Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

I. DIE ERRICHTUNG DER SOWJETMACHT

1. In geheimer Mission

Im Hochsommer des schicksalsschweren Jahres 1917, als sich der Vulkanausbruch der russischen Revolution unter Donnergrollen ankündigte, traf ein amerikanischer Major namens Raymond Robins in Petrograd[1] ein. Er reiste in hochwichtiger geheimer Mission: offiziell als stellvertretender Leiter des amerikanischen Roten Kreuzes, inoffiziell als Mitglied des Spionagedienstes der amerikanischen Armee. Er hatte die Aufgabe, das Ausscheiden Rußlands aus dem Kriege gegen Deutschland mit allen Mitteln zu verhindern.

Die Lage an der Ostfront war verzweifelt… Das armselig ausgerüstete, schlecht geführte russische Heer war von den Deutschen vollständig zerschlagen worden. Die Erschütterungen des Krieges hatten den endgültigen Zusammenbruch des von innerer Fäulnis zersetzten Zarenregimes herbeigeführt. Im März mußte Zar Nikolaus II. abdanken und einer Provisorischen Regierung Platz machen. Der revolutionäre Schrei nach „Frieden, Brot und Boden“ ging über das Land: Inbegriff aller alten Sehnsüchte, und drängenden Nöte der kriegsmüden, verhungerten, ausgeplünderten Massen des russischen Volkes.

Rußlands Verbündete - England, Frankreich und die Vereinigten Staaten - fürchteten den unmittelbaren Zusammenbruch der russischen Armee; jeden Augenblick konnte eine Million deutscher Truppen an der Ostfront für den Einsatz gegen die erschöpften alliierten Streitkräfte im Westen frei werden. Nicht minder beunruhigend war die Vorstellung, den ukrainischen Weizen, die Donez-Kohle, das kaukasische Öl und die anderen unerschöpflichen Vorräte Rußlands dem räuberischen Zugriff des kaiserlichen Deutschland überlassen zu müssen. Die Alliierten machten verzweifelte Anstrengungen, um den Abbruch der Kampfhandlungen durch die Russen wenigstens bis zum Eintreffen amerikanischer Verstärkungen an der Westfront hinauszuschieben. Major Robins war einer der vielen Diplomaten, Militärs und Geheimbeauftragten, die eilends nach Petrograd entsandt wurden, um Rußland zur weiteren Teilnahme am Kriege zu bewegen.

Der 43 jährige Raymond Robins, ein Mann mit tiefschwarzem Haar und markanten Zügen, war in der amerikanischen Öffentlichkeit durch unerschöpfliche Energie, eine ungewöhnliche Rednergabe und große persönliche Anziehungskraft aufgefallen. Er gab in Chicago eine erfolgreiche geschäftliche Laufbahn auf, um sich völlig in den Dienst sozialer und philanthropischer Bestrebungen zu stellen. Politisch galt er als Roosevelt-Anhänger. Er spielte in der berühmten „Bull-Moose“-Kampagne von 1912, als sein Ideal, Theodor Roosevelt, ohne Hilfe des Großkapitals oder politischer Machinationen ins Weiße Haus zu gelangen versuchte, eine führende Rolle. Robins war ein streitbarer Liberaler, ein unermüdlicher Kämpfer für jede Bewegung gegen die Reaktion.

„Was? Raymond Robins? Dieser Parvenü? Dieser Roosevelt-Randalist? Was will denn der hier?“ rief Oberst William Boyce Thompson, der Leiter des amerikanischen Roten Kreuzes in Rußland, entsetzt aus, als ihm die Ernennung Robins’ zum stellvertretenden Leiter dieser Organisation mitgeteilt wurde. Oberst Thompson, ein konservativer Republikaner, besaß bedeutende Anteile an russischen Mangan- und Kupferbergwerken und war daher an russischen Angelegenheiten persönlich stark interessiert, was ihn jedoch an einer klaren, kaltblütigen Beurteilung der Lage nicht hinderte. Seine private Anschauung ging dahin, daß die Beamten des amerikanischen Staatsdepartements mit ihren konservativen Methoden den dramatischen Ereignissen auf dem russischen Schauplatz hilflos gegenüberstanden.

Der damalige amerikanische Botschafter, David Francis, war ein ältlicher, starrsinniger, pokerspielender Bankier aus St. Louis, ehemaliger Gouverneur von Missouri. Der silberhaarige Herr im schwarzen Cutaway und altmodisch hohem, steifem Kragen paßte nicht recht in die hektische Atmosphäre des kriegsmüden, revolutionären Petrograd.

Ein englischer Diplomat bemerkte einmal: „Der alte Francis ist nicht imstande, einen Sozialrevolutionär von einer Kartoffel zu unterscheiden!“

Seinen Mangel an Einblick in die politischen Verhältnisse glich der Botschafter durch Starrheit der Gesinnung aus. Er gründete seine Anschauungen in erster Linie auf die Panikmache und das Geschwätz der zaristischen Generäle und Millionäre, die sich in Scharen an die amerikanische Botschaft in Petrograd herandrängten. Francis betrachtete die ganze russische Erhebung als das Ergebnis eines deutschen Komplottes, sämtliche russische Revolutionäre waren für ihn ausländische Agenten. Er nahm an, daß sich die Angelegenheit in Kürze erledigen würde.

Am 21. April 1917 telegraphierte er vertraulich an Robert Lansing, den Staatssekretär des Äußeren der USA:

„Extremer Sozialist oder Anarchist namens Lenin hält hitzige Reden und unterstützt damit die Regierung; erhält absichtlich freien Spielraum, wird im geeigneten Augenblick deportiert.“

Aber die russische Revolution hatte sich mit dem Sturz des Zarenregimes keineswegs vollendet, sie stand erst am Beginn ihrer Entwicklung. Alexander Kerenski, der ehrgeizige Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, bereiste die Ostfront und versicherte den Truppen mit beredten Worten, daß „Sieg, Demokratie und Frieden“ vor der Tür ständen. Die hungernden, rebellischen Soldaten blieben unbeeindruckt und desertierten zu Zehntausenden. In zerfetzten, schmutzigen Uniformen wanderten sie durchs Land - ein endloser Strom wälzte sich über regendurchweichte Felder und holprige Straßen den Dörfern und Städten zu.[2]

Dort begegneten die heimkehrenden Soldaten den revolutionären Arbeitern und, Bauern. Überall bildeten die Soldaten, Arbeiter und Bauern spontan revolutionäre Räte, die sie „Sowjets“ nannten, und wählten Deputierte, die der Regierung in Petrograd ihre Forderung: „Friede, Brot und Land!“ vortragen sollten.

Als Major Raymond Robins in Petrograd eintraf, war das Land von einer düsteren Masse hungriger, verzweifelter Menschen überflutet. In der Hauptstadt wimmelte es von Soldatenabordnungen, die direkt aus den lehmigen Schützengräben kamen und eine sofortige Beendigung des Krieges forderten. Fast jeden Tag gab es Hungerrevolten. Lenin s bolschewistische Partei, die durch ein Verbot Kerenskis auf illegale Untergrundarbeit beschränkt worden war, gewann rasch an Macht und Ansehen.

Raymond Robins weigerte sich, die Anschauungen des Botschafters Francis und seiner zaristischen Freunde als gültige Wahrheiten zu akzeptieren. Er verlor nicht viel Zeit in den Salons von Petrograd, sondern begab sich, wie er sagte, „ins Feld“, um die russischen Zustände aus eigener Anschauung kennenzulernen. Robins glaubte mit leidenschaftlicher Überzeugung an die „unbürokratische Methode - jene Gesinnung, die allen erfolgreichen Geschäftsleuten Amerikas gemeinsam ist; eine Gesinnung, die nichts als gegeben hinnimmt, sondern stets den Tatsachen auf den Grund geht“. Er bereiste das Land, er inspizierte Fabriken, Gewerkschaftsgebäude, Militärbaracken und sogar die verlausten Schützengräben der Ostfront. Robins wollte wissen, was in Rußland geschah - und so ging er zum russischen Volk.

In jenem Jahr bot ganz Rußland das Bild eines riesigen aufgeregten Debattierklubs. Nach jahrhundertelang aufgezwungenem Schweigen hatten die Menschen endlich ihre Sprache wiedergefunden. Überall wurden Versammlungen abgehalten. Jeder kam zu Wort. Regierungsbeamte, alliiertenfreundliche Propagandaredner, Bolschewiki, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, Menschewiki - alles redete durcheinander. Am beliebtesten waren die bolschewistischen Redner, deren Worte von Soldaten, Arbeitern und Bauern ständig wiederholt wurden.

„Zeigt mir, wofür ich kämpfe!“ forderte ein russischer Soldat in einer dieser erregten Massenversammlungen. „Um Konstantinopel oder um die Freiheit Rußlands? Für die Demokratie oder für die kapitalistischen Ausbeuter? Wenn ihr mir beweisen könnt, daß ich die Revolution verteidige, denn braucht man mir nicht mit der Todesstrafe zu drohen - ich gehe freiwillig an die Front zurück. Wenn das Land den Bauern, die Fabriken den Arbeitern und die Macht den Sowjets gehört, dann wissen wir, wofür wir kämpfen, und dafür werden wir kämpfen.“

Robins war in seinem Element. Wie oft hatte er zu Hause, in den Vereinigten Staaten, auf der Rednertribüne gestanden und mit amerikanischen Marxisten debattiert: warum sollte er es nicht mit russischen Bolschewiki versuchen? Häufig bat Robins um Erlaubnis, einem der bolschewistischen Redner antworten zu dürfen. In Fabriken und Schützengräben trat der breitschultrige, dunkeläugige Amerikaner vor die Menge und sprach. Durch Vermittlung seines eigenen Dolmetschers erzählte Robins den russischen Zuhörern von amerikanischer Demokratie, von der Bedrohung durch den preußischen Militarismus. Seine Worte wurden ausnahmslos mit stürmischem Applaus aufgenommen.

Über dieser Tätigkeit vergaß Robins keineswegs die ihm vom Roten Kreuz übertragenen Aufgaben. Es war seine Pflicht, Nahrung für die hungernden Städte zu beschaffen. Längs der Wolga fand Robins riesige Getreidevorräte, die nicht weiterbefördert werden konnten und in den Speichern verdarben. Die hoffnungslose Unfähigkeit des zaristischen Regimes hatte zu einem völligen Zusammenbruch des Verkehrswesens geführt, und Kerenski hatte nichts zur Besserung der Lage getan. Robins schlug vor, das Getreide auf einer Flottille von Kähnen flußaufwärts zu befördern, was von Kerenskis Beamten als undurchführbar abgelehnt wurde. Da erschien ein Bauer bei Robins, der sich als Vorsitzender der örtlichen Bauernsowjets vorstellte. Er versprach, für die Bereitstellung der nötigen Kähne Sorge zu tragen, und am nächsten Morgen schwamm das Getreide bereits nach Moskau und Petrograd.

Überall konnte Robins den Gegensatz zwischen der hilflosen Verworrenheit der Kerenski-Regierung und dem entschlossenen Organisationswillen der revolutionären Sowjets feststellen. Wenn der Vorsitzende eines Sowjets etwas versprach, dann geschah es auch.

