Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

Was bringt das Morgen?

Wenn man die Sowjetunion in ihrer Urlebendigkeit, in ihrer ganzen Größe verstehen will, muss man sie in der Perspektive oder besser gesagt im Schatten ihrer Zukunftspläne betrachten. Aber alle Beschreibungen dieses strudelnden Bildes veralten im Augenblick - man müsste dem Buch ein ewiges Nachwort anhängen können!

In der feierlichen Atmosphäre des 17. bolschewistischen Parteitages, (der im Januar 1934 stattfand - "der Parteitag der Siege" - und dessen großes Ereignis der umfassende Bericht Stalins über den Plan von 1928-1932 war), hat Stalin auch die Tür in die unbegrenzte Zukunft aufgestoßen. Der Fünfjahrplan ist tot - es lebe der Fünfjahrplan, der von 1932 - 1937.

Die Periode des wirtschaftlichen Umbaues ist im wesentlichen beendet, erklärte Molotow, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare und einer der bedeutendsten Lenker der Geschicke der Union. Jetzt steht die quantitative und qualitative Entfaltung der Produktion von Verbrauchsgütern und die Verbesserung der Lebensbedingungen aller auf der Tagesordnung.

Auf der Grundlage einer bereits begonnenen umfassenden Dezentralisierung wird die Schwerindustrie in dem Gesamtbild der Sowjetwirtschaft einen doppelt so großen Platz einnehmen (die Produktion von Produktionsmitteln wird am Ende des neuen Planes den Wert von 43 Milliarden 400 Millionen Rubel erreichen, was 209 Prozent der letzten Zahl des vorhergehenden Plans ausmacht).

Verdoppeln wird sich die Produktion von Werkzeugmaschinen, von Steinkohle und von Petroleum. Verdreifachen wird sich die Produktion von Traktoren, Lokomotiven, Gusseisen, Stahl, Kupfer und chemischen Produkten. Auch die Holzindustrie wird sich fast verdoppeln (176 Prozent). Man wird fünfmal mehr Eisenbahnwaggons und achtmal mehr Automobile herstellen. Die elektrische Energie wird auf 38 Milliarden kW steigen (283 Prozent des letzten Plans). Die verarbeitenden Industrien: Leichtindustrie, Nahrungsmittelindustrie, Produktion von Verbrauchsgütern und Genossenschaftsindustrie - werden im Zuge des neuen Fünfjahrplans sich ebenfalls mehr als verdoppeln (54 Milliarden 300 Millionen Rubel, d. h. 269 Prozent gegenüber dem letzten Plan).

Besondere Aufmerksamkeit wird in dieser neuen Periode der Verbesserung der Qualität, der Vervollkommnung der Technik und der Erneuerung der Maschinenausrüstung gewidmet werden. Fortschreitende Mechanisierung der Industrien mit besonders schweren Arbeitsprozessen. Schneller Fortschritt der Elektrifizierung der Landwirtschaft und der Eisenbahnen und Ausbau der Überlandleitung der Energie. Die Produktivität der Arbeit soll 1937 gegenüber 1932 um 63 Prozent gestiegen sein. Die Herstellungspreise (für die für das Jahr 1934 eine Senkung von 4,7 Prozent festgesetzt ist) sollen um 26 Prozent herabgesetzt werden.

Die geplante und beschlossene Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion beträgt 105 Prozent (26 Milliarden Rubel). Die Zahl der Maschinen- und Traktorenstationen wird von 2446 im Jahre 1932 auf 6000 am Ende des zweiten Fünfjahrplans gebracht. Die Mechanisierung der landwirtschaftlichen Arbeiten wird um 60 Prozent gesteigert. Die Gesamtleistungsfähigkeit der Traktoren soll 1937 8200000 PS erreichen.

Die Eisenbahnen sollen ihren Warenumschlag ungefähr verdoppeln; die Fluss- und Seeschifffahrt den ihren fast verdreifachen. Der Automobiltransport soll um das 16fache gesteigert werden. (Für die Eisenbahnen ist die Elektrifizierung von 5000 Kilometer, die Zweigleisigmachung von 10000 Kilometer und die Reparatur von 20000 Kilometer Strecke vorgesehen. Es werden neue Linien von 11000 Kilometer Länge gebaut werden.)

