfolge gezeigt und auf dem Gebiete des Konsums und des Verkaufs der Produkte den Boden vorbereitet hat, auf die Produktion.

Es kam also darauf an, während man einerseits das brach liegende Land in Sowjetwirtschaften (Sowchose) oder voll kommen sozialistische Staatsbetriebe zusammenfasste (die als Muster dienten), andererseits die individuellen Privatbetriebe in Kolchose (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) umzuwandeln.

Am Ende des vierten Planjahres - die Anbaufläche für Getreide war um 21 Millionen ha gewachsen - waren 224000 Kolchose und 5000 Sowchose geschaffen! Ende 1934 betrug die Zahl der Kolchose 240000. 65 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe der Sowjetunion und' 70 Prozent des bebauten Bauernlandes (man kann heute sagen drei Viertel) sind der Anziehungskraft der Kolchose erlegen. In Prozenten ausgedrückt vollzog sich diese Umwandlung der Bauernwirtschaften in Kollektivbetriebe folgendermaßen: 1929 - 4 Prozent; 1930 - 23 Prozent; 1931 - 52 Prozent; 1932 - 61 Prozent; 1933 - 65 Prozent (die mehr als 2 Millionen Bauernwirtschaften darstellen). In großen Wellen ergoss sich die planmäßige Kollektivierung erobernd über die unabsehbaren Ebenen der Sowjetunion. Heute gehört 85 Prozent des Getreidelandes in der UdSSR den Kolchosen und Sowchosen.

Und diese Betriebe sind von erstaunlichem Umfang: Während in den Vereinigten Staaten nur der fünfte Teil der Farmen über mehr als 100 ha verfügt, beträgt in der Sowjetanion der Durchschnittsumfang der Kolchose 434 ha und der Sowchose 2000 ha.

Die materiellen Vorteile der Kollektivierung sind im Laufe dieser epochemachenden Eroberung des flachen Landes durch den Sozialismus durch mannigfaltige charakteristische Tatsachen bewiesen worden. Wir wollen nur eine von ihnen anführen: Es ist heute allgemein anerkannt, dass in der Ukraine erst die Erschließung der großen Hilfsmittel des gemeinschaftlichen Betriebes die Eindämmung der großen Gefahren erlaubt hat, die der Ernte durch die Dürre drohen. Nur die Kollektivierung hat der ganzen Union im Jahre 1934 ungeachtet der ungünstigen Witterungsverhältnisse eine bessere Ernte gebracht, als das Jahr 1933.

Der Sowjetstaat ist den Bauern bei der Umgestaltung der Landwirtschaft entgegengekommen, indem er 2860 Maschinen-Traktorenstationen im Werte von 2 Milliarden Rubel geschaffen und den Kolchosen Kredite eröffnet hat, die im verflossenen Jahr 1 Milliarde 600 Millionen Rubel betrugen. (Man muss verstehen, dass das Kredite sind, die aus einem Zweig der kollektiven Wirtschaft in einen anderen geleitet werden, Kredite aller an alle, und nicht, wie die Kredite der französischen Staatsbank an die Eisenbahn oder die Transatlantische Schifffahrtsgesellschaft, herrliche Subventionen von Ministers Gnaden, von denen ein guter Teil - von anderen Zwischenverdiensten ganz zu schweigen - bei den Aufsichtsräten hängen bleibt.) Der Sowjetstaat hat den Kollektivbauern weiter geholfen, indem er ihnen Saat- und Brotgetreide zur Verfügung stellte, 42 Millionen Doppelzentner im vergangenen Jahre, und indem er für die armen Bauern Herabsetzungen der Steuern und Versicherungsgelder durchführte, die im vergangenen Jahr 370 Millionen Rubel betrugen.

Die Gegenleistung: im Jahre 1929 haben die Einzelbauern dem Staat 780 Millionen Pud und die Kolchose 120 Millionen Pud Getreide geliefert. Im Jahre 1933 war das Bild umgekehrt: die Kolchose 1 Milliarde Pud und die Einzelbauern 130 Millionen Pud.

Zu alledem kommt noch die planmäßig fortschreitende Einrichtung einer Unmenge von Instituten, Laboratorien, Fachschulen, agronomischen Kursen und Expeditionen für landwirtschaftliche Zwecke. Diese wohldurchdachte Organisation der Landwirtschaft mit ihren Riesenbetrieben, mit den Forschungen, Verbesserungsmaßnahmen und Experimenten für die Hebung der Landbebauung und Düngung ist schon an und für sich ein erhebendes Bild.

Am Ende des Jahres 1934 hatte das Aufblühen der Landwirtschaft einen solchen Grad erreicht, dass die Sowjetunion die Schulden der Kolchose streichen konnte (es handelte sich um die niedliche Summe von 435 Millionen Rubel), wobei die Kolchose, die aus eigenen Mitteln ihre Schulden abgezahlt hatten, Prämien und Vergünstigungen erhielten. "Welche andere Regierung der Erde kann sich einen solchen Luxus leisten?" hat kürzlich die Moskauer Radiozentrale gefragt.

Ein anderes Beispiel, das noch bezeichnender ist: Auf einen Vorschlag von Stalin hin hat das Zentralkomitee der Partei im Dezember 1934 beschlossen, die Brot- und Mehlkarten abzuschaffen. Sie waren im Jahre 1929 eingeführt worden, zu einem Zeitpunkt, wo 86 Prozent des Getreides von bäuerlichen Privatwirtschaften geliefert wurden und wo es 215000 Privatläden gab (die heute vollkommen verschwunden sind). Das Brotkartensystem hatte die Einrichtung eines umfangreichen Verwaltungsapparates notwendig gemacht, aber es hatte die Belieferung der Arbeiter und Angestellten mit Brot zu Minimalpreisen sichergestellt (zu Preisen, die sehr gering waren gegenüber den im freien Handel bezahlten). Heute, wo die Großindustrie Stadt und Land in ihrem Siegeszug mitgerissen hat, wo 92 Prozent des Getreides von den Kolchosen und Sowchosen aufgebracht werden, wo es 283000 Staatsläden gibt, "wo die Hilfsquellen des Staates, was das Getreide betrifft, außerordentlich gewachsen sind - heute ist die Stunde gekommen, wo wir, als einen neuen großen Sieg der Sowjetpolitik, den allgemeinen und freien Verkauf von Brot und Mehl herstellen können". (Molotow.)