Als Robins zum erstenmal in ein Dorf kam und den dortigen Regierungsbeamten zu sprechen verlangte, lächelten die Bauern und sagten: „Gehen Sie lieber zum Vorsitzenden des Sowjets“:

„Was ist denn das - der Sowjet?“ fragte Robins.

„Die Vertretung der Arbeiter, Soldaten und Bauern.“

„Aber das ist doch irgendeine revolutionäre Organisation?“, meinte Robins abwehrend. „Ich suche die Zivilbehörde - die reguläre Amtsgewalt.“

Die Bauern lachten. „Ach, das hat keinen Wert! Gehen Sie lieber zum Vorsitzenden des Sowjets!“.

Nach seiner Rückkehr legte Robins seinem Vorgesetzten einen vorläufigen Bericht über diese Inspektionsreise vor. Er bezeichnete Kerenskis Provisorische Regierung als eine Art bürokratischer Spitzenorganisation, die in Petrograd, Moskau und einigen anderen Städten mit dem Bajonett gehalten werde. Die wahre Regierung des Landes liege in den Händen der Sowjets. Da Kerenski jedoch die Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland anstrebte, war Robins dafür, ihn zu stützen. Wenn die Alliierten das völlige Abgleiten Rußlands in chaotische. Zustände verhindern wollten, so mußten sie nach Robins’ Ansicht ihren ganzen Einfluß geltend machen, um Kerenski zu einer Einigung mit den Sowjets zu veranlassen.

Er regte an, die Regierung der Vereinigten Staaten über die Lage zu orientieren, bevor es zu spät sei, und schlug folgenden kühnen Plan vor: das russische Volk müsse sofort durch einen großangelegten, mit Hochdruck betriebenen Propagandafeldzug davon überzeugt werden, daß seine Revolution einzig und allein von deutscher Seite her bedroht sei. Zu seiner Überraschung stimmte Oberst Thompson sowohl seinem Bericht als auch seinem Vorschlag rückhaltlos zu. Er sagte, er würde den Plan in großen Umrissen telegraphisch nach Washington weiterleiten und um Zustimmung und Bewilligung der nötigen Geldmittel ersuchen. Da die Zeit dränge, solle Robins sofort beginnen.

„Aber wo soll ich das Geld hernehmen?“ fragte Robins.

„Ich riskiere eine Million aus meinem persönlichen Besitze“, erwiderte Oberst Thompson.

Robins wurde ermächtigt, bei der Petrograder Bank des Oberst Beträge bis zu dieser Höhe abzuheben.

Es komme vor allem darauf an, meinte Oberst Thompson, den Zusammenbruch der russischen Armee an der Ostfront zu verhindern und die Deutschen von Rußland fernzuhalten.

Der Oberst verkannte die Gefahr eines solchen aktiven und eigenmächtigen Eingreifens in die russischen Verhältnisse nicht.

„Wissen Sie, was das bedeutet, Robins?“ fragte er.

„Ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, die Situation zu retten, Herr Oberst“, antwortete Robins.

„Nein, ich meine, ob Sie sich darüber im klaren sind, was für Folgen die Sache für Sie haben kann?“

„Was für Folgen?“

„Wenn wir einen Mißerfolg haben, dann werden Sie erschossen.“

Robins zuckte die Achseln. „An der Westfront werden jeden Tag jüngere und bessere Leute erschossen.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Herr Oberst, wenn ich erschossen werde, dann werden Sie aufgehängt.“

„Es sollte mich nicht wundern, wenn Sie recht behalten“, meinte Oberst Thompson.[3]

2. Gegenrevolution

Kühler, feuchter Wind wehte von der Ostsee; regenschwere, tiefe Wolken hingen unheildrohend über Petrograd, in dem die Ereignisse mit Riesenschritten dem entscheidenden Wendepunkt zustrebten.

Im Winterpalais ging Alexander Kerenski, der Ministerpräsident der Provisorischen Regierung, nervös in seinem Zimmer auf und ab. Er trug wie stets eine schlichte, braune, hochgeschlossene Uniform, die rechte Hand war in napoleonischer Geste zur Brust erhoben. Blaß starrte er vor sich hin.

„Was erwartet man von mir?“ schrie er Raymond Robins an. „Einmal trete ich als Anhänger des westeuropäischen Liberalismus auf, um die Alliierten zufriedenzustellen - die übrige Zeit versuche ich, mich durch Bekenntnisse zum russisch-slawischen Sozialismus am Leben zu erhalten!“

Kerenski hatte allen Grund, unruhig zu sein. Seine englisch-französischen Freunde und die russischen Millionäre, die seine Hauptstützen gewesen waren, verhandelten hinter seinem Rücken über seine Absetzung.

Die russischen Millionäre hatten offen gedroht, die Deutschen ins Land zu rufen, wenn England und Frankreich sich nicht zu aktiven Maßnahmen gegen die Revolution entschließen konnten.

„Die Revolution ist eine Krankheit“, erklärte Stepan Georgewitsch Lianosow, der „russische Rockefeller“, dem amerikanischen Zeitungskorrespondenten John Reed. „Früher oder später müßen die fremden Mächte in Rußland eingreifen - so wie man versucht, ein krankes Kind zu heilen und ihm das Gehen beizubringen.“

Ein anderer russischer Millionär, Riabuschinski, behauptete, es gäbe nur eine einzige Lösung: „Die Knochenhand der Hungersnot und die Armut des Volkes werden die falschen Freunde des Volkes - die demokratischen Sowjets und Komitees - bei der Gurgel packen!“

Sir Samuel Hoare, der Chef des englischen diplomatischen Geheimdienstes in Rußland, unterhielt sich mit all diesen Millionären und äußerte nach seiner Rückkehr in London die Ansicht, das russische Problem sei am besten durch eine Militärdiktatur zu lösen. Als geeignetste Kandidaten für den Posten eines russischen Diktators schlug er vor: Admiral Koltschak, der von allen ihm bekannten russischen Persönlichkeiten dem Typ des „englischen Gentleman“ am nächsten komme, und General Lawr Kornilow, den sehnigen, schwarzbärtigen Kommandeur der Kosakeneinheiten der russischen Armee.

Die Regierungen Frankreichs und Englands entschlossen sich für Kornilow. Sie sahen in ihm den starken Mann, der zur gleichen Zeit den Krieg fortsetzen, die Revolution unterdrücken und die englisch-französischen Finanzinteressen in Rußland schützen sollte.

Raymond Robins hielt diese Entscheidung für einen schweren Fehler. Die Alliierten kannten den russischen Volkscharakter nicht; sie spielten den Bolschewiki in die Hände, die von Anbeginn behauptet hatten, das Kerenski-Regime diene nur dazu, die geheime Vorbereitung der Gegenrevolution zu maskieren. Generalmajor Alfred Knox, der englische Militärattache und Chef der englischen Militärmission in Moskau, ersuchte Robins unverblümt, den Mund zu halten.

Der Putschversuch fand am 8. September 1917 statt. Der erste Schritt war eine Proklamation, in der Kornilow als Oberkommandierender der Armee die Beseitigung der Provisorischen Regierung und die Wiederherstellung von „Disziplin und Ordnung“ forderte. Tausende von Flugschriften mit dem Titel „Kornilow, der russische Held“, tauchten plötzlich in den Straßen von Moskau und Petrograd auf. Später enthüllte Kerenski in seinem Buch „Die Katastrophe“, daß „diese Flugschriften auf Kosten der englischen Militärmission gedruckt und im Sonderzug des englischen Militärattaches General Knox von der englischen Botschaft in Petrograd nach Moskau geschafft wurden.“ Kornilow ließ zwanzigtausend Soldaten gegen Petrograd marschieren. In ihren Reihen befanden sich französische und englische Offiziere in russischer Uniform.

Kerenski konnte den Verrat nicht fassen. In London und Paris wurde er noch immer als der „große Demokrat“, der „Held der russischen Massen“ gefeiert. Und hier, in Rußland, versuchten die Vertreter der alliierten Mächte, ihn zu stürzen! Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg - und tat nichts.

Der Petrograder Sowjet, in dem die Bolschewiki die Mehrheit hatten, ordnete aus eigener Initiative die sofortige Mobilisierung an. Bewaffnete Arbeiter schlossen sich mit revolutionären Matrosen der Baltischen Flotte und heimgekehrten Soldaten zusammen. In den Straßen wurden Barrikaden und Drahtverhaue errichtet. In aller Eile brachte man Geschütze und Maschinengewehre in Stellung. Die Rote Garde - Arbeiter in Mützen und Lederjacken, mit Gewehren und Handgranaten ausgerüstet - patrouillierte in den nassen, holprigen Straßen.

Nach vier Tagen befand sich Kornilows Armee in voller Auflösung, Der General selbst wurde von dem innerhalb seines eigenen Heeres heimlich gebildeten Soldatenrat verhaftet. Schon am ersten Nachmittag wurden an die vierzig Generäle des alten Regimes, die in Kornilows Verschwörung verwickelt waren, im Hotel Astoria in Petrograd dingfest gemacht, wo sie auf Nachrichten über Kornilows Erfolge warteten. Kerenskis stellvertretender Kriegsminister, Boris Sawinkow, wurde wegen Teilnahme an der Verschwörung durch Volksbeschluß aus seinem Amt entfernt. Die Provisorische Regierung schwankte bedenklich.

Der Putsch hatte gerade das herbeigeführt, was er hätte verhindern sollen: den Sieg der Bolschewiki, die Bewährung der Stärke der Sowjets.

Nicht Kerenski hatte in Petrograd die Macht in den Händen, sondern die Sowjets.

„Die Sowjets“, sagte Raymond Robins, „gelangten ohne Gewalt ans Ziel - sie waren die Kraft, der Kornilow erlag.“

Botschafter Francis hingegen telegraphierte an das amerikanische Staatsdepartement:

„Kornilows Versagen auf schlechte Beratung, falsche Information, ungeeignete Methoden, schlecht gewählten Zeitpunkt zurückzuführen. Guter Soldat, Patriot, aber unerfahren. Regierung war sehr beunruhigt, wird möglicherweise aus dieser Erfahrung lernen.“

3. Revolution

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Lenin hatte noch, als er sich verborgen halten mußte, eine neue revolutionäre Parole ausgegeben: „Alle Macht den Sowjets! Nieder mit der Provisorischen Regierung!“

Am 7. Oktober sandte Oberst Thompson folgendes besorgte Telegramm nach Washington:

„Maximalisten (Bolschewik!) streben jetzt aktiv Kontrolle über Allrussischen Arbeiter- und Soldatenkongreß an, der diesen Monat hier stattfindet. Wenn sie Erfolg haben, werden sie neue Regierung bilden. Folgen wären katastrophal, würde möglicherweise zu Sonderfrieden führen. Wir wenden alle Mittel auf, brauchen sofortige Unterstützung, sonst alle Bemühungen zu spät.“

Am 3. November kamen die militärischen Vertreter der alliierten Mächte in Oberst Thompsons Büro zu einer Geheimkonferenz zusammen. Was sollte man gegen die Bolschewiki unternehmen? General Niessel, der Leiter der französischen Militärmission, äußerte sich sehr abfällig über die Unfähigkeit der Provisorischen Regierung und bezeichnete die russischen Soldaten als „gelbe Hunde“, was einen russischen General veranlaßte, mit zorngerötetem Gesicht den Raum zu verlassen.

