Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

VI. DER INTERVENTIONSKRIEG

1. Vorspiel

Im Sommer 1919 standen die Truppen von vierzehn Staaten auf sowjetischem Gebiet, ohne daß eine Kriegserklärung erfolgt war. Beteiligt waren:

Großbritannien Serbien
Frankreich China
Japan Finnland
Deutschland Griechenland
Italien Polen
USA Rumänien
Tschechoslowakei Türkei

Schulter an Schulter mit diesen Angreifern kämpften die gegenrevolutionären Weißen Armeen; sie wurden von ehemaligen zaristischen Generälen geführt, denen an der Wiederherstellung der vom russischen Volk gestürzten Feudalaristokratie gelegen war.

Die sowjetfeindlichen Heerführer hatten einen großangelegten Feldzugsplan. Die Armeen der weißgardistischen. Generäle sollten gemeinsam mit den Interventionstruppen von allen vier Himmelsrichtungen konzentrisch auf Moskau vorrücken.

Im Norden und Nordwesten, bei Archangelsk, Murmansk und in den Ostseeprovinzen, standen die englischen Streitkräfte neben den weißgardistischen Truppen des Generals Nikolai Judenitsch.

Die südlichen Stützpunkte im Kaukasus und längs der Küste des Schwarzen Meeres wurden von General Anton Denikin gehalten, dessen Armee die Franzosen in großzügiger Weise ausgerüstet und verstärkt hatten.

Die Streitkräfte des Admirals Alexander Koltschak kampierten im Osten längs des Urals; ihre Operationen wurden von englischen Militärberatern geleitet.

Im Westen stand die neuorganisierte polnische Armee des Generals Pilsudski, die von französischen Offizieren geführt wurde.

Die Staatsmänner der Alliierten fanden immer wieder neue Gründe für die Anwesenheit ihrer Truppen in Rußland. Als im Frühjahr und Sommer 1918 die ersten Soldaten in Murmansk und Archangelsk an Land gingen, erklärten die alliierten Regierungen, diese Truppen sollten die Erbeutung militärischen Materials durch die Deutschen verhindern. Später behaupteten sie, Streitkräfte nach Sibirien gesandt zu haben, um den Tschechoslowaken den Rückzug aus Rußland zu erleichtern. Ferner war es angeblich die Aufgabe der alliierten Kontingente, den Russen bei der „Wiederherstellung der Ordnung“ behilflich zu sein.

Die Staatsmänner der alliierten Mächte wiesen den Vorwurf der bewaffneten Intervention gegen die Sowjetregierung und der Einmischung in innerrussische Angelegenheiten zu wiederholten Malen energisch zurück. „Wir haben nicht die Absicht, die interne Verfassung Rußlands zu beeinflussen“, erklärte der englische Außenminister Arthur Balfour im August 1918. „Die Russen müssen mit ihren Problemen selbst fertig werden.“

Winston Churchill, der die Kampagne gegen Sowjetrußland persönlich leitete, äußerte sich später in seinem Buch „The Worid Crisis: the Aftermath“ mit gewohnter Ironie und Unverblümtheit:

„Führten sie (die Alliierten) gegen Rußland Krieg? Keinesfalls, aber sie erschossen jeden Sowjetrussen, den sie erblickten. Ihre Truppen hatten russisches Gebiet besetzt. Sie bewaffneten die Feinde der Sowjetregierung. Sie blockierten Häfen und versenkten Kriegsschiffe. Der Zusammenbruch des Regimes wurde von ihnen angestrebt und vorbereitet. Aber von Krieg oder Einmischung zu sprechen, galt als peinlich und beschämend! Sie behaupteten immer wieder, es sei ihnen völlig gleichgültig, was im Innern Rußlands vorgehe. Sie waren unparteiisch - basta!“

Der junge Sowjetstaat kämpfte unter den ungünstigsten Bedingungen um sein Bestehen. Das Land war durch die Verwüstungen des Weltkrieges erschöpft. Millionen Menschen waren ohne Besitz und Nahrung. Die Fabriken standen leer, der Boden wurde nicht bearbeitet, das Verkehrswesen war lahmgelegt. Wie konnte ein solches Land dem gewaltigen Ansturm eines Feindes standhalten, der über starke, wohlausgerüstete Armeen, unerschöpfliche Geldmittel und reichliche Nahrungs- und Materialvorräte verfügte?

Die ringsum von ausländischen Angreifern eingeschlossene, im Rücken ständig durch Verschwörungen bedrohte Rote Armee zog sich unter erbitterten Abwehrkämpfen langsam zurück. Der Herrschaftsbereich der Moskauer Regierung schrumpfte auf ein Sechzehntel des russischen Gesamtgebietes zusammen: es war eine sowjetische Insel inmitten eines sowjetfeindlichen Ozeans.

2. Die Nordfront

Schon zu Beginn des Sommers 1918 waren in Archangelsk Spezialagenten des britischen Geheimdienstes eingetroffen. Sie hatten den Auftrag, einen bewaffneten Aufstand gegen die sowjetische Ortsverwaltung dieser strategisch äußerst wichtigen Hafenstadt einzuleiten. Die englischen Geheimagenten arbeiteten unter der Leitung und Aufsicht des Hauptmanns Georg Jermolajewitsch Chaplin, einen ehemaligen Zarenoffiziers, der Aufnahme in die englische Armee gefunden hatte; weißgardistische gegenrevolutionäre Verschwörer beteiligten sich an den Vorbereitungen.

Am 2. August brach die Revolte aus. Am nächsten Tag landete der englische Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordrußland, Generalmajor Frederick C. Poole, unter dem Schutz englischer und französischer Kriegsschiffe Truppen in Archangelsk und besetzte die Stadt. Gleichzeitig traten serbische und weißgardistische Abteilungen unter der Führung des Obersten Thornhill vom britischen Geheimdienst vom Onega-See her einen Überlandmarsch an, um die Verbindung zwischen Archangelsk und Wologda abzuschneiden und den zurückweichenden Bolschewiki in den Rücken zu fallen.

Nach Beseitigung des örtlichen Sowjets setzte General Poole in Archangelsk eine Scheinregierung ein, die sich „Regierung Nordrußlands“ nannte; an ihrer Spitze stand ein ältlicher Politiker namens Nikolai Tschaikowski. Aber nach kurzer Zeit erschien sogar diese sowjetfeindliche Verwaltung General Poole und seinen zaristischen Verbündeten zu liberal. Man entschloß sich, auf die formelle Aufrechterhaltung einer Regierung zu verzichten und eine Militärdiktatur einzusetzen.

Der Plan General Pooles und seiner weißgardistischen Freunde kam am 5. September zur Ausführung. Am nächsten Tag traf Botschafter David R. Francis zu einem Besuch in Archangelsk ein. Er wurde gebeten, ein Bataillon amerikanischer Truppen zu inspizieren. Als die letzten Reihen vorbeimarschiert waren, bemerkte General Poole in leichtem Ton: „Gestern Abend hatten wir hier eine Revolution.“

„Was sagen Sie da, zum Donnerwetter!“ entfuhr es dem Botschafter. „Wer hat die Sache in Gang gebracht?“

„Chaplin“, antwortet General Poole und zeigte dem Botschafter den zaristischen Marineoffizier, der die ursprüngliche Revolte gegen den Sowjet von Archangelsk in die Wege geleitet hatte.

Francis forderte Hauptmann Chaplin durch eine Handbewegung auf, zu ihm herüberzukommen.

„Chaplin“, fragte der amerikanische Botschafter, „wer hat den gestrigen Aufstand veranlaßt?“

„Ich“, lautete die lakonische Antwort.

Der Staatsstreich hatte am Abend des vorangegangenen Tages stattgefunden. Präsident Tschaikowski und die übrigen Mitglieder der Regierung Nordrußlands waren mitten in der Nacht von Hauptmann Chaplin und einigen englischen Offizieren entführt und heimlich auf einem Boot nach einer nahegelegenen Insel geschafft worden. Dort ließ Hauptmann Chaplin die russischen Politiker unter militärischer Bewachung in einem einsamen Kloster zurück.

Solche selbstherrlichen Methoden schienen sogar dem Botschafter Francis zu primitiv - um so mehr, als man das Komplott vor ihm geheimgehalten hatte. Francis erklärte General Poole, daß die amerikanische Regierung diesen Gewaltstreich nicht decken würde…

Innerhalb von vierundzwanzig Stunden kehrten die Minister der Scheinregierung nach Archangelsk zurück, die „Regierung Nordrußlands“ wurde wieder in ihre Rechte eingesetzt. Francis teilte dem amerikanischen Staatsdepartement telegraphisch mit, daß er durch sein Einschreiten die Demokratie gerettet habe.

Zu Beginn des Jahres 1919 befanden sich 18400 englische Soldaten in Archangelsk und Murmansk. An ihrer Seite kämpften 5100 Amerikaner, 1800 Franzosen, 1200 Italiener, 1000 Serben und etwa 20000 Weißgardisten. Hauptmann John Cudahy[21], der dem amerikanischen Expeditionskorps angehörte, beschreibt in seinem Buch „Archangelsk: The American War with Russia“ die damals in dieser Stadt herrschenden Zustände. „Alle waren Offiziere.“ Da gab es nach Cudahys Bericht zahllose zaristische Offiziere, die „von dem Gewicht ihrer schweren, glänzenden Medaillen niedergezogen wurden“; Kosakenoffiziere mit hohen grauen Mützen, prunkvollen Uniformröcken und rasselnden Säbeln; englische Offiziere aus Eton und Harrow; serbische, italienische und französische Offiziere …

„Daneben“, fährt Cudahy fort, „gab es natürlich eine Menge von Burschen; sie putzten die Stiefel, polierten die Sporen und hielten alles in Ordnung; andere kümmerten sich um das Inventar des Offiziersklubs und servierten Whisky und Soda.“

Die Gewohnheiten dieser Offiziere standen in krassem Gegensatz zu ihrer vornehmen Lebensweise.

Ralph Albertson, ein Y.M.C.A.-Funktionär (Young Men’s Christian Association = Christlicher Verein junger Männer), der sich im Jahre 1919 in Nordrußland aufhielt, schreibt in seinem Buch „Fighting Without a War“: „Wir gingen mit Gasgranaten gegen die Bolschewiki vor. Bei der Evakuierung von Dörfern legten wir alle möglichen Sprengstoffe aus. Einmal erschossen wir mehr als dreißig Gefangene. Es gelang uns, den Kommissar von Borok gefangenzunehmen; ein Sergeant erzählte mir, daß sein von sechzehn Bajonettstichen durchbohrter Leichnam nackt auf der Straße liegenblieb. Unser Überfall auf Borok kam überraschend. Der Kommissar, ein Zivilist, fand keine Zeit, nach einer Waffe zu greifen. Ich hörte, wie ein Offizier seine Soldaten mehrmals ermahnte, keine Gefangenen zu machen und selbst Leute, die ihnen unbewaffnet in die Hände fielen, zu töten. Ich sah, wie ein entwaffneter bolschewistischer Gefangener, der sich vollkommen ruhig verhielt, kaltblütig niedergeschossen wurde. Nacht für Nacht führte das Exekutionskommando neue Opfer ab.“

Die einfachen Soldaten der alliierten Heere waren nicht mit dem Herzen bei der Sache. Sie verstanden nicht, warum sie weiter in Rußland kämpfen sollten, trotzdem der Krieg als beendet galt. Es war für die alliierten Befehlshaber nicht leicht, eine Erklärung zu finden.

Eine Verlautbarung des englischen Hauptquartiers in Nordrußland, die vor englischen und amerikanischen Soldaten verlesen wurde, begann mit folgenden Worten:

„Die Truppe scheint sich nicht darüber im klaren zu sein, warum wir hier in Nordrußland kämpfen. Die Erklärung ist sehr einfach: wir sind gegen den Bolschewismus, der reine Anarchie bedeutet. Ihr seht, wie es zur Zeit um Rußland bestellt ist. Die Macht befindet sich in den Händen einiger Männer, meist Juden …“

Die Stimmung verschlechterte sich zusehends. Streitigkeiten zwischen englischen, französischen und weißgardistischen Soldaten wurden immer häufiger. Es kam zu Meutereien. Als das 339. amerikanische Infanterieregiment den Gehorsam verweigerte, rief der Kommandant, Oberst Stewart, seine Leute zusammen und las ihnen die Kriegsartikel vor, nach denen auf Meuterei die Todesstrafe stand. Nach einer kurzen, eindrucksvollen Pause fragte der Oberst, ob jemand eine Frage zu stellen habe. Eine Stimme ertönte aus den Reihen: „Herr Oberst, warum sind wir hier und welche Ziele verfolgt die Regierung der Vereinigten Staaten?“

Der Oberst war nicht imstande, diese Frage zu beantworten. Der englische Generalstabschef Sir Henry Wilson lieferte für das offizielle englische Blaubuch nachfolgenden Bericht über die Lage in Nordrußland im Sommer 1919:

„Am 7. Juli ereignete sich bei der 3. Kompanie des l. Bataillons der Slawisch-Britischen Legion und bei der Maschinengewehrkompanie des 4. Northern-Rifle-Regiments, die auf dem linken Dwina-Ufer in Reservestellung lagen, eine Meuterei von größerem Umfang. Drei englische und vier russische Offiziere wurden ermordet, zwei englische und zwei russische Offiziere verwundet. Am 22. Juli traf die Nachricht ein, daß das russische Regiment im Onegaabschnitt gemeutert und die ganze Onegafront an die Bolschewiki ausgeliefert habe.“

Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten forderte mit wachsendem Nachdruck die Zurückziehung der amerikanischen Truppen aus Rußland. Der nie verstummende Wortschwall der antibolschewistischen Propaganda vermochte die Stimmen der Frauen und Eltern nicht zu übertönen, denen es unverständlich blieb, warum ihre Männer und Söhne nach Beendigung des Krieges an einem langwierigen, geheimnisvollen Feldzug in der sibirischen Einöde und in der grimmen, bitteren Kälte von Murmansk und Archangelsk teilnehmen mußten. Während der Sommer- und Herbstmonate des Jahres 1919 begaben sich zahlreiche Delegationen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten nach Washington, um dort mit ihren Abgeordneten in Verbindung zu treten und die Heimkehr der in Rußland befindlichen amerikanischen Soldaten zu fordern. Diese Bemühungen fanden Widerhall im Kongreß.

Senator Borah ergriff am 5. November 1919 in dieser Sache das Wort:

„Herr Präsident, es gibt keinen Krieg zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten. Der Kongreß hat weder der russischen Regierung noch dem russischen Volk den Krieg erklärt. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten wünscht nicht, mit Rußland Krieg zu führen … Aber obwohl es keinen Krieg gibt, obwohl der Kongreß keine Kriegserklärung ausgesprochen hat, setzen wir den Kampf gegen das russische Volk fort. Wir unterhalten eine Armee in Rußland; wir beliefern andere in diesem Land stehende Streitkräfte mit Waffen und Vorräten, und wir sind so tief in den Konflikt verwickelt, als ob nach Befragung der verfassungsmäßig zuständigen Obrigkeit eine Kriegserklärung erfolgt und die Nation zu diesem Zweck zu den Waffen aufgerufen worden wäre… Es gibt weder eine gesetzliche noch eine moralische Rechtfertigung für die Preisgabe dieser Menschenleben. Ein solches Vorgehen verstößt gegen die Grundprinzipien jeder freiheitlichen Verfassung.“

Die englische und die französische Bevölkerung mißbilligten den Krieg gegen Sowjetrußland ebenso wie die Amerikaner. Trotzdem nahm der inoffizielle Krieg gegen Rußland seinen Fortgang.

3. Die Nordwestfront

Der im November 1918 zynischen den Alliierten und den Mittelmächten abgeschlossene Waffenstillstand enthielt unter Artikel 12 eine wenig bekannte Klausel, der zufolge die deutschen Truppen so lange in den von ihnen besetzten russischen Gebieten verbleiben sollten, als es den Alliierten zweckmäßig erscheinen würde. Diese Truppen waren durch gegenseitiges Übereinkommen für den Einsatz gegen die Bolschewiki bestimmt. In den Ostseeprovinzen wurde die kaiserliche Armee allerdings von einem rapiden Zersetzungsprozeß ergriffen. Die kriegsmüden, meuternden Deutschen desertierten in hellen Scharen.

Da die Sowjetbewegung in Lettland, Litauen und Estland rasche Fortschritte machte, beschloß das englische Oberkommando, zunächst in erster Linie die in den baltischen Gebieten kämpfenden Formationen der Weißgardisten zu unterstützen. General Graf Rüdiger von der Goltz, ein Mitglied der deutschen Heeresleitung, wurde dazu ausersehen, diese Banden zu einer militärischen Einheit zusammenzuschweißen und ihre Führung zu übernehmen.

Finnland hatte im Frühjahr 1918, von der Stoßkraft der russischen Revolution getragen, seine Unabhängigkeit erworben. Bald darauf führte von der Goltz ein deutsches Expeditionskorps gegen die junge Republik. Er unternahm den finnischen Feldzug auf ausdrücklichen Wunsch des Barons Karl Gustav von Mannerheim, eines schwedischen Aristokraten, der als Offizier in der Kaiserlichen Berittenen Garde des Zaren gedient hatte. Mannerheim war der Führer der „Weißen“ in Finnland.[22]

Von der Goltz, der neue Befehlshaber der Weißen Garde in den Ostseeprovinzen, versuchte nun, die Sowjetbewegung in Lettland und Litauen durch terroristische Methoden auszurotten. Große Gebietsteile fielen Plünderungen seiner Truppen zum Opfer, die Zivilbevölkerung wurde durch Massenhinrichtungen dezimiert. Die Letten und Litauer waren viel zu schlecht ausgerüstet und organisiert, um diesem wütenden Ansturm standzuhalten. Nach kurzer Zeit regierte von der Goltz als Diktator über beide Völker.

Die von Herbert Hoover geleitete amerikanische Hilfsaktion stellte den von dem deutschen General von der Goltz besetzten Gebieten reichliche Lebensmittellieferungen zur Verfügung.

Die Alliierten waren in eine peinliche Lage geraten. Von der Goltz hatte sich mit ihrer Hilfe zum Beherrscher des Ostseegebietes aufgeschwungen; aber schließlich war er immer noch ein deutscher General, und es war daher zu befürchten, daß die Deutschen versuchen würden, durch seine Vermittlung Einfluß auf diese Staaten zu gewinnen.

Im Juni 1919 beschlossen die Engländer, von der Goltz durch einen General zu ersetzen, der sich in stärkerer Abhängigkeit von ihnen befand.

Sidney Reillys Freund, der 58jährige zaristische General Nikolai Judenitsch, wurde zum Oberbefehlshaber der neuorganisierten Weißen Truppen ernannt. Die Engländer erklärten sich bereit, General Judenitsch das für den Vormarsch auf Petrograd notwendige Kriegsmaterial zur Verfügung zu stellen. Die erste Lieferung sollte 15 Millionen Patronen, 3000 Maschinenpistolen, eine Anzahl von Tanks und Flugzeugen und vollständige Ausrüstung für zehntausend Mann umfassen.

Vertreter der Hooverschen Hilfsaktion versprachen, Lebensmittel für die von General Judenitsch besetzten Gebiete zu beschaffen. Major R. R. Powers, der Leiter der estnischen Abteilung der Baltischen Mission des Amerikanischen Hilfswerkes, machte sich mit großer Gewissenhaftigkeit an die Errechnung der Lebensmittelmengen, die notwendig schienen, um die Einnahme Petrograds durch die weißgardistische Armee des Generals Judenitsch sicherzustellen. In Reval trafen die ersten Schiffe mit Hilfsgütern für die von General Judenitschs Truppen besetzten Gebiete ein.

Unter Judenitschs Führung wurde eine Generaloffensive gegen Petrograd unternommen. In der dritten Oktoberwoche des Jahres 1919 drang die Kavallerie des Generals in die Vorstädte ein. Für die alliierten Regierungen war der Fall von Petrograd - nur noch eine Frage von Tagen oder Stunden. Nach den Schlagzeilen der „New York Times“ war der Sieg bereits eine feststehende Tatsache:

18. Oktober: Stockholm meldet: antibolschewistische Streitkräfte in Petrograd.
20. Oktober: Fall von Petrograd bestätigt; Verbindung mit Moskau abgeschnitten.
21. Oktober: Antibolschewistische Truppen vor Petrograd; Nachricht vom Fall der Stadt wird stündlich in London erwartet.

Aber vor den Toren von Petrograd wurde Judenitschs Vormarsch zum Stehen gebracht. Die Stadt sammelte ihre revolutionären Kräfte und schlug zurück. Der entschlossene Angriff brachte Judenitschs Truppen ins Wanken.

Am 29. Februar 1920 berichtete die „New York Times“: „Judenitsch läßt sein Heer im Stich; reist mit 100 Millionen Mark nach Paris ab.“

Judenitsch floh in einem Auto, das die englische Flagge führte, in südlicher Richtung; seine Armee ließ er in völliger Auflösung zurück. Abgesprengte Gruppen wanderten durch das schneebedeckte Land; Tausende von Soldaten kamen durch Hunger, Krankheit und Kälte um.

4. Die Südfront

Während die Streitkräfte Judenitschs im Norden gegen Petrograd vorstießen, wurde der Angriff im Süden von dem 45jährigen ehemaligen zaristischen General Anton Denikin geführt, einem vornehm aussehenden Offizier mit angegrautem Schnurrbart und Spitzbart. Denikin schilderte später seine Weißen Truppen als Träger „eines einzigen, innersten, heiligen Gedankens, einer einzigen brennenden Hoffnung und Sehnsucht: … Rußland zu retten.“ Aber bei der Bevölkerung Südrußlands hinterließ die Armee Denikins durch ihre grausamen Kampfmethoden eine andere Vorstellung.

Seit dem Beginn der russischen Revolution war die Ukraine mit ihren reichen Weizenfeldern und das Dongebiet mit seinen riesigen Kohlen- und Eisenlagern der Schauplatz heftiger militärischer Auseinandersetzungen. Nach der Gründung der Ukrainischen Sowjetrepublik im Dezember 1917 forderte der sowjetfeindliche ukrainische Führer Simon Petljura die deutsche Heeresleitung auf, ihm durch Entsendung von Truppen bei der Beseitigung des Sowjetregimes behilflich zu sein. Die Deutschen, die schon längst begehrliche Blicke auf die reichen Lebensmittelschätze der Ukraine geworfen hatten, ließen sich nicht zweimal bitten.

Deutsche Truppen unter dem Befehl des Feldmarschalls Hermann von Eichhorn fielen in die Ukraine ein. Eichhorn war an diesem Feldzug persönlich stark interessiert: er war mit einer Gräfin Durnowo verheiratete einer reichen russischen Aristokratin, der eines der größten Landgüter der Ukraine gehört hatte. Die Sowjettruppen wurden aus Kiew und Charkow vertrieben, es kam zur Bildung einer „Unabhängigen“ Ukrainer Regierung mit Petljura an der Spitze. Die eigentliche Regierung lag in den Händen der deutschen Okkupationsarmee. Petljura, der einen „Nationalen Sozialismus“ anzustreben behauptete, veranstaltete in der ganzen Ukraine blutige antisemitische Pogrome.

Die revolutionären ukrainischen Arbeiter und Bauern wurden durch rücksichtslose Maßnahmen unterdrückt.

Trotzdem wuchs die revolutionäre Bewegung weiter an. Eichhorn kam zu der Einsicht, daß Petljura der Situation nicht mehr gewachsen war; seine Regierung wurde durch eine Militärdiktatur abgelöst. Das Haupt der neuen Scheinregierung war Eichhorns Schwager, General Pawel Petrowitsch Skoropadski, ein bis dahin unbekannter russischer Kavallerieoffizier, der nicht ein Wort ukrainisch sprach. Skoropadski legte sich den Titel „Hetman der Ukraine“ bei.

Aber dem Hetman Skoropadski erging es nicht viel besser als Petljura. Noch vor Ende des Jahres 1918 floh er, als deutscher Soldat verkleidet, aus der Ukraine; auch die durch die Rote Armee und die ukrainischen Partisanen dezimierte deutsche Besatzungsarmee wurde abgezogen.

Das Zurückweichen der Deutschen bedeutete für die ukrainischen Bolschewiki noch lange nicht das Ende aller Schwierigkeiten. Die Alliierten förderten auch in Südrußland alle sowjetfeindlichen, weißgardistischen Strömungen. Sie unterstützten in erster Linie die in der „Freiwilligenarmee“ des Donkosakengebietes zusammengefaßten gegenrevolutionären Kräfte; die Führer dieses Verbandes waren Kaledin, Kornilow, Denikin und andere ehemalige zaristische Generäle, die nach der Oktoberrevolution südwärts geflohen waren.

Zu Beginn des Feldzuges erlitt die Freiwilligenarmee bedenkliche Rückschläge. General Kaledin beging Selbstmord. Sein Nachfolger, General Kornilow, wurde von den Sowjettruppen aus dem Dongebiet verdrängt; er fiel am 13. April 1918. General Denikin leitete den Rückzug der völlig erschöpften Freiwilligenarmee.

Gerade in diesem Augenblick, der einen Tiefpunkt in der Entwicklung der weißgardistischen Bewegung bedeutete, landeten die ersten englischen und französischen Truppen in Murmansk und Archangelsk; eine Flut von Materiallieferungen ergoß sich über die russische Grenze. So wurden Denikins schwer bedrohte Truppen vor der völligen Vernichtung errettet. Im Herbst 1918 konnte die Offensive gegen die Sowjets neuerlich aufgenommen werden….

Am 22. November 1918, genau elf Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands, der den ersten Weltkrieg beendete, traf im südlichen Hauptquartier General Denikins eine Funkmeldung ein, die die Ankunft einer alliierten Flotte in Noworossijsk ankündigte. Am nächsten Tag lagen die alliierten Schiffe bereits in dem Schwarzmeerhafen vor Anker; eine Gruppe von englischen und französischen Bevollmächtigten ging an Land, um Denikin mitzuteilen, daß er in der allernächsten Zeit umfangreiche Materiallieferungen aus Frankreich und England erhalten würde.

In den letzten Wochen des Jahres 1918 besetzten die Franzosen Odessa und Sewastopol. Ein englisches Geschwader lief ins Schwarze Meer ein, um bei Batuni Truppenabteilungen zu landen. Ein britischer Offizier wurde zum Generalgouverneur des Gebietes ernannt.[23]

Nachdem Denikin von den Engländern alles notwendige Material für seine Truppen erhalten hatte, begann er unter Oberaufsicht der französischen Heeresleitung eine großangelegte Offensive gegen Moskau. Seine Hauptstütze in diesem Feldzug war General Baron von Wrangel, ein großer, schlanker Mann mit schütterem Haar und kalten, schiefergrauen Augen Wrangel war wegen seiner rücksichtslosen Grausamkeit gefürchtet. Von Zeit zu Zeit ließ er Gruppen von unbewaffneten Gefangenen vor den Augen ihrer Kameraden hinrichten, die er dann vor die Wahl stellte, in seine Armee einzutreten oder das gleiche Schicksal zu erleiden. Unmittelbar nach der Erstürmung von Stawropol drangen die Soldaten Wrangels und Denikins in ein Lazarett ein, wo sie siebzig verwundete Rotarmisten ermordeten. Denikin erteilte seinen Truppen die ausdrückliche Erlaubnis zu plündern. Wrangel wies seine Soldaten an, die während des Feldzugs gemachte Beute „gleichmäßig zu verteilen“.

Auf ihrem Zuge nach Norden besetzten Denikin und Wrangel im Juni 1919 Zarizyn (das jetzige Stalingrad). Im Oktober näherten sie sich der 200 Kilometer von Moskau entfernten Stadt Tula. „Das Gebäude des Bolschewismus kracht in allen Fugen“, schrieb die „New York Times“. „Die Evakuierung der bolschewistischen Hauptstadt Moskau hat begonnen.“ In der „Times“ hieß es: Denikin „jagt den Feind vor sich her“, die Rote Armee zieht sich in „wilder Panik“ zurück.

Aber die Rote Armee raffte sich zu einer plötzlichen Gegenoffensive auf. Stalin, der dem Revolutionären Kriegskomitee angehörte, hatte den Angriffsplan entworfen.

Diese Wendung kam für Denikins Truppen völlig überraschend. Nach wenigen Wochen flutete die weißgardistische Südarmee in wilder, planloser Flucht zum Schwarzen Meer zurück. Die Disziplin war völlig zusammengebrochen. Scharen von Kranken und Sterbenden verstopften die Straßen. In vielen Lazarettzügen fehlte es an Medikamenten, Ärzten und Schwestern. Die Armee zerfiel in Räuberbanden, die sich in südlicher Richtung fortbewegten.

Am 9. Dezember 1919 sandte General Wrangel eine verzweifelte Depesche an General Denikin:

„Das ist die bittere Wahrheit: unsere Armee hat aufgehört zu existieren.“

In den ersten Wochen des Jahres 1920 erreichten, die Überreste der Denikin-Armee den Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Weißgardistische Soldaten, Deserteure und flüchtende Zivilisten strömten in die Stadt.

Am 27. März 1920 bestieg Denikin in Noworossijsk ein französisches Schlachtschiff; seine Flucht wurde von dem englischen Kriegsschiff „Emperor of India“ und dem französischen Kreuzer „Waldeek-Rousseau“ gedeckt, die einen Hagel von Granaten. gegen die nachrückenden Roten Kolonnen richteten. Zehntausende von Denikins Soldaten strömten auf die Docks und sahen. hilflos zu, wie ihr Kommandant mit seinem Stab abdampfte.

5. Die Ostfront

Nach dem Feldzugsplan der Interventionisten hatte Admiral Koltschak seine Truppen östlich von Moskau in Stellung bringen sollen, während Denikin seine Truppen vom Süden her an. die Stadt heranführte. Aber die Ereignisse nahmen einen anderen Verlauf… Im Frühjahr und zu Beginn des Sommers 1919 berichteten die Zeitungen von Paris, London und New York häufig und mit großer Ausführlichkeit über die verheerenden. Niederlagen, die Admiral Koltschak der Roten Armee zufügte. Die „New York Times“ brachte beispielsweise folgende Schlaggeilen:

26. März: Koltschak verfolgt besiegte Rote Armee
20. April: Zusammenbruch der Roten im Osten
22. April: Koltschaks Sieg erschüttert Rote Regierung
15. Mai: Koltschak plant Vormarsch auf Moskau.

Aber am 11. August veröffentlichte die „Times“ eine telegraphische Meldung aus Washington:

„Ein hoher Regierungsbeamter erklärte heute, es sei an der Zeit, die antibolschewistischen Völker der Welt auf die Möglichkeit des Zusammenbruches des Koltschak-Regimes in Westsibirien vorzubereiten.“

Im Hochsommer versuchte Admiral Koltschak, sich den vernichtenden Angriffen der Roten Armee durch rasche Flucht zu entziehen. Hinter der Kampflinie wurden seine Truppen unaufhörlich durch weitverzweigte, rasch anwachsende Partisanenverbände beunruhigt. Im November räumte Koltschak seine Hauptstadt Omsk. In zerfetzten Uniformen und zerrissenen Stiefeln trotteten Koltschaks Soldaten über die Chausseen. Tausende lösten sich aus diesem endlosen Elendszug und starben im Schnee am Straßenrand. Die von Omsk ausgehenden Eisenbahnlinien waren durch unbrauchbare Lokomotiven gesperrt. Ein Augenzeuge berichtete: „Die Leichen blieben auf den Straßen liegen, wo sie verfaulten.“

Ein Eisenbahnzug, der die Flagge Großbritanniens, das Sternenbanner Amerikas, die Trikoloren Frankreichs und Italiens und die aufgehende Sonne Japans führte, brachte Koltschak nach Irkutsk.

Am 24. Dezember 1919 revoltierte die Einwohnerschaft von Irkutsk, errichtete einen Sowjet und setzte Koltschak gefangen. Seine Schätze, die er in einem besonderen Zug mit sich geführt hatte, wurden beschlagnahmt: es waren 5143 Kisten und 1680 Säcke, die Goldbarren, Wertpapiere und Wertgegenstände enthielten. Der Gesamtwert wurde auf 1150500000 Rubel geschätzt.

Die Sowjetregierung leitete gegen Admiral Koltschak ein Verfahren wegen Landesverrates ein. Koltschak erklärte dem Gerichtshof: „Wenn ein Schiff sinkt, so geht es mit der ganzen Mannschaft unter.“ Er äußerte sein Bedauern darