"Stalin"

Über den Grossen Vaterländischen
Krieg der Sowjetunion

BEFEHL
DES OBERSTEN BEFEHLSHABERS

Nr. 16

MOSKAU, 23. FEBRUAR 1944

Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Sergeanten, Offiziere und Generale, Partisanen und Partisaninnen!

Den 26. Jahrestag der Roten Armee begehen die Völker unseres Landes im Zeichen der historischen Siege der Sowjettruppen über die faschistischen deutschen Truppen.

Seit mehr als einem Jahr führt die Rote Armee ihre siegreiche Offensive, zerschmettert die Heere der Hitlerschen Okkupanten und fegt sie vom Sowjetboden hinweg. In dieser Zeit führte die Rote Armee mit Erfolg den Winterfeldzug 1942/43 durch, gewann die Sornmerschlachten von 1943 und entfaltete die siegreiche Winteroffensive 1943/44. In diesen in der Kriegsgeschichte einzig dastehenden Feldzügen legte die Rote Armee kämpfend stellenweise an die 1700 Kilometer nach Westen zurück und säuberte vom Feinde beinahe drei Viertel des von ihm okkupierten Sowjetbodens.

Während des gegenwärtigen Winterfeldzugs liquidierte die Rote Armee die mächtigen Verteidigungsstellungen der Deutschen am ganzen Lauf des Dnjepr von Shlobin bis Cherson und warf damit die Spekulationen der Deutschen über den Haufen, die darauf ausgingen, an der sowjetisch-deutschen Front mit Erfolg einen langwierigen Verteidigungskrieg zu führen.

In drei Monaten des Winterfeldzugs errangen unsere ruhmreichen Truppen große Siege in der Ukraine rechts des Dnjepr, vollendeten die Befreiung der Gebiete Kiew, Dnjepropetrowsk und Saporoshje, befreiten das ganze Gebiet Shitomir, fast die ganzen Gebiete Rowno und Kirowograd und eine Reihe von Bezirken der Gebiete Winniza, Nikolajew, Kamenez-Podolsk und Wolhynien. Durch die entschlossenen Operationen der Roten Armee wurden die Versuche einer deutschen Gegenoffensive im Raum von Shitomir, Kriwoj Rog und Uman liquidiert. Durch Einkesselung und Vernichtung von 10 deutschen Divisionen und einer Brigade im Raum von Korsun-Schewtschenkowski bereiteten die Sowjettruppen den Deutschen rechts des Dnjepr ein neues Stalingrad.

Einen gewaltigen Sieg errangen die Sowjettruppen bei Lenin grad. Unsere Truppen brachen das mächtige System der ständigen, tief gestaffelten Befestigungen des Gegners auf, zerschlugen eine starke Kräftegruppe der Deutschen und befreiten Lenin grad vollständig von der feindlichen Blockade und dem barbarischen Artilleriebeschuss. Die Sowjetkrieger vollenden die Säuberung der Gebiete Lenin grad und Kalinin von den faschistischen Unmenschen und haben den Boden Sowjet-Estlands betreten.

Die Massenverrtreibung der Okkupanten aus Sowjet-Bjelorußland ist im Gange: fast völlig befreit sind die Gebiete Gomel und Polessje sowie eine Reihe von Bezirken der Gebiete Mogilew und Witebsk.

Unter den ungünstigen Witterungsverhältnissen dieses Winters säuberten unsere Truppen nach Überwindung der mächtigen Verteidigungsgürtel des Feindes in drei Monaten des Winterfeldzugs rund 200 000 Quadratkilometer Sowjetboden von den Okkupanten. Die Rote Armee hat dem Feinde mehr als 13 000 Ortschaften, darunter 82 Städte und 320 Eisenbahnstationen, entrissen. Neue Millionen Sowjetbürger sind vom faschistischen Joch befreit. Wichtige landwirtschaftliche und Industriebezirke mit überaus reichen Vorkommen von Eisen- und Manganerzen sind unserer Heimat wiedergegeben. Die Deutschen haben diese wirtschaftlich wichtigen Bezirke verloren, an die sie sich so verzweifelt klammerten.

