Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

II. SPIEL UND GEGENSPIEL

1. Ein britischer Agent

Um die Mitternacht des 18. Januar 1918 suchte ein in Pelze gehüllter Mann mühsam mit einer Laterne den Weg über eine halbzerstörte Brücke im finnisch-russischen Grenzgebiet. Es war bitter kalt. Der nächtliche Wanderer war der Spezialagent des englischen Kriegskabinetts Bruce Lockhart.

Lockhart war ein Produkt der exklusiven englischen „Public-School“-Erziehung. Mit 24 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein. Er war hübsch und intelligent und galt nach kurzer Zeit als einer der begabtesten und vielversprechendsten jungen Leute des britischen Außenamtes. Mit dreißig Jahren war er englischer Vizekonsul in Moskau. Er sprach fließend Russisch und kannte alle Intrigen und Einzelheiten der russischen Politik. Genau sechs Wochen vor Ausbruch der Oktoberrevolution war er nach London zurückgerufen worden.

Jetzt begab er sich wieder nach Rußland, und zwar auf persönlichen Wunsch des Ministerpräsidenten Lloyd George, den die Rußlandberichte des heimkehrenden Oberst Thompson tief beeindruckt hatten. Robins’ ehemaliger Chef äußerte sich sehr abfällig über die Weigerung der Alliierten, die Sowjetregierung anzuerkennen, und als Folge der Unterredung zwischen Thompson und Lloyd George wurde Lockhart beauftragt, wenigstens faktische Beziehungen mit der Sowjetregierung anzuknüpfen, ohne jedoch eine offizielle Anerkennung in Aussicht zu stellen.

Aber der hübsche junge Schotte war zur gleichen Zeit auch Agent des englischen diplomatischen Geheimdienstes. Inoffiziell hatte er die Aufgabe, die innerhalb der Sowjetregierung bereits bestehende Opposition für die britischen Interessen auszunutzen.

Die Opposition gegen Lenin wurde von dem ehrgeizigen Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Leo Trotzki, geführt, der sich als Lenin s Nachfolger dünkte. Vierzehn Jahre lang war Trotzki ein erbitterter Feind der Bolschewiki gewesen, bis er schließlich wenige Monate vor der Oktoberrevolution, im August 1917, Lenin s Partei beitrat und mit ihr zur Macht gelangte. Jetzt organisierte Trotzki innerhalb der bolschewistischen Partei eine Linksopposition.

Als Lockhart anfangs 1918 in Petrograd eintraf, weilte Trotzki als Führer der sowjetischen Friedensdelegation in Brest-Litowsk.

Trotzki hatte von Lenin den ausdrücklichen Auftrag erhalten, in Brest-Litowsk zu unterzeichnen. Statt dessen forderte Trotzki das europäische Proletariat mit flammenden Worten auf, sich zu erheben und seine Regierungen zu stürzen. Die Sowjetregierung, erklärte er, würde um keinen Preis mit einem kapitalistischen Regime Frieden machen. „Weder Frieden noch Krieg!“ rief Trotzki aus. Er sagte den Deutschen, die russische Armee werde weiter demobilisieren, aber er lehnte es ab, den Frieden zu unterzeichnen.

Lenin kritisierte scharf Trotzkis Verhalten in Brest-Litowsk und bezeichnete seine Vorschläge - „Abbruch des Krieges, Ablehnung eines Friedensschlusses und Demobilisierung der Armee“ - als „Wahnsinn oder etwas Ärgeres als Wahnsinn“.

Lockhart enthüllte später in seinen Memoiren „British Agent“, daß man sich im englischen Außenamt für diese Mißstimmigkeiten zwischen Lenin und Trotzki außerordentlich interessierte - „Mißstimmigkeiten, von denen sich unsere Regierung sehr viel erhoffte[6].“

Trotzkis Verhalten verursachte den. Zusammenbruch der Friedensverhandlungen. Das deutsche Oberkommando ging von Anfang an widerstrebend auf die Verhandlungen mit den Bolschewiki ein. Trotzki spielte nach Lenin s Aussage den Deutschen in die Hand und „half den deutschen Imperialisten“.

Zehn Tage nach dem Abbruch der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk begann das deutsche Oberkommando an der Ostfront eine Generaloffensive von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Im Süden überfluteten die deutschen Armeen die Ukraine. Im Mittelabschnitt wurde der Angriff durch Polen gegen Moskau vorgetragen. Narwa fiel im Norden, Petrograd war bedroht. An allen Teilen der Front brachen die letzten Überreste der alten russischen Armee auseinander. Das neue Rußland schien dem Untergang geweiht. Da strömten aus den Städten die in aller Eile von den bolschewistischen Führern mobilisierten bewaffneten Arbeiter und Rotgardisten herbei. Die aus ihren Reihen gebildeten Regimenter warfen sich dem Ansturm des Feindes entgegen. Die ersten Einheiten der Roten Armee wurden eingesetzt. Am 23. Februar gelang es, den deutschen Angriff bei Pskow zum Stillstand zu bringen.[7] Petrograd war nicht mehr unmittelbar bedroht.

Wieder begab sich eine sowjetische Friedensdelegation nach Brest-Litowsk - diesmal ohne Trotzki.

Deutschland erhob Anspruch auf die Ukraine, Finnland, Polen, den Kaukasus und forderte enorme Reparationen, zahlbar in russischem Gold, Weizen, Öl, Kohle und Mineralien.

Als diese Friedensbedingungen bekannt wurden, ging eine Welle der Empörung über die imperialistischen deutschen Räuber durch ganz Rußland. Lenin sprach von der Hoffnung des deutschen Oberkommandos, durch einen solchen „Raubfrieden“: Sowjetrußland zu zerstückeln und das neue Regime zu stürzen. Bruce Lockhart sah nur einen einzigen vernünftigen Ausweg aus dieser Situation: die Alliierten mußten Rußland gegen die Deutschen beistehen. Die Sowjetregierung machte aus ihrer Abneigung, den Frieden von Brest-Litowsk zu ratifizieren, kein Hehl. Nach Lockharts Ansicht war die künftige Stellungnahme der Alliierten das Zentralproblem der Bolschewiki; würden die Alliierten die Sowjetregierung anerkennen und fördern oder ruhig zusehen, wie die Deutschen Rußland ihren „Raubfrieden“ aufzwangen?

Anfangs neigte Lockhart der Auffassung zu, daß den englischen Interessen am besten durch ein gemeinsames Vorgehen mit Trotzki gegen Lenin gedient wäre. Trotzki versuchte nach Lockharts Formulierung, innerhalb der bolschewistischen Partei einen „Block des heiligen Krieges“ zu bilden, dessen Ziel es war, Lenin mit Unterstützung der Alliierten auszuschalten.

Lockhart berichtet in seinem Buch „British Agent“, daß er sofort nach Trotzkis Rückkehr aus Brest-Litowsk ein persönliches Zusammentreffen herbeiführte. Der Volkskommissar gewährte ihm in seinem Privatbüro im Smolny-Institut ein zweistündiges Interview. Am gleichen Abend faßte Lockhart die gewonnenen Eindrücke in einer Tagebucheintragung folgendermaßen zusammen: „Ich halte ihn für einen Menschen, der bereit wäre, für Rußland zu kämpfen und zu sterben - vorausgesetzt, daß ihm genügend Leute dabei zusehen!“

Der britische Agent und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten wurden gute Freunde. Lockhart gebrauchte die vertrauliche Anrede „Leo Dawidowitsch“ und träumte davon, „mit Trotzki einen großen Coup zu landen“. Aber langsam und widerstrebend rang sich Lockhart zu der Erkenntnis durch, daß Trotzki zu schwach war, um an Lenin s Stelle zu treten.

Ohne Lenin war in Rußland nichts zu erreichen. Lockhart fand bald heraus, daß Raymond Robins diese Anschauung teilte.

„Für mich war Trotzki wegen seines extremen Individualismus und seiner egozentrischen Anmaßung immer eine fragwürdige Figur“, sagte Robins. „Fragwürdig in seinen Absichten, fragwürdig in seiner Stellungnahme und Zugehörigkeit.“

Lockhart hatte den Amerikaner bald nach seiner Ankunft in Petrograd kennengelernt. Ihm gefiel die vorurteilslose Art, in der Robins an die russischen Probleme heranging. Dieser Mann wies die verschiedenen Argumente der Alliierten gegen die Anerkennung der Sowjetregierung energisch zurück. Er machte sich über die unsinnige, von den zaristischen Agenten verbreitete Behauptung lustig, die Bolschewiki seien an einem deutschen Sieg interessiert. Mit beredten Worten schilderte er Lockhart die furchtbaren Zustände im alten Rußland und das Wunder der Erhebung der geknechteten Massen unter bolschewistischer Führung.

