Henri Barbusse

Stalin
Eine neue Welt

VIII

In den Schranken der Geschichte

Kehren wir noch einmal zu der Gestalt dieses Mannes zurück, der stets zwischen dem Vollbrachten und dem zu Vollbringenden steht. (Eines der Worte, das man am häufigsten aus seinem Munde hört, wenn man mit ihm über eine Arbeit spricht, ist: "Das ist nichts gegenüber dem, was noch zu vollbringen ist!")

Er ist die Wurfscheibe unserer Feinde, und sie wissen warum, sagt Knorin. Er ist der Schild unserer Partei, sagt Bubnow. Er ist der Beste aus der alten eisernen Kohorte, sagt Manuilski. Man achtet die alten Bolschewiki, sagt Mikojan, nicht, weil sie alt sind, sondern weil sie nicht altern.

Stalins Geschichte ist eine Serie von Erfolgen inmitten einer Kette von unerhörten Schwierigkeiten. Es gibt in seiner Laufbahn seit 1917 kein Jahr, wo das was er in ihm getan hat, nicht in das nächste Jahr hinübergeleuchtet hätte. Er ist ein Mann von Eisen. Sein Name kennzeichnet ihn: Stalin - der Mann aus Stahl. Er ist hart und biegsam wie Stahl. Seine Macht liegt in seinem unerhörten gesunden Menschenverstand, in seinen ausgedehnten Kenntnissen, in seiner erstaunlichen inneren Ordnung, seiner leidenschaftlichen Sauberkeit, seiner unerschütterlichen Konsequenz, der Schnelligkeit, Sicherheit und durchdringenden Kraft seiner Entschlüsse, in seinem unermüdlichen Bestreben, die richtigen Menschen an die richtige Stelle zu setzen.

Die Toten leben nur auf der Erde weiter. Lenin ist überall da, wo es Revolutionäre gibt. Aber man kann sagen: nirgendwo ist der Gedanke und das Wort von Lenin so gegenwärtig, wie in Stalin. Er ist der Lenin unserer Tage.

In vieler Hinsicht - wir haben es gesehen - gleicht er dem außerordentlichen Wladimir Iljitsch: die gleiche Beherrschung der Theorie, der gleiche Sinn für die Praxis, die gleiche Festigkeit. Worin unterscheiden sie sich? Hören wir die Meinungen zweier Sowjetleute: " Lenin : der Lenker, Stalin: der Meister", und: " Lenin war der größere Mann, Stalin ist der stärkere." Aber wir wollen diesen Vergleich nicht zu weit treiben; bei dem notwendig allgemeinen Charakter solcher Definitionen können wir leicht zu Konstruktionen gelangen, die diesen außerordentlichen Persönlichkeiten, von denen eine die andere geformt hat, unrecht tun.

Vielleicht können wir sagen, dass Lenin , besonders dank der Umstände, mehr Agitator war. In dem weiter verzweigten, weiter entfalteten, weiter entwickelten System der Leitung des Landes handelt Stalin mehr durch Vermittlung der Partei, vermittels der Organisation. Stalin ist heute nicht ein Mann großer stürmischer Massenversammlungen. Die aufwiegelnde Rethorik, die oft das einzige Verdienst hochgekommener Despoten oder erfolgreicher Apostel ist, war übrigens nie seine Sache: ein Umstand über den die Geschichtsschreiber, die sein Bild nachzeichnen werden, nachdenken sollen. Mit anderen Mitteln, als diesem, hat er den Kontakt mit dem Volk der Arbeiter, Bauern und Intellektuellen der Sowjetunion und mit den Revolutionären der ganzen Welt, die ihr Vaterland im Herzen tragen, hergestellt und immer wieder erneuert.

Wir haben einige Geheimnisse seiner Größe kennengelernt. Welche unter den Quellen seines Genies ist die bedeutendste? Bela Kun sagt in einer glücklichen Formulierung: "Er versteht es, nicht zu schnell vorwärts zugehen. Er weiß den Augenblick abzuwägen." Und Bela Kun meint, dass hierin die besondere Qualität Stalins liegt, die ihm, über seine anderen hinaus, zu eigen ist: abwägen, abwarten, den verlockendsten Verführungen widerstehen, eine furchtbare Geduld haben. Hat nicht diese Fähigkeit bewirkt, dass von allen Revolutionären der. Geschichte Stalin der Revolution am meisten praktisch gegeben und zugleich am wenigsten Fehler begangen hat?

Ein gründliches Abwägen und Nachdenken geht den Vorschlägen voraus, die er macht (gründlich soll nicht heißen lang). Er ist außerordentlich umsichtig und schenkt sein Vertrauen nicht leicht her. Zu einem seiner nächsten Mitarbeiter, der ihm ein gewisses Misstrauen gegenüber einer dritten Person mitteilte, sagte er: "Das gesunde Misstrauen ist eine gute Grundlage für kollektive Arbeit." Er hat die Klugheit und Vorsichtigkeit eines Löwen.