Jetzt ist wohl schon jedem klar, dass Hitlerdeutschland unaufhaltsam der Katastrophe entgegengeht. Allerdings sind die Bedingungen der Kriegführung in diesem Kriege für Deutschland günstiger, als sie im vorigen Weltkriege waren, wo es von Anfang an bis zum Ende des Krieges den Kampf an zwei Fronten führte. Einen großen Nachteil für Deutschland bildet jedoch die Tatsache, dass die Sowjetunion in diesem Kriege viel stärker ist, als es das alte zaristische Rußland im vorigen Kriege war. Im ersten Weltkrieg kämpften 6 Großmächte, Frankreich, Rußland, England, die Vereinigten Staaten von Amerika, Japan und Italien, gegen den deutschen Block an zwei Fronten. In diesem Kriege gingen Italien und Japan auf die Seite Deutschlands über, Finnland schloss sich dem faschistischen Block an, Rumänien, das im vorigen Krieg gegen Deutschland gestanden hatte, wechselte die Front, dabei operieren die Hauptkräfte Deutschlands bis jetzt an einer Front - gegen die Sowjetunion. Aus der Geschichte ist bekannt, dass Deutschland stets Kriege gewann, wenn es sich an einer Front schlug, hingegen den Krieg verlor, wenn es gezwungen war, an zwei Fronten zu kämpfen. In diesem Krieg setzt Deutschland seine Hauptkräfte an einer Front ein - gegen die Sowjetunion. Dessen ungeachtet konnte es nicht nur keinen Sieg erringen, sondern wurde unter den wuchtigen Schlägen der Streitkräfte der Sowjetunion an, den Rand der Katastrophe gebracht. Wenn die Sowjetunion im Kampf einer gegen einen nicht nur dem Ansturm der deutschen Kriegsmaschine standhielt, sondern auch den faschistischen deutschen Truppen entscheidende Niederlagen beibrachte, so wird die Lage Hitlerdeutschlands um so hoffnungsloser sein, sobald die Hauptkräfte unserer Verbündeten in Aktion treten und die mächtige und anwachsende Offensive der Armeen aller verbündeten Staaten gegen Hitlerdeutschland entfaltet wird.

Die faschistischen deutschen Räuber suchen jetzt krampfhaft nach einem Weg zur Rettung aus der Katastrophe. Aufs Neue greifen sie zur "totalen" Mobilisierung im Hinterland, obwohl die Menschenreserven Deutschlands erschöpft sind. Die faschistischen Häuptlinge unternehmen verzweifelte Versuche, in das Lager der Antihitler-Koalition Zwiespalt zu tragen und dadurch den Krieg in die Länge zu ziehen. Die Hitlerschen Diplomaten jagen aus einem neutralen Land ins andere und suchen Verbindungen mit hitlerfreundlichen Elementen anzuknüpfen, wobei sie Anspielungen machen, dass ein Sonderfriede, sei es mit unserem Staate oder mit unseren Verbündeten, möglich wäre. Alle diese Schliche der Hitlerfaschisten sind zum Misslingen verurteilt, denn der Antihitler-Koalition liegen die lebenswichtigen Interessen der Verbündeten zugrunde, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Hitlerdeutschland und seine Spießgesellen in Europa zu zerschmettern. Und gerade diese Gemeinsamkeit der Grundinteressen ist es, die im Laufe des Krieges zur Festigung des Kampfbündnisses zwischen der Sowjetunion, England und den Vereinigten Staaten von Amerika führt.

Es näht die Stunde der endgültigen Abrechnung für alle Missetaten, die die Hitlerfaschisten auf dem Sowjetboden und in den okkupierten Ländern Europas begangen haben.

Die siegreiche Offensive der Roten Armee wurde möglich dank den neuen Großtaten der Arbeit, die die Sowjetmenschen in allen Zweigen unserer Volkswirtschaft vollbringen. Die Werktätigen der Sowjetunion untermauerten die Sommersiege der Roten Armee an den Fronten durch neue Produktionssiege im Hinterland.

Die Arbeiter unserer Industrie erfüllen und überbieten vorfristig die vom Staat aufgestellten Pläne, setzen neue Betriebe, Hochöfen und Kraftwerke in Gang und stellen in den befreiten Gebieten in beispiellos kurzen Fristen die von den Okkupanten zerstörte Industrie wieder her. Die heldenhaften Leistungen der Arbeiterklasse festigen noch mehr die materielle Kriegsbasis der Roten Armee und bringen dadurch die Stunde unseres endgültigen Sieges näher. Die Sowjetbauernschaft liefert dem Staate die Lebensmittel für die Armee und die Städte sowie Rohstoffe für die Industrie und erweist der Roten Armee aufopferungsvolle Unterstützung.

Die Sowjetintelligenz erweist durch leitende Arbeit den Arbeitern und Bauern unmittelbare Hilfe zur Steigerung der Produktion und Befriedigung der Bedürfnisse der Roten Armee.

Die Werktätigen der befreiten Gebiete erweitern mit jedem Tag ihre Hilfe für ihre Befreierin, die Rote Armee, indem sie dem allgemeinen Güterstrom, der an die Front geht, die Erzeugnisse der wiederhergestellten Betriebe und der Landwirtschaft zuführen.

Es besteht kein Zweifel, dass das Sowjetvolk auch künftighin durch seine heldenhafte Arbeit und die Anspannung aller seiner Kräfte das ununterbrochene Anwachsen der Produktionskräfte des Landes sicherstellen wird, um die faschistischen deutschen Okkupanten möglichst rasch und endgültig zu zerschmettern.

Die Aufstellung neuer Truppenformationen in den Unionsrepubliken, vorbereitet durch die Kampfgemeinschaft der Völker der Sowjetunion im Vaterländischen Krieg und die ganze Geschichte unseres Staates, wird die Rote Armee noch mehr stärken und ihren Reihen neue Kampfkräfte zuführen.

Genossen Rotarmisten, Matrosen der Roten Flotte, Sergeanten, Offiziere und Generale! Genossen Partisanen und Partisaninnen!

Im großen Befreiungskrieg für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Vaterlandes habt ihr Wunder an Heroismus vollbracht. Die Rote Armee hat den entschiedenen Umschwung im Kriege zu unseren Gunsten erzwungen und schreitet nun zuversichtlich dem Endsieg über den Feind entgegen. Der Feind erleidet eine Niederlage nach der anderen. Er ist jedoch noch nicht zerschlagen. Die Hitlerschen Räuber, die ihren Untergang und die unvermeidliche Vergeltung

für alle ihre auf unserem Boden begangenen ungeheuerlichen Missetaten kommen sehen, wehren sich mit der Raserei von Menschen, die rettungslos verloren sind. Sie werfen ihre letzten Kräfte und Reserven in den Kampf und klammern sich an jeden Meter Sowjetboden, an jeden günstigen Abschnitt.

Eben darum müssen wir, so groß auch unsere Erfolge sein mögen, nach wie vor die Kräfte des Feindes nüchtern einschätzen, wachsam sein und in unseren Reihen keine Überheblichkeit, keine Selbstzufriedenheit und keine Sorglosigkeit dulden. Es ist in der Kriegsgeschichte noch nicht vorgekommen, dass der Feind selbst in den Abgrund gesprungen wäre. Um den Krieg zu gewinnen, muss man den Gegner an den Abgrund heranführen und ihn hinunter stoßen. Nur vernichtende Schläge von ständig zunehmender Wucht können den Widerstand des Feindes brechen und uns den endgültigen Sieg bringen. Dazu ist notwendig, dass wir die Kampfschulung der Kämpfer und die militärische Meisterschaft der Kommandeure unserer Armee weiter vervollkommnen. Es ist Pflicht und Schuldigkeit der Roten Armee, mit jedem Tag ihre Kriegskunst auf eine höhere Stufe zu heben, unentwegt und sorgfältig die Taktik des Feindes zu studieren, geschickt und rechtzeitig hinter seine heimtückischen Schliche zu kommen und der Taktik des Feindes unsere vollkommenere Taktik entgegenzustellen. Es ist notwendig, dass die Kampferfahrungen und Errungenschaften der besten Truppenteile und Verbände der Roten Armee Gemeingut aller unserer Truppen werden, dass die ganze Rote Armee, alle ihre Kämpfer und Offiziere lernen, den Feind nach allen Regeln der modernen Kriegswissenschaft zu schlagen.

