Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

V. KRIEG UND FRIEDEN

1. Frieden im Westen

Der erste Weltkrieg hatte einen plötzlichen und überraschenden Abschluß gefunden. Der deutsche Hauptmann Ernst Röhm bemerkte treffend: „Der Frieden ist ausgebrochen“. In Berlin, Hamburg und allen Teilen Bayerns wurden Arbeiter- und Soldatenräte eingesetzt. In den Straßen von Paris, London und Rom veranstalteten die Arbeiter Kundgebungen für Frieden und Demokratie. Die Revolution griff auf Ungarn über. Die bäuerlichen Bevölkerungsschichten der Balkanländer waren von gärender Unzufriedenheit erfüllt. Nach den vier entsetzlichen Kriegsjähren vereinigten alle Menschen ihre Stimmen zu einem leidenschaftlichen Friedensgelübde: No more War! Nie wieder Krieg! Jamais plus de guerre! Never again!

„Ganz Europa ist vom Geiste der Revolution erfüllt“, erklärte David Lloyd George der Pariser Friedenskonferenz in seinem vertraulichen Memorandum vom März 1918. „Bei der Arbeiterschaft herrscht nicht einfach ein Gefühl der Unzufriedenheit, sondern Zorn und Auflehnung gegen die Vorkriegszustände. Die Massen Europas - ganz Europas - sind nicht mehr gewillt, die auf politischem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet bestehende Ordnung widerspruchslos hinzunehmen.“

Zwei Namen - Lenin und Wilson. - verkörperten die Wünsche der großen Massen und die Befürchtungen einer kleinen Oberschicht.

Im Osten hatte Lenin s Revolution die Zarenherrschaft hinweggefegt, die unterdrückten Millionen des alten kaiserlichen Rußland standen am Beginn einer neuen Ära. Im Westen weckten Woodrow Wilsona „Vierzehn Punkte“, die trotz ihrer trockenen Formulierungen wie ein Gärstoff wirkten, demokratische Hoffnungen und Erwartungen.

Als der Präsident der Vereinigten Staaten im Dezember 1918 den blutgetränkten Boden Europas betrat, wurde er von jubelnden Menschenmassen empfangen, die ihm die Hände küßten und Blumen vor seine Füße streuten. Die Völker der Alten Welt grüßten den Lenker der Neuen Welt als „König der Menschheit“, als „Heiland“ und „Friedensfürsten“. Sie hielten den großen hageren Professor aus Princetown für einen Messias, der gekommen war, um ein neues, größeres Zeitalter zu verkünden.

Zehn Millionen waren im Kampfe gefallen, zwanzig Millionen verwundet und verstümmelt; dreizehn Millionen Zivilisten waren Krankheiten und Hungersnöten erlegen; andere Millionen, die Heimat und Besitz verloren hatten, irrten zwischen den rauchenden Trümmern Europas umher. Aber jetzt war der Krieg endlich zu Ende, und die Welt wollte Worte des Friedens hören.

„Nach meiner Auffassung ist der Völkerbund ganz einfach die Organisation, durch die alle moralischen Kräfte der Menschheit wirksam werden sollen“, sagte Woodrow Wilson.[16]

Anfang Januar 1919 versammelten sich die Großen Vier - Woodrow Wilson, David Lloyd George, Georges Clemenceau und Vittorio Orlando - in einem Konferenzzimmer am Quai d’ Orsay in Paris, um über den Weltfrieden zu verhandeln.

Ein Sechstel der Erde war auf der Friedenskonferenz nicht vertreten.

Während die Friedensmacher ihre Reden hielten, führten Zehntausende alliierter Soldaten einen heimlichen, blutigen Krieg gegen Sowjetrußland. Auf einem riesigen Schlachtfeld, das sich von der frostigen Arktis bis zum Schwarzen Meer, von den ukrainischen Weizenfeldern bis zu den sibirischen Bergen und Steppen erstreckte, kämpften alliierte Truppen Schulter an Schulter mit den von Koltschak und Denikin geführten Weißen Armeen der Gegenrevolution gegen die junge Rote Armee.

Im Frühjahr 1919 standen Europa und Amerika im Zeichen einer heftigen, lügenhaften Propagandakampagne gegen die Sowjetunion. Der Londoner „Daily Telegraph“ wußte zu berichten, daß es in Odessa unter dem Schütze der „Schreckensherrschaft“ eine „Woche der freien Liebe“ gab. Die „New York Sun“ brachte folgende Schlagzeile: „Rote verstümmeln amerikanische Verwundete mit Äxten.“ In der „New York Times“ hieß es: „Das Rote Rußland ist ein riesiges Tollhaus… Flüchtlinge berichten, Wahnsinnige toben in den Straßen Moskaus… raufen mit Hunden um Aas.“

Wahrheitsgemäße Tatsachenberichte über Rußland, die von Journalisten, Geheimagenten, Diplomaten und sogar von Generälen wie Judson und Graves stammten, wurden unterdrückt oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Jeder, der Zweifel an der antisowjetischen Propaganda zu äußern wagte, wurde automatisch zum „Bolschewik“ gestempelt.

Kaum zwei Monate waren seit Abschluß des Waffenstillstandes vergangen - aber die Führer der Alliierten hatten das ursprüngliche Ziel des großen Kampfes offenbar schon vergessen. Auf der Pariser Friedenskonferenz gab es nur einen einzigen Gesichtspunkt: die „bolschewistische Gefahr“.

Marschall Foch, der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, forderte in einer Geheimsitzung der Friedenskonferenz eine rasche Einigung mit Deutschland, um den Alliierten ein sofortiges, gemeinsames Vorgehen gegen Sowjetrußland zu ermöglichen.

Um die Niederschlagung der deutschen Revolution zu erleichtern, sollte es dem deutschen Heereskommando gestattet sein, eine Armee von 100000 Soldaten und Offizieren sowie die sogenannte „Schwarze Reichswehr“ zu unterhalten, die sich aus den am besten ausgebildeten und geschulten Soldaten Deutschlands zusammensetzte. Außerdem wurde der deutschen Heeresleitung gestattet, nationalistische Untergrundverbände und terroristische Vereinigungen zu unterstützen, deren Bestimmung es war, die revolutionären deutschen Demokraten zu töten, zu martern und einzuschüchtern. Das alles geschah, um „Deutschland vor dem Bolschewismus zu retten“[17]

General Max Hoffmann, der ehemalige Generalstabschef der deutschen Ostarmee, der „Held“ von Brest-Litowsk unterbreitete Marschall Foch, der oben noch sein Feind gewesen war, einen Plan, wonach das deutsche Heer gegen Moskau Vorrücken und den Bolschewismus „an der Wurzel“ packen sollte Foch war mit dieser Idee einverstanden, schlug jedoch vor, „französische an Stelle von deutschen Truppen an die Spitze des Angriff“ zu stellen. Foch wollte ganz Osteuropa gegen Sowjetrußland mobilisieren.

„In Rußland herrscht zur Zeit der Bolschewismus und völlige Anarchie“ erklärte Foch auf der Pariser Friedenskonferenz „Ich würde beantragen, sämtliche wichtigen, im Westen noch ungelösten Fragen zu ordnen, damit die Alliierten in die Läge kommen, alle auf diese Weise frei werdenden Hilfsmittel für die Lösung der Ostfrage zu verwenden. - Ich halte es für mögliche polnische Truppen gegen die Russen einzusetzen, wenn sie vorher mit modernem Material und neuzeitlichen Waffen ausgerüstet werden. Wir brauchen ein zahlenmäßig starkes Heer, das durch Mobilisierung der Finnen, Polen, Tschechen, Rumänen und Griechen sowie der noch verfügbaren alliierten-freundlichen Elemente in Rußland aufgebracht werden konnte. Wenn das gelingt, wird der Bolschewismus im Laufe des Jahres 1919 erledigt sein!“

Woodrow Wilson strebte eine ehrliche, freundschaftliche Beziehung zu Rußland an. Er war sich darüber im klaren, daß all die schönen Reden über den Weltfrieden keinen Sinn hatten, solange ein Sechstel der Erde von den Verhandlungen ausgeschlossen blieb. Wilson drängte darauf, Sowjetdelegierte auf die Friedenskonferenz einzuladen, um durch gemeinsame Besprechung zu einer friedlichen Verständigung zu gelangen. Er kam immer wider auf diesen Vorschlag zurück und versuchte unermüdlich, die Angst vor dem Gespenst der Bolschewismus aus den Köpfen der Konferenzteilnehmer zu verscheuchen.

„Die ganze Welt beginnt, sich gegen die starken Besitzinteressen aufzulehnen, die sowohl das Wirtschaftlichen wie das politischen Geschehen beeinflussen, sagte Wilson warnend in einer der geheimen Friedensbesprechungen, die der Rat der Zehn in Paris abhielt. „Diese Vorherrschaft kann meiner Ansicht nach nur durch ständige Verhandlungen und einen allmählichen Umbildungsprozeß beseitigt werden; aber die Mehrzahl der Menschen ist ungeduldig geworden und will keinen Aufschub mehr zulassen. Es gibt Männer in den, Vereinigten Staaten, die Wohl nicht der Urteilskraft, aber dem Charakter nach zu den Besten zählten: Sie sympathisieren mit dem Bolschewismus, weil ihnen hier die von ihnen ersehnte Regierungsform verwirklicht scheint, die jedem einzelnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet“

Aber in der Umgebung Woodrow Wilson war man entschlossen, den Status quo um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Diese Männer, die durch imperialistische Geheimverträge und Handelsabkommen gebunden waren, gingen darauf aus, Wilson auf Schritt und Tritt zu überlisten, zu sabotieren und zu hemmen. Es gab kritische Augenblicke in denen Wilson sich auflehnte und drohte, er werde seine Sache unter Ausschaltung der Politiker und Militärs dem Volke selbst vortragen.

In Rom wollte er von dem Balkon des Palazzo Venezia über dem großen Platz, auf dem bereits zwei Jahre später die Schwarzhemden Mussolinis Reden lauschten, eine sensationelle Ansprache halten. Aber die italienischen Monarchisten fürchteten die Wirkung seiner Worte auf die römische Bevölkerung und hinderten die Massen daran, sich auf dem Platz zu versammeln; die Demonstration wurde mit der Begründung, daß sie von „Bolschewiki“ veranstaltet sei, gesprengt. Der gleiche Vorgang wiederholte sich in Paris: Wilson, der den Pariser Arbeitern eine Rede versprochen hatte, wartete den ganzen Morgen vergeblich am Fenster seines Hotelzimmers. Er wußte nicht, daß man französisches Militär und Polizei mobilisiert hatte, um die Arbeiter von seinem Hotel abzuschneiden.

Es gab keinen Ort in Europa, wo Wilson nicht von Geheimagenten und Agitatoren umgeben war; hinter seinen Rücken wurden endlose Intrigen gesponnen.

Sämtliche alliierten Mächte unterhielten Spionageorganisationen für besondere Aufgaben im Zusammenhang mit der Friedenskonferenz. Der militärische Geheimdienst der Vereinigten Staaten richtete in Paris auf der Place de la Concorde No. 4 ein eigenes Codebüro ein, wo Offiziere mit Spezialausbildung und sorgfältig ausgewählte Beamte Tag und Nacht damit beschäftigt waren, die Geheimnachrichten der übrigen Mächte aufzufangen und zu entziffern. Dieses Codebüro wurde von Major Herbert C. Yardley geleitet, der später in seinem Buch „The American Black Chamber“ enthüllte, daß dem Präsidenten Augenzeugenberichte amerikanischer Agenten über die tatsächliche Lage in Europa wissentlich vorenthalten wurden, während man ihm mit düster gefärbter, antibolschewistischer Lügenpropaganda unaufhörlich in den Ohren lag.

Major Yardley konnte des öfteren Geheimnachrichten auffangen und entziffern, in denen es sich um Sabotagepläne gegen die von Wilson befürwortete Politik handelte. Einmal gelang es ihm, einen besonders bedrohlichen und beunruhigenden Anschlag aufzudecken. Major Yardley schreibt:

„…der Leser kann sich mein Entsetzen vorstellen als ich ein Telegramm entzifferte, in dem von einem Attentatsplan der Entente gegen Präsident Wilson die Rede war; man beabsichtigte, den Präsidenten entweder durch ein langsam wirkendes Gift zu beseitigen oder ihm Influenzabazillen in Eis zu verabfolgen. Unser Gewährsmann, zu dem wir vollstes Vertrauen hatten, richtete die inständige Bitte an die Behörden, den Präsidenten zu warnen. Ich konnte mir keine Gewißheit darüber verschaffen, ob tatsächlich ein solcher Plan bestand und, wenn es der Fall war, ob er mit Erfolg durchgeführt wurde. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß die ersten Krankheitssymptome bei Präsident Wilson während seines Pariser Aufenthaltes auftraten und daß er bald darauf langsam dahinsiechte.“

2. Die Friedenskonferenz

Die Bemühungen Präsident Wilsons, zu Beginn der Pariser Friedenskonferenz eine objektive Stellungnahme Rußland gegenüber durchzusetzen, fanden wider allen Erwartens die Unterstützung des englischen Ministerpräsidenten David Lloyd George, der die sowjetfeindlichen Pläne Fochs und des französischen Premierministers Clemenceau wiederholt heftig kritisierte.

Lloyd George erklärte: „Zu einer Zeit, wo die Deutschen jeden verfügbaren Mann für die Verstärkung ihrer Offensive an der Westfront brauchten, mußten sie in den wenigen, von ihnen besetzten Provinzen, die nur einen schmalen Grenzstreifen des russischen Gesamtgebietes darstellen, fast eine Million Soldaten unterhalten. Außerdem waren die Bolschewiki damals noch schwach und schlecht organisiert. Jetzt sind sie stark und verfügen über eine achtunggebietende Armee. Ist einer der westlichen Alliierten bereit, eine Million Mann nach Rußland zu schicken? Wenn ich vorschlüge, weitere tausend englische Soldaten zu diesem Zweck nach Rußland zu bringen, würde die ganze Armee meutern. Das gleiche gilt für die amerikanischen Truppen in Sibirien, für die Kanadier und Franzosen. Es ist purer Wahnsinn, zu glauben, daß man den Bolschewismus mit Soldaten aus der Welt schaffen kann. Und selbst wenn es gelänge - wer soll dann Rußland besetzen?“

Der englische Ministerpräsident ließ sich im Gegensatz zu Wilson nicht von idealistischen Motiven leiten. Er fürchtete das Übergreifen der Revolution auf Europa und Asien; und als alter Politiker hatte der wallisische „Fuchs“ ein feines Empfinden für die Stimmung des englischen Volkes, dessen überwiegende Mehrheit gegen, die Fortsetzung der Intervention in Rußland war. Es gab sogar einen noch schwerwiegenderen Grund für seine Opposition gegen Marschall Foch. Der britische Generalstabschef Sir Henry Wilson hatte kurz zuvor in einem Geheimbericht an das Kriegskabinett erklärt, der englischen Politik stehe nur ein Weg offen: „Wir müssen unsere Truppen aus Europa und Rußland zurückziehen und alle unsere Kräfte an unseren künftigen Gefahrenpunkten, in England, Irland, Ägypten und Indien zusammenziehen.“ Lloyd George fürchtete, Foch und Clemenceau würden Englands Inanspruchnahme durch andere Probleme ausnützen, um Frankreich inzwischen die Vorherrschaft in Rußland zu sichern.

Da der schlaue englische Ministerpräsident sein Endziel gesichert glaubte, wenn Rußland einfach eine Zeitlang seinem Schicksal überlassen blieb, unterstützte er die Forderung des Präsidenten der Vereinigten Staaten nach einer gerechten Behandlung der Bolschewiki. In den Geheimsitzungen der Pariser Konferenz gab Lloyd George seiner Ansicht in sehr deutlichen Worten Ausdruck:

„Die russischen Bauern haben den Bolschewismus aus dem gleichen Grunde bejaht wie die französischen Bauern ihre Revolution; weil sie Land erhielten“ erkläre Lloyd George. „Die Bolschewiki sind die Defacto-Regierung Rußlands. Früher erkannten wir die Zarenregierung an, obwohl wir uns über ihre Minderwertigkeit völlig im klaren waren. Wir erkannten sie an, weil sie die Defacto-Regierung war … aber wir weigern uns, die Bolschewiki anzuerkennen! Unser Anspruch, einer großen Nation die Wahl ihrer Vertreter vorzuschreiben, steht im Widerspruch zu den Grundsätzen für die wir gekämpft haben.“

Präsident Wilson sagte, daß es seiner Ansicht nach keinen Einwand gegen Lloyd Georges Ausführungen gebe. Er schlug vor eine Sonderkonferenz nach der Insel Prinkipo oder einem anderen „günstig gelegenen“ Platz einzuberufen um die Möglichkeit einer friedlichen Lösung für Rußland zu studieren. Im Interesse der Unparteilichkeit sollten sowohl Abgeordnete der Sowjetregierung als auch der sowjetfeindlichen weißgardistischen Gruppen eingeladen werden.

Georges Clemenceau, der französische „Tiger“ und Sprecher des Generalstabs sowie der französischen Gläubuger des Zaren antwortete im Namen der Interventionspartei. Clemenseau wußte, daß gewisse englische Regierungskreise Lloyd Georges kluge Politik unterstützen würden, während die englischen Militaristen und der Geheimdienst sich bereits auf einen Krieg gegen die Sowjets festgelegt hatten. Gleichzeitig hielt Clemenceau es für notwendige Lloyd Georges Argumente durch einen nachdrücklichen Hinweis auf die bolschewistische Gefahr zu entkräften und Wilson auf diese Weise zu beeindrucken.

Clemenceau verließ sich nicht ausschließlich auf seine eigene Beredsamkeit. Er bat, den Aussagen „sachverständiger Augenzeugen“ über die bolschewistische Frage Gehör zu schenken. Der erste, der Wilson und Lloyd George Vorgestellt wurde, war Botschafter Noulens, der ehemalige Freund des Botschafters Francis und Anführer sämtlicher sowjetfeindlicher Intriganten des diplomatischen Korps in Petrograd.

„Ich werde mich auf Tatsachen beschränken“ sagte Noulens und begann sofort mit einem farbenprächtigen Bericht über „bolschewistische Greueltaten“. Noulens wiederholte den aufgeregten Klatsch der sowjetfeindlichen diplomatischen Korps und der zarenfreundlichen Emigranten: „In der Peter-Pauls-Festung befindet sich eine Kompanie von berufsmäßigen Folterern“. Die bolschewistische Armee gleicht mehr einem Pöbelhaufen als einer Armee.

„Dann ist da der Fall des englischen Marineattache Hauptmann Cromey“, fuhr Noulens fort. „Er wurde bei der Verteidigung der englischen Botschaft getötet, sein Leichnam war drei Tage lang in einem Fenster der Botschaft zur Schau gestellt!“ Terror, Massenmord, Entartung, Bestechlichkeit, völlige Mißachtung der Alliierten - dies alles seien die hervorstechenden Merkmale der Sowjetregierung….

Noulens gab sich die größte Mühe aber seine Erklärungen verfehlten die beabsichtigte Wirkung. Wenige Tage zuvor hatte der amerikanische Spezialagent W. H. Buckler in Wilsons Auftrag um eine vertrauliche Unterredung mit dem Mitglied der Sowjetregierung Maxim Litwinow angesucht. Das Ergebnis war der nachfolgende, vom 18. Januar 1919 datierte Bericht:

„Litwinow erklärte, daß die Sowjetregierung einen dauernden Frieden wünsche und die militärischen Vorbereitungen und kostspieligen Feldzüge, die Rußland nach vier erschöpfenden Kriegsjahren aufgezwungen werden, verabscheue. Die Sowjetregierung möchte Klarheit darüber erhalten, ob die Vereinigten Staaten und die Alliierten den Frieden wünschen. In diesem Falle wäre es leicht, zu einer Einigung zu gelangen, da die Sowjetregierung nach Litwinows Aussage bereit ist. in allen Punkten nachzugeben, auch was den Schutz bereits bestehender ausländischer Unternehmungen, die Gewährung neuer Konzessionen in Rußland und die ausländischen Anleihen betrifft… Die versöhnliche Haltung der Sowjetregierung ist nicht zu bezweifeln.

… Soweit der Völkerbund imstande ist, den Krieg zu verhindern, ohne die Reaktion zu stärken, kann er mit der Unterstützung der Sowjetregierung rechnen.“

Buckler fügte hinzu, daß gewisse Elemente innerhalb der bolschewistischen Partei mit der Friedenspolitik der Sowjetregierung durchaus nicht einverstanden seien. Diese Opposition „hofft auf eine Verstärkung der alliierten Intervention“ und - so bemerkte Buckler warnend - „die Fortsetzung der Intervention fördert die Sache dieser Extremisten.“

Es hatte den Anschein, als ob Woodrow Wilson seinen Friedensplan mit Lloyd Georges Hilfe gegen Clemenceau und Foch durchsetzen würde. Wilson faßte die von ihm vorgeschlagenen Bedingungen in einer Note zusammen, die er an die Sowjetregierung und an die verschiedenen weißgardistischen Gruppen sandte. Die Sowjetregierung erklärte sich unverzüglich mit Wilsons Plan einverstanden und traf Vorbereitungen für die Entsendung von Delegierten nach Prinkipo. Aber wie Winston Churchill später einmal sagte: „Der Augenblick war nicht günstig“, um in Rußland Frieden zu schaffen. Die meisten alliierten Führer erwarteten mit Bestimmtheit den baldigen Zusammenbruch der Sowjetregierung und gaben den von ihnen unterstützten „weißen“ Gruppen inoffiziell den Rat, ein Zusammentreffen mit Sowjetdelegierten in Prinkipo abzulehnen.

Die Stimmung auf der Friedenskonferenz schlug plötzlich um. Lloyd George, der die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen erkannt hatte, reiste unvermittelt nach London ab. An seiner Stelle begab sich der jugendliche Kriegs- und Luftfahrtminister Winston Churchill eilends nach Paris, um dort die Sache der fanatischen Antibolschewisten zu vertreten.[18]

Es war der 14. Februar 1919. Am folgenden Tag sollte Wilson nach Amerika zurückkehren, um dem von Senator Lodge geführten isolationistischen Kongreßblock entgegenzutreten, der alle seine Bemühungen um die Schaffung eines Systems der internationalen Zusammenarbeit und Sicherheit vereitelt hatte. Wilson, der sich seiner Niederlage in Europa bewußt war, fürchtete, in Amerika einen ähnlichen Fehlschlag zu erleiden. Er war enttäuscht, müde und völlig entmutigt.

Der englische Außenminister A. J. Balfour führte Winston Churchill beim Präsidenten Wilson mit der Bemerkung ein, der englische Kriegsminister sei nach Paris gekommen, um die derzeitige Haltung des englischen Kabinetts in der russischen Frage klarzustellen. Churchill begann sofort mit einem Angriff auf Wilsons Prinkipo-Projekt.

Er sagte: „Gestern fand in London eine Kabinettssitzung statt. Es herrschte große Besorgnis über die Lage in Rußland, besonders im Hinblick auf die beabsichtigte Zusammenkunft in Prinkipo … Wir sind uns darüber einig, daß die Konferenz wenig Nutzen bringen wird, wenn nur die Bolschewiki daran teilnehmen. Wir dürfen die militärische Seite der Angelegenheit nicht außer acht lassen. In Rußland stehen englische Truppen, deren Leben täglich in Gefahr ist.“

Wilson antwortete: „Da Herr Churchill eigens von London herübergekommen ist, um mich noch vor meiner Abreise zu sehen, fühle ich mich verpflichtet, ihn mit meinen persönlichen Anschauungen über die russische Frage bekannt zu machen. Wenn auch vorläufig vieles unentschieden bleiben muß, bin ich mir über zwei Punkte restlos im klaren. Erstens: die Truppen der alliierten und verbündeten Mächte tun in Rußland nichts Gutes. Sie wissen nicht, für wen oder für welche Sache sie kämpfen. Es besteht keinerlei Aussieht, durch ihre Anwesenheit die Wiederherstellung der allgemeinen Ordnung in Rußland zu fördern, sondern sie dienen den Interessen lokaler Gruppen, wie beispielsweise der Kosaken, die nichts als die Verwirklichung ihrer Sonderbestrebungen im Auge haben. Aus diesen Gründen bin ich dafür, daß die alliierten und verbündeten Mächte ihre Truppen aus sämtlichen Teilen Rußlands zurückziehen.“

„Der zweite Punkt“, fuhr Wilson mit müder Stimme fort, „ist die Konferenz von Prinkipo … Wir wünschen keine Annäherung an die Bolschewiki, sondern wir wollen wissen, woran wir sind. Die Berichte über Rußland, die aus verschiedenen offiziellen und inoffiziellen Quellen zu uns gelangen, sind so widersprechend, daß wir uns keine zusammenhängende Vorstellungen von den dort herrschendem Zuständen machen können. Eine Begegnung mit Vertretern des Landes würde wahrscheinlich zur Klärung der Lage beitragen.“

Als der Präsident seine Ausführungen beendet hatte, erwiderte Churchill: „Die vollständige Zurückziehung der alliierten Truppen wäre politisch eindeutig und logisch, würde aber zur Vernichtung sämtlicher in Rußland befindlichen antibolschewistischen Streitkräfte führen, deren gegenwärtiger Stand etwa 500000 Mann beträgt. Ihr militärischer Wert ist nicht allzu groß, aber ihre Zahl ist ständig im Ansteigen. Eine solche Politik würde dieselbe Wirkung haben wie die Entfernung des Schwungrades aus einer Maschine. Der bewaffnete Widerstand gegen die Bolschewiki würde aufhören, Rußland hätte nichts mehr vor sich als eine endlose Häufung von Gewalttätigkeit und Elend.“

„Aber in manchen Gebieten würden diese bewaffneten Kräfte doch zweifellos den Reaktionären zu Hilfe kommen“, wandte Wilson ein. „Wenn man daher den Alliierten die Frage stellt, wen sie eigentlich in Rußland unterstützen, müssen sie antworten: wir wissen es nicht!“

Churchill hörte höflich zu, dann sagte er: „Es würde mich interessieren, ob der Rat der Bewaffnung der antibolschewistischen Streitkräfte in Rußland zustimmen wird, falls die Konferenz von Prinkipo ergebnislos verläuft.“

Wilson fühlte sich mutlos und krank; Lloyd George hatte ihn im Stich gelassen. Nun stand er als einzelner einer Gruppe von Männern gegenüber, die fest entschlossen waren, Ihre Absichten zu verwirklichen.

„Ich habe dem Rat auseinandergesetzt wie ich handeln Würde, wenn ich allein zu bestimmen hätte“, sagte der Präsident der Vereinigten Staaten. „Ich werde mich aber in jedem Falle der Entscheidung der übrigen anschließen.“

Wilson kehrte in die Vereinigten Staaten zurück und begann einen tragischen, aussichtslosen Kampf gegen die amerikanische Reaktion Staatssekretär des Äußeren, Lansing[19] übernahm seine Vertretung auf der Pariser Konferenz, was eine merkliche Umstimmung des Verhandlungstones zur Folge hatte. Von nun an konnten die Vertreter der Alliierten ihren Gedanken freien Ausdruck verleihen.

Clemenceau empfahl ohne alle Umschweife, die Friedenskonferenz solle versuchen, „auf möglichst unauffällige und einfache Art mit ihren Schwierigkeiten fertig zu werden“. Es wäre am besten, die Prinkipo-Angelegenheit einfach fallen zu lassen und überhaupt nicht mehr zu erwähnen. „Wenn die Alliierten schon einmal in diese Sache hineingeraten sind“, sagte Clemenceau, „so müssen sie jetzt einen Ausweg finden.“

Der englische Außenminister Balfour nahm mit größerer Ausführlichkeit im gleichen Sinne Stellung „Wir müssen uns bemühen“, erklärte er, „das Unrecht der Bolschewiki nicht nur für die öffentliche Meinung, sondern auch für diejenigen sinnfällig zu machen, die im Bolschewismus eine Art abwegiger Demokratie erblicke, die aber doch viele gute Elemente enthält.“

Und nun wurde lang und ausführlich darüber diskutiert, auf welche Weise man die weißgardistischen Armeen am wirksamsten gegen die Sowjetregierung unterstützen könnte.

Churchill, der Lloyd Georges Platz am Konferenztisch eingenommen hatte, schlug die sofortige Errichtung eines Obersten Rates der Alliierten für russische Angelegenheiten mit Unterabteilungen für politische, wirtschaftliche und militärische Fragen vor. Die militärische Abteilung sollte „sich sofort an die Arbeit machen“ und detaillierte Pläne für die bewaffnete Intervention auf breiter Grundlage entwerfen.

3. Golowins Mission

Da Churchill von nun an, wenn auch nur inoffiziell, als Oberkommandierender der sowjetfeindlichen alliierten Armeen galt, wurde der Schauplatz der Ereignisse nach London verlegt. Im Frühjahr und Sommer 1919 wimmelte es in den englischen Regierungsämtern in Whitehall von weißgardistischen Sonderbeauftragten. Sie kamen, um als Vertreter des Admirals Koltschak, des Generals Denikin und anderer weißgardistischer Führer endgültige Vorbereitungen für einen großangelegten Feldzug gegen die Sowjets zu treffen. Die Leitung der Verhandlungen, die streng geheim gehalten wurden, war in erster Linie Winston Churchill und Sir Samuel Hoare anvertraut. Churchill kümmerte sich in seiner Eigenschaft als Kriegsminister um die Belieferung der weißgardistischen Armeen mit überzähligem Material aus den englischen Kriegsbeständen. Hoare überwachte die komplizierten diplomatischen Verhandlungen.

Unter den weißgardistischen Vertretern befanden sich auch einige „demokratische Russen“ vom Schlage des berühmten Sozialrevolutionärs und Terroristen Boris Sawinkow, des zaristischen Fürsten Lwow und des ehemaligen Außenministers des Zaren, Sergei Sasonow, der in Paris als Agent Denikins und Koltschaks aufgetreten war. Am 27. Mai 1919 berichtete die Londoner „Times“:

„Gestern abend fand im Unterhaus eine Zusammenkunft zwischen Herrn Sasonow und einigen Parlamentsmitgliedern statt. Sir Samuel Hoare führte den Vorsitz. Herr Sasonow erklärte, man könne mit gutem Grund den baldigen Zusammenbruch des Sowjetregimes erwarten, doch würde die Anerkennung der Regierung des Admirals Koltschak wesentlich zur Beschleunigung dieser Entwicklung beitragen. Er gab der tiefgefühlten Dankbarkeit des russischen Volkes Ausdruck, nicht nur für die von England gewährte materielle Unterstützung, sondern auch für die Hilfeleistung der englischen Marine, die einer großen Anzahl von Flüchtlingen das Leben gerettet habe.“

Der „offizielle Vertreter der weißgardistischen Armeen“ beim englischen Kriegsministerium war Generalleutnant Golowin. Er tauchte zu Beginn des Frühjahrs 1919 mit einem an Winston Churchill gerichteten Einführungsbrief in London auf. Kurz nach seiner Ankunft hatte er eine Unterredung mit Sir Samuel Hoare, in deren Verlauf unter anderem auch die kaukasische Frage - mit besonderer Berücksichtigung der großen Ölvorkommen in Grosny und Baku - behandelt wurde.

Am 5. Mai stattete Golowin seinen ersten Besuch im Kriegsministerium ab. Hoare, der ihn begleitete, hatte ihm den Rat gegeben, seine russische Paradeuniform anzulegen. Die englischen Offiziere bereiteten Golowin einen sehr herzlichen Empfang. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten sie seinen Berichten über die Fortschritte der verschiedenen weißgardistischen Operationen.

Am gleichen Tage um 5 Uhr 30 nachmittags trat Golowin mit Churchill in Fühlung. Der Kriegsminister machte aus seinem Ärger über die Opposition der englischen Liberalen und der Arbeiterklasse gegen die Unterstützung der sowjetfeindlichen Weißen Armeen kein Hehl, gab aber gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck, daß es ihm möglich sein würde, trotz all dieser Widerstände weitere 10000 „Freiwillige“ nach Nordrußland zu entsenden. Er wisse, daß in diesem Kriegsgebiet wegen der fortgeschrittenen Demoralisierung der englischen und amerikanischen Truppen Verstärkungen dringend gebraucht würden.

Churchill betonte ferner seine Bereitwilligkeit General Denikin weitgehend zu unterstützen. In jedem Falle könne Denikin mit 2500 „freiwilligen“ militärischen Instruktoren und technischen Sachverständigen rechnen. Als sofortige greifbare Hilfe stellte Churchill einen Betrag von 24: Millionen Pfund Sterling in Aussicht, der auf die verschiedenen antisowjetischen Frontabschnitte verteilt werden würde, sowie hinreichendes Material, um 100000 Judenitsch-Soldaten für den Marsch auf Petrograd auszurüsten und zu bewaffnen. Es bestehe die Absicht, 500 in deutscher Kriegsgefangenschaft befindliche zaristische Offiziere auf englische Kosten nach Archangelsk zu transportieren…

„Das Ergebnis der Unterredung übertraf alle meine Erwartungen“, bemerkte Golowin in dem Bericht, den er nach seiner Rückkehr seinen Vorgesetzten unterbreitete. „Churchill bringt uns nicht nur Sympathie entgegen, sondern tatkräftige, hilfsbereite Freundschaft. Man verspricht uns ein Höchstmaß von Unterstützung. Jetzt müssen wir den Engländern zeigen, daß wir bereit sind, den Worten Taten folgen zu lassen.“[20]


ANMERKUNGEN

  1. In seiner Eröffnungsansprache auf der Pariser Friedenskonferenz sagte Woodrow Wilson unter anderem: „Eine solche Definition der Grundsätze und Ziele wird noch von einer Stimme gefordert, die für mein Gefühl einen erregenderen und zwingenderen Klang hat als die vielen anderen eindringlichen Stimmen, von denen die unruhige Atmosphäre der Welt widerhallt. Es ist die Stimme des russischen Volkes.“

  2. Der Verzicht auf den Marsch nach Berlin und die endgültige Entwaffnung des deutschen Militarismus im Jahre 1918 war auf die Furcht der Alliierten vor dem Bolschewismus zurückzuführen, die von den deutschen Politikern geschickt ausgenutzt wurde. Der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, Marschall Foch, enthüllte in seinen nach dem Kriege veröffentlichten Memoiren, daß die deutschen Unterhändler vom Beginn der Friedensverhandlungen an immer wieder das Gespenst eines „bevorstehenden bolschewistischen Überfalls auf Deutschland“ heraufbeschworen, um günstige Friedensbedingungen für Deutschland zu erzielen. General Wilson vom englischen Generalstab trug am 9. November 1918, zwei Tage vor Unterzeichnung des Waffenstillstandes, folgende Bemerkung in sein „Kriegstagebuch“ ein: „Heute abend von 6 Uhr 30 bis 8 Kabinettssitzung. Lloyd George verlas zwei Telegramme des Tigers (Clemenceau), in denen Fochs Unterredungen mit den Deutschen geschildert werden; der Tiger befürchtet den völligen Zusammenbruch Deutschlands und die Machtübernahme durch die Bolschewiki Lloyd George fragte mich, ob ich diese Möglichkeit einem Waffenstillstand vorzöge. Ich entschied mich ohne Zögern für den Waffenstillstand. Sämtliche Kabinettsmitglieder teilten meine Ansicht. Die wirkliche Gefahr für uns ist heute nicht mehr Deutschland, sondern der Bolschewismus“ In einem hellsichtigen Augenblick machte Clemenceau selbst die Pariser Friedenskonferenz warnend darauf aufmerksam, daß der „Antibolschewismus dem deutschen Generalstab nur als taktisches Hilfsmittel diene, um die Alliierten“ verwirren und den deutschen Militarismus zu retten. „Die Deutschen“ sagte Clemenceau im Jahre 1919, „benutzen den Bolschewismus als Schreckgespenst, um den Alliierten furcht einzujagen.“ Trotzdem vergaß der Tiger unter dem Einfluß Fochs, Petains Weygands und anderer seine eigenen Warnungen und erlag ebenso wie die übrigen alliierten Friedensvermittler der antibolschewistischen Hysterie, die kein klares Denken, keine demokratische Handlungsweise aufkommen ließ.

  3. Damals und in den folgenden Jahren war Churchill der Führer der sowjetfeindlichen englischen Konservativen. Churchill fürchtete das Übergreifen revolutionärer Ideen von Rußland auf die. östlichen Gebiete des britischen Empire.

    Rene Kraus schreibt in seiner Churchill-Biographie: „Die Großen Fünf hatten in Paris beschlossen, die weißgardistische Gegenrevolution zu unterstützen. Churchill wurde mit der Durchführung dieses Beschlusses betraut, und es steht außer Zweifel, daß er, nachdem die Entscheidung einmal gefallen war, mit Feuereifer an diese Aufgabe heranging ... Er arbeitete gemeinsam mit dem Generalstabschef Sir Henry Wilson einen Plan aus, wonach die verschiedenen weißgardistischen Armeen mit aus dem Weltkrieg verbliebenen Materialüberschüssen ausgerüstet und bewaffnet werden sollten; außerdem wollte man ihnen erfahrene Offiziere und Instrukteure zur Verfügung stellen.“

    Nachdem Hitler in Deutschland zur Macht gelangt war, erkannte Churchill, daß die Naziherrschaft eine ernste Bedrohung der europäischen und internationalen Interessen Englands bedeutete. Er änderte sofort seine Haltung Rußland gegenüber und begann, sich für ein Bündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion einzusetzen, um der nazistischen Aggression Einhalt zu gebieten. Als Deutschland im Jahre 1941 Sowjetrußland überfiel, erhob Churchill als erster seine Stimme, um vor aller Welt zu erklären, daß Rußlands Kampf der Kampf aller freien Völker sei und die Unterstützung Englands erhalten werde. Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges ließ Churchill neuerlich den Schlachtruf von der „bolschewistischen Gefahr“ ertönen.

  4. Woodrow Wilson machte noch einen letzten Versuch zu einer ehrlichen Einigung mit Rußland zu gelangen. Auf eigene Initiative sandte er William C. Bullitt, der damals als junger Beamter des Staatsdepartments der amerikanischen Friedensdelegation in Paris angehörte, nach Moskau; er sollte sich mit Lenin in Verbindung setzen und fest stellen, ob der Sowjetführer tatsächlich Frieden wünsche Bullitt wurde von dem bedeutenden amerikanischen Journalisten Lincoln Steffens begleitet, der nach seiner Rückkehr seine Eindrücke in acht Worten zusammenfaßte: „Ich habe die Zukunft gesehen.“ Bullitt brachte die Friedensvorschläge sowohl für die Alliierten als auch für die weißgardistischen Gruppen mit. Lenin zeigte die größte Bereitwilligkeit, Frieden zu schließen, aber seine Vorschläge wurden, wie Churchill später in seinem Buch „The world Crisis: the Aftermath“ mitteilte mit Nichtachtung behandelt und dieselben Leute, die Bullitt nach Moskau geschickt hatten, sahen sich jetzt genötigt, ihn, wenn auch unter gewissen Schwierigkeiten, fallen zu lassen. Bullitt erklärte im September 1919 dem Senatsausschuß für Auswärtige Angelegenheiten, warum die von Lenin gestellten Friedensbedingungen keine Beachtung gefunden hatten: „Koltschak rückte 300 km vor“ und die gesamte Pariser Presse brach sofort in ein Triumphgeschrei aus und behauptete, Koltschak würde in zwei Wochen Moskau erreichen. Von einem Friedensschluß mit Rußland wollte man nichts mehr hören, (das gilt leider auch für einige Mitglieder der amerikanischen Kommission) da man den Einmarsch Koltschaks in Moskau und die Vernichtung der Sowjetregierung erwartete.

    Über Bullitts spätere Entwicklung zu einem Gegner der Sowjetunion siehe XXIII. Kapitel.

  5. Dieser Bericht wurde später von der Roten Armee in den Geheimarchiven der Weißen Regierung von Murmansk aufgefunden und kurze Zeit darauf im Londoner „Daily Herald“ veröffentlicht, was in sowjetfeindlichen englischen Kreisen peinliche Überraschung hervorrief.

Kapitel IV. <--      --> Kapitel VI.

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