Fertigstellung der Kanäle, die das Weiße Meer mit der Nordsee, den Moskaufluss mit der Wolga und die Wolga mit dem Don verbinden. Am Ende von 1937 210000 Kilometer Chausseen und 85000 Kilometer Fluglinien (gegenüber 32000 Kilometer gegenwärtig).

Neue Kapitalanlagen: 69,5 Milliarden Rubel in der Industrie, 50,2 Milliarden in der Landwirtschaft, 26,3 Milliarden im Transportwesen. Die Ausgaben für Neuanlage oder Umbau von Industriewerken betragen insgesamt 132 Milliarden Rubel. Es ist die größte Ziffer, die jemals in einem Staatsbudget oder einem Arbeitsplan zu finden gewesen ist. Ich will nicht einmal die wichtigsten der in diesem Kapitel des Plans vorgesehenen Objekte aufzählen.

Neben den Fabriken neue Wohnbauten mit einer Wohnfläche von 64 Millionen qm.

Der Reallohn der Arbeiter wird 1937 das 2½fache der Löhne von 1932 betragen.

Vollständige Beseitigung des Analphabetentums, so vollständig, wie es die Beseitigung der Arbeitslosigkeit in dem vorhergehenden Plan war. Alle Bürger der Sowjetunion werden lesen und schreiben können.

Gesamtzahl der Schüler in den Schulen und Instituten: 197 auf 1000 Einwohner statt 147 gegenwärtig. Verdoppelung der Fonds für Sozialleistungen.

"Das ist ein Phantasieplan, wird man wieder sagen. Aber was hat man nicht alles über den ersten Plan gesagt, dessen Verwirklichungen uns jetzt als Ausgangspunkt dienen", antwortet Molotow einfach.

Die Vereinigten Sowjetstaaten werden auf diese Weise in den wichtigsten Wirtschaftszweigen zu dem mächtigsten Land der Erde werden.

(Fügen wir gleich hinzu, dass die Ende 1934 erreichten Resultate anzeigen, dass der gegenwärtig laufende Fünfjahrplan sein gewaltiges Ziel erreichen wird. Das nationale Einkommen ist in einem Jahr um 6 Milliarden Rubel gestiegen und hat im Dezember 1934 55 Milliarden erreicht. Die Produktion von elektrischer Energie ist gegenüber 1933 um ein Drittel gewachsen und erreicht 12½ Milliarden kW. Im Jahre 1934 betrug die Produktion von Gusseisen um 50 Prozent mehr als im Vorjahre. Das ist ein Triumph, der sich sehen lassen kann. Stalin stellt ihn nicht ohne Stolz fest. Aber dann fügt er hinzu: Werdet nicht zu stolz, Genossen, denkt daran, dass die Stahlproduktion nicht in demselben Maße gewachsen ist (ihr Zuwachs beträgt - nur 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr).)

In diesen gesunden und kühnen Traum der Auferstehung, den .die UdSSR unter der Leitung der Kommunistischen Partei und ihres Führers, Genossen Stalin, so großartig zur Wirklichkeit macht, mischt sich jedoch der Alpdruck des drohenden Krieges.

Man kennt die tragikomische Geschichte des "offiziellen Pazifismus" in der Nachkriegszeit. Der zweifelhafte Charakter des pompösen Völkerbundes und seine schon beinahe legendäre Unfähigkeit, den Frieden zu sichern, ist noch das Geringste, was man an diesem aus dem Vertrage von Versailles hervorgegangenen und zur Stabilisierung seiner Resultate (Resultate im Sinne der geographischen Neuaufteilung, nicht im Sinne der feierlichen Verpflichtung, dass die Abrüstung der besiegten Länder das Signal zur allgemeinen Abrüstung sein sollte!) bestimmten Institut kritisieren kann, an diesem Institut, in dem Deutschland die Rolle des immer von den andern Räubern geschlagenen Räubers zu spielen aufgegeben hat und aus dem Japan ausgetreten ist, um seine ehrlosen und verlogenen Handlungen dem Licht der Scheinwerfer der internationalen öffentlichen Meinung zu entziehen.