Sollen wir es versuchen, die Lage der Bauernschaft in der Sowjetunion mit der der Bauern in unseren Ländern zu vergleichen? Wir haben soeben im französischen Parlament eine Diskussion über die Getreidefrage gehört. Der Ministerpräsident hat vom Rednerpult aus eine Tatsache bestätigt, die, so unerhört sie ist, für niemanden eine Neuigkeit war: Zwischen den produzierenden Bauern und den Konsumenten schieben sich Zwischenhändler ein, die den einen und den anderen schröpfen und die in unserem Lande einen Gewinn von 10 Millionen Fr. täglich einstecken ! Der französische Bauer verkauft sein Kalb für den Preis von 2,50 Fr. pro Kilo. Dasselbe Kalb wird im gleichen Dorf mit 10 Fr. pro Kilo und in der Stadt mit 20 Fr. verkauft. Der Winzer verkauft seinen besseren Wein für 1,50 Fr. den Liter. Wenn er Durst hat, muss er ihn sich beim Dorfhändler für 4 Fr. zurückkaufen. Wenn er in die Stadt geht, findet er ihn für 15 Fr. und wenn er in einem feinen Restaurant einkehrt für 20 Fr. wieder. Zur Lösung dieses Problems wurden provisorische Maßnahmen vorgeschlagen. Es ist ja nicht möglich, zu dauerhaften Lösungen zu kommen innerhalb des kapitalistischen Regimes, wo die Willkür und der Betrug des einzelnen ungestraft durchgehen und wo der einzelne Besitzer es versteht, sowohl das Steuersystem als auch die Marktfreiheit zu seinem Profit auszunützen, und sich lustig macht über die Verkündigung des Staatsanzeigers. Bei uns können aus den Gebäuden, über deren Türe die Inschrift steht: Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit nur Gesetze herauskommen, die lediglich dem Schein nach dem kleinen Produzenten helfen.

Betrachten wir die Kolchose noch etwas näher. Es gibt ihrer zwei Formen: die Kommune und das Artel.

In der Kommune besitzen die Kolchosbauern gemeinsam den ganzen Betrieb. Sie haben außerdem keinerlei Eigentum und leben in Gemeinschaft.

Im Artel hat jedes Mitglied sein Haus, seinen Garten, seine Kleintiere und seine Kuh: im Artel bleibt der Kolchosbauer Privateigentümer eines kleinen Teils des Gesamtbetrieb. in den er sich im übrigen mit den anderen Bauern teilt.

Die Form des Artels ist diejenige, die Stalin mit besonderem Nachdruck als die gegenwärtig hauptsächliche Form bezeichnet. Kompromiss! NEP! Absage an den Sozialismus schreien gewisse Leute oder versuchen es wenigstens zu tun.

Einen Augenblick! Im Gegensatz zu der Legende, die jene, die nicht wissen wollen, unter denen verbreiten, die nichts wissen, ist der Sozialismus nicht erfunden worden, um die Menschen zu belästigen, oder um ihnen ununterbrochen wie ein Gläubiger zuzurufen: "Du musst!" sondern um ihnen zu helfen. Sein Wesen besteht nicht darin, willkürlich aller Welt wegzunehmen, was ihr Vergnügen macht, und den Menschen durch Beschränkungen einen zu hohen Preis für die politische Gleichheit, die soziale Gerechtigkeit und die Lebenssicherheit abzufordern, die er ihnen bringt. Für der: Sozialismus ist die Einschränkung des Privateigentums nicht ein Ziel, sondern ein Mittel um zu einem Kollektivzustand zu kommen, der letzten Endes für jeden einzelnen vorteilhafter ist. Es kommt also nicht darauf an, diese Beschränkungen mir nichts dir nichts nach allen Seiten auszudehnen, sondern vielmehr sie auf das notwendige Minimum zu beschränken. Man muss die Produktionsmittel sozialisieren. Tun wir es! Und dann? Und dann: Der Geist der Gesellschaft, der jetzt im Begriff ist, sich unter der Macht des Geschehens zu wandeln, wird sich weiter wandeln. Was noch von alten Überresten heute in ihm weiterlebt, wird sich auflösen. Man wird dann diese Fragen mit ganz anderen Augen betrachten, als wir es können, die noch mit beiden Beinen in der Vergangenheit stehen. Man wird ganz natürlicherweise die reinsten und vollkommensten Formen des Kollektivismus vorziehen. Die Kommune wird zweifellos das Artel verdrängen. Auf jeden Fall wird immer dem der Vorzug gegeben werden, was dem tieferen Interesse entspricht. Bis dahin ist das Artel maßgebend, das übrigens in keinem Widerspruch zu der realen Idee der Gleichheit steht, sondern nur zu der engen (und antimarxistischen) Parole der Gleichmacherei.

Und man denkt auch an "den Wohlstand jedes einzelnen Kolchosmitglieds" (diese Losung steht augenblicklich im Vordergrund). "Du willst eine Kuh, Genosse", sagt Stalin. "Du sollst deine Kuh haben!" Und er macht klar, dass die Losung: Wohlstand für jeden Kolchosbauern - nicht mehr die Gefahr in sich trägt, die sie zu Beginn der NEP hatte, wo sie der erste Schritt der Rückkehr zum Kapitalismus und der Abkehr vom Sozialismus gewesen wäre. Heute, im Rahmen der Sozialisierung. ist sie nur ein nützliches und berechnetes Anreizmittel. Strebt nicht übrigens der ganze Sozialismus entschieden "ein Maximum von Wohlergehen bei einem Minimum von Anstrengungen" an? Im gegenwärtigen Augenblick ist auf dem Lande die Hauptsache geschafft. Aber das ist nicht von selbst gegangen und man muss heute noch befestigen und wachsam sein. Es hat ernste Widerstände gegeben. Die Triebkraft dieses Widerstandes war die verzweifelte und wütende Gegenwehr der Kulaken. Und man hat bei den ersten Versuchen der Durchsetzung dieses großen Werkes auch nicht wenig Lehrgeld zahlen müssen. Es gab einen Augenblick, wo man aus dem Tritt kam. Man war zu schnell vorwärts gegangen. Der Artikel Stalins: "Erfolge steigen zu Kopfe" (dieser Artikel ist beinahe legendär geworden), führte die Wendung herbei und korrigierte die Abweichung. Danach musste etwas geschehen. Also führte man eine Mobilisierung von Kommunisten und Spezialisten durch, die auf das Land hinausgeschickt wurden. Man ging dabei von dem Grundsatz aus, dass man, um eine verfahrene Sache, welcher Art sie auch sein möge, wieder in die richtige Bahn zu bringen, die Leitung von neuem fest in die Hand nehmen und von vorne anfangen muss, indem man unten bei der Basis beginnt und sie verstärkt. Jede Traktorenstation wurde zu einer ideologischen Festung, von der aus man in das Gehirn der Bauernmassen aufklärend vorstieß. Auf diese Weise wurden 25000 erprobte Kommunisten, 110000 Spezialisten und zu gleicher Zeit 190000 Traktorenführer und Mechaniker den Kolchosen zur Hilfe geschickt. Und sie sind mit ihrer Aufgabe fertig geworden.

Aber die Kritik kommt nicht zum Schweigen. Ein großer Teil der Kolchose ist nicht rentabel. Einige Kommunisten schlagen sogar vor, das ganze kostspielige Experiment aufzugeben.

Wieder einmal zeigt unser großer Leiter seine großzügige Voraussicht, indem er sich mit bitterer Heftigkeit diesem gewaltsamen Vorschlag der Kurzsichtigen entgegenstellt. In ihr Geschrei hinein tönt sein Ruf:

Nicht rentabel? So war es auch mit den Industriebetrieben im Jahre 1927: Wir haben sie rentabel gemacht. Und "sie sind vor allem die Grundlage des Ganzen, des Systems... Man darf die wirtschaftliche Rentabilität nicht vom rein geschäftsmäßigen Standpunkt der augenblicklichen Konjunktur aus betrachten. Die wirtschaftliche Rentabilität muss vom Standpunkt der Gesamtheit unseres Wirtschaftsliebens für eine Periode von mehreren Jahren betrachtet werden. Nur eine solche Betrachtungsweise kann wirklich Lenin istisch, wirklich marxistisch genannt werden."

Und darum ist dies auch der Standpunkt Stalins.

Wenn Stalin einerseits sich die Liquidatoren, die "Pfuscher" von rechts vornimmt, so packt er andererseits auch die "Phrasenmacher" von links an und jene, die sich von dem schnellen Gang der Ereignisse überholen lassen. So beschuldigte er schonungslos jene Kommunisten in den Agrargebieten, die es nicht verstanden haben, im Jahre 1932, wo eine gute Ernte zu verzeichnen war, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um die staatliche Getreideaufbringung durchzuführen, bevor die für den Bauern gewinnbringenderen Verkäufe auf dem Kolchosmarkt erfolgten.

Er kritisiert selbst den Rat der Volkskommissare, der in dieser Frage zwar entsprechende Verfügungen erlassen, aber nach seiner Meinung nicht genug zu ihrer Bekanntgabe und Durchsetzung getan hat.

Die bei dem Aufbau der Kolchose erreichten Resultate sind bedeutend, stellt er fest, es wäre aber ein großer Irrtum, sich einzubilden, man könne nun einfach die Hände in den Schoß legen. Noch bestehen große Schwierigkeiten.

Man muss darüber wachen, dass der einzelne Bauer sich nicht auf Kosten der anderen Mitglieder des Kolchos um die Arbeit drückt. Wir haben es hier nicht mit Arbeitern zu tun, die den Teufel im Leibe haben. "Die Verantwortung für den Betrieb hat sieh von dem einzelnen Bauern auf die Leiter des Kolchos verschoben ... Infolgedessen muss die Partei die Leitung der Kolchose fest in die Hand nehmen..."

Die Verbindung zwischen der Partei und der Bauernschaft ist nicht immer fest genug. "Die Beamtenseelen in ihren bürokratischen Sesseln denken nicht daran, dass die Kollektivierung sich außerhalb ihrer Büros abspielt."

Es gibt Fälle, wo die Kommunisten sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Das sind die, die die bloße Existenz der Kolchose überschätzen. "Sie haben einen Götzen daraus gemacht." Und Stalin antwortet ihnen ebenso heftig wie den Liquidatoren der Kolchose: "Diese Leute glauben, dass damit, dass es Kolchose, diese sozialistische Wirtschaftsform, gibt, schon alles getan ist."

Aber, betont Stalin (und er deckt in diesem Einzelfalle die Grundlage der ganzen marxistischen Selbstkritik auf), die Kolchosen sind ebenso wie die Sowjets nur die Form der sozialistischen, wirtschaftlichen oder politischen Organisation, nicht mehr als die Form. Alles hängt vom Inhalt ab. Im Jahre 1917 wurden die Sowjets von den Menschewiki und Sozialrevolutionären geführt. "Sowjets ohne Kommunisten" war die Losung des Leiters der russischen Konterrevolution, Miljukow. Die kollektive Form der Kolchose gibt gewissen konterrevolutionären Elementen, die für "Kolchose ohne Kommunisten" sind, einen gewissen Spielraum.