General Knox warf den Amerikanern vor, Kornilow ihre Unterstützung verweigert zu haben.

„Ich bin an der Stabilisierung der Kerenski-Regierung nicht im mindesten interessiert“, rief er Robins zu. „Sie ist untüchtig, unzulänglich und wertlos. Sie hätten sich auf Kornilows Seite stellen sollen!“

„Herr General“, antwortete Robins, „Sie waren doch auf Kornilows Seite!“

Der englische General bekam einen roten Kopf. „Für Rußland gibt es heute nichts als eine Militärdiktatur“, sagte er. „Diese Leute müssen eine feste Hand über sich spüren.“

„Herr General“, meinte Robins, „Sie werden vielleicht eine ganz andere Diktatur in Rußland erleben.“

„Sie meinen dieses agitatorische Zeug?“

„Ja, das meine ich.“

„Robins“, sagte General Knox, „Sie sind kein Soldat. Sie verstehen nichts von militärischen Angelegenheiten. Wir Militärs wissen, wie man, mit solchen Leuten umgeht. Sie werden an die Wand gestellt und erschossen.“

„Gewiß“, antwortete Robins, „wenn es Ihnen gelingt, ihrer habhaft zu werden. Ich gebe zu, Herr General, daß ich von militärischen Dingen nichts verstehe, aber ich verstehe mich auf Menschen. Ich habe mein. Leben lang mit ihnen zu tun gehabt. Ich habe mir Rußland angesehen, und ich bin sicher, daß es sich hier um eine Massenbewegung handelt.“

Am 7. November 1917, vier Tage nach der Konferenz in Oberst Thompsons Büro, erfolgte die Machtübernahme durch die Bolschewiki.

Der Beginn der welterschütternden bolschewistischen Revolution vollzog sich in seltsam unmerklicher Weise. Noch nie hatte es eine so friedliche Revolution gegeben. Kleine Gruppen von Soldaten und Matrosen patrouillierten durch die Stadt. Von Zeit zu Zeit fielen vereinzelte Schüsse. In den eisigen Straßen sammelten sich gestikulierende, debattierende Männer und Frauen vor den frischen Maueranschlägen und lasen die neuesten Aufrufe und Proklamationen. Einander widersprechende Gerüchte waren im Umlauf. Straßenbahnwagen ratterten über den Newski-Prospekt. Hausfrauen gingen in den Geschäften aus und ein. Die konservativen Petrograder Zeitungen, die an diesem Tag in gewohnter Weise erschienen, teilten ihren Lesern nicht einmal mit, daß eine Revolution stattgefunden hatte.

Die Telephonzentrale, das Telegraphenamt, die Staatsbank und die Ministerien leisteten fast keinen Widerstand. Das Winterpalais, in dem sich Kerenskis Provisorische Regierung befand, wurde von den Bolschewiki eingeschlossen und belagert. Kerenski floh am gleichen Nachmittag in einem Tourenwagen der amerikanischen Botschaft, der das amerikanische Hoheitszeichen trug.

Kurz vor seiner Abreise sandte er eine kurze Mitteilung an den Botschafter Francis, in der er versprach, Truppen von der Front heranzubringen und die „Situation innerhalb von fünf Tagen zu liquidieren“.

Um 6 Uhr nachmittags telegraphierte Francis an Staatssekretär Lansing:

„Bolschewiki scheinen hier alles in der Hand zu haben.

Aufenthalt sämtlicher Minister unbekannt“.

Mitten in der Nacht, bei Nebel und Regen, ratterten Lastwagen durch den Straßenschmutz. Bei den offenen Feuern der Wachtposten stoppten sie und warfen weiße Bündel ab, Proklamationen folgenden Wortlauts:

An die Bürger Rußlands!

Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung - diese Sache ist gesichert. Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

Das Revolutionäre Kriegskomitee
des Petrograder Sowjets der Arbeiter-
und Soldatendeputierten.

Hunderte von Soldaten und Mitgliedern der Roten Garde drängten sich in dunklen Scharen um das strahlend erleuchtete Winterpalais, die letzte Festung der nicht mehr existierenden Provisorischen Regierung. Plötzlich setzten sich die Massen in Bewegung, stürzten die Barrikaden um und strömten über den Hof in das Winterpalais. Die ehemaligen Minister der Kerenski-Regierung wurden verhaftet: sie saßen noch immer an dem großen Tisch des prunkvoll ausgestatteten Gemaches, in dem sie den ganzen Tag konferiert hatten. Die Tischplatte war mit zusammengeknüllten Bögen bedeckt, den Überresten von Proklamationsentwürfen. Eine begann mit den Worten: „Die Provisorische Regierung richtet an alle Klassen die Aufforderung, die Provisorische Regierung zu unterstützen!“

Am 7. November um 10 Uhr 45 abends fand die Eröffnungssitzung des Allrussischen Kongresses der Sowjets im Ballsaal des Smolny-Institutes statt, das einst den Töchtern der zaristischen Aristokratie als vornehmes Erziehungsinstitut gedient hatte. Jetzt beherbergte der große, mit weißen Marmorsäulen, Kristallüstern und Parkettboden ausgestattete Saal die Vertreter der russischen Soldaten und Arbeiter. Dichte Rauchwolken hingen in der Luft. Die schmutzigen, unrasierten, müden Sowjetdeputierten - Soldaten, an deren Uniformen noch der Schlamm der Schützengräben haftete, Arbeiter in Mützen und zerdrückten schwarzen Anzügen, Matrosen in gestreiften Sweatern und kleinen, runden, bebänderten Mützen - lauschten gespannt den Ansprachen der Mitglieder des Zentralexekutivkomitees, die der Reihe nach die Rednertribüne betraten.

