"Stalin"

Über den Grossen Vaterländischen
Krieg der Sowjetunion

BEFEHL
DES OBERSTEN BEFEHLSHABERS

Nr. 195

MOSKAU, 1. MAI 1943

Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Partisanen und Partisaninnen, Arbeiter und Arbeiterinnen, Bauern und Bäuerinnen, Kopfarbeiter! Brüder und Schwestern, die ihr vorübergehend unter das Joch der deutschen Unterdrücker geraten seid!

Im Namen der Sowjetregierung und unserer bolschewistischen Partei begrüße und beglückwünsche ich euch zum 1. Mai.

Die Völker unseres Landes begehen den 1. Mai in den harten Tagen des Vaterländischen Krieges. Sie haben ihre Geschicke der Roten Armee anvertraut, und sie sind in ihren Hoffnungen nicht getäuscht worden. Die sowjetischen Krieger sind unter Einsatz ihres Lebens zum Schutz des Vaterlandes angetreten und verteidigen nun schon fast zwei Jahre lang erfolgreich die Ehre und die Unabhängigkeit der Völker der Sowjetunion.

Während des Winterfeldzuges 1942/43 hat die Rote Armee den Hitlertruppen ernste Niederlagen beigebracht, eine gewaltige Menge an Menschen und Material des Feindes vernichtet, zwei Armeen des Feindes bei Stalingrad eingekesselt und liquidiert, über 300000 feindliche Soldaten und Offiziere gefangen genommen und Hunderte von Sowjetstädten und Tausende von Dörfern vom deutschen Joch befreit. , Der Winterfeldzug hat gezeigt, dass die Angriffskraft der Roten Armee gewachsen ist. Unsere Truppen haben nicht allein die Deutschen aus dem Gebiet hinaus geschlagen, das diese im Sommer 1942 okkupiert hatten, sondern auch eine Reihe von Städten und Bezirken besetzt, die sich etwa anderthalb Jahre in den Händen des Feindes befanden. Die Kräfte der Deutschen reichten nicht mehr hin, die Offensive der Roten Armee abzuwenden.

Selbst für die Gegenoffensive an dem schmalen Frontabschnitt im Raum von Charkow sah sich das Hitlersche Oberkommando gezwungen" mehr als dreißig neue Divisionen aus Westeuropa heranzuholen. Die Deutschen rechneten darauf, die Sowjettruppen im Raum von Charkow einzukesseln und unseren Truppen ein "deutsches Stalingrad" zu bereiten. Allein der Versuch des Hitlerschen Oberkommandos, für Stalingrad Revanche zu nehmen, ist gescheitert.

Gleichzeitig damit haben die siegreichen Truppen unserer Verbündeten die deutschen und italienischen Truppen in Libyen und Tripolitanien geschlagen, diese Gebiete vom Feind gesäubert und fahren jetzt fort, den Gegner im Raum von Tunis zu schlagen, während die heldenmütige englische und amerikanische Luftwaffe den Zentren der Rüstungsindustrie Deutschlands und Italiens vernichtende Schläge versetzt und damit die Bildung der zweiten Front in Europa gegen die deutschen und italienischen Faschisten ankündigt.

Somit ist der Schlag gegen den Feind von Osten her, von Seiten der Roten Armee, zum ersten Mal während des Krieges mit dem Schlag von Westen her, von Seiten der Truppen unserer Verbündeten, zu einem einheitlichen gemeinsamen Schlag verschmolzen. Alle diese Umstände zusammengenommen haben die Hitlersche Kriegsmaschine bis auf den Grund erschüttert, dem Weltkrieg einen anderen Lauf gegeben und die notwendigen Voraussetzungen für den Sieg über Hitlerdeutschland geschaffen.

Die Folge war, dass der Feind sich gezwungen sah, eine ernstliche Verschlechterung seiner Lage zuzugeben, und dass er begann, über eine militärische Krise zu lamentieren. Allerdings bemüht sich der Feind, seine kritische Lage mit dem Tamtam der "totalen" Mobilisierung zu verdecken. Doch kein Lärm vermag die Tatsache aus der Welt zu schaffen, dass das Lager der Faschisten tatsächlich eine ernste Krise durchmacht.

Die Krise im Lager der Faschisten findet ihren Ausdruck vor allem darin, dass der Feind gezwungen war, offen von seiner ursprünglichen Einstellung auf den Blitzkrieg abzurücken. Jetzt ist es im Lager der Feinde schon nicht mehr Mode, vom Blitzkrieg zu reden - das geschwätzige Geschrei vom Blitzkrieg ist von einem niedergeschlagenen Gejammer über die Unvermeidlichkeit eines langwierigen Krieges abgelöst. Wenn früher das faschistische deutsche Oberkommando sich mit seiner Taktik der blitzartigen Offensive brüstete, so ist jetzt diese Taktik beiseite geworfen, und die deutschen Faschisten prahlen nicht mehr damit, dass sie einen blitzartigen Angriff durchgeführt haben oder durchzuführen gedenken, sondern damit, dass es ihnen gelungen ist, dem umfassenden Schlag der englischen Truppen in Nordafrika oder der Einkesselung durch die Sowjettruppen im Raum von Demjansk geschickt zu entwischen. In der faschistischen Presse wimmelt es von prahlerischen Meldungen darüber, dass es den deutschen Truppen gelungen sei, von der Front auszureißen und ein neues Stalingrad an diesem oder jenem Abschnitt der Ostfront oder der Front in Tunis zu vermeiden. Das ist offenbar alles, womit die Hitlerschen Strategen sich noch brüsten können.

Die Krise im Lager der Faschisten findet zweitens ihren Ausdruck darin, dass die Faschisten immer häufiger von Frieden zu reden beginnen. Urteilt man nach den Meldungen der Auslandspresse, so kann man den Schluss ziehen, die Deutschen möchten zum Frieden mit England und den Vereinigten Staaten von Amerika kommen, vorausgesetzt, dass diese sich von der Sowjetunion trennen, oder, umgekehrt, sie möchten zum Frieden mit der Sowjetunion kommen, vorausgesetzt, dass diese sich von England und den Vereinigten Staaten von Amerika trennt. Wortbrüchig bis aufs Mark der Knochen, haben die deutschen Imperialisten die Stirn, die Verbündeten an ihrer eigenen Elle zu messen, wobei sie annehmen, dass ihnen einer der Verbündeten auf den Leim gehen würde. Es ist klar, dass die Deutschen nicht darum über Frieden schwatzen, weil es ihnen gut geht. Das Friedensgeschwätz im Lager der Faschisten spricht lediglich dafür, dass sie eine schwere Krise durchmachen. Aber wie kann die Rede sein von einem Frieden mit den imperialistischen Räubern aus dem faschistischen deutschen Lager, die Europa mit Blut getränkt und mit Galgen bedeckt haben? Ist es denn nicht klar, dass einzig und allein die völlige Zerschmetterung der Hitlerarmeen und die bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands Europa zum Frieden führen können? Schwatzen die deutschen Faschisten nicht etwa darum über Frieden, weil sie das Herannahen der kommenden Katastrophe fühlen?

Das faschistische deutsch-italienische Lager macht eine schwere Krise durch und steht vor seiner Katastrophe.

Das bedeutet natürlich noch nicht, dass die Katastrophe Hitlerdeutschlands bereits eingetreten ist. Das bedeutet es keineswegs. Hitlerdeutschland und seine Armee sind erschüttert und machen eine Krise durch, aber sie sind noch nicht geschlagen. Es wäre naiv zu glauben, die Katastrophe würde von selbst, spontan eintreten. Es bedarf noch zweier, dreier solch wuchtiger Schläge von Westen und von Osten her, wie sie der Hitlerarmee in den letzten fünf, sechs Monaten versetzt worden sind, damit die Katastrophe Hitlerdeutschlands zur Tatsache wird.

Darum steht den Völkern der Sowjetunion und ihrer Roten Armee sowie unseren Verbündeten und ihren Armeen noch ein harter und schwerer Kampf um den vollständigen Sieg über die Hitlerschen Unmenschen bevor. Dieser Kampf wird von ihnen große Opfer, gewaltige Ausdauer und eiserne Standhaftigkeit erfordern. Sie müssen all ihre Kräfte und Möglichkeiten mobilisieren, um den Feind zu schlagen und dadurch den Weg zum Frieden zu bahnen.

Genossen! Das Sowjetvolk legt für seine Rote Armee die größte Fürsorge an den Tag. Es ist bereit, alle seine Kräfte herzugeben für die weitere Stärkung der Wehrkraft des Sowjetlandes. In weniger als vier Monaten haben die Völker der Sowjetunion dem Fonds der Roten Armee mehr als 7 Milliarden Rubel überwiesen. Das zeigt noch einmal, dass der Krieg gegen die Deutschen tatsächlich ein Volkskrieg, ein Krieg aller Völker ist, die die Sowjetunion bewohnen. Die Arbeiter, die Kollektivbauern und die Intelligenz schaffen mit nimmer ruhenden Händen in den Betrieben und Institutionen, im Verkehrswesen, in den Kollektivwirtschaften und auf den Sowjetgütern und ertragen standhaft und tapfer alle Entbehrungen, die der Krieg mit sich bringt. Aber der Krieg gegen die faschistischen deutschen Eindringlinge fordert, dass die Rote Armee noch mehr Geschütze, Panzer, Flugzeuge, Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Granatwerfer, Munition, Ausrüstung und Proviant erhält. Es ist also notwendig, dass die Arbeiter, Kollektivbauern und die ganze Sowjetintelligenz mit verdoppelter Energie für die Front arbeiten.

Es ist notwendig, dass unser ganzes Volk und alle Institutionen im Hinterland harmonisch und präzise arbeiten wie ein gutes Uhrwerk. Denken wir an das Gebot des großen Lenin : "Ist der Krieg einmal unvermeidlich geworden, dann alles für den Krieg! - und die kleinste Schlamperei und der geringste Mangel an Tatkraft müssen nach den Gesetzen der Kriegszeit bestraft werden."

Als Antwort auf das Vertrauen und die Fürsorge des Volkes muss die Rote Armee den Feind noch kräftiger schlagen, schonungslos die deutschen Eindringlinge vernichten und sie, ohne haltzumachen, vom Sowjetboden vertreiben. Im Laufe des Krieges hat die Rote Armee reiche militärische Erfahrungen erworben. Hunderttausende von Kämpfern meistern ihre Waffe schon bis zur Vollkommenheit. Viele Kommandeure haben gelernt, die Truppen auf dem Schlachtfeld geschickt zu führen. Es wäre jedoch unvernünftig, sich dabei zu beruhigen. Die Kämpfer müssen lernen, ihre Waffe gut zu handhaben, die Kommandeure müssen Meister der Kampfführung werden. Aber auch das ist wenig. Im Kriegswesen, und umso mehr in einem Krieg wie dem heutigen, darf man nicht auf der Stelle treten. Im Kriegswesen stehen bleiben heißt zurückbleiben. Wer aber zurückbleibt, wird bekanntlich geschlagen. Darum besteht jetzt die Hauptsache darin, dass die ganze Rote Armee von Tag zu Tag ihre Kampfausbildung vervollkommnet, dass sämtliche Kommandeure und Kämpfer der Roten Armee die Erfahrungen des Krieges studieren und so zu kämpfen lernen, wie es die Sache des Sieges erfordert.

Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Kommandeure und politische Funktionäre, Partisanen und Partisaninnen!

Indem ich euch zum 1. Mai begrüße und beglückwünsche,

BEFEHLE ICH:

1. Alle Kämpfer - Infanteristen, Granatwerferschützen, Artilleristen, Panzermänner, Flieger, Pioniere, Nachrichtenleute, Kavalleristen - haben unermüdlich ihre Kampfmeisterschaft zu vervollkommnen, die Befehle der Kommandeure und die Dienstvorschriften und -anweisungen genau zu erfüllen, unverbrüchlich Disziplin zu halten und Organisiertheit und Ordnung zu wahren.

2. Die Kommandeure aller Waffengattungen und die höheren Truppenführer müssen zu Meistern der Truppenführung werden; geschickt das Zusammenwirken aller Waffengattungen organisieren und sie im Kampf führen; den Gegner studieren, die Aufklärung - dieses Auge und Ohr der Armee - verbessern und dessen eingedenk sein, dass sonst der Feind nicht sicher zu schlagen ist. Die Arbeitskultur der Truppenstäbe ist zu erhöhen, und es muss erreicht werden, dass die Stäbe der Truppenteile und -verbände der Roten Armee zu mustergültigen Organen der Truppenführung werden; die Arbeit der rückwärtigen militärischen Dienste ist auf das Niveau der Forderungen zu heben, die der moderne Krieg stellt; es muss fest im Auge behalten werden, dass der Ausgang der Kampfhandlungen von der vollständigen und rechtzeitigen Versorgung der Truppen mit Munition, Ausrüstung und Verpflegung abhängt.

3. Die ganze Rote Armee muss die Erfolge der Winterkämpfe befestigen und ausbauen, sie darf dem Feinde keinen Zollbreit unseres Bodens abtreten, sie muss gerüstet sein für die entscheidenden Schlachten mit den faschistischen deutschen Okkupanten; muss in der Verteidigung die den Kämpfern unserer Armee eigene Zähigkeit und Standhaftigkeit an den Tag legen. Beim Angriff ist Entschlossenheit zu beweisen; das richtige Zusammenwirken der Truppen, kühnes Manövrieren auf dem Schlachtfeld bis zur Einkesselung und Vernichtung des Gegners ist sicherzustellen.

4. Die Partisanen und Partisaninnen müssen den rückwärtigen Einrichtungen und Diensten des Feindes, den Verkehrswegen, den Versorgungslagern, Stäben und Betrieben des Gegners wuchtige Schläge versetzen und die Nachrichtenverbindungen des Gegners zerstören; die breiten Schichten der Sowjetbevölkerung in den vom Feinde besetzten Gebieten in den kollektiven Befreiungskampf einbeziehen und dadurch die Sowjetbürger vor der Verschleppung in die Sklaverei nach Deutschland und vor der Ausrottung durch die Hitlerschen Bestien bewahren; das Blut und die Tränen unserer Frauen und Kinder, Mütter und Väter, Brüder und Schwestern an den deutschen Eindringlingen erbarmungslos rächen; mit allen Kräften der Roten Armee in ihrem Kampf gegen die niederträchtigen Hitlerschen Unterdrücker helfen.

Genossen!

Der Feind hat bereits die Wucht der vernichtenden .Schläge unserer Truppen zu spüren bekommen. Der Augenblick naht, wo die Rote Armee gemeinsam mit den Armeen unserer Verbündeten der faschistischen Bestie das Rückgrat brechen wird.

Es lebe unsere ruhmreiche Heimat!

Es lebe unsere heldenmütige Rote Armee!

Es lebe unsere heldenmütige Kriegsmarine!

Es leben unsere kühnen Partisanen und Partisaninnen!

Tod den deutschen Okkupanten!

Der Oberste Befehlshaber
Marschall der Sowjetunion
J. Stalin

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