Der Überfall auf die Sowjetunion - diesen gewaltigen Absatzmarkt und leuchtenden Vulkan des Sozialismus - gehört zweifellos zu den Plänen des absteigenden Kapitalismus und die Lenker der Sowjetunion sind zu ernste Männer, um den Fehler zu begehen, die theatralischen Friedensgesänge der großen, von den imperialistischen Ländern ausgehaltenen, Tenöre für ehrlich zu halten. Sie sind immerhin der Meinung, dass es sich lohnt, als Zensor neben diesen gefährlichen Schauspielern zu stehen.

Man weiß, dass die erste Fühlungnahme der UdSSR mit dem Völkerbund für den letzteren nicht sehr brillant verlaufen ist, und man erinnert sich an das Gezeter über den doch ganz. logischen Vorschlag der vollständigen oder wenigstens teilweisen Abrüstung, den Litwinow auf der Abrüstungskonferenz machte.

Aber die Sowjetunion hat ihre Friedenspolitik unerschütterlich fortgesetzt. Unter der meisterhaften Führung zuerst von Tschitscherin und dann von Litwinow (aber vor allem von Stalin) hat die Sowjetdiplomatie das Schauspiel eines beständigen und hartnäckigen Friedensrealismus gegeben (die Definition des Angreifers; die Wiederflottmachung der kompromittierten und in Auflösung befindlichen Abrüstungskonferenz und ihre Verwandlung in eine permanente Friedenskonferenz; die Ablehnung der Ausnutzung einer Revision der unheilvollen Friedensverträge zum alleinigen Nutzen neuer Kriegsgewinner, die nicht mehr wert sind, als die augenblicklichen Friedensgewinner; die allen Nachbarn angebotenen und mit vielen von ihnen abgeschlossenen Nichtangriffspakte; die Herstellung fester diplomatischer Verbindungen mit den Vereinigten Staaten und Frankreich). Diese klar durchdachte und positive Friedenspolitik ist von allen anerkannt worden, die sie nicht von vornherein aus Voreingenommenheit bekämpfen wollten.

"Wir sind ein Faktor des Weltfriedens", hat Stalin auf dem 17. Parteitag sagen können. Und er hat mit vielsagender Genauigkeit hinzugefügt: "Um uns gruppieren sich und müssen sich alle Staaten gruppieren, die aus dem einen oder anderen Grunde für eine längere oder kürzere Zeit nicht Krieg führen wollen."

Auf Antrag von 32 Staaten ist die UdSSR schließlich in den Völkerbund aufgenommen worden. Das ist zweifellos eine Garantie für den Frieden, denn es ist eine Garantie für eine Neuorientierung des Völkerbundes unter dem Einfluss der durch die Umstände erzwungenen Mitarbeit der Sowjetunion.

Aber es ist bei weitem keine vollständige Garantie. Die Kriegsgefahr dauert an. Sie besteht konkret in der Haltung Japans. Japan will ganz offensichtlich einen großen Teil von Asien und besonders China besetzen (dem es schon die Mandschurei und Jehol fortgenommen hat). Es will diesem Teil von Asien das Sowjetrückgrat brechen. Japan erklärt dieses Ziel übrigens ganz offen und lässt es nicht an Provokationen fehlen. Es hat die Mandschurei in ein befestigtes Lager verwandelt, indem es Depots, Flugplätze und strategische Bahnen anlegt. In ihrer Außenpolitik betreiben Japan und Deutschland unverhüllt die gegenseitige Annäherung.

Gegenüber einer Politik von seiten Japans, die der populäre Volkskommissar Woroschilow "zynisch aufrichtig" genannt hat, betreibt die Sowjetunion eine mutige, männliche und edle Politik der Zugeständnisse bis zum äußersten.