Genossen Rotarmisten und Matrosen der Roten Flotte, Sergeanten, Offiziere und Generale, Partisanen und Partisaninnen!

Indem ich euch zum 26. Jahrestag der Roten Armee begrüße und beglückwünsche,

BEFEHLE ICH:

1. Der gesamte Mannschafts- und Sergeantenbestand - Infanteristen, Granatwerferschützen, Artilleristen, Flieger, Panzermänner, Pioniere, Nachrichtenleute, Kavalleristen - hat unentwegt seine Kampfmeisterschaft weiter zu vervollkommnen, unser ausgezeichnetes Kriegsgerät voll und ganz auszunutzen, den Feind zu schlagen, wie ihn unsere ruhmvollen Gardisten schlagen, die Befehle der Kommandeure genau auszuführen, die Disziplin und Ordnung zu festigen und die Organisiertheit zu erhöhen.

2. Die Offiziere und Generale aller Waffengattungen haben die Kunst der Truppenführung und die Taktik des Bewegungskrieges sowie das Zusammenwirken aller Waffengattungen im Kampfe zu vervollkommnen, die Erfahrung der besten Gardetruppenteile und -verbände in der Kampfpraxis kühner und umfassender einzubürgern, den Arbeitsstil der Stäbe und der rückwärtigen Dienste auf eine höhere Stufe zu bringen und unseren Aufklärungsdienst mit allen Mitteln zu verbessern und auszubauen.

3. Die ganze Rote Armee muss durch geschickte Kombination von Feuerwirkung und Manöver die feindlichen Verteidigungsstellungen in ihrer ganzen Tiefe aufbrechen, dem Feinde keine Atempause lassen, rechtzeitig die feindlichen Versuche, durch Gegenangriffe unseren Vormarsch aufzuhalten, vereiteln, die Verfolgung des Feindes geschickt organisieren, ihn daran hindern, das Kriegsgerät fortzuschaffen, durch kühne Manöver die Flanken der feindlichen Truppen umfassen, in ihren rückwärtigen Raum einbrechen, die Truppen des Gegners einkesseln, sie aufspalten und vernichten, falls sie sich weigern, die Waffen zu strecken.

4. Die Partisanen und Partisaninnen müssen ihre Hilfe für die Rote Armee verstärken, die Stäbe und Besatzungen des Gegners überfallen, seine rückwärtigen Einrichtungen und Dienste vernichten, seine Nachschubwege und Verbindungen zerstören und ihm nicht die Möglichkeit geben, Reserven heranzuziehen.

5. In Würdigung der großen Siege, die von den Streitkräften des Sowjetstaates im verflossenen Jahr errungen wurden, sind heute, am 23. Februar, am 26. Jahrestag der Roten Armee, um 18 Uhr in Moskau, Lenin grad, Kiew, Dnjepropetrowsk, Gomel und Tiostow die ruhmvollen Truppen der Roten Armee mit einem Salut von 20 Artilleriesalven zu ehren.

Ruhm und Ehre unserer siegreichen Roten Armee!

Ruhm und Ehre den Sowjetwaffen!

Ruhm und Ehre unseren kühnen Partisanen und Partisaninnen!

Es lebe unsere große Sowjetheimat!

Es lebe unsere Kommunistische Partei der Sowjetunion, die die großen Siege der Roten Armee in­spiriert und organisiert!

Tod den deutschen Okkupanten!

Der Oberste Befehlshaber
Marschall der Sowjetunion
J. Stalin

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