Und Stalin fügt hinzu: "Der frühere, einfache Kampf gegen den klassischen Kulaken hat heute keinen Sinn mehr. Der Kampf hat seine Form gewandelt. Wenn gewisse Kolchose sich ungenügend entwickeln, wenn die Getreideaufbringungen befriedigende Resultate gebracht hat, so sind daran nicht die Bauern schuld, sondern die Kommunisten. Es gibt unter ihnen viele, die das Parteibuch haben, aber trotzdem nichts taugen." Er ist unbarmherzig gegenüber den "großen Herren" unter den Genossen, die darauf warten, dass die Dinge von allein kommen, und gegenüber den Schwätzern, "die imstande sind, in ihrem Geschwätz alle und jede Sache zu ertränken". Er gibt eine Unterredung wieder, die er mit einem sonst ausgezeichneten Genossen, dem verantwortlichen Leiter eines Bezirkes gehabt hat.

Hören und sehen wir uns diese kleine Szene an:

"Ich: ,Wie steht es bei euch mit der Aussaat?'

Er: ,Die Aussaat, Genosse Stalin - wir haben alle Kräfte mobilisiert.'

Ich: ,Nun und?'

Er: ,Wir haben die Frage mit aller Energie gestellt.'

Ich: ,Nun und?'

Er: ,Wir haben eine günstige Wendung zu verzeichnen, Genosse Stalin, die günstige Wendung wird bald eintreten.'

Ich: ,Nun ja, was weiter.'

Er: ,Man hat Verbesserungsprojekte entworfen.'

Ich: ,Nun schön, aber schließlich und endlich, wie steht es bei euch mit der Aussaat?'

Er: ,Die Aussaat, Genosse Stalin, bis zum Augenblick haben wir noch nichts tun können."

Trotz alledem häufen sich wirkliche Erfolge über den kleinen Steinen des Anstoßes an und das flache- Land sieht heute anders aus. Wenn es sich auch nicht so schnell wandelt, wie es unser Enthusiasmus und unser Hunger nach Neuem gerne möchte, es wandelt sich doch. Übrigens hat sich auch das äußere Bild des Dorfes geändert. Stalin sagt: "Das alte Dorf, mit seiner Kirche am besten Platz, mit den schönen Häusern der Gendarmerie, des Popen und des Kulaken und seinen halbeingestürzten Hütten im Hintergrund - dieses Dorf beginnt zu verschwinden. An seiner Stelle erscheint ein neues Dorf mit seinen Gebäuden der wirtschaftlichen und öffentlichen Verwaltung, seinen Klubs, seinem Radio, seinem Kino, seinen Schulen, Bibliotheken und Kinderkrippen, mit Traktoren und Mähdreschern, Dreschmaschinen und Automobilen. Verschwunden sind die alten Figuren der Honoratioren, des ausbeuterischen Kulaken, des blutsaugerischen Wucherers, des Händlerspekulanten und des Väterchen Polizeimeister. Die Honoratioren, das sind jetzt die Leiter des Kolchos und des Sowchos, der Schulen und der Klubs, die Führer der Traktoren und der Dreschmaschinen, die Leiter der Stoßbrigaden für die Feldarbeit und die Viehzucht und die besten Stoßarbeiter und -arbeiterinnen aus den Brigaden des Kolchosdorfes."

Verschwunden und auf die Gemälde oder die Theaterbühne verbannt sind die buntscheckigen Kirchen, einstmals Gegenstand der Bewunderung der armen Schäflein, die Straßen und Plätze, die von Schmutz starrten wie Hühnerställe, und die unwegsamen Wege, über die von Zeit zu Zeit ein Jagdwagen mit Pferden unter dem hochgeschwungenen Joch dahinfuhr. Aus ist es auch mit den protzigen und ehre furchtgebietenden Personen, die in diese Wagen gequetscht saßen: mit der Gutsherrin, die von Zeit zu Zeit, altmodisch aufgedonnert, aus dem Schlitten stieg, umgeben von weißen Windhunden in Stromlinienform; mit den Uniformen - Lakaien in Goldlivree für die Oberen, Gefangenenwärter für die Unteren - und mit den Männern im Weiberrock, deren scheinheilige Gesichter von struppigem, schmuddligem Werg eingerahmt waren.

Aus!

Jetzt beherrscht und schmückt die Maschine den weiten hellen Raum und die, die hier herumgehen und anordnen, sind Männer in Arbeitsbluse mit freiem und entschlossenem, glücklichem und stolzem Gesicht. (Herr Victor Boret spricht in seinem Buch: "Das höllische Paradies" die Meinung aus, dass die Lage der Landwirtschaft in der Sowjetunion kritisch sei, weil die bebaute Landfläche relativ klein sei. Ungefähr 140 Millionen ha, bei 180 Millionen Einwohnern.) Dieser Ansicht schließt sich (natürlich) Herr Herriot an. Umso besser also, wenn die Sowjetlandwirtschaft augenblicklich noch ungenügende quantitative und qualitative Ertrüge aufweist! Das gibt ihr große Möglichkeiten für die Zukunft. Es fehlt ihr nicht an Raum, und der Aufstieg, schreitet fort. Es wäre schlimm, wenn es umgekehrt wäre.)

Schon erkennt man auch in den fortgeschrittensten Kolchosen, wie z. B. in denen der Kaisardinischen Republik im Nordkaukasus, geometrische Bauformen, die die Landstadt der Zukunft erraten lasser: ein großer halbkreisförmiger Platz an der Chaussee und ringsherum, wie die verlängerten Strahlen dieses Halbkreises, Straßen, die das Gebiet in Segmente teilen, von denen jeder seine spezielle Bestimmung hat: hier die Scheunen und Getreidespeicher, dort die Traktoren und Autos, die Schulen und technischen Einrichtungen usw. Das ist das Bild der Architektur der kommenden "Dorfstadt": ein Plan, der einer halben, an den Rändern in die Umgebung übergehenden Rosette gleicht.