Aber am Ende dieser Zugeständnisse gibt es eine Grenze, über der geschrieben steht: "Wir wollen keinen Fußbreit fremden Landes, aber wir werden auch keinen Zoll unseres eigenen Landes hergeben." (Stalin.)

Wenn es zum Kriege kommt, wird die UdSSR sich verteidigen - sich und alles, was sie an Großem für die Menschheit darstellt. Dieser Krieg wird ein allgemeiner Krieg werden und sich aus einem imperialistischen Krieg an mehr als einem Punkt in den revolutionären Bürgerkrieg verwandeln. Das ist nicht so sehr ein Stück Parteiprogramm, wie eine unausweichliche geschichtliche Notwendigkeit.

Da, wo der Krieg entflammen wird, wird die Revolution einziehen. Das, was sich gelegentlich des letzten Krieges abgespielt hat, zeigt uns deutlich, wie die Dinge bei dem nächsten Kriege in größerem und breiterem Maßstab laufen werden. Selbst wenn man den Fortschritt unterdrücken will, treibt man ihn vorwärts.

(Es sei hier auf die furchtbaren und bedeutungsvollen Lehren verwiesen, die die kürzlich in England und Frankreich durchgeführten Luftmanöver gegeben haben: Es gibt keine erfolgreiche Verteidigung gegen einen Bombenangriff aus der Luft. Einer unserer meist gelesenen Militärspezialisten, der Oberstleutnant Vauthier, drückt in einem, von dem Marschall Lyautey mit einem Vorwort versehenen Buch die Meinung aus, "dass Paris in den ersten Stunden des Krieges vernichtet werden kann" und schlägt die vollkommene Beseitigung von Paris und seinen Wiederaufbau an anderer Stelle mit vervollkommneten Schutzeinrichtungen vor ... "Und dieser Mann ist kein humoristischer Schriftsteller, wie man zu glauben versucht ist", bemerkt Paul Faure. Lord Londonderry, der englische Luftfahrtminister, und Herr Pierre Cot, der frühere französische Luftfahrtminister, haben erklärt: Es ist heute eine allgemein anerkannte Tatsache, dass keine Macht in der Welt bei dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft den Abwurf von soviel Tonnen Sprengstoff verhindern kann, wie zur Zerstörung von London und Paris notwendig ist. (100 Tonnen genügen, hat Paul Langevin festgestellt und bei den letzten Flottenmanövern in England "wären" 400 Tonnen über London abgeworfen worden.) Das einzige Mittel für das um seine Hauptstadt kürzer gemachte Land besteht darin, seinerseits ein Geschwader abzuschicken, um die Hauptstadt des Feindes zu zerstören und zu vergasen. Was für die Städte gilt, gilt ebenso für die militärischen Zentren. "Es gibt nur eine Ausnahme", hat Herr Pierre Cot gesagt, "und das ist Rußland, dessen Gebiet so gewaltig ist, dass die Mehrzahl seiner wichtigsten Zentren dem Wirkungsbereich solcher Flüge entzogen ist." Rußland, dessen ungeheure Ausdehnung einst Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht hat scheitern lassen, befindet sich also in einer bemerkenswert bevorzugten Lage. Japan dagegen ist ungewöhnlich verwundbar. Die Sowjetunion kämpft also nicht eigentlich in ihrem beschränkten eigenen Interesse, wenn sie für den Frieden kämpft.)

Was auch die Zukunft Furchtbares in ihrem Schoße trägt - wenn der Krieg ausbricht, hat das Sowjetvolk ein festes Fundament für sein Vertrauen: Stalin. Woroschilow, der Volkskommissar für Verteidigungswesen, ist außerordentlich beliebt, aber der eigentliche Führer ist und bleibt Stalin. Er wird die politische und militärische Leitung in seine Hände nehmen oder er wird vielmehr fortfahren, sie zu halten, auch wenn es zum Äußersten kommt und hierin sieht die ganze UdSSR die wichtigste Garantie des Sieges.

                

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