Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

III. EIN MEISTERSPION

1. Herr Massino tritt auf

Im Jahre 1918 bot das revolutionäre Petrograd ein trostloses Bild: draußen standen die Belagerer, von innen her war die Stadt durch gegenrevolutionäre Anschläge bedroht. Nahrungsmittel waren knapp, Heizmaterial fehlte vollständig, der Straßenverkehr war lahmgelegt. In den eisigen, ungefegten Straßen standen endlose Reihen zerlumpter, vor Kälte zitternder Männer und Frauen und warteten auf Brot. Gewehrschüsse fielen in der Stille der langen, grauen Nächte. Dem Sowjetregime feindliche Banden zogen raubend durch die Stadt und terrorisierten die Bevölkerung.[9] Gruppen bewaffneter Arbeiter gingen von Haus zu Haus, suchten nach den geheimen Lebensmittellagern der Spekulanten und machten Plünderer und Terroristen dingfest.

Die Sowjetregierung hatte sich noch nicht vollständig durchgesetzt. Die letzten Spuren des alten, luxuriösen Lebens standen in unheimlichem Kontrast zu dem Elend der Massen. Es gab noch immer sowjetfeindliche Zeitungen, die den Sturz des Sowjetregimes täglich für die allernächste Zukunft in Aussicht stellten. Man konnte elegant gekleidete Herren und Damen in kostspieligen Restaurants und Hotels speisen sehen. Die Nachtlokale waren überfüllt. Man trank und tanzte, die Gäste - zaristische Offiziere, Ballettänzerinnen, bekannte Schwarzmarkthändler mit ihren Mätressen - flüsterten einander sensationelle Gerüchte zu: die Deutschen marschieren auf Moskau! - Trotzki hat Lenin verhaften lassen! - Man berauschte sich an wilden Hoffnungen und Lügen ebenso wie am Wodka. Man intrigierte nach Herzenslust…

Im Frühjahr war ein gewisser Herr Massino in Petrograd aufgetaucht. Er bezeichnete sich selbst als „türkischen Kaufmann“. Er war etwas über vierzig Jahre alt, ein Mann mit langem, blassem, düsterem Gesicht, hoher, fliehender Stirn, unsteten dunklen Augen und sinnlichen Lippen. Er hatte einen raschen, seltsam lautlosen Gang, seine Haltung war aufrecht, fast militärisch. Er schien vermögend zu sein. Die Frauen fanden ihn anziehend. In der bedrückenden Atmosphäre der sowjetischen Hauptstadt ging Herr Massino mit erstaunlicher Gemütsruhe seinen Geschäften nach, Abends war er häufig in dem kleinen, von Rauchwolken erfüllten Lokal Palkin, einer beliebten Zufluchtsstätte sowjetfeindlicher Elemente, zu sehen. Der Besitzer, Sergei Palkin, begrüßte ihn ehrerbietig. In einem abgesonderten Hinterzimmer warteten geheimnisvolle Männer und Frauen, mit denen sich Herr Massino im Flüsterton unterhielt. Manche sprachen russisch, manche französisch oder englisch, Herr Massino kannte viele Sprachen…

Die junge Sowjetregierung bemühte sich, Ordnung in das allgemeine Chaos zu bringen. Diese ungeheure organisatorische Aufgabe wurde durch die ständige Möglichkeit einer Gegenrevolution erschwert. „Die Bourgeoisie, die Großgrundbesitzer und die übrigen Angehörigen der besitzenden Klassen machen verzweifelte Anstrengungen, die „Revolution zu untergraben“, schrieb Lenin . Auf seine Empfehlung wurde eine besondere Organisation geschaffen, die sich gegen die Spionage- und Sabotagetätigkeit in- und ausländischer Feinde richtete. Es war die sogenannte „Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Sabotage und Spekulation“. Die russischen Anfangsbuchstaben ergaben den Namen „Tscheka“.[10]

Als die Sowjetregierung im Sommer 1918 angesichts eines eventuellen deutschen Angriffs nach Moskau übersiedelte, verlegte Herr Massino ebenfalls seinen Wohnsitz dorthin. Aber das Äußere des reichen, geschmeidigen Kaufmanns aus der Levante hatte sich seltsam verändert. In Moskau trug er eine Lederjacke und die Mütze eines Arbeiters. Er begab sich in den Kreml. Als Herr Massino am Eingangstor von einem jungen Soldaten aus dem Elitekorps der Kommunistischen Lettischen Garde angehalten wurde, zeigte er ein offizielles Sowjetdokument vor, das seine Identität als Sidney Georgewitsch Reimski, Agent der Krimmalabteilung der Petrograder Tscheka, bestätigte.

„Sie können passieren, Genösse Reimski!“ sagte der lettische Gardist.

