Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

IV. ABENTEUER IN SIBIRIEN

1. Ein Memorandum

Am 2. August 1918, dem Tag der englischen Truppenlandung in Archangelsk, erhielt der amerikanische Generalmajor William S. Graves, Kommandant der 8. Division in Camp Fremont, Palo Alto, Kalifornien, ein dringendes Code-Telegramm vom Kriegsministerium in Washington. Der erste Satz lautete: „Weder die Mitglieder Ihres Stabes noch sonst jemand darf vom Inhalt dieses Telegramms etwas erfahren.“

Es folgte die Instruktion, mit dem nächsten D-Zug nach Kansas City abzureisen, dort ins Hotel Baltimore zu gehen und nach dem Kriegsminister zu fragen.

Die Depesche enthielt keinerlei Erklärung für die Dringlichkeit des Auftrages, keine Andeutung über die voraussichtliche Dauer des Aufenthaltes.

Der General war ein alter, hartgesottener Soldat, er pflegte keine überflüssigen Fragen zu stellen. Rasch stopfte er die notwendigsten Dinge in ein Köfferchen, und zwei Stunden später saß er im Santa-Fe-Expreß, der von San Francisco zur Ostküste raste.

Als der General in Kansas City eintraf, wartete der Kriegsminister Newton D. Baker bereits auf dem Bahnhof. Er erklärte dem General, daß er in wenigen Minuten mit einem anderen Zug weiterreisen müsse und setzte ihm mit raschen Worten die Gründe für die geheimnisvolle Einladung auseinander. Das Kriegsministerium hatte beschlossen, sofort ein Kontingent amerikanischer Soldaten nach Sibirien zu entsenden, und Graves war zum Leiter dieser Expedition ausersehen.

Baker überreichte dem General einen versiegelten Umschlag und sagte: „Hier finden Sie eine grundsätzliche Darlegung der Politik der Vereinigten Staaten in Rußland - richten Sie sich danach! Aber seien Sie vorsichtig; es wird ein Eiertanz werden - und die Eier sind mit Dynamit geladen! Gott sei mit Ihnen - und auf Wiedersehen!“

General Graves begab sich ins Hotel. Nachts öffnete er in seinem Zimmer den versiegelten Umschlag, dem ein sieben Seiten langes „Aide-Mémoire“ entfiel. Das Memorandum war nicht unterzeichnet, aber am Schluß standen die Worte: „Staatsdepartement, Washington, 17. Juli 1918.“

Das Memorandum begann mit Allgemeinheiten, wie: „Das amerikanische Volk wünscht nichts sehnlicher als die siegreiche Beendigung des Krieges.“ Es sei notwendig, hieß es weiter, daß die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten im Kampfe gegen Deutschland „vorbehaltlose Hilfe“ leisten. Dann wurde der eigentliche Gegenstand des Memorandums angeschnitten:

„Die Regierung der Vereinigten Staaten ist nach langwierigem, sehr gründlichem Studium der russischen Gesamtlage zu dem klaren, unumstößlichen Ergebnis gelangt, daß eine militärische Intervention die in diesem Lande bestehende bedauerliche Unordnung nicht beseitigen, sondern nur verstärken könnte. Ein solcher Schritt würde Rußland mehr schaden als nützen und in keiner Weise zur Erreichung unseres Endzieles - der Niederwerfung Deutschlands - beitragen. Die Regierung der Vereinigten Staaten kann daher eine solche Intervention weder grundsätzlich gutheißen, noch an ihr teilnehmen.“

Mit dieser klaren, deutlichen Feststellung war General Graves restlos einverstanden. Aber warum sollte er dann eigentlich als Kommandant amerikanischer Truppen nach Rußland gehen? Mit einem Gefühl der Unruhe und Verwunderung setzte er seine Lektüre fort:

„Diese Auffassung der Regierung gestattet ein militärisches Eingreifen der Vereinigten Staaten nur zu dem Zweck, den Tschechoslowaken bei der Konsolidierung ihrer Kräfte und der Anbahnung einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit ihren slawischen Brüdern behilflich zu sein.“

Tschechoslowaken? In Rußland?

„Ich ging zu Bett“, schrieb General Graves später in seinem Buch „American Siberian Adventure“, „aber ich konnte keinen Schlaf finden. Mich quälte die Frage, wie sich wohl die anderen Nationen zu dieser Angelegenheit verhielten, und warum man mir keine näheren Informationen über die Vorgänge in Sibirien gab.“

Hätte General Graves die richtige Antwort gewußt, so wäre er in jener Sommernacht in Kansas City überhaupt nicht schlafen gegangen.

2. Intrigen in Wladiwostok

Die zaristische Feudalherrschaft hatte fast nichts für die Erschließung des endlosen sibirischen Landes und seiner märchenhaften Reichtümer getan. Weite Strecken dieses riesigen Gebietes, das von der europäischen Grenze bis zum Stillen Ozean, von der Arktis bis nach Afghanistan reichte, waren völlig unbewohnt. Mitten durch diese unerforschte Wildnis lief die eingleisige Spur der Transsibirischen Eisenbahn: das einzige Bindeglied zwischen Ost und West. Wer diese Eisenbahnlinie und das umliegende Land in einer Tiefe von einigen Kilometern beherrschte, hatte das asiatische Rußland in seiner Gewalt: einen halben Kontinent von unermeßlichem Reichtum und unschätzbarer strategischer Bedeutung.

Als Raymond Robins im Hochsommer des Jahres 1918 mit der Transsibirischen Bahn nach dem Osten fuhr, sah er auf Nebengleisen ganze Züge mit tschechischen Soldaten. Diese Tschechen, die nur höchst widerwillig in der österreichisch-ungarischen Armee gekämpft, hatten, waren vor der Revolution in großer Zahl zu den Russen übergelaufen. Das Kaiserlich-Russische Heereskommando hatte sie zu einer tschechischen Armee vereinigt, die Seite an Seite mit den Russen gegen die deutschen und österreichischen Verbände eingesetzt wurde. Nach Kerenskis Sturz ging die Sowjetregierung auf den Vorschlag der Alliierten ein, diese tschechischen Truppen nach Wladiwostok zu transportieren. Von dort sollten sie um den halben Erdball herumreisen, um den Alliierten an der Westfront beizustehen. Mehr als 50000 tschechische Soldaten waren über die 8000 Kilometer lange Strecke zwischen Kasan und Wladiwostok verteilt.

Die tschechischen Soldaten hofften, in Europa für die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei zu kämpfen, aber ihre Kommandeure, die reaktionären Generale Gajda und Sirovy, verfolgten andere Absichten. Ihr Plan, die tschechischen Truppen gegen die Sowjetregierung einzusetzen, hatte den Beifall gewisser alliierter Staatsmänner gefunden.

Die Alliierten und die Sowjetregierung einigten sieh dahin, daß die Tschechen während der Fahrt durch sowjetisches Gebiet ihre Waffen an die Sowjetbehörden abliefern sollten. Am 4. Juni 1918 teilte Botschafter David R. Francis seinem Sohn in einem Privatbrief mit, er werde die Entwaffnung der tschechischen Soldaten „nach Möglichkeit verhindern“. Francis fügte hinzu:

„Ich habe von Washington keine Anweisung oder Genehmigung erhalten, diese Leute zum Ungehorsam gegen die Sowjetregierung zu ermutigen - aber das Staatsdepartement hat seine zustimmende Haltung angedeutet. Schließlich habe ich schon einmal im Leben etwas riskiert.“

Auf Befehl der Generale Gajda und Sirovy weigerten sich die Tschechen, ihre militärische Ausrüstung an die Sowjetregierung abzuliefern. Wie auf ein gegebenes Zeichen brachen auf allen Abschnitten der Transsibirischen Eisenbahnlinie Unruhen aus. Die gut gedrillten, vorzüglich ausgerüsteten tschechischen Truppen bemächtigten sich der Orte, in denen sie stationiert waren, beseitigten die Sowjets und setzten antisowjetische Verwaltungsbehörden ein.

In der ersten Juliwoche holte General Gajda unter Mitwirkung russischer Gegenrevolutionäre in Wladiwostok zum Schlage aus. Die Stadt erhielt eine sowjetfeindliche Regierung, der tschechische Hauptmann Badiura wurde als Kommandant eingesetzt. In allen Straßen hingen Proklamationen, die von dem amerikanischen Admiral Knight, dem japanischen Vizeadmiral Kato, Oberst Pons von der französischen Militärmission und Hauptmann Badiura unterzeichnet waren. Darin hieß es, die Alliierten hätten sich bei ihrem Eingreifen nur vom Geist der Sympathie und Freundschaft für das russische Volk leiten lassen.

Am 22. Juli 1918, fünf Tage nachdem im amerikanischen Staatsdepartement das Memorandum über die Notwendigkeit einer amerikanischen Expedition nach Sibirien zur Unterstützung der tschechischen Truppen abgefaßt worden war, sandte der amerikanische Konsul in Moskau, De Witt Clinton Poole[14], folgendes Code-Telegramm an den amerikanischen Konsul von Omsk:

„Sie können den tschechoslowakischen Führern die vertrauliche Mitteilung machen, daß die Alliierten die vorläufige Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Kampfstellungen aus politischen Gründen begrüßen würden. Andererseits ist gegen militärische Handlungen, deren Notwendigkeit sich aus der jeweiligen Situation ergibt, nichts einzuwenden. In erster Linie wäre es wünschenswert, daß die Tschechen sich die Kontrolle der Transsibirischen Eisenbahn sichern und, wenn das durchführbar ist, gleichzeitig die derzeit von ihnen besetzten Gebiete fest in der Hand behalten. Informieren Sie die dortige französische Vertretung, daß der französische Generalkonsul sich diesen Instruktionen anschließt.“

Die Besetzung Sibiriens durch die Alliierten im Sommer 1918 geschah unter dem Vorwand, daß die Tschechen mutwilligen Angriffen der Roten Armee und deutscher Kriegsgefangener, denen die Bolschewiki angeblich Waffen zur Verfügung gestellt hatten, ausgesetzt seien.

Hauptmann Hicks vom britischen Geheimdienst, Hauptmann Wehster vom amerikanischen Roten Kreuz und Major Drysdale, der amerikanische Militärattache in Peking, erhielten von der Sowjetregierung die Erlaubnis, nach Sibirien zu reisen und den Sachverhalt an Ort und Stelle zu überprüfen. Nach wochenlangen, gewissenhaften Untersuchungen gelangten die drei Männer zum gleichen Resultat: es gab in ganz Sibirien keine bewaffneten Kriegsgefangenen - weder Deutsche noch Österreicher. Die drei Offiziere bezeichneten die Anschuldigungen als reine Erfindung und tendenziöse Propaganda, die darauf berechnet sei, die Alliierten in einen Interventionskrieg gegen Sowjetrußland zu verwickeln.[15]

Am 3. August 1918 wurden in Wladiwostok englische Truppen gelandet.

„Wir kommen“, teilte die englische Regierung dem russischen Volk am 8. August mit, „um euer Land vor der Zerstückelung und vor dem vernichtenden Zugriff der Deutschen zu bewahren… Wir geben euch die feierliche Versicherung, daß wir nicht einen Fußbreit eures Gebietes behalten wollen. Das Schicksal Rußlands liegt in den Händen des russischen Volkes, dem es einzig und allein zukommt, seine Regierungsform zu bestimmen und seine sozialen Probleme zu lösen.“

Am 16. August landeten die ersten amerikanischen Truppenteile.

In Washington wurde verlautbart: „Unser militärisches Eingreifen in Rußland dient ausschließlich dem Zweck, den Tschechoslowaken nach Möglichkeit Schutz und Hilfe gegen die Angriffe der bewaffneten österreichischen und deutschen Kriegsgefangenen zu gewähren und die Russen in ihren Bemühungen um Selbstverwaltung und Selbstverteidigung zu unterstützen - soweit sie gewillt sind, eine solche Unterstützung anzunehmen.“

Im selben Monat erfolgte eine zweite japanische Truppenlandung.

„Das Vorgehen der Regierung“, meldete Tokio, „ist durch den unveränderlichen Wunsch bestimmt, dauerhafte, freundschaftliche Beziehungen mit Rußland zu unterhalten; es ist nach wie vor die Politik der Regierung, die territoriale Integrität Rußlands zu respektieren und jede Einmischung in innerrussische Angelegenheiten zu vermeiden.“

Die japanische Heeresleitung hatte die nach Sibirien entsandten japanischen Soldaten in vorsorglicher Weise mit kleinen russischen Wörterbüchern ausgestattet, in denen das Wort „Bolschewik“ mit „Barsuk“ übersetzt war, was Dachs bedeutet Dahinter stand die Anmerkung: „Muß ausgerottet werden.“

3. Terror im Fernen Osten

Am 1. September 1918 traf General Graves in Wladiwostok ein, um den Oberbefehl über das amerikanische Expeditionskorps in Sibirien zu übernehmen. „Ich ging ohne jede vorgefaßte Meinung an meine Aufgabe heran“, schrieb er später in „American Siberian Adventure“. „Ich stand sämtlichen russischen Parteien vorurteilslos gegenüber und erwartete eine glatte, harmonische Zusammenarbeit mit den übrigen alliierten Mächten.“

Das für General Graves aufgesetzte Memorandum enthielt die Anweisung, die Transsibirische Eisenbahn zu schützen und den tschechischen Truppen bei der Einschiffung in Wladiwostok behilflich zu sein.

Unmittelbar nachdem General Graves sich in seinem Hauptquartier niedergelassen hatte, erschien General Gajda, der Anführer der Tschechen, um ihm einen Vortrag über die russische Lage zu halten. Es gebe nur ein Mittel, das Land vor dem Chaos zu bewahren: die Ausrottung des Bolschewismus und die Errichtung einer Militärdiktatur. Gajda bezeichnete den ehemaligen zaristischen Admiral Alexander Wassiliewitsch Koltschak als den richtigen Mann für diese Aufgabe. Koltschak sei soeben aus Japan eingetroffen, um eine antisowjetische Armee zu organisieren, und habe bereits beträchtliche Streitkräfte in Sibirien gesammelt. Gajda forderte General Graves auf, zunächst die Tschechen und die übrigen sowjetfeindlichen Truppen in ihrem Kampf gegen die Bolschewiki zu unterstützen.

Dann unterbreitete er dem General seinen Plan, sofort an die Wolga vorzurücken und Moskau von Osten her anzugreifen. Er behauptete, dieses Projekt sei bereits von seinen französischen und englischen Ratgebern sowie von Vertretern des amerikanischen Staatsdepartements gebilligt worden. General Graves wiederholte die Befehle, die er von seiner Regierung erhalten hatte und die er als bindend betrachtete.

Gajda schäumte vor Wut. Kurze Zeit darauf erhielt General Graves einen zweiten wichtigen Besuch: es war General Knox, der seinerzeit Kornilow gefördert hatte und jetzt die britischen Streitkräfte in Sibirien befehligte.

„Sie werden bald in den Ruf kommen, ein Freund der Armen zu sein“, sagte er warnend. „Wissen Sie denn nicht, daß das lauter Schweine sind?“

General Graves war ebenso wie Raymond Robins ein Anhänger der „unbürokratischen Methode“. Für ihn gab es nur einen Weg: den Dingen selbst auf den Grund zu gehen. Er beschloß, sich aus erster Quelle über den wahren Sachverhalt zu informieren. Er schickte seine Offiziere auf Erkundungsfahrten und erhielt ausführliche Berichte über das, was sie in den verschiedenen Teilen Sibiriens gesehen hatten. Graves gelangte zu folgendem Ergebnis:

Mit dem Wort „Bolschewiki“ bezeichnet man in Sibirien den größten Teil des russischen Volkes. Wenn also Truppen gegen die Bolschewiki eingesetzt oder Weißgardisten für den Kampf gegen sie bewaffnet, ausgerüstet, ernährt, gekleidet und bezahlt werden, so steht das in direktem Widerspruch zum Grundsatz der „Nichteinmischung in innerrussische Angelegenheiten“.

Im Herbst 1918 befanden sich bereits mehr als 7000 englische Soldaten in Nordsibirien. Weitere 7000 englische und französische Offiziere, Techniker und Soldaten unterstützten Admiral Koltschak bei der Ausbildung und Ausrüstung seiner antisowjetischen, weißgardistischen Armee. Dazu kamen 1500 Italiener. General Graves befehligte etwa 8000 amerikanische Soldaten. Die Japaner, die den hochfliegenden Plan hatten, sich die Alleinherrschaft über Sibirien zu sichern, unterhielten die weitaus größte Truppenzahl: über 70000 Soldaten.

Im November schwang sich Admiral Koltschak mit Hilfe seiner englischen und französischen Gönner zum Diktator von Sibirien auf. Der Admiral, ein leicht erregbarer, kleiner Mann (einer seiner Kollegen charakterisierte ihn als „ein kränkliches Kind … zweifellos ein Neurastheniker … immer unter fremdem Einfluß“), schlug sein Hauptquartier in Omsk auf. Er nannte sich „Oberster Regent Rußlands“. Der ehemalige Zarenminister Sasonow pries Koltschak als den „russischen Washington“ und wurde zum Dank dafür sein offizieller Vertreter in Paris. In den Hauptstädten Englands und Frankreichs stimmte man Lobgesänge auf den Admiral an. Sir Samuel Hoare erklärte von neuem, er halte Koltschak für einen „Gentleman“. Winston Churchill bezeichnete den Admiral als „ehrlich, unbestechlich, intelligent und vaterlandsliebend“. Die „New York Times“ erblickte in ihm einen „starken und ehrenhaften“ Mann mit einer „stabilen, dem gegebenen Kräfteverhältnis annähernd entsprechenden Regierung“.

Koltschak wurde von den Alliierten, besonders von England, in großzügiger Weise mit Munition, Waffen und Geldmitteln ausgestattet. General Knox berichtete voller Stolz: „Wir sandten Hunderttausende von Gewehren, viele hundert Millionen Patronen, Hunderttausende von Uniformen und Maschinengewehrgurten und so weiter nach Sibirien. Sämtliche im Laufe dieses Jahres von russischen Soldaten gegen die Bolschewiki abgefeuerten Kugeln wurden in England von englischen Arbeitern aus englischem Rohmaterial hergestellt und auf englischen Schiffen nach Wladiwostok geschafft.“ Damals sang man in Rußland ein Spottliedchen:

Die Uniformen macht England,
die Epauletten der Franz,
den Tabak die Japaner,
und Koltschak führt den Tanz!

General Graves war von den Fähigkeiten des Admirals Koltschak keineswegs so begeistert wie die übrigen Alliierten. Seine Verbindungsoffiziere brachten ihm täglich neue Berichte über die von Koltschak eingeführten terroristischen Methoden. Der Admiral verfügte über eine Armee von 100000 Mann, Tausende wurden unter Androhung der Todesstrafe rekrutiert. Die Gefängnisse und Sammellager waren überfüllt. Längs der transsibirischen Strecke baumelten an Telegraphenstangen und Bäumen Hunderte von Russen, die es gewagt hatten, sich dem neuen Diktator zu widersetzen. Viele ruhten in Massengräbern, die sie mit eigenen Händen ausheben mußten, bevor Koltschaks Henker sie mit ihren Maschinengewehren niedermähten. Schändung, Mord und Raub waren an der Tagesordnung.

Einer von Koltschaks Stellvertretern, der ehemalige zaristische General Rosanow, gab folgenden Tagesbefehl an seine Truppen aus:

1. Bei der Besetzung von Dörfern, die sich vorher in den Händen von Banditen (Sowjetpartisanen) befunden haben, sind die Anführer der Bewegung unbedingt festzunehmen; wenn das nicht möglich ist, aber genügend Beweise für die Anwesenheit solcher Führer vorhanden sind, ist jeder zehnte Einwohner zu erschießen.

2. Wenn die Einwohner einer Stadt durchmarschierenden Truppen keine Meldung über die Anwesenheit des Feindes erstatten, obwohl sie dazu Gelegenheit hatten, so ist eine allgemeine Geldkontribution zu erheben. Niemand darf geschont werden.

3. Dörfer, in denen unsere Truppen auf bewaffneten Widerstand stoßen, sind niederzubrennen; sämtliche erwachsenen männlichen Einwohner sind zu erschießen. Eigentum, Häuser, Wagen und so weiter werden für die Armee beschlagnahmt.

Das Urteil des Generals Knox über den Verfasser dieser Instruktionen lautete: „Rosanow ist ein toller Bursche!“

Gleichzeitig mit den Soldaten Koltschaks zogen terroristische Banden, die von den Japanern finanziert wurden, plündernd durch das Land. Ihre Anführer waren Ataman Grigori Semjonow und Kalmikow.

Oberst Morrow, der Kommandant der amerikanischen Truppen im Transbaikal-Abschnitt, berichtete, daß Semjonows Soldaten in einem von ihnen besetzten Dorf sämtliche Männer, Frauen und Kinder ermordeten. Die meisten Bewohner wurden bei der Flucht aus ihren Häusern niedergeschossen „wie Hasen“. Ein Teil der Männer wurde bei lebendigem Leibe verbrannt.

„Die Truppen Semjonows und Kalmikows, die unter dem Schutz der Japaner standen, fielen raubend und mordend wie wilde Tiere über die Bevölkerung her… Wenn jemand sein Erstaunen über das Vorgehen dieser brutalen Totschläger äußerte, dann hieß es, die Opfer seien Bolschewiki - und diese Erklärung reichte allem Anschein nach aus, um die Welt zu beruhigen.“

So äußerte sich General Graves, der aus seinem Entsetzen über die Untaten der sowjetfeindlichen Streitkräfte in Sibirien kein Hehl machte und durch seine Haltung den Unwillen der weißgardistischen, englischen, französischen und japanischen Truppenführer erregte.

Als der amerikanische Botschafter in Japan, Morriss, zu einem Besuch in Sibirien eintraf, verständigte er General Graves von einem Telegramm des Staatsdepartements, das die Unterstützung Koltschaks im Rahmen der amerikanischen Sibirienpolitik forderte. „Jetzt werden Sie wohl mit Koltschak zusammengehen müssen“, meinte der Botschafter.

Graves erwiderte, er habe keine derartige Anweisung vom Kriegsministerium erhalten.

„Diese Angelegenheit untersteht nicht dem Kriegsministerium, sondern dem Staatsdepartement“, meinte Morriss.

„Möglich, aber ich unterstehe dem Kriegsministerium“, antwortete Graves.

Die Agenten Koltschaks leiteten einen Propagandafeldzug gegen Graves in die Wege, der den Ruf des Generals untergraben und seine Abberufung aus Sibirien herbeiführen sollte. Man setzte verlogene Gerüchte in Umlauf und stellte den General als „Bolschewik“ hin, dessen Truppen den „Kommunisten“ militärische Hilfe leisteten.

Diese Propaganda fand auch in gewissen amerikanischen Kreisen Unterstützung. General Graves enthüllte, daß „der amerikanische Konsul in Wladiwostok die verleumderischen, lügenhaften und lächerlichen Veröffentlichungen der lokalen Presse über die amerikanischen Truppen Tag für Tag ohne Kommentar telegraphisch an das Staatsdepartement weitergab.“

Diese Artikel stützten sich ebenso wie die Kritik innerhalb der Vereinigten Staaten auf die Behauptung, die amerikanischen Truppen seien bolschewistisch gesinnt. Es wäre unmöglich gewesen, diese Anklage durch eine einzige Handlung amerikanischer Soldaten zu erhärten, aber Koltschaks Anhänger - und zu ihnen gehörte auch der Generalkonsul Harris - erhoben die gleiche Beschuldigung gegen jeden, der Koltschak nicht aktiv unterstützte.“

Als der Verleumdungsfeldzug seinen Höhepunkt erreicht hatte, traf in General Graves’ Hauptquartier ein Sonderbeauftragter des Generals Iwanow-Rinow ein, der Koltschaks Streitkräfte in Ostsibirien befehligte. Dieser Bote teilte General Graves mit, daß General Iwanow-Rinow bereit sei, gegen Entrichtung eines monatlichen Zuschusses von 20000 Dollar für die Koltschak-Armee die Einstellung der Propaganda gegen Graves und seine Truppen zu veranlassen.

Dieser General Iwanow-Rinow zeichnete sich durch besondere Wildheit und Grausamkeit aus. Wenn ein ostsibirisches Dorf in Verdacht stand, „Bolschewiki“ beherbergt zu haben, schlachteten seine Soldaten die gesamte männliche Einwohner ab. Die Frauen wurden geschändet und mit Ladestöcken geprügelt, Greise, alte Frauen und Kinder wurden ermordet.

Ein junger amerikanischer Offizier, den General Graves beauftragt hatte, Näheres über die von General Iwanow Rinows Truppen begangenen Greueltaten in Erfahrung zu bringen, war so erschüttert, daß er seinen Bericht mit dem Aufruf beendete: „Ich bitte Sie, Herr General, geben Sie mir keine solchen Aufträge mehr! Ich war nahe daran, meine Uniform herunterzureißen und diesen armen Teufeln nach besten Kräften zu helfen!“

Als die Bevölkerung sich drohend gegen General Iwanow-Rinow erhob, begab sich der britische Hohe Kommissar, Sir Charles Eliot, eilends zu General Graves, um seiner Besorgnis um den Kommandanten Augdruck zu geben.

„Von mir aus“, bemerkte General Gravegi grimmig, „können die Leute Iwanow-Rinow ruhig hierher bringen und an dem Telegraphenmast dort drüben aufhängen - kein Amerikaner würde einen Finger rühren, um Ihn zu retten!“

Während der Bürgerkrieg und die Intervention in Sibirien und den übrigen Teilen Rußlands immer weiter um sich griffen, trat in Europa eine entscheidende Wendung ein. Am 3. November 1918 meuterten in Kiel deutsche Matrosen; sie töteten ihre Offiziere und hißten die rote Fahne. In ganz Deutsehland fanden Massendemonstrationen für die Beendigung des Krieges statt. Im Niemandsland an der Westfront verbrüderten sich deutsche und alliierte Soldaten. Das deutsche Oberkommando suchte um einen Waffenstillstand an. Kaiser Wilhelm II. floh nach Holland - an der Grenze übergab er seinen Degen einem verwunderten jungen holländischen Soldaten. Am 11, November wurde der Waffenstillstand unterzeichnet.

Der erste Weltkrieg war zu Ende.


ANMERKUNGEN

  1. De Witt Clinton Poole wurde später Chef der Abteilung des amerikanischen Staatsdepartements für russische Angelegenheiten.

  2. Die von Hauptmann Hicks, Hauptmann Wehster und Major Drysdale festgestellten Tatsachen wurden dem englischen und amerikanischen Publikum verheimlicht. Hauptmann Hicks erhielt den lakonischen Auftrag, nach London zurückzukehren, später wurde er Hauptmann Sidney Reilly als Mitarbeiter zugeteilt. Das amerikanische Staatsdepartement legte die Berichte Hauptmann Websters und Major Drysdales zu den Akten.

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