Der Kongreß dauerte zwei Tage. Am Abend des zweiten Tages brach plötzlich ein tumultuarischer Lärm aus. Ein kleiner gedrungener, kahlköpfiger Mann in weitem Anzug war auf der Plattform erschienen. Er hielt ein Bündel Papiere in der Hand.

Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Aufruhr gelegt hatte. Der Redner beugte sich ein wenig vor und sagte: „Wir schreiten jetzt zur Errichtung der sozialistischen Ordnung!“

Der Redner hieß Lenin .

Der Kongreß bildete die erste Sowjetregierung - den Rat der Volkskommissare unter dem Vorsitz von Wladimir Iljitsch Lenin .

4. Die Anerkennung wird verweigert

Am nächsten Morgen übermittelte Botschafter Francis seinem Freund Maddin Summers, dem amerikanischen Generalkonsul in Moskau, folgenden Bericht:

„Ich höre, daß der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat ein Kabinett mit Lenin als Ministerpräsident, Trotzki als Außenminister und Frau oder Fräulein Kollontai als Erziehungsminister ernannt hat. Widerlich! Ich hoffe nur eines: je lächerlicher die Situation ist, desto rascher wird Abhilfe geschaffen werden.“

Nach Washington telegraphierte der Botschafter, daß die neue Sowjetregierung sich nur wenige Tage halten werde. Er riet dem Staatsdepartement, die derzeitige Regierung nicht anzuerkennen, sondern die Beseitigung der Bolschewiki und die Machtübernahme durch „russische Patrioten“ abzuwarten.

Am gleichen Morgen begab sich Raymond Robins zu Oberst Thompson in das Hauptquartier des amerikanischen Roten Kreuzes in Petrograd.

„Wir müssen rasch handeln!“ sagte er zu seinem Chef. „Es ist purer Unsinn, zu behaupten, daß Kerenski irgendwo eine Armee aufstellt, daß die Kosaken vom Don und die Weißgardisten aus Finnland zu Hilfe kommen werden. Sie können überhaupt nicht hierher gelangen, es sind viel zuviel bewaffnete Bauern dazwischen. Die Gruppe, die jetzt im Smomy-Institut regiert, wird noch eine ganze Weile an der Macht bleiben!“

Robins beabsichtigte, eine sofortige Unterredung mit Lenin im Smolny-Institut herbeizuführen, und ersuchte Oberst Thompson um seine Zustimmung. „Diese Leute sind im großen und ganzen freundlich und anständig“, äußerte Robins über die Bolschewiki. „Ich habe mich selbst mit Politik befaßt und bin mit führenden politischen Persönlichkeiten unseres Landes in Berührung gekommen, und ich glaube nicht, daß es im Smolny-Institut Leute gibt, die korrupter oder schlimmer sind als manche unserer politischen Gauner.

An Stelle jeder Antwort zeigte ihm Oberst Thompson einen soeben aus Washington eingelaufenen Befehl, sofort zwecks Besprechung der Lage zurückzukehren. Er persönlich stimme der Ansicht von Robins bei, daß die Bolschewiki die Vertreter der russischen Volksmassen seien. Er werde versuchen, das amerikanische Staatsdepartement von der Richtigkeit dieser Anschauung zu überzeugen. Inzwischen möge Robins im Rang eines Oberst die Leitung des amerikanischen Roten Kreuzes in Rußland übernehmen. Oberst Thompson drückte seinem ehemaligen Stellvertreter die Hand und wünschte ihm alles Gute.

Robins verlor keine Minute. Er fuhr zum Smolny-Institut und verlangte Lenin zu sehen.

„Ich war für Kerenski“, erklärte Robins ehrlich und frei, „aber ich bin imstande, einen Toten von einem Lebenden zu unterscheiden, und ich halte die Provisorische Regierung für eine Leiche. Ich möchte wissen, ob das amerikanische Rote Kreuz dem russischen Volk dienlich sein kann, ohne daß dadurch unsere nationalen Interessen geschädigt werden. Ich bin gegen Ihr Programm, aber die inneren Angelegenheiten Rußlands gehen mich nichts an. Wenn Kornilow oder der Zar oder sonst jemand an der Macht wäre, würde ich mit ihm sprechen!“

Der energische, umgängliche Amerikaner war Lenin vom ersten Augenblick an sympathisch. Er versuchte, Robins den Wesen des neuen Regimes auseinanderzusetzen.

Über die wirtschaftliche Seite des Sowjetsystems äußerte sich Lenin folgendermaßen: „Wir werden die Welt durch Schaffung einer Republik der Werktätigen herausfordern. Wir werden niemanden, der Kapital oder sonstigen Besitz hat, in den Sowjet aufnehmen, dafür kommen nur die Werktätigen in Betracht. Die Kohle des Donbas wird durch diejenigen vertreten sein, die die Kohle fördern, die Eisenbahn durch die Eisenbahner, die Post durch die Postangestellten und so weiter.“

Lenin schilderte Robins eine weitere wichtige Phase des bolschewistischen Programms: die Lösung der „Nationalitätenfrage“. Das zaristische Regime hatte die zahlreichen nationalen Gruppen rücksichtslos unterdrückt und zu Sklavenvölkern herabgewürdigt. Hier, sagte Lenin , würden durchgreifende Änderungen vollzogen werden. Man strebe die Ausmerzung des Antisemitismus und ähnlicher primitiver Vorurteile an, mit deren Hilfe der Zarismus die verschiedenen Parteien gegeneinander aufhetzte. Jede Nationalität und jede nationale Minderheit müsse völlige Selbständigkeit und Gleichberechtigung erhalten. Zur Bewältigung dieser äußerst komplizierten und wichtigen Aufgabe war Josef Stalin ausersehen, der führende Fachmann der Bolschewiki für die Nationalitätenfrage.[4]

Robins fragte Lenin , wie es um die Fortführung des Krieges gegen Deutschland bestellt sei.