Dieser saubere und strahlende Mensch ist, wie wir schon gesehen haben, ein einfacher Mensch. Es ist nicht leicht, zu ihm zu kommen, denn er arbeitet ununterbrochen. Wenn man ihn in einem der Räume des Kreml besuchen geht, so begegnet man unterwegs höchstens einigen wenigen Wachthabenden am Fuß einer Treppe und in den Vorräumen. Diese natürliche Einfachheit hat nichts zu tun mit der (gemachten) Einfachheit eines gewissen skandinavischen Monarchen, der sich herablässt, zu Fuß durch die Straßen zu wandeln, oder eines Hitler, der durch seine Propagandachefs in alle Welt posaunen lässt, dass er nicht raucht und nicht trinkt. Stalin geht regelmäßig erst gegen vier Uhr morgens schlafen. Er hat nicht 32 Sekretäre, wie Lloyd George, sondern nur einen, den Genossen Poskrobyschew. Er lässt sich seine Artikel nicht von anderen schreiben. Man stellt ihm das Material zusammen, nach seinen Angaben; alles andere macht er selbst. Er kümmert sich um alles. Und das hindert ihn nicht, auf alle Briefe, die an ihn gerichtet werden, zu antworten oder antworten zu lassen. Im Zusammensein ist er freundschaftlich und herzlich. Seraphima Hopner spricht von seiner "frei mutigen Herzlichkeit". Barbara Dshaparidse, die an seiner Seite in Georgien gekämpft hat, von "seinem Takt". "Seine Fröhlichkeit", sagt Orachelaschwili. "Er kann lachen wie ein Kind."

Gelegentlich der feierlichen Veranstaltung in der Moskauer Großen Oper, die die Feiern des Jubiläums Gorkis beendete, fanden sich einige der führenden Persönlichkeiten in den kleinen Salons zusammen, die hinter der ehemaligen Zarenloge liegen. Es war ein Höllenspektakel. Man lachte aus vollem Halse. Stalin war da, Ordshonikidse, Rykow, Bubnow, Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Pjatnitzki. Man erzählte sich lustige Geschichten aus dem Bürgerkrieg und tauschte komische Erinnerungen an die Vergangenheit aus: .,Besinnst du dich noch, wie du vom Pferde gefallen bist?" .;Ja, das alte Biest, der Teufel weiß, was ihm eingefallen ist ..." Die Täfelung der kleinen Zarensalons zitterte unter homerischem Lachen, unbändiger Lustigkeit und donnernder Jugend. Ein Augenblick erfrischender Entspannung, dem sich die großen Lotsen des sozialistischen Aufbaus hingaben.

Auch Lenin konnte aus tiefstem Innern lachen.

"Ich habe nie einen Menschen getroffen", sagt Gorki, "dessen Lachen so ansteckend war, wie das Wladimir Iljitschs. Es war fast sonderbar zu sehen, wie dieser ernste Realist, dieser Mann, der die Tragödie der modernen Gesellschaft so stark und so tief fühlte, der Mann, der einen so unbändigen Hass gegen die kapitalistische Welt in sich trug, so lachen konnte: bis zu Tränen. bis zum Ersticken." Und Gorki fügt hinzu: "Man muss eine starke und feste sittliche Gesundheit haben, um so lachen zu können." (Wenn Stalin jemals den Riesenunsinn unter die Augen bekommt, den der Almanach Vermot für das Jahr 1935 veröffentlicht: "Stalin gibt für seine persönlichen Bedürfnisse 250 Millionen jährlich aus" - ich höre sein Lachen bis hierher!)

Fr, der lachen kann wie ein Kind, liebt die Kinder. Er hat ihrer drei, Jaschka den ältesten und zwei kleine, Wassili, der vierzehn Jahre, und Swjetlana, die acht Jahre alt ist. Seine Frau, Nadjeshda Allelujewa, ist vor zwei Jahren gestorben. Ein schöner, proletarisch edler Kopf und ein schöner weißer Arm, die sich von einem großen Marmorblock auf dem Nowo Dewitschi Kirchhof in Moskau abheben, ist alles, was von ihrer irdischen Form übrig geblieben ist. Stalin hat den jungen Artjom Sergijew, dessen Vater bei einem Unfall im Jahre 1921 ums Leben gekommen ist, quasi als Adoptivsohn angenommen. Er kümmert sich väterlich um die zwei Töchter Dshaparidses, der in Baku von den Engländern erschossen worden ist. Und um wieviel andere noch! Ich sehe noch die Begeisterung von Arnold Kaplan und Boris Goldstein, zwei Wunderkindern am Flügel und der Geige, als sie mir erzählten, wie Stalin sie nach ihrem Triumph im Konservatorium empfangen hat. Er übergab jedem von ihnen 3000 Rubel und sagte dabei: "Wirst du mich jetzt, wo du Kapitalist geworden bist, auch noch auf der Straße grüßen?"

Dein Lachen Lenin s und Stalins verwandt und, wenn man so sagen kann, aus derselben Quelle stammend, ist ihre Ironie. Sie bedienen sich ihrer häufig und bei den verschiedensten Gelegenheiten. Stalin liebt es, seine Gedanken in eine amüsante und manchmal karikaturhafte Form zu kleiden.

Demjan Bjedni berichtet uns eine lustige Episode: "Am Vorabend der Julitage 1917 befanden wir zwei, Stalin und ich, uns in der Redaktion der ,Prawda'. Das Telefon klingelt. Die Matrosen von Kronstadt fragen Stalin: Sollen wir mit oder ohne Gewehre zur Demonstration gehen?' Ich war sehr neugierig, was Stalin ihnen am Telefon wohl antworten würde. ,Die Gewehre? Das müsst ihr schon selber sehen, Genossen! Wir Schriftsteller stecken unsere Bleistifte ein.' " "Natürlich", sagt Bjedni, "kamen alle Matrosen mit ihren ,Bleistiften' zur Demonstration."

Er versteht es übrigens auch, Dämpfer aufzusetzen. Als Emil Ludwig gelegentlich einer Antwort Stalins ausrief: "Sie ahnen gar nicht, wie recht Sie haben!" gab Stalin die nette Antwort: "Wer weiß, vielleicht ahne ich es ein bisschen." Dagegen antwortete er, als derselbe Schriftsteller ihm die Frage stellte: "Glauben Sie, dass man Sie mit Peter dem Großen vergleichen kann?" ohne jede Ironie: "Die historischen Vergleiche haben immer etwas Zufälliges. Und dieser Vergleich ist absurd." Er lacht nicht bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, laut!

Was bei ihm immer wieder durchkommt, ist das Bestreben: nicht zu glänzen, sich nicht zur Geltung zu bringen. Stalin hat bedeutende Bücher in großer Zahl geschrieben. Viele von ihnen gehören zu der klassischen Literatur des Marxismus. Aber wenn man ihn fragt, was er ist, so antwortet er: "Ich bin nur ein Schüler Lenin s und mein ganzer Ehrgeiz ist, sein treuer Schüler zu sein." Es muss jedem auffallen, wie sehr er in allen Darstellungen der unter seiner Leitung vollbrachten Arbeit regelmäßig Lenin das Verdienst für die erreichten Erfolge zuschreibt, während er doch in Wirklichkeit selbst einen großen Anteil daran hat, wie man ja überhaupt den Lenin ismus nicht verwirklichen kann, ohne selbst ständig schöpferisch tätig zu sein. In diesem Lande ist das Wort: "Schüler" eine Auszeichnung; aber diese Männer verwenden es stets nur, um ihre persönliche Rolle kleiner erscheinen zu lassen, und um in der Gesamtheit unterzutauchen. Das ist keine Unterwürfigkeit, das ist einfach Brüderlichkeit. Man denkt an den schönen lapidaren Satz des Philosophen Seneca: "deo non pareo sed assentior" - "ich gehorche Gott nicht, ich denke ebenso wie er."

Wenn es manchmal noch lange dauert, bis man diese Menschen und ihr Tun versteht, so nicht deshalb, weil sie kompliziert sind, sondern weil sie einfach sind. Man erkennt klar, dass es etwas anderes als persönliche Eitelkeit und Geltungsdrang sind, was sie vorwärts treibt und an der Spitze bleiben lässt. Es ist die Überzeugungstreue, der Glauben. In diesem großen Land, wo die Gelehrten im wahrsten Sinne des Wortes daran arbeiten, Tote wieder zu erwecken und Lebende mit dem Blut von Leichen zu retten, Verbrecher zu heilen, wo eine frische Brise die alten Giftschwaden der Religionen weggeblasen hat, steigt der Glaube aus der Erde selbst auf, wie die Wälder und die Ernten. Es ist der Glaube an die innere Gerechtigkeit der Logik. Es ist der Glaube an das Wissen, den Lenin so tief zum Ausdruck gebracht hat, als er im Zusammenhang mit einem auf ihn unternommenen Attentat, das seine Gesundheit schwer untergrub, sagte: "Was wollen Sie! Jeder handelt so, wie er es versteht!" Es ist der Glaube an die sozialistische Ordnung und an die Massen, die sie verkörpert, der Glaube an die Arbeit, an das, was Stezki "das stürmische Wachstum der Produktivkräfte" genannt hat. "Die Arbeit", sagt Stalin, bei uns zu einer Sache der Ehre, der Würde und des Heldentums geworden." Es ist der Glaube an das Grundgesetz der Arbeit, an das Gesetz des Kommunismus, an seine tiefe Ehrenhaftigkeit. "Wir glauben an unsere Partei", sagte Lenin , "wir sehen in ihr den Geist, die Ehre und die Zuversicht unserer Epoche." "Nicht jeder kann dieser Partei angehören", sagt Stalin. "Nicht jeder ist ihren Anstrengungen und Aufregungen gewachsen."

Wenn Stalin an die Masse glaubt, so ist auch das Umgekehrte der Fall. Man begegnet in dem neuen Rußland einem wahren Kultus für Stalin. Aber es ist ein Kultus, der auf Vertrauen beruht, und der ganz von unten quillt. Der Mann, dessen Silhouette wir auf den roten Plakaten vor den Silhouetten von Karl Marx und Lenin erkennen - das ist der Mann, der sich für alles und alle interessiert, der das Bestehende geschaffen hat und das Kommende schaffen wird. Er war der Retter. Er wird der Retter sein.

Wir wissen aus Stalins eigenen Worten, "dass die Zeiten vorbei sind, wo große Männer die wesentlichen Schöpfer der Geschichte waren". Aber wenn es falsch ist, dem "Helden" die ausschließliche Rolle in den geschichtlichen Ereignissen zuzuschreiben, wie es Carlyle tut, so wäre es unrichtig, seine relative Rolle zu bestreiten. Auch hier gilt in gewissem Sinne das Sprichwort: "Gleich und gleich gesellt sich gern." Ein großer Mann ist derjenige, der den Lauf der Dinge vorhersieht und der ihm vorauseilt; statt hinter ihm herzulaufen, und der vorbeugend für oder gegen etwas kämpft. Der Held erfindet das Neuland nicht, aber er entdeckt es. Er versteht es, große Massenbewegungen hervorzurufen - die zugleich auch wieder spontan sind -, weil er ihre Ursachen kennt. Die richtig angewendete Dialektik holt aus einem Menschen - aber auch aus den Ereignissen! - heraus, was herauszuholen ist. In allen Zeiten großer Umwandlungen bedarf es eines großen Mannes, der die Kräfte zentralisiert. Lenin und Stalin haben die Geschichte nicht geschaffen - sie haben sie vernunftmäßig erfasst und geordnet. Sie haben uns näher an die Zukunft herangebracht.

Wir sind hier auf dieser Erde, um für den größtmöglichen Fortschritt des menschlichen Geistes zu wirken. Denn letzten Endes sind wir vor allem anderen die Treuhänder des Geistes. Wer die Zeit, die er auf der Erde weilt, in Ehren aus-nutzen will, muss es vermeiden, Unmögliches zu unternehmen, aber er muss in der praktischen Verwirklichung so weit gehen, als ihm seine Kräfte erlauben. Man soll den Menschen nicht einreden, dass man sie vom Tode befreien wird. Man muss ihnen ein volles und würdiges Leben geben. Man soll sich nicht in den Kopf setzen, unheilbare Krankheiten, die zum Wesen der menschlichen Natur gehören, zu kurieren, aber man soll die heilbaren Übel heilen, die der sozialen Ordnung entspringen. Nur mit irdischen Mitteln wird man des Irdischen Herr werden.

Wenn man des Nachts über den Roten Platz geht, auf dem zwei Weltzeiten ihre gigantischen Spuren hinterlassen haben: das Heute, die Nation der Besten der Erde, und das Gestern von vor 1917 (das uns vorsintflutlich anmutet) - so scheint es einem, dass der, der dort in der Gruft, in der Mitte des nächtlich verlassenen Platzes ruht, der einzige in dieser Welt ist, der nicht schläft, und der über das wacht, was um ihn in Städten und Dörfern lebt und webt. Er ist der wahre Führer, er, von dem die Arbeiter freudig feststellten, wie sehr er für sie Meister und Genosse zugleich war. Er ist der väterliche Bruder, der wirklich für alle gesorgt hat. Ihr, die ihr ihn nicht gekannt habt - er hat von euch gewusst, und er hat für euch gewirkt. Wer ihr auch seid, ihr braucht diesen Wohltäter. Wer ihr auch seid - der beste Teil eures Geschicks liegt in den Händen jenes anderen Mannes, der jetzt auch wacht und für euch wacht und arbeitet - der Mann mit dem Kopf des Gelehrten, mit dem Gesicht des Arbeiters und dem Anzug des einfachen Soldaten.

Januar 1935

                

(zurück zur Startseite)