Während das Sowjetland unter Kämpfen seiner Vollendung und seinen Ideal entgegengeht, taucht vor unseren Blicken ein anderer großer Kontinent auf, der in der Gefangenschaft des höchstentwickelten Kapitalismus liegt: die Vereinigten Staaten. Dort ist die Anbaufläche um ein Zehntel gesunken. Der Wert der landwirtschaftlichen Produktion ist von 11 Milliarden Dollar im Jahre 1929 auf 5 Milliarden im Jahr 1932 gefallen. In zwei Jahren hat sich der Wert der Farmen (Boden und Inventar zusammengenommen) um 14 Milliarden Dollar verringert. 42 Prozent der Landwirte waren gezwungen, Hypotheken aufzunehmen, und wenn es im Jahre 1932 nur zu 258000 Zwangsversteigerungen gekommen ist, so ist das nur der bewaffneten Revolte der Farmer zu verdanken.

Und der NRA, diese letzte Ausdünstung kapitalistischer Gehirne, hat keinen anderen Ausweg gefunden, als den Malthusianismus, den Selbstmord, auf die Ernte anzuwenden: Einschränkung der Anbaufläche um 8 Prozent, Prämien für die Bauern, die Land brachliegen lassen, Prämien für die Baumwollpflanzer, die 25-50 Prozent ihrer Pflanzen einpflügen. Und wenn ein Wirbelsturm Plantagen vernichtet, so gibt es ein Freudenfest: Sieg der Nation!

In Frankreich kündigen die Zeitungen an, dass die gute Ernte die Winzer der Campagne "bedroht". Herbei mit Überschwemmungen, Frösten, Hagel und Reblaus, damit das Geschäft besser wird!

Wir haben schon von der massenhaften Vernichtung von Kaffee in Brasilien gesprochen. Es lohnt sich, bei diesen Maßnahmen, die verbrecherisch und wahnsinnig zugleich sind, zu verweilen, denn sie werden in diesen letzten Jahren immer mehr zu einer allgemeinen Erscheinung. Es handelt sich nicht mehr um Einzelfälle. Es handelt sieh einfach um eine Methode des Kapitalismus.

Wir sehen, wie man nach dem Muster des Systems der Prämiierung von Zerstörung und Einschränkung in Industrie und Landwirtschaft, das in den Vereinigten Staaten an der Tagesordnung ist, auch in Frankreich auf gesetzlichem Wege den Anbau gewisser Rebensorten verbietet, die zu große Erträge bringen und bei öffentlichen Arbeiten die Verwendung moderner Maschinen untersagt. (So ist bei einigen großen Staatsaufträgen die Verwendung mechanischer Bagger verboten.) In der Zeitschrift "Das Kapital" gibt Herr Caillaux in Person als Mittel zur Bekämpfung der Krise an: Einschränkung und Einstellung des Ersatzes alter Maschinen durch neue.

Zur Förderung des Fortschritts - her mit den Werkzeugen des Mittelalters! Wir sind Zeugen eines Schauspiels, das einer gespenstischen Komödie gleich, immer häufiger an allen Ecken der Erdkugel, in allen Zweigen der Arbeit abrollt: man schneidet das Getreide grün vor der Reife im Seine- und Oisebezirk in Frankreich - und anderwärts. In den Ostpyrenäen - und anderwärts wirft man ganze Fässer mit Früchten auf den Dunghaufen. In der Lombardei - und wo noch? - verbrennen die Bauern Seidenkokons. Überall steigt der Rauch von Getreidescheiterhaufen auf: das Korn, das man in die Erde gelegt hatte, damit es keime und wachse, man vernichtet und vergräbt es! Man stampft Tonnen von Rüben ein, man vernichtet Herden von Schweinen und Kühen. Man gießt Flüsse von Milch in die Ströme Amerikas (und nicht nur Amerikas). Man wirft ganze Schiffsladungen von Fischen ins Meer. Man zerstampft und verschrottet Tausende von neuen voll ausgerüsteten Automobilen der General Motors mit Hilfe von besonderen ungeheuren Maschinen.

Und diese berechneten Katastrophen, diese vielfachen Hinrichtungen finden statt, während am anderen Ende alle diese Dinge fehlen, während der Hunger Millionen dahinrafft, während in China und Indien Hunderte von menschlichen Wesen sich von Gras und Baumrinde nähren und in den Ländern, wo diese Vernichtung von Nahrungsmitteln und Fabrikprodukten stattfindet, Armeen von Arbeitslosen und Unterernährten umherziehen.

Das ist die letzte Konsequenz des Kapitalismus: er mordet die Natur, er mordet die Dinge! Könnte man eine schwerere Anklage finden gegen ein Regime, als diese Selbstverstümmelung, die im großen Maßstab betrieben wird und über die sich der Schrei erhebt: Welt, wende um! Mensch, kehre zur Barbarei zurück!

Könnte man sich diese Scheußlichkeiten in einem Lande wie der UdSSR vorstellen, wo jeder Überschuss an Produkten automatisch dahin fließt, wo die Produkte fehlen? "Wenn irgend jemand bei uns auf den Gedanken kommen würde, derartiges zu tun", hat Stalin erklärt, "so würde man ihn schleunigst in ein Irrenhaus sperren."

*

Wenn man in die UdSSR zurückgeht und sich von den Dingen zu den Menschen wendet -- dorthin, wo die Wurzeln des Geschehens liegen und sein Ziel -, so sieht man, dass der greifbare Fortschritt aller Errungenschaften einem ganz besondern Elan zu verdanken ist. Es gibt hier einen Gewinn, einen Mehrertrag, der dem aus der Idee geborenen Enthusiasmus entstammt. Es ist der sozialistische Wettbewerb, der als "unberechenbares Element" den Erfolg beschleunigt hat.

Die Arbeiter in der Sowjetunion sind Menschen wie alle anderen, und doch, ich habe es schon gesagt, sie haben nicht die gleichen Köpfe und nicht die gleichen Arme, wie die Arbeiter in den kapitalistischen Ländern: denn hier liegen sie im Kampf gegen die Unternehmer und dort arbeiten sie für sich selbst. Was Gorki, als er nach langer Abwesenheit im Jahre 1928 in die UdSSR zurückkam, besonders als "Wechsel" auffiel, war der Ausdruck von Stolz und Freude, der ihn aus den Gesichtern der Sowjetarbeiter anstrahlte. "So etwas schaffen sozialistische Arbeiter!" Diesen Satz hört man am häufigsten - und mit welchem Stolz wird er ausgesprochen! - in den Arbeitermassen angesichts der Errungenschaften, die sich von allen Seiten anhäufen, sich ergänzen, sich vereinigen und sich mit der Schnelligkeit eines kunstvollen Films inmitten der Zeitlupenbilder der ganzen übrigen Welt über das unbegrenzte Gebiet des ehemaligen Rußland ergießen.

Wenn diese Leute von dem Lohn für die nutzbringende Anstrengung sprechen, so wird ihnen Freude und Ruhm eins. Sie haben dem Wort Lebensfreude einen konkreteren und tieferen Sinn gegeben. Auch früher hat die Lebensfreude trotz aller unmenschlichen Leiden, trotz aller unerhörten Opfer, im Kleinen und im Großen gesiegt. Heute siegt sie auf der ganzen Linie, diese Lebensfreude, die, nach dem schönen Wort von Knorin, ein Kennzeichen des Glaubens an den Sozialismus ist.

Die außerordentlichen Bravourleistungen, die wahrhaft übermenschlichen Anstrengungen, die in großen wie in kleinen Dingen auf dem riesigen Sowjetbauplatz vollbracht werden, liefern Stoff für eine ganze Serie von Heldengedichten (und die moderne Sowjetliteratur wird auch zu einem Zyklus von Heldenliedern dieses Zeitalters der heroischen Arbeit der Menschen, die in Freiheit neu geboren wurden). Ein rasender Schwung, der Monate und Jahre anhält, sich überstürzende klirrende Zahlenreihen und irdische Wunderbauten, die in märchenhafter Geschwindigkeit in die Wolken aufsteigen! In einer solchen Atmosphäre bilden sich im Augenblick sachkundige Kräfte aus. Herr Cooper, der amerikanische Sachberater beim Bau des Dnjepr-Kraftwerks erzählte mir gelegentlich der Einweihung dieses titanischen Staudamms, dass alle Rekorde, ja alle Voranschläge unter den unerwartetsten und schwierigsten Verhältnissen von den Arbeitern geschlagen wurden, und dass dergleichen noch nie dagewesen sei. Und dieses Werk hat 20000 qualifizierte, wohlausgerüstete Arbeiter für neue Werke hergegeben (800000 sind mit neuer Qualifikation aus der Arbeitsfront des Vierjahreskrieges hervorgegangen).

Alles das hat seinen tieferen Sinn. Für die Arbeiter und dank der Arbeiter. Das ist die Algebra der treibenden Schöpferkraft der Massen.

Der Wettbewerb steckt überall drin. Er lebt in den Köpfen sowohl der Handarbeiter wie der Intellektuellen. Jeder denkt an den möglichst schnellen Fortschritt und so wird die gerade Linie, der direkte Weg zum Ziel gefunden. Jeder bemüht sich sein Bestes zu geben. Jeder wird zum Erfinder. Woroschilow, der Volkskommissar für Verteidigungswesen, teilte vor einigen Monaten mit, dass er im Laufe eines Jahres von einfachen Soldaten 152000 Vorschläge, Anregungen, Ideen, Erfindungen auf dem Gebiet der Organisation und der Technik erhalten habe, und, fügte Woroschilow hinzu, die Mehrzahl dieser Vorschläge war interessant und verdiente, geprüft und berücksichtigt zu werden. - Der Organisator dieser Schwungkraft von 100 Millionen Herzen ist die Partei des konsequenten, des makellosen Sozialismus - die Kommunistische Partei, von der man sagen kann, dass jedes ihrer Mitglieder ein Diener und ein Führer zugleich ist. Der Kommunismus hat eine fast unvorstellbare Menge von Aposteln in die Welt gesetzt. In Rußland und dann in den Ländern außerhalb der UdSSR ist ein großer Teil dieser Apostel zu Märtyrern geworden, aber die Zahl der Apostel ist nur gewachsen. Der Boden der ganzen Erde ist mit dem kostbaren Rot des Blutes getränkt. das Kommunisten vergossen haben. Soweit das Auge reicht, sieht man solche Ermordeten, solche großen Toten, eingehüllt in ihr Purpurbanner - 1½ Millionen. Legt man sich Rechenschaft davon ab, dass die nach Jahrhunderten zählende Märtyrergeschichte der Juden überholt wird durch die dir sozialistischen Vorhut? Für die letzten acht Jahre überschreitet die Zahl der Toten, Verwundeten und Verurteilten aus ihren Reihen die sechste Million. (6021961 von 1925 bis 1933 nach den Angaben der hervorragenden Leiterin der "Internationalen Roten Hilfe", Helene Stassowa. Gewiss, es sind nicht nur Kommunisten, aber man weiß, dass es vor aller Kommunisten sind.) Wer wird je zu Ende erzählen, was sich in den kapitalistischen Kerkern der Welt abspielt, wer wird die Tausende und aber Tausende von höllischen und bestialischen Szenen schildern, für die die Hüter der bürgerlichen Ordnung und ihr sadistisches Genie für menschliches Leiden die Verantwortung tragen! Italien, Deutschland, Finnland, Polen, Ungarn, Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien, Portugal, Spanien, Venezuela, Kuba, China, Indochina, Afrika. Es genügt, irgendeine Bourgeoisie und ihre Polizisten am Werke zu sehen, um auszurufen: Wir leben im blutigen Zeitalter. Aber in diesem allgemeinen Chaos erheben sich Stimmen, wie die schöne, anklagende Stimme eines Dimitroff. Und man sieht auf das Hakenkreuz geschlagen, als Symbol und leuchtendes Zeichen den großen Thälmann. Auch Rußland hat diese Dinge gekannt. Und wenn man heute wissen will, wie weit ein Mensch im Opfer für eine Idee gehen kann, so braucht man nur die Geschichte der Partei durchzublättern, in der einige bekannte Beispiele Tausende von ähnlichen Beispielen vertreten, die man nicht kennt und die man niemals kennen wird. Welche Beschäftigung ein Kommunist in der Sowjetunion auch immer haben mag, er ist außerdem noch ein Soldat, ein Lehrer und wenn es nötig ist ein Held. Das ist sein Beruf.

Aber diese Menschen, die für sich selbst mit einem bescheidenen, oft fast asketischen Leben zufrieden sind, sind durchaus keine Fanatiker der Gleichmacherei, wie manche Leute glauben machen wollen. Der Durchschnittsbürger bei uns, dessen Gehirn noch nicht fähig ist, große Ideen zu verdauen, und dessen Schädel angefüllt ist mit einem sonderbaren Salat von Inhaltsverzeichnissen sozialpolitischer Handbücher, erhebt drei schreckliche Vorwürfe gegen den Kommunismus, durch die er diesen zu einem Schreckgespenst macht: der Kommunist ist ein Antipatriot; er will allen Menschen ihr Eigentum wegnehmen; er will aus der Gesellschaft eine Riesenkaserne machen, in der alle diszipliniert und uniformiert sind. In Wirklichkeit ist es anders: die internationalistischen Kommunisten sind - wie wir gesehen haben - für die Entfaltung der nationalen Eigenart unter der einzigen Bedingung, dass sie nicht mit Kanonen betrieben und nicht Geschäftemachern ausgeliefert wird. Ihre Theorie von der Aufhebung des Eigentums trifft nur eine winzige Zahl von Parasiten und Ausbeutern und bringt allen anderen Erdbewohnern ungeheure Vorteile. (Es ist heute unbestreitbar, dass alles Übel in der Gesellschaft von dem materiellen und moralischen Durcheinander kommt, zu dem die allgemeine Jagd nach Bereicherung führt.) Was die Gleichmacherei betrifft, so sind die Kommunisten ihre ausgesprochenen Feinde, sobald das Gleichmachen über jenes große Gesetz der Gerechtigkeit und Billigkeit hinausgeht, das darin besteht, jedem menschlichen Wesen genau das gleiche politische Recht zu geben, d. h. vor allem anderen eine künstlich hergestellte und ungerechte Ungleichheit zu beseitigen. Es wäre ein leichtes zu zeigen, dass der Sozialismus mehr und besser als alle anderen Systeme die Individualität pflegt. Ebensowenig "kann der Sozialismus auch individuelle Interessen vernachlässigen" (Stalin) und zwar gerade im Kampf gegen die krankhafte Überentwicklung gewisser individueller Raubtendenzen.

In dieser Frage herrscht bei vielen Sozialisten eine Verwirrung, die einem geistigen Übereifer entspringt. Gelegentlich der Kollektivierung hat Stalin die "Zweihundertprozentigen" zur Ordnung gerufen und sie ermahnt, jedes Geschwätz über ein angebliches und in Wirklichkeit von bürgerlichen Literaten erfundenes "Ausgleichsprinzip" sein zu lassen. "Man kann den Marxisten nicht die Verantwortung für die Dummheit und Unwissenheit bürgerlicher Schriftsteller in die Schuhe schieben."

Stalin stellt die Frage in überzeugender Weise klar: "Der Marxismus versteht unter Gleichheit nicht die Nivellierung der persönlichen Bedürfnisse und der Lebenshaltung, sondern die Abschaffung der Klassen, d. h. die gleichmäßige Befreiung aller Werktätigen durch die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung. Gleiche Pflicht für alle nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten und gleiches Recht für alle Arbeitenden, entsprechend ihrer Leistung belohnt zu werden - in der sozialistischen Gesellschaft; gleiche Pflicht für alle je nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten, und gleiches Recht für alle Arbeitenden, zu erhalten wessen sie bedürfen - in der kommunistischen Gesellschaft. Der Marxismus geht von der Tatsache aus, dass die Bedürfnisse und der. Geschmack der Menschen weder qualitativ noch quantitativ gleich sind oder gleich sein können, weder in der Periode des Sozialismus, noch in der des Kommunismus. Der Marxismus hat keine andere Gleichheit gekannt und wird keine andere anerkennen."

Stalin erinnert daran, dass Marx und Engels im Kommunistischen Manifest" sich über den primitiven utopischen Sozialismus lustig gemacht haben, den sie wegen seiner Propaganda "der allgemeinen Askese und der groben Gleichmacherei" als reaktionär bezeichneten. Die Sowjetwirklichkeit liefert vollends ein Übermaß von Beweisen dafür, dass, entgegen allem Gerede, der Sozialismus die intensive Pflege der Fähigkeiten und besonderen Möglichkeiten jedes einzelnen bedeutet.

Es ist aber die Jugend, die in erster Reihe die Vorkämpfer für den von der Partei proklamierten Wettbewerb stellt. Die Sowjetjugend ist in ihrer Masse der Stoßtrupp des Sozialismus. Die Jugend hat sich auf dem Lande daran gemacht, die Gespenster der Vergangenheit, die religiösen und sozialen Vorurteile aufzustöbern und zu verjagen. Alle diese Jugendlichen, die jungen Burschen und jungen Mädchen, mit ihren geschmeidigen Körpern und frischen, spiegelklaren Gesichtern, haben, belebt von einer Lehre, die sie aufgenommen haben, ohne gegen das Gift alter Traditionen kämpfen zu müssen, den Geist der Bauern auf großen Flächen umgepflügt, so wie die Schlachtreihen der Traktoren die Felder umlegen. Überall sieht man die strahlende Kraft der Jugend als Sauerteig am Werk. Und dieselbe Jugend wird zu einem unvergesslichen Erlebnis, wenn sie den Roten Platz in gewaltigen, elastischen Karrees füllt oder das Dynamo-Stadion mit seinen 45000 Plätzen überflutet.

Die Jugend, die, allgemein gesprochen, an und für sich unvollkommen und in vieler Hinsicht von einer unschuldigen Unwissenheit ist, bedeutet nichts, wenn sie sich nicht in das große und gerechte Gefüge der neuen Gesellschaft einordnet. Aber wenn sie es tut, wenn sie sich ihrer Rolle bewusst wird, dann übertrifft sie sich selbst an Gradlinigkeit, dann wird sie erwachsen aus Zukunftsdrang und der höchsten Achtung würdig: für ihre Stoßkraft. für ihr Anrecht auf den Besitz der Zukunft und für ihre praktische Weisheit.

 

Bedeutet das alles - sagen wir noch einmal -, dass es in diesem Gemälde keine Schatten gibt? Es gibt ihrer zweifellos. Man müsste die Mängel alle aufzählen, wenn man auch von allen Erfolgen berichten würde; denn man muss das Gute und das Schlechte anstandshalber immer in der richtigen Proportion schildern, was im Hinblick auf die UdSSR nicht geschieht, wenn man drauflos kritisiert, ohne die andere Seite zu zeigen.

Aber der Standpunkt eines guten Leiters ist nicht der eines objektiven Kritikers: der Leiter muss besonders auf. die Feh1er und Mängel hinweisen. Er ist z. B., was die Entwicklung der Landwirtschaft betrifft, beunruhigt durch die Lage der Viehwirtschaft - eines Zweiges der Landwirtschaft, der noch sehr im argen liegt, so sehr, dass augenblicklich die Vorkriegszahlen kaum erreicht sind.

Man wird sich also ganz besonders um die Frage des Viehbestandes kümmern müssen (nur die Schweinezucht geht einigermaßen vorwärts, wie es sich gehört). Man muss diese Frage ebenso im Auge behalten, wie die des Transportwesens, der Hüttenindustrie, des Kohlenbergbaues, der Leichtindustrie; der Gestehungspreise - und wie die ewige Frage der Bürokratie.

Die Bürokratie (oder vielmehr der Bürokratismus) ist eine Aufblähungs- und eine Erstarrungserscheinung, die mit dem Wesen der menschlichen Natur verbunden ist. Es steckt etwas von einer übertriebenen Achtung der Tradition in ihr. Bei dem Bürokratismus spielt sich auf dem Gebiet der Organisation ein Vorgang ab, den wir auf dem Gebiet der Theorie im Beharrungsvermögen gewisser Formeln kennen: eine Tendenz zum losgelösten Weiterbestehen, unabhängig von dem Ursprung und dem eigentlichen Sinn. Die Bürokratie ist eine Geschwulst, die schließlich Augen und Ohren bekommt.

Deshalb: "Die Quellen unserer Schwierigkeiten sind gegenwärtig die folgenden: der Bürokratismus und die papierenen Verwaltungsmethoden der leitenden Stellen, das Geschwätz über ,allgemeine Leitung' an Stelle lebendiger und konkreter Leitung; das Fehlen einer persönlichen Verantwortlichkeit. die Entpersönlichung im Arbeitsprozess, die Gleichmacherei im Lohnsystem, eine ungenügende systematische Prüfung der Durchführung der Beschlüsse und die Angst vor der Selbstkritik."

Zum Kampf gegen diese Schwierigkeiten weist Stalin anschaulich und mit großer Einfachheit und Klarheit auf ein Mittel hin: Die Methoden der Leitung auf ein politisches Niveau heben. Das heißt, dass man immer die ganze Bedeutung dessen, was man tut, und die Rolle, die die Einzelhandlung im Gesamtprozess spielt, vor Augen haben muss. Vorwärtsmarschieren, ohne nach rechts und links zu blicken - nein, im Gegenteil, indem man nach rechts und links blickt, um vor allen Abweichungen nach beiden Seiten geschützt und immer bereit zu sein, noch schneller vorzustoßen oder sich zurückzuhalten. (Die Verräter von links, erläutert Pjatnizki, sind noch gefährlicher als die von rechts, weil ihre Losungen trügerischer sind.) In seinen Warnungen gegen diese Abweichungen geht Stalin so weit, denjenigen, der nur gegen eine der Abweichungen kämpft, der Förderung der anderen zu beschuldigen.

 

Und dann: begeistern wir uns nicht zu sehr über unsere Erfolge. Das schwächt unsere Wachsamkeit in der Zukunft; das setzt höchstes und wertvollstes Gut aufs Spiel: unsere Generallinie. Die richtige Linie gehört den Revolutionären, weil sie sie festgelegt und beibehalten haben. "Eine richtige Linie zu haben und ihr zu folgen wissen, ist etwas, was man bei führenden Parteien selten findet. Sehen wir die Nachbarländer an: Findet man dort viele führende Parteien, die eine richtige Linie haben und sie in der Praxis befolgen? In Wahrheit gibt es gegenwärtig keine solche Partei, denn sie alle leben ohne klare Perspektive, irren in dem Durcheinander der Krise umher und sehen keinen Ausweg aus dem Wirrwarr. Nur unsere Partei weiß, wie sie vorzugehen hat und ist imstande, ihr Werk siegreich durchzuführen." Wer diesen stolzen Ausspruch, den außerordentliche Errungenschaften einem Staatsmann unserer Tage zu tun erlaubt haben, hört und versteht, muss einsehen, dass zur unbeirrbaren Einhaltung dieser Generallinie eine ständige Wachsamkeit und Kampfbereitschaft am Platze ist. Es ist verboten, stillzustehen und verboten, Fehler zu machen.

                

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