Lenin antwortete ihm mit größter Aufrichtigkeit. Der Kampf sei bereits abgebrochen. Rußland könne erst dann Widerstand leisten, wenn ein neues Heer - eine Rote Armee - geschaffen sei. Und das würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Das baufällige Gefüge der russischen Industrie und des russischen Transportwesens müsse einer durchgreifenden Neuorganisation unterzogen werden.

Die Sowjetregierung, fuhr Lenin fort, suche die Anerkennung und Freundschaft der Vereinigten Staaten. Er sei sich über die Voreingenommenheit der offiziellen Stellen gegen seine Regierung im klaren. Er schlug Robins ein gewisses Mindestmaß - praktischer Zusammenarbeit vor. Als Gegenleistung für technische Hilfe von seiten Amerikas wolle sich die Sowjetregierung verpflichten, ihr gesamtes Kriegsmaterial von der Ostfront abzuziehen, da es sonst unweigerlich den Deutschen in die Hände fallen würde. Robins leitete diesen Vorschlag an General William Judson, den amerikanischen Militärattache und Leiter der amerikanischen Militärmission in Rußland, weiter, und Judson begab sich ins SmolnyInstitut, um die Einzelheiten des Abkommens auszuarbeiten. Der General stellte eine Zusatzforderung: die vielen hunderttausend deutschen Kriegsgefangenen sollten erst nach Beendigung des Krieges in ihre Heimat zurückgeschickt werden. - Damit war Lenin einverstanden.

General Judson teilte dem Botschafter Francis sofort mit, daß es im Interesse der Vereinigten Staaten läge, die Sowjetregierung anzuerkennen.

„Der Sowjet hat die faktische Regierungsgewalt“, meinte er. „Man sollte die Beziehungen aufnehmen.“

Aber der amerikanische Botschafter hatte andere Pläne, die in Washington bereits bekannt waren.

Einige Tage später traf ein Telegramm des Staatssekretärs des Äußeren, Lansing, ein, das Francis anwies, allen Repräsentanten der amerikanischen Regierung die „Aufnahme direkter Beziehungen zu der bolschewistischen Regierung“ zu untersagen. In dem Telegramm hieß es ausdrücklich: „Judson ist entsprechend zu informieren.“

Bald danach wurde General Judson durch ein zweites Telegramm nach den Vereinigten Staaten abberufen.

Robins wollte als Protestkundgebung gegen die Politik des Staatsdepartements seinen Abschied einreichen. Aber er wurde zu seiner größten Verwunderung vom Botschafter Francis ersucht, auf seinem Posten zu verbleiben und den Kontakt mit dem Smolny-Institut aufrechtzuerhalten.

„Ich würde es für unklug halten, diese Beziehung so plötzlich und vollständig abzubrechen - ich glaube, Sie sollten Ihre Besuche fortsetzen“, sagte ihm Francis. „Außerdem möchte ich über die Vorgänge orientiert sein. Ich werde Sie decken.“

Robins wußte nicht, daß Francis besondere Gründe hatte, möglichst genaues Informationsmaterial über die Sowjetregierung zu sammeln.

5. Geheimdiplomatie

Am 2. Dezember 1917 ging Francis erster vertraulicher Bericht über die Tätigkeit des Generals Alexei Kaledin, Ataman der Donkosaken, nach Washington ab. Der Botschafter bezeichnete Kaledin als den „Oberkommandierenden von 200000 Kosaken“. General Kaledin hatte die südrussischen Kosaken zu einer gegenrevolutionären Weißen Armee zusammengeschlossen und die „Unabhängigkeit des Dongebietes“ proklamiert. Er bereitete einen Marsch auf Moskau vor, um die Sowjetregierung zu stürzen. Geheimverbände zaristischer Offiziere, die in Moskau und Petrograd Spionagearbeit gegen die Sowjetregierung leisteten, stellten die Verbindung mit Francis her.

Auf die Bitte des Botschafters hin übermittelte Maddin Summers, der amerikanische Generalkonsul in Moskau, einige Tage später dem Staatsdepartement einen noch ausführlicheren Bericht über die Streitkräfte des Generals Kaledin. Summers, der mit der Tochter eines reichen zaristischen Aristokraten verheiratet war, stand der Sowjetregierung noch feindlicher gegenüber als Francis. Er behauptete in seinem Bericht an das Staatsdepartement, Kaledin hätte bereits alle „loyalen“ und „ehrenhaften“ Elemente Südrußlands in seinen Reihen vereinigt.

Staatssekretär Lansing empfahl daraufhin der amerikanischen Botschaft in London, Kaledins Sache durch eine Geheimanleihe zu finanzieren. Diese Anleihe, meinte Lansing, sollte durch die englische oder französische Regierung vermittelt werden.

Lansing fügte hinzu: „Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen, daß Sie rasch handeln und Ihren Mittelsmännern die Verpflichtung auferlegen müssen, über die moralische und mehr noch über die finanzielle Unterstützung der Kaledin-Bewegung durch die Vereinigten Staaten strengstes Stillschweigen zu bewahren.“

Francis wurde angewiesen, bei den Verhandlungen mit den Agenten Kaledins in Petrograd die größte Vorsicht walten zu lassen, um keinesfalls das Mißtrauen der Bolschewiki zu erregen.

Trotz all dieser Vorsichtsmaßregeln kam die Sowjetregierung, die stets mit der Möglichkeit einer Intervention der Alliierten in Rußland gerechnet hatte, dem Komplott auf die Spur. Mitte Dezember beschuldigte die Sowjetpresse den amerikanischen Botschafter, mit Kaledin konspiriert zu haben. Francis leugnete mit liebenswürdiger Glätte.

„Ich werde der Presse eine Erklärung abgeben“, telegraphierte er am 22. Dezember an Lansing, „in der ich jede Verbindung mit Kaledin und jede Kenntnis seiner Bewegung energisch abstreite und mich auf Ihren endgültigen und nachdrücklichen Auftrag berufe. Nicht in die inneren Angelegenheiten Rußlands einzugreifen. Ich werde sagen, daß ich diesen Befehl strikt befolgt habe.“

Die Sowjetregierung, mußte sich schützen, so gut es ging. Die Feindseligkeit der Alliierten hatte sie in eine isolierte Stellung gedrängt. Ihre schwachen Kräfte reichten nicht aus, um der gewaltigen deutschen Heeresmacht ohne Verbündete entgegenzutreten. Und die unmittelbarste Bedrohung ging von Deutschland aus.

Um das neue Rußland zu retten und Zeit für die dringendste Aufbauarbeit und die Schaffung der Roten Armee zu gewinnen, schlug Lenin ein sofortiges Friedensangebot vor.

Nachdem er seinen Anhängern in aller Ausführlichkeit die klägliche Verfassung des russischen Transportwesens, der Industrie und des Heeres geschildert hatte, sagte er: „Eines Tages werden wir ohnedies gezwungen sein, Frieden zu machen. Wir müssen stark werden, und dazu brauchen wir Zeit… Wenn die Deutschen mit dem Vormarsch beginnen, dann werden sie uns den Frieden diktieren, und es wird alles viel schlimmer sein.“

Auf Lenin s Wunsch reiste sofort eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk, dem Hauptquartier der deutschen Ostarmee, ab, um die Friedensbedingungen der Deutschen. kennenzulernen.

Am 23. Dezember 1917, einen Tag nach der Eröffnung der vorbereitenden Friedenskonferenz in Brest-Litowsk, wurde in Paris zwischen England und Frankreich ein Geheimabkommen geschlossen, das die Zerstückelung Rußlands zum Gegenstand hatte. Dieses Abkommen hieß: „L’Accord Francais-Anglais du 23 Décembre 1917 définissant les zones d’action frangaises et anglaises"[5]. Es wurde festgelegt, daß England die Kontrolle über das kaukasische Öl und die Ostseeprovinzen erhalten sollte; die französische „Einflußzone“ umfaßte die Krim und die Eisen- und Kohlenvorräte des Donezbeckens.

Durch dieses Geheimabkommen wurde die Rußlandpolitik der beiden Staaten für die nächsten Jahre unabänderlich festgelegt.


ANMERKUNGEN

  1. Petrograd war die Hauptstadt des zaristischen Rußland. Die nach Peter dem Großen benannte Stadt hieß ursprünglich St. Petersburg; bei Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde die russische Form Petrograd eingeführt. Nach der Oktoberrevolution verlegte man die Hauptstadt nach Moskau. Im Jahre 1924, nach Lenin s Tod, wurde der Name der ehemaligen Hauptstadt in Lenin grad abgeändert.

  2. Drei Jahre lang hatten die russischen Soldaten trotz größter Schwierigkeiten mit Mut und Ausdauer gekämpft. In den ersten Kriegsmonaten, als der deutsche Vormarsch seinen Höhepunkt erreichte, zogen die Russen durch ihren Einfall in Ostpreußen zwei deutsche Armeekorps und eine Kavalleriedivision vom Westen ab, was Joffre die Möglichkeit gab, die Lücke an der Marne zu schließen und Paris zu retten. Im Rücken war die russische Armee durch Verrat und Unfähigkeit bedroht. Der Kriegsminister Suchomlinow war ein von den Deutschen bezahlter Verräter. Am Zarenhof wimmelte es von deutschen Agenten und Leuten, die mit den Deutschen sympathisierten. An der Spitze dieser Gruppe standen die Zarin und die dunkle Gestalt ihres Beraters Rasputin. Die russischen Truppen waren schlecht ausgerüstet. Bis zum Jahre 1917 hatte die russische Armee mehr Menschen verloren als England, Frankreich und Italien zusammen. Die Gesamtverluste beliefen sich auf 3752064 Tote, 4950000 Verwundete und 2500000 Vermißte.

  3. Dieses Gespräch zwischen Major Robins und Oberst Thompson ist wie alle übrigen Gespräche dieses Buches einer der in den bibliographischen Notizen genannten Quellen entnommen.

  4. „Ich hörte den Namen Stalin zum erstenmal“, schrieb Raymond Robins im November 1943 an die Verfasser dieses Buches, „als Lenin mir von seinem Plan erzählte, eine Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken zu errichten ... Er sprach von seiner und Stalins Absicht, die verschiedenartigen Völkergruppen Sowjetrußlands zu einer Gemeinschaft zusammenzufassen, und erwähnte, daß Stalin soeben zum Kommissar für Nationalitäten ernannt worden sei... Stalins unübertreffliche Arbeit auf diesem Gebiet stellt wohl seinen wertvollsten historischen Beitrag zur Einigung und Stärkung des Sowjetvolkes dar. Durch seine Politik wurden die Gegensätze zwischen den Rassen, Religionen, Nationalitäten und Klassen beseitigt und die verschiedenen Völkergruppen der Sowjetunion mit dem Geiste der Einigkeit erfüllt, in dem sie bei der Verteidigung von Lenin grad, Stalingrad und ganz Rußland kämpften und starben.“ Der letzte Satz bezieht sich natürlich auf die historische Rolle des Sowjetvolkes bei der Abwehr und Vernichtung der Nazis im zweiten Weltkrieg.

  5. Englisch-französisches Abkommen vom 23. Dezember 1917 über die Festlegung der englischen- und französischen Einflußsphären.

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