Um das Bild zu vervollständigen, nahm Robins Lockhart ins Smolny-Institut mit: er sollte die neue Regierung bei der Arbeit sehen. Als sie durch leise fallenden Schnee zurückfuhren, äußerte sich Robins voller Bitterkeit über die Taktik der Alliierten, die durch ihre Geheimverschwörungen gegen die Sowjetregierung nur „die Sache der Deutschen in Rußland förderten“.

Die Sowjetregierung habe nun einmal festen Fuß gefaßt, und es wäre am besten für die Alliierten, diese Tatsache so bald wie möglich anzuerkennen.

Robins machte Lockhart selbst darauf aufmerksam, daß ihm andere Vertreter und Geheimagenten der Alliierten eine abweichende Version vorsetzen und ihre Behauptungen mit reichhaltigem dokumentarischem Material belegen würden. „Noch nie hat es in der Geschichte der Menschheit so viel gefälschte Papiere gegeben wie jetzt in Rußland“, sagte Robins. Man hätte sogar schriftliche Beweise dafür, daß er, Robins, einerseits Bolschewik sei, sich aber gleichzeitig insgeheim um die Erwerbung russischer Handelskonzessionen für Wall Street bemühe.

Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine enge Freundschaft. Sie waren fast unzertrennlich und begannen den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück, bei dem sie den Schlachtplan für die nächsten Stunden entwarfen. Es war ihr Ziel, ihre Regierungen zur Anerkennung des Sowjetregimes zu überreden und auf diese Weise den Sieg Deutschlands an der Ostfront zu verhindern.[8]

2. Die Stunde der Entscheidung

Die Sowjetregierung befand sich im Frühjahr 1918 in einer schwierigen Lage: Deutschland war entschlossen, die Ablehnung der Friedensbedingungen mit der Vernichtung des Sowjetregimes zu beantworten; England und Frankreich unterstützten im geheimen die gegenrevolutionären Streitkräfte, die sich in Archangelsk, in Murmansk und am Don sammelten. Die Japaner bereiteten mit Zustimmung der Alliierten die Besetzung von Wladiwostok und den Einfall in Sibirien vor.

Lenin teilte Lockhart im Verlaufe eines Interviews mit, die Sowjetregierung werde ihren Sitz nach Moskau verlegen, da man einen deutschen Angriff auf Petrograd befürchte. Die Bolschewiki würden den Kampf nicht aufgeben, selbst wenn sie sich bis an die Wolga und den Ural zurückziehen müßten. Aber sie würden die Bedingungen des Widerstandes selbst bestimmen, anstatt „den Alliierten die Kastanien aus dem Feuer zu holen“. Wenn die Alliierten etwas Verständnis für die Lage aufbringen könnten, wäre eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Zusammenarbeit gegeben. Sowjetrußland brauche Unterstützung im Kampfe gegen die Deutschen.

„Dabei bin ich restlos überzeugt“, bemerkte Lenin bitter, „daß Ihre Regierung diese Auffassung niemals teilen wird. Als reaktionäre Regierung muß sie sich auf die Seite der russischen Reaktion stellen.“

Lockhart leitete den wesentlichen Inhalt dieser Unterredung telegraphisch an das britische Außenamt weiter. Nach einigen Tagen erhielt er ein Code-Telegramm aus London. In fliegender Eile entzifferte er den Text und las die Meinung eines „Militärexperten“: man brauche in Rußland nichts als „eine kleine, aber entschlossene Kerntruppe von englischen Offizieren“, unter deren. Führung die „loyalen Russen“ in kurzer Zeit mit dem Bolschewismus aufräumen würden.

Botschafter Francis schrieb am 23. Februar an seinen Sohn:

Ich habe die Absicht, so lange wie möglich in Rußland zu bleiben.

Wenn ein Sonderfrieden zustande kommt, was ich mit Bestimmtheit erwarte, laufe ich kaum Gefahr, von den Deutschen gefangengenommen zu werden. Aber ein solcher Sonderfrieden würde einen schweren Schlag für die Alliierten bedeuten. Sollte in irgendeinem Teil Rußlands die Berechtigung der bolschewistischen Regierung zum Abschluß eines Sonderfriedens bestritten werden, dann will ich versuchen, mich dorthin zu begeben und den Widerstand zu unterstützen.

Francis folgte dem französischen Botschafter Noulens und anderen Diplomaten der alliierten Mächte in die kleine, zwischen Moskau und Archangelsk gelegene Stadt Wologda. Dieser Schritt zeigte deutlich, daß die alliierten Regierungen fest entschlossen waren, in keiner Weise mit der Sowjetregierung zusammenzuarbeiten.

Robins erörterte die kritische Situation mit Trotzki, der sich nach seiner öffentlichen Erklärung über den in Brest-Litowsk begangenen „Irrtum“ vor Lenin zu rehabilitieren versuchte.

„Wollen Sie die Ratifizierung des Brester Vertrages verhindern?“ fragte er Robins.

„Selbstverständlich“, antwortete Robins. „Aber Lenin ist für den Vertrag, und offen gesagt, Herr Kommissar, hier hat Lenin zu entscheiden!“

Auf Robins’ dringendes Ersuchen erklärte sich Lenin bereit, eine offizielle Note an die Vereinigten Staaten zu entwerfen. Er war zwar von der Erfolglosigkeit dieses Schrittes überzeugt, wollte aber nichts unversucht lassen. Die Note wurde Robins ordnungsgemäß zur Weiterleitung an die Regierung der Vereinigten Staaten übergeben.

Am 14. März versammelten sich in Moskau die Deputierten des Allrussischen Sowjetkongresses. Zwei Tage und zwei Nächte stand die Ratifizierung zur Diskussion. Die trotzkistische Opposition war vollzählig vertreten und versuchte, aus dem unpopulären Friedensvertrag politisches Kapital zu schlagen. Trotzki selbst saß nach Robins’ Worten „schmollend in Petrograd und verweigerte sein Erscheinen“.

Lenin sprach eine Stunde lang. Er machte keinen Versuch, die katastrophalen Friedensbedingungen irgendwie zu beschönigen. Langsam, mit unerbittlicher Logik, legte er dar, daß die von allen Seiten bedrohte, isolierte Sowjetregierung sich um jeden Preis eine „Atempause“ sichern müsse. Der Frieden von Brest-Litowsk wurde bestätigt. Der Kongreß verlautbarte folgende Erklärung: Der Kongreß bestätigt (ratifiziert) den von unseren Vertretern in Brest-Litowsk am 3. März 1918 abgeschlossenen Friedensvertrag.

Der Kongreß erkennt die Handlungsweise des Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare als richtig an, die beschlossen haben, den vorliegenden unwahrscheinlich harten und demütigenden Gewaltfrieden zu schließen, weil wir keine Armee haben und die Kräfte des Volkes, das von der Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz bei seinen Aktionen keine Unterstützung erfuhr, sondern von ihnen für ihre eigennützigen Klasseninteressen ausgenutzt wurde, durch den Krieg erschöpft sind.

3. Die Mission ist beendet

Am 2. Mai 1918 telegraphierte Botschafter Francis an das Staatsdepartement: „Robins und vermutlich auch Lockhart haben die Anerkennung der Sowjetregierung befürwortet, aber Sie und die übrigen Alliierten waren stets dagegen. Ich habe es konsequent abgelehnt, diesen Schritt zu empfehlen, und ich bin auch heute noch von der Richtigkeit meines Standpunktes überzeugt.“

Einige Wochen später sandte Staatssekretär Lansing folgende Depesche an Robins: „Halten Ihre Rückkehr zwecks Besprechung für unbedingt wünschenswert.“

Robins reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Rußland, um in Wladiwostok ein Schiff zu erreichen. Unterwegs erhielt er drei gleichlautende Telegramme des Staatsdepartements mit der Instruktion, unter keinen Umständen irgendeine öffentliche Erklärung abzugeben.

Nach seinem Eintreffen in Washington legte Robins dem Staatssekretär einen Bericht vor, in dem er sich energisch gegen die Interventionsabsichten der Alliierten aussprach.

Robins fügte diesem Bericht ein ausführliches Programm über die Entwicklung der russisch-amerikanischen Handelsbeziehungen bei, das Lenin ihm kurz vor seiner Abreise aus Moskau persönlich überreicht hatte. Dieses Programm war für Präsident Wilson bestimmt, gelangte jedoch nie in seine Hände.

Robins bemühte sich vergeblich, mit dem Präsidenten in direkte Verbindung zu treten. Seine Absichten wurden immer wieder durchkreuzt. Er versuchte, sich durch die Zeitungen Gehör zu verschaffen, aber die Presse gab seine Erklärungen in entstellter Form wieder oder unterdrückte sie vollständig.

Robins mußte sich vor einem Senatsausschuß rechtfertigen, der Fälle von „Bolschewismus“ und „Deutscher Propaganda“ untersuchte.

„Wenn es Bolschewismus bedeutet, die Wahrheit zu sagen, die Bolschewiki nicht zu verleumden, sie nicht als deutsche Agenten, Diebe, Mörder und Schwerverbrecher zu bezeichnen, dann bin ich ein Bolschewiki“ erklärte Robins: „Ich war besser informiert als alle anderen Vertreter der Alliierten in Rußland, und ich versuchte, auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben. Ich wollte leidenschaftslos und objektiv über diese Menschen und ihre Ziele aussagen, obwohl ich ihren Standpunkt nicht teilte … Ich bin durchaus dafür, dem russischen Volk die von ihm gewünschte Regierungsform zu belassen, auch wenn sie mir persönlich nicht genehm ist oder meinen Grundsätzen nicht entspricht… Meiner Ansicht nach ist eine genaue Kenntnis der tatsächlichen Vorgänge in Rußland für uns von größter Wichtigkeit. Wir sollten unser Verhältnis zu Rußland nicht durch Leidenschaften und falsche Behauptungen bestimmen lassen, sondern eine ehrliche, korrekte Beziehung anstreben … Ich halte es für aussichtslos, Ideen mit dem Bajonett zu bekämpfen … Auf den Wunsch nach einer Verbesserung des menschlichen Lebens gibt es nur eine Antwort: diese Verbesserung herbeizuführen.“

Aber diese vereinzelte ehrliche Stimme konnte sich gegen die wachsende Flut falscher und voreingenommener Informationen nicht durchsetzen.

Im Sommer 1918 nannte die „New York Times“ die Bolschewiki bereits „unsere bösartigsten Feinde“, obwohl die Vereinigten Staaten damals noch immer mit Deutschland und nicht mit Rußland im Kriege standen. Die Sowjetführer wurden in der amerikanischen Presse allgemein als „bezahlte Agenten“ der Deutschen bezeichnet.

Botschafter Francis verließ Rußland im Juli 1918. Bis dahin hatte er das russische Volk von Zeit zu Zeit durch Proklamationen und Erklärungen aufgefordert, die Sowjetregierung zu stürzen. Kurz vor seiner Abreise nach den Vereinigten Staaten übermittelte ihm der neue sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, ein Begrüßungstelegramm an das amerikanische Volk. „Dieses Telegramm war offensichtlich für die amerikanischen Pazifisten bestimmt“, schrieb der ehemalige Botschafter später in seinem Buch „Russia from the American Embassy“. „Ich leitete es nicht weiter, da ich eine Veröffentlichung durch das Staatsdepartement befürchtete.“

Bruce Lockhart blieb als britischer Agent in Rußland. „Ich hätte mich zurückziehen und nach Hause fahren sollen“, sagte er später.

„Bevor es mir noch recht zu Bewußtsein gekommen war“, bekannte Lockhart, „hatte ich mich auf die Seite einer Bewegung gestellt, die sich nicht gegen Deutschland, sondern gegen die tatsächlich bestehende russische Regierung richtete. Das ursprüngliche Ziel war vergessen.“


ANMERKUNGEN

  1. Obwohl Trotzki die Kampfunfähigkeit der russischen Armee zugab, weigerte er sich als „Weltrevolutionär“, in Brest-Litowsk den Friedensvertrag zu unterzeichnen, weil ein solcher Friede einen Verrat an der internationalen Revolution bedeuten würde. Mit dieser Begründung lehnte es Trotzki ab, die Instruktionen Lenin s zu befolgen. Später erklärte Trotzki sein Verhalten aus einer falschen Beurteilung der Sachlage. So sagte er auf dem bolschewistischen Parteitag vom 3. Oktober 1918, nachdem der inzwischen erfolgte Angriff Deutschlands auf Rußland beinahe zur Besetzung von Petrograd und zur Vernichtung des Sowjetregimes geführt hatte: „Ich halte es für meine Pflicht, in dieser maßgebenden Versammlung auszusprechen, daß zu einer Zeit, wo viele von uns und auch ich die Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk für unzulässig hielten, einzig und allein Genosse Lenin sich Brest-Litowsk einen solchen Standpunkt einnahm.“ Während er in Brest-Litowsk agitierte, richtete sein wichtigster persönlicher Vertreter in Moskau, Nikolai Krestinski, öffentliche Angriffe gegen Lenin und sprach von der Notwendigkeit, einen „revolutionären Krieg gegen den deutschen Imperialismus, die russische Bourgeoisie und einen Teil des von Lenin gelenkten Proletariats“ zu führen. Trotzkis Bundesgenosse in dieser oppositionellen Bewegung, Bucharin, brachte in einer Sonderkonferenz der sogenannten linken Kommunisten folgende Resolution ein: „Im Interesse der internationalen Revolution halten wir es für ratsam, auf den Sturz der Sowjetmacht hinzuwirken, die nur noch rein formale Geltung hat.“ Im Jahre 1923 enthüllte Bucharin, daß die Opposition während der Krise von Brest-Litowsk tatsächlich die Spaltung der bolschewistischen Partei, den Sturz Lenin s und die Errichtung einer neuen russischen Regierung plante. Standhaft und mit erstaunlichem Weitblick gegen unsere Opposition für die Annahme der Bedingungen einsetzte... Wir müssen zugeben, daß wir im Unrecht waren.“ Trotzki war nicht der einzige, der zur Zeit der Verhandlungen von Brest-Litwosk für ihren Abbruch war.

  2. Der 23. Februar 1918, der Tag, an dem es den Russen gelang, die Deutschen bei Pskow zurückzuschlagen, wird als Geburtstag der Roten Armee gefeiert.

  3. Einen wertvollen Bundesgenossen fanden Lockhart und Robins in dem französischen Hauptmann Jean Sadoul, der früher in Paris als erfolgreicher Advokat und sozialistischer Abgeordneter tätig gewesen war. Hauptmann Sadoul spielte die Rolle eines inoffiziellen Verbindungsoffiziers zwischen Frankreich und der Sowjetregierung. Er war dabei zu denselben Schlüssen gelangt wie Robins und Lockhart. Durch offene Kritik an der Haltung der Alliierten in der russischen Frage hatte er sich die erbitterte Feindschaft des französischen Botschafters Noulens zugezogen, der Sadoul, Robins und Lockhart überall als „Bolschewiki“ bezeichnete. Noulens, ein eingefleischter Reaktionär, der die politischen Ansichten der „Zweihundert Familien“ und der Großaktionäre der Pariser Banken teilte, haßte das Sowjetregime. Er entzog Sadoul die Erlaubnis, der französischen Regierung direkte Nachrichten zu übermitteln, und fing sogar Sadouls persönliche Korrespondenz ab.
    Bruce Lockhart erzählt in seinem Buch „British Agent“, daß Noulens die Beeinflussung des amerikanischen Botschafters David Francis durch Robins zu verhindern suchte, indem er eine Flüsterpropaganda gegen Robins einleitete. So ließ er einen seiner Sekretäre in Francis’ Gegenwart die boshafte Frage stellen: „Wer ist eigentlich amerikanischer Botschafter in Rußland - Francis oder Robins?“ Diese Taktik hatte einen gewissen Erfolg. Francis wurde mißtrauisch, er begann, in Robins seinen Konkurrenten und Nachfolger zu sehen. Er hegte sogar den Verdacht, Robins hätte die Bolschewiki über seine Geheimverhandlungen mit Kaledin informiert.

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