Bei der beliebten Balletteuse Dagmara K., die in einem anderen Stadtteil ein luxuriöses Appartement bewohnte, ging Herr Massino, alias Genösse Reimski von der Tscheka, als Monsieur Constantine, Agent des englischen Geheimdienstes, aus und ein, Seine wahre Identität war dem Mitglied der englischen Botschaft (Bruce Lockhart) bekannt: „Sidney Reilly, die geheimnisvollste Figur des britischen Geheimdienstes - Englands Meisterspion!“

2. Sidney Reilly

Neben der schillernden, außergewöhnlichen Persönlichkeit des Hauptmanns Sidney George Reilly verblassen all die abenteuerlichen Gestalten, die während des ersten Weltkrieges aus der politischen Unterwelt des zaristischen Rußland emportauchten, um an dem großen Kreuzzug gegen den Bolschewismus teilzunehmen. „Ein Mann von napoleonischem Format!“ urteilte Bruce Lockhart, der durch Reilly in eines der gefährlichsten und abenteuerlichsten Unternehmen der europäischen Geschichte hineingezogen wurde.

Der Beginn der Beziehung zwischen Reilly und dem britischen Geheimdienst ist - wie diese ganze, äußerst mysteriöse und mächtige Spionageorganisation - in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Sidney Reilly wurde als Sohn eines irischen Kapitäns und einer Russin im zaristischen Rußland geboren. Seine Jugend verbrachte er im Schwarzmeerhafen Odessa. Vor dem ersten Weltkrieg war er bei dem großen zaristischen Marine-Rüstungskonzern Mandrochowitsch und Graf Schuberski beschäftigt. Schon seine damalige Arbeit hatte streng vertraulichen Charakter. Er hielt die Verbindung zwischen der russischen Firma und gewissen deutschen Industrie- und Finanzkreisen, darunter der berühmten Hamburger Reederei Blohm und Voß, aufrecht. In den letzten Monaten vor Ausbruch des ersten Weltkrieges gingen der britischen Admiralität fortlaufend Informationen über das deutsche Unterseeboot- und Schiffsbauprogramm zu. Diese wertvollen Nachrichten stammten von Sidney Reilly.

Im Jahre 1914 tauchte Reilly als inoffizieller Vertreter der Banque Russo-Asiatique in Japan auf. Von dort reiste er nach den Vereinigten Staaten, um mit amerikanischen Bankiers und Munitionsfabrikanten Verhandlungen zu führen. Um diese Zeit war er bereits unter dem chiffrierten Namen „I Esti“ aktenmäßig in die Listen des britischen Geheimdienstes aufgenommen. Er galt als ungewöhnlich mutig und einfallsreich.

Da Reilly sieben Sprachen beherrschte, wurde er bald aus den Vereinigten Staaten nach Europa abkommandiert, wo ihn wichtige Aufgaben erwarteten. 1916 ging er über die Schweizer Grenze nach Deutschland. Es gelang ihm, in der Uniform eines deutschen Marineoffiziers ins deutsche Marineministerium einzudringen, sich einer Kopie des offiziellen deutschen Marine-Geheimcodes zu bemächtigen und unbehelligt nach London zurückzukehren. Das war vielleicht der kühnste Spionagecoup des ersten Weltkrieges…

Zu Beginn des Jahres 1918 wurde Hauptmann Reilly nach Rußland gesandt, um dort die Leitung des englischen Spionagedienstes zu übernehmen. Er war durch seine weitverzweigten freundschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen und eine intime Kenntnis der gegenrevolutionären Kreise Rußlands für diese Aufgabe hervorragend geeignet. Für Reilly, der die Bolschewiki und die ganze russische Revolution leidenschaftlich haßte, hatte diese Mission eine höchst persönliche Bedeutung. Er machte aus seiner gegenrevolutionären Gesinnung kein Hehl.

In seinen Berichten an die Zentrale des Geheimdienstes in London setzte sich Reilly immer wieder dafür ein, unverzüglich mit Deutschland Frieden zu schließen und gemeinsam mit dem Kaiser die „bolschewistische Gefahr“ zu bekämpfen.

Sofort nach seiner Ankunft stürzte sich Reilly in die gegen-revolutionäre Arbeit.[11]

Er selbst bezeichnete als sein Ziel die Beseitigung der Sowjetregierung.

3. Bezahlte Mörder

Die zahlenmäßig stärkste antibolschewistische Partei Rußlands im Jahre 1918 war die der Sozialrevolutionäre, die eine Art von Agrarsozialismus anstrebten. Diese kampflustige Gruppe, die immer mehr zum Rückhalt aller antibolschewistischen Elemente wurde, stand unter der Führung von Kerenskis ehemaligem Kriegsminister Boris Sawinkow, der an dem mißglückten Kornilow-Putsch teilgenommen hatte. Durch Radikalismus und extremistische Propaganda hatten sie viele Anhänger aus den Kreisen der Anarchisten gewonnen, deren Zahl unter der zaristischen Gewaltherrschaft von Generation zu Generation angewachsen war. Die Sozialrevolutionäre, die in ihrem langen Kampf gegen den Zaren terroristische Methoden angewandt hatten, schickten sich jetzt an, mit der gleichen Waffe gegen die Bolschewiki vorzugehen.

Die Sozialrevolutionäre erhielten finanzielle Unterstützung vom französischen Geheimdienst. Der französische Botschafter Noulens händigte Boris Sawinkow persönlich die Mittel zur Wiederherstellung der alten terroristischen Zentrale der Sozialrevolutionäre in Moskau aus, die sich jetzt „Liga für die Wiedergeburt Rußlands“ nannte. Diese Organisation sollte die Ermordung Lenin s und anderer führender Sowjetmänner vorbereiten. Auf Sidney Reillys Empfehlung stellte der britische Geheimdienst Boris Sawinkow ebenfalls Gelder für die Ausbildung und Bewaffnung seiner Terroristen zur Verfügung.

Trotz alledem war Reilly als glühender Anhänger des zaristischen Regimes keineswegs gewillt, den Sozialrevolutionären die Bildung der neuen Regierung zu überlassen. Nur zu Sawinkow hatte er volles Vertrauen, während er in den linksstehenden Sozialrevolutionären die Vertreter gefährlicher radikaler Kräfte sah. Von einigen wußte man, daß sie in enger Verbindung mit der von Trotzki geführten Opposition standen. Reilly hatte nichts dagegen, diese Leute seinen Zwecken dienstbar zu machen, aber er war fest entschlossen, jede Art von Radikalismus in Rußland auszurotten. Er strebte eine Militärdiktatur als Übergang zur Restauration des Zarentums an. Diese Einstellung hatte zur Folge, daß er die finanzielle und moralische Unterstützung der sozialrevolutionären Terroristen und anderer radikaler, sowjetfeindlicher Gruppen fortsetzte, aber gleichzeitig darauf bedacht war, einen eigenen Apparat aufzubauen.

Durch Zusammenarbeit mit dem Verband der zaristischen Offiziere, mit Überlebenden der übel beleumundeten zaristischen Geheimpolizei „Ochrana“, mit Sawinkows Terroristen und ähnlichen gegenrevolutionären Elementen breitete sich Reillys Organisation rasch aus. Alte Freunde und Bekannte aus den Tagen der Zarenherrschaft tauchten wieder auf und wurden zu wertvollen Helfern. Zu diesen Freunden gehörte unter anderen Graf Schuberski, der Marine-Rüstungsmagnat, für den Reilly einst die Verbindung mit den deutschen Schiffswerften hergestellt hatte; ferner der zaristische General Judenitsch; der Petrograder Kaffeehausbesitzer Sergei Palkin; die Tänzerin Dagmara, in deren Wohnung sich Reillys Hauptquartier befand; Grammatikow, ein reicher Advokat und ehemaliger Geheimagent der Ochrana, der jetzt als Reillys Bevollmächtigter den Kontakt mit der Sozialrevolutionären Partei aufrechterhielt, und schließlich Wjatscheslaw Orlowski, ebenfalls ein ehemaliger Agent der Ochrana, dem es gelungen war, sich als Beamter in die Tscheka einzuschleichen; er hatte Reilly den auf den Namen Sidney Georgewitsch Reimski ausgestellten gefälschten Tschekapaß verschafft, der es diesem ermöglichte, unbehelligt in ganz Sowjetrußland umherzureisen.

Diese und andere Agenten, von denen manche sogar in den Kreml und in den Generalstab der Roten Armee eindrangen, hielten Reilly über sämtliche Maßnahmen der Sowjetregierung auf dem laufenden. Der englische Spion konnte sich damit brüsten, daß die versiegelten Befehle der Roten Armee „in London gelesen wurden, bevor man sie in Moskau öffnete“.

Die für die Finanzierung dieser Operationen nötigen Gelder, die sich auf mehrere Millionen Rubel beliefen, waren in der Moskauer Wohnung der Tänzerin Dagmara versteckt. Sie wurden von der englischen Botschaft zur Verfügung gestellt. Bruce Lockhart besorgte die Beträge und leitete sie durch Hauptmann Hicks vom englischen Geheimdienst an Reilly weiter. Lockhart, den Reilly in diese Sache hineingezogen hatte, enthüllte später in seinem Buch „British Agent“, auf welche Weise das Geld aufgebracht wurde:

„Es gab viele Russen, die einen geheimen Fond von Rubeln besaßen und natürlich mit Freuden bereit waren, dieses Geld gegen Wechsel auf London einzutauschen. Um keinerlei Verdacht zu erregen, ließen wir die Rubel durch eine Moskauer englische Firma einkassieren. Diese Leute verhandelten mit den Russen, einigten sich über den Kurs und folgten die Wechsel aus. Für jede einzelne Transaktion erhielt die englische Firma von uns eine offizielle Garantie, die den entsprechenden Betrag in London sicherstellte. Die Rubel wurden auf das amerikanische Generalkonsulat gebracht und dort an Hicks ausgehändigt, der sie an ihren Bestimmungsort schaffte.“

Der englische Spion dachte an alles: er hatte bereits ein genaues Programm für die Regierung ausgearbeitet, die sofort nach dem Sturz des Sowjetregimes die Macht übernehmen sollte. Reilly wies seinen Freunden wichtige Aufgaben im neuen Staate zu:

„Sämtliche Vorbereitungen für die Einsetzung einer provisorischen Regierung waren getroffen. Mein großer Freund und Verbündeter Grammatikow sollte Innenminister werden und die Verwaltung des gesamten Polizei- und Finanzwesens übernehmen. Als künftiger Verkehrsminister war Schuberski vorgesehen, ebenfalls ein alter Freund und Geschäftspartner, der eines der bedeutendsten russischen Handelsunternehmen leitete, Judenitsch, Schuberski und Grammatikow sollten eine provisorische Regierung bilden, um der nach einem solchen Umsturz unvermeidlichen Anarchie Herr zu werden.“

Der Feldzug gegen die Sowjets begann. Sawinkows Terroristen holten als erste zum Schlage aus.

Am 21. Juni 1918 wurde der Volkskommissar für das Pressewesen, Wolodarski, beim Verlassen einer Arbeiterversammlung in der Obuchowschen Fabrik in Petrograd von sozialrevolutionären Terroristen ermordet. Zwei Wochen später, am 6. Juli, fiel der deutsche Botschafter Mirbach in Moskau einem Attentat zum Opfer. Es war das Ziel der Sozialrevolutionäre, in den Reihen der Bolschewiki Schrecken zu verbreiten und gleichzeitig einen deutschen Angriff zu provozieren, von dem sie sich den Zusammenbruch der bolschewistischen Herrschaft versprachen.[12]

Am Tage der Ermordung des deutschen Botschafters tagte der V. Allrussische Sowjetkongreß im Moskauer Großen Theater. In den mit goldenen Ornamenten geschmückten Logen saßen alliierte Beobachter und lauschten den Reden der Sowjetdelegierten. Es war deutlich zu spüren, daß die Versammlung unter dem Druck einer nervösen Spannung stand. Bruce Lockhart befand sich zusammen mit anderen alliierten Agenten und Diplomaten in einer Loge. Die Tür öffnete sich, Sidney Reilly trat ein. Der englische Spion sah blaß und aufgeregt aus. Lockhart erkannte sofort, daß irgend etwas Entscheidendes geschehen war. Reilly beugte sich über ihn und flüsterte ihm eine Nachricht ins Ohr.

Der Schuß, der Mirbach tötete, hätte im ganzen Lande eine allgemeine, von den oppositionellen bolschewistischen Elementen gestützte Erhebung der Sozialrevolutionäre auslösen sollen. Ein bewaffneter Überfall auf das Große Theater, die Festnahme der Sowjetdelegierten war geplant. Aber irgend etwas hatte nicht geklappt. Das Große Theater war von Soldaten der Roten Armee umstellt. In den Straßen fielen Schüsse, aber die Sowjetregierung beherrschte die Lage.

Während Reilly berichtete, durchsuchte er seine Taschen nach kompromittierenden Dokumenten. Ein Schriftstück zerriß er in kleine Stücke, die er dann herunterschluckte. Ein französischer Geheimagent, der neben Lockhart saß, tat das gleiche.

Einige Stunden später erschien ein Sprecher auf der Bühne des Großen Theaters. Er teilte der Versammlung mit, daß es der Roten Armee und der Tscheka gelungen sei, einen antisowjetischen Putsch im Keim zu ersticken. Die Putschisten hätten die Beseitigung der Sowjetregierung durch Waffengewalt geplant, aber keinerlei Unterstützung von seiten der Bevölkerung gefunden. Eine große Anzahl mit Bomben, Gewehren und Maschinengewehren bewaffneter sozialrevolutionärer Terroristen sei verhaftet, ein Teil getötet. Die Anführer, soweit sie noch lebten, befänden sich auf der Flucht oder hätten sich versteckt.

Den im Hause anwesenden Vertretern der Alliierten wurde mitgeteilt, sie könnten sich jetzt ungefährdet in ihre Botschaften zurückbegeben, die Straßen seien sicher.

Später wurde bekannt, daß ein Aufstandsversuch in Jaroslawl, der gleichzeitig mit dem Moskauer Putsch stattfand, ebenfalls von der Roten Armee niedergeschlagen worden war. Der Führer der Sozialrevolutionäre, Boris Sawinkow, der die Revolte von Jaroslawl persönlich geleitet hatte, wäre um ein Haar in die Hände der Sowjettruppen gefallen.

4. Die lettische Verschwörung

Der August des Jahres 1918 war ein Monat der Entscheidungen. Die Alliierten gingen von geheimen Komplotten zu aktivem Handeln über. Am 2. August landeten britische Truppen in Archangelsk, angeblich zu dem Zweck, die „Eroberung von Kriegsmaterial durch die Deutschen“ zu verhindern. Am 4. August besetzten die Engländer Baku, das Ölzentrum im Kaukasus. Einige Tage darauf gingen englische und französische Kontingente in Wladiwostok an Land, denen am 12. August eine japanische Division und am 15. und 16. August zwei kurze Zeit vorher von den Philippinen abkommandierte amerikanische Regimenter folgten.

Große Teile von Sibirien befanden sich bereits in den Händen sowjetfeindlicher Streitkräfte. In der Ukraine führte der zaristische General Krassnow mit Unterstützung der Deutschen einen blutigen Feldzug gegen die Sowjets. In Kiew veranstaltete der Hetman Skoropadski, ein Strohmann der Deutschen, Juden- und Kommunistenverfolgungen im großen Stil.

Im Norden, Süden, Osten und Westen bereiteten die Feinde des neuen Rußland einen konzentrischen Marsch auf Moskau vor.

Die wenigen offiziellen Persönlichkeiten, die noch immer als Vertreter der Alliierten in Moskau weilten, schickten sich an, die Stadt zu verlassen, ohne die Sowjetregierung von diesem Schritt zu verständigen. Bruce Lockhart schrieb später: „Die Situation war ungewöhnlich. Die Kampfhandlungen hatten ohne vorherige Kriegserklärung begonnen; die Front erstreckte sich von der Dwina bis zum Kaukasus. Mit Reilly hatte ich mehrere Besprechungen - er war entschlossen, trotz unserer Abreise in Moskau zu bleiben.“

Gegen Ende August 1918 fand in einem Raum des amerikanischen Generalkonsulats in Moskau eine vertrauliche Besprechung zwischen einigen Vertretern der alliierten Mächte statt. Man hatte diesen Versammlungsort gewählt, weil alle übrigen ausländischen Vertretungen von den Sowjets streng überwacht wurden. Trotz der Landung amerikanischer Truppen in Sibirien nahm die Sowjetregierung den Vereinigten Staaten gegenüber noch immer eine freundliche Haltung ein.

Bei der Konferenz im amerikanischen Generalkonsulat führte der französische Generalkonsul den Vorsitz. England war durch Reilly und den ihm vom britischen Geheimdienst als Mitarbeiter zugeteilten Hauptmann George Hill vertreten. Außerdem waren verschiedene alliierte Diplomaten und Spionageagenten anwesend, darunter auch der französische Journalist Rene Marchand, der Moskauer Korrespondent des Pariser „Figaro“.

Sidney Reilly hatte, wie er in seinen Memoiren berichtet, diese Versammlung einberufen, um ein Referat über den Fortschritt seiner sowjetfeindlichen Machenschaften zu halten. Er teilte den Vertretern der Alliierten mit, daß er „Oberst Bersin, den Kommandanten der Kreml-Garde, für zwei Millionen Rubel gekauft“ habe. Oberst Bersin hatte damals bereits einen Vorschuß von 500000 Rubel in russischer Währung erhalten, der Restbetrag sollte ihm nach Erfüllung seiner vertragsmäßigen Pflichten und Überschreitung der englischen Frontlinie bei Archangelsk in englischen Pfunden ausgezahlt werden.

„Unsere Organisation hat sich außerordentlich gefestigt“, erklärte Reilly. „Die Letten sind auf unserer Seite, und auch das Volk wird mit uns sein, sobald der erste Schuß gefallen ist.“

Dann teilte Reilly mit, daß für den 28. August eine außerordentliche Tagung des Zentralkomitees der Bolschewiki im Moskauer Großen Theater angesetzt sei. Alle führenden Persönlichkeiten des Sowjetstaates würden sich einfinden. Reillys Plan war ebenso kühn wie einfach.

Es gehörte zum normalen Dienst der lettischen Garden, bei einer solchen Versammlung sämtliche Ein- und Ausgänge zu bewachen. Oberst Bersin sollte für diesen Tag „unbedingt verläßliche, unserer Sache ergebene Männer“; auswählen. Auf ein bestimmtes Zeichen hin würden die Wachen alle Türen absperren und die im Theater Anwesenden mit ihren Gewehren in Schach halten. Dann sollte ein „Sonderdetachement“, bestehend aus Reilly und seinen „Vertrauensleuten“, auf der Bühne erscheinen und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei festnehmen! Nach der Beseitigung Lenin s und seiner Genossen, erklärte Reilly, wird das Sowjetregime zusammenstürzen wie ein Kartenhaus. In Moskau gibt es 60000 Offiziere, „die jederzeit bereit sind, die Waffen zu ergreifen“ und innerhalb der Stadt zu kämpfen, während die Alliierten von außen angreifen.

Als Führer dieser sowjetfeindlichen Geheimarmee war „der bekannte zaristische Offizier General Judenitsch“ in Aussicht genommen. Eine zweite Armee unter „General“ Sawinkow sollte sich in Nordrußland sammeln. „Die Überreste der Bolschewiki werden zwischen diesen beiden Mühlsteinen zermalmt werden.“

Das waren Reillys Absichten, die sowohl vom britischen wie vom französischen Geheimdienst gefördert wurden. Die Engländer standen in enger Fühlung mit General Judenitsch; sie bereiteten Waffen- und Materiallieferungen für seine Truppen vor. Sawinkow wurde von den Franzosen gestützt.

Den im amerikanischen Generalkonsulat versammelten Vertretern der Alliierten wurde mitgeteilt, was sie ihrerseits zum Gelingen des Komplottes beitragen könnten; es galt, Spionage- und Propagandaarbeit zu leisten und wichtige Eisenbahnbrücken in der Umgebung von Moskau und Petrograd zu sprengen, um die Sowjetregierung von den in anderen Teilen des Landes befindlichen Kontingenten der Roten Armee abzuschneiden.

Der Tag der Entscheidung rückte näher. Reilly hatte jetzt regelmäßige Besprechungen mit Oberst Bersin; der Plan der Verschwörung wurde mit größter Sorgfalt bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet, alle Möglichkeiten wurden bedacht. Gerade während der letzten Vorbereitungen traf die Nachricht ein, daß die Tagung des Zentralkomitees der Bolschewiki auf den 6. September verschoben worden sei. „Das ist mir nur recht“, äußerte sich Reilly zu Bersin. „Jetzt habe ich genügend Zeit, alle Details festzulegen.“ Reilly entschloß sich, nach Petrograd zu fahren, um auch dort eine abschließende Kontrolle vorzunehmen.

Als er einige Tage später den Nachtzug von Moskau nach Petrograd bestieg, legitimierte er sich mit dem auf den Namen Sidney Georgewitsch Reimski ausgestellten gefälschten Paß.

5. Sidney Reilly tritt ab

In Petrograd begab sich Reilly sofort zur britischen Botschaft, um Hauptmann Cromey, den englischen Marineattache, zu informieren. Er gab eine kurze Darstellung der Situation und seines Schlachtplanes. „Moskau ist in unserer Hand!“ sagte er. Cromey war begeistert. Reilly versprach, einen ausführlichen Geheimbericht für London niederzuschreiben.

Am nächsten Morgen trat er mit den Leitern seiner Petrograder Organisation in Verbindung. Gegen Mittag rief er Grammatikow, den ehemaligen Agenten der Ochrana, an.

Grammatikows Stimme klang heiser und gepreßt. „Wer spricht?“ fragte er.

„Ich bin es, Reimski.“

„Wer spricht?“

Reilly nannte noch einmal seinen Decknamen. „Ich habe schlechte Nachrichten erhalten - der Bote ist noch bei mir“, sagte Grammatikow. „Die Ärzte haben zu früh operiert. Der Patient ist in Lebensgefahr. Wenn Sie mich sehen wollen, müssen Sie sofort herkommen.“

Reilly begab sich unverzüglich zu Grammatikow, der gerade dabei war, seine Schreibtischladen zu leeren und sämtliche Papiere im Kamin zu verbrennen.

„Die Narren haben vorzeitig zugeschlagen“, rief er aus, als Reilly das Zimmer betrat. „Uritzki ist tot, er wurde heute früh um 11 Uhr in seinem Büro ermordet.“

Während dieses Gesprächs setzte Grammatikow in fieberhafter Eile die Vernichtung der Dokumente fort. „Wir müssen dieses Haus so schnell wie möglich verlassen. Ich stehe natürlich bereits unter Verdacht. Wenn die Sache auffliegt, wird man zuerst auf unsere Namen stoßen.“

Reilly setzte sich telefonisch mit Hauptmann Cromey von der britischen Botschaft in Verbindung. Dort wußte man schon von der Ermordung Uritzkis, des Leiters der Petrograder Tscheka, durch einen sozialrevolutionären Terroristen. In der Botschaft war alles in bester Ordnung. Reilly schlug mit sorgfältig gewählten Worten eine Zusammenkunft „am gewohnten Ort“ vor, Cromey verstand, daß das Cafe Palkin gemeint war.

Reilly verwandte die nächsten Stunden darauf, überflüssige und belastende Dokumente zu vernichten und seine Geheimcodes und andere Papiere in Sicherheit zu bringen.

Da Cromey nicht im Kaffeehaus erschien, faßte Reilly den Entschluß, sich zur britischen Botschaft vorzuwagen. Beim Weggehen flüsterte er Palkin zu: „Es kann sein, daß die Sache schief gegangen ist. Bereiten Sie Ihre Abreise vor, versuchen Sie, sich über die finnische Grenze zu retten.“

Als Reilly zum Wladimirski-Prospekt kam, sah er Männer und Frauen in Haustore und Seitenstraßen flüchten. Dann hörte er lautes Motorengeräusch. Ein mit Rotarmisten besetztes Auto raste vorbei - dann noch eines - und noch eines…

Reilly ging rascher. Fast im Laufschritt langte er an der Ecke der Straße an, in der sich die englische Botschaft befand. Ein unerwarteter Anblick brachte ihn zum Stehen: vor der Botschaft lagen die Leichen mehrerer Sowjetmilizionäre. Auf der gegenüberliegenden Seite standen vier Autos, die Straße war durch einen doppelten Kordon von Rotarmisten abgesperrt. Das Tor des Botschaftsgebäudes war aus den Angeln gehoben.

Später erfuhr Reilly, was geschehen war. Nach der Ermordung Uritzkis ließen die Petrograder Sowjetbehörden die englische Botschaft durch Tschekaagenten abriegeln. Im ersten Stock war das Botschaftspersonal unter Leitung von Hauptmann Cromey damit beschäftigt, kompromittierende Papiere zu verbrennen. Hauptmann Cromey stürzte hinunter und verriegelte das Tor, bevor die Tschekaagenten eindringen konnten. Sie drückten die Tür ein. Der britische Agent, der zum Äußersten entschlossen war, erwartete sie auf der Treppe. In jeder Hand hielt er einen Browning. Cromey schoß einen Kommissar und mehrere Offiziere nieder. Die Tschekaagenten erwiderten das Feuer. Hauptmann Cromey fiel durch einen Kopfschuß…

Reilly verbrachte den Rest der Nacht in der Wohnung eines sozialrevolutionären Terroristen namens Sergei Dornoski. In der Frühe ließ er durch Dornoski auskundschaften, wie die Dinge sich weiter entwickelt hatten. Dornoski kehrte mit einem Exemplar der „Prawda“, der offiziellen kommunistischen Zeitung, zurück. „Es wird Straßenkämpfe geben!“ sagte er. „In Moskau hat jemand ein Attentat auf Lenin verübt.“ Reilly griff nach der Zeitung. Eine Schlagzeile in Riesenlettern verkündete den Anschlag auf Lenin .

Am Abend zuvor hatte Lenin in der Michelson-Fabrik in einer Versammlung gesprochen. Als er die Fabrik verließ, gab eine Terroristin, die Sozialrevolutionärin Fanja Kaplan, aus nächster Nähe zwei Schüsse auf ihn ab. Die Kugeln waren gekerbt und vergiftet. Ein Schuß hatte Lenin oberhalb des Herzens in die Lunge getroffen, die zweite Kugel war nahe der Hauptschlagader in den Hals eingedrungen. Er war nicht tot, aber sein Leben schwebte in höchster Gefahr.

Reillys Komplize Boris Sawinkow berichtete später in seinen „Memoiren eines Terroristen“, daß er selbst Fanja Kaplan die Waffe, zur Verfügung gestellt hatte.

Reilly reiste sofort nach Moskau ab. Da er mit Überraschungen rechnete, hatte er eine kleine Maschinenpistole an einem Riemen unter dem Arm festgeschnallt. Als der Zug am nächsten Tag in den Knotenpunkt Klin einlief, kaufte er eine Zeitung. Es hätte nicht schlimmer sein können: das Blatt gab einen genauen Bericht über Reillys Verschwörungsplan, seine Absicht, Lenin und die übrigen Sowjetführer erschießen zu lassen, Moskau und Petrograd zu besetzen und eine Militärdiktatur unter Sawinkow und Judenitsch zu errichten.

Aber das war noch nicht das Ärgste. Oberst Bersin, der Kommandant der lettischen Garde, hatte Hauptmann Reilly namentlich als denjenigen britischen Agenten bezeichnet, der ihn durch ein Angebot von zwei Millionen Rubel zur Teilnahme an dem Mordkomplott gegen die sowjetischen Führer zu bestimmen versuchte. Die Sowjetpresse veröffentlichte auch den von Bruce Lockhart ausgestellten Passierschein, der es Bersin ermöglichen sollte, die englische Frontlinie bei Archangelsk zu überschreiten.

Lockhart war von der Moskauer Tscheka verhaftet worden. Auch andere Beamte und Agenten der Alliierten befanden sich in Haft.

In allen Straßen Moskaus waren Steckbriefe mit Reillys Personalbeschreibung angeschlagen. All seine Decknamen wurden verlautbart: Massino, Constantino, Reimski. Die Jagd hatte begonnen - er war vogelfrei.

Trotz der drohenden Gefahr setzte Reilly seine Reise nach Moskau fort. Es gelang ihm, die Tänzerin Dagmara in der Wohnung einer Frau namens Vera Petrowna, einer Komplizin Fanja Kaplans, aufzuspüren.

Dagmara erzählte ihm, daß die Tscheka vor einigen Tagen eine Hausdurchsuchung bei ihr vorgenommen hatte. Es war ihr gelungen, einen Teil von Reillys Geldern - zwei Millionen in Tausendrubelscheinen - auf die Seite zu bringen. Sie selbst war merkwürdigerweise nicht verhaftet worden - vielleicht wollte man sie weiter beobachten, um auf diese Weise Sidney Reilly auf die Spur zu kommen.

Aber mit zwei Millionen Rubel in der Tasche war Reilly keine leichte Beute. Unaufhörlich wechselte er seine Verkleidung: einmal trat er als griechischer Kaufmann auf, dann wieder als ehemaliger zaristischer Offizier, als Sowjetbeamter oder als kommunistischer Arbeiter. Durch ständigen Aufenthaltswechsel versuchte er, die Tscheka zu täuschen.

Eines Tages begegnete er zufällig seinem ehemaligen Moskauer Adjutanten, Hauptmann George Hill vom britischen Geheimdienst, dem es ebenfalls gelungen war, dem Netz der bolschewistischen Verfolgung zu entschlüpfen. Die beiden Agenten verglichen ihr Adressenmaterial, und Reilly konnte feststellen, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner antisowjetischen Organisation noch immer intakt war. Er schöpfte neue Hoffnung.

Hauptmann Hill dagegen hielt das Spiel für verloren. Er hatte von einem bevorstehenden Gefangenenaustausch zwischen der Sowjetregierung und England gehört. Die Russen waren bereit, Lockhart und verschiedene andere Persönlichkeiten freizugeben, dafür sollten die Engländer einigen in ihrem Lande verhafteten Sowjetvertretern - darunter Maxim Litwinow - freies Geleit bis zur russischen Grenze zusichern.

„Ich werde mich stellen“, sagte Hauptmann Hill. Er riet Reilly, das gleiche zu tun.[13]

Reilly blieb noch einige Wochen in Rußland. Er sammelte Spionagematerial und beriet und ermutigte die sowjetfeindlichen Elemente, die den Kampf noch immer nicht aufgegeben hatten. Ein paarmal wäre er um ein Haar verhaftet worden, aber schließlich gelang es ihm, mit Hilfe eines gefälschten deutschen Passes nach Bergen in Norwegen zu entkommen. Dort schiffte er sich nach England ein.


ANMERKUNGEN

  1. Raymond Robins und Bruce Lockhart stellten durch gemeinsame persönliche Nachforschungen einwandfrei fest, daß viele dieser sowjetfeindlichen Bandenführer, die sich zum Teil als Anarchisten bezeichneten, vom deutschen militärischen Spionagedienst finanziert wurden; sie sollten Unruhen und Revolten provozieren und den Deutschen auf diese Weise einen Vorwand zur Intervention liefern.

  2. Im Jahre 1922 wurde die Tscheka abgeschafft und durch die GPU ersetzt (das sind die Anfangsbuchstaben des russischen Namens, der Staatliche politische Verwaltung bedeutet). Im Jahre 1934 trat die NKWD, die zum Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten gehörende Abteilung für öffentliche Sicherheit, an die Stelle der GPU.

  3. In diesem Kapitel sowie in anderen Partien dieses Buches lassen dt. Autoren die romanhafte Figur des Hauptmanns Sidney Reilly als symbolische Verkörperung der sowjetfeindlichen westlichen Koalition auftreten, die damals von den englischen Konservativen und den französischen Reaktionären geführt wurde. Es handelt sich zwar durchwegs um Reillys eigene Meinungsäußerungen und Handlungen, aber er konnte natürlich keine selbständige Politik betreiben, sondern war damals und später nur der verwegenste und entschlossenste Agent der vom Ausland her geleiteten Verschwörung gegen die Sowjetregierung.

  4. Der Mörder Mirbachs war ein sozialrevolutionärer Terrorist namens Blumkin. Er verschaffte sich Eingang in die deutsche Botschaft, indem er sich als Offizier der Tscheka ausgab, der Mirbach vor einem bevorstehenden Attentat warnen wollte. Der deutsche Botschafter fragte Blumkin, in welcher Weise die Mörder das Attentat auszuführen gedächten. „So!“ schrie Blumkin, zog einen Revolver aus der Tasche und erschoß den Botschafter. Blumkin entkam durch das Fenster; ein Auto, das unten wartete, brachte ihn fort. Bald darauf wurde der Mörder Blumkin der persönliche Leibgardist Leo Trotzkis.

  5. Nach seiner Rückkehr nach London wurde Hauptmann George Hill im Jahre 1919 vom englischen Geheimdienst beauftragt, während des Interventionskrieges gegen Sowjetrußland als Verbindungsoffizier bei der weißgardistischen Armee des Generals Denikin zu arbeiten. Später trat Hauptmann Hill als Spezialagent in den Dienst des berühmten europäischen Petroleummagnaten Sir Henri Deterding, der von dem Gedanken besessen war Sowjetrußland zu zerstören, und der dazu beitrug, Hitlers Aufstieg zu finanzieren. In der Folge übertrug die englische Regierung George Hill wichtige „diplomatische“ Aufgaben In Osteuropa. Im Jahre 1932 veröffentlichte Hill in London ein Buch, in dem er einige seiner Spionageabenteuer in Sowjetrußland beschrieb. Der Titel lautete: „Go Spy the Land, Being the Adventures of I. K. 8 of the British Secret Service.“

  6. Im Frühjahr 1945 beschloß die Churchill-Regierung, George Hill, der inzwischen zum Brigadegeneral der englischen Armee aufgestiegen war, in besonderer Mission nach Polen zu entsenden. Er sollte dort den Posten eines englischen Beobachters bekleiden und über die damals ziemlich verworrene Lage in Polen nach London berichten. Die Warschauer Provisorische Regierung verweigerte jedoch dem Brigadegeneral Hill die Einreise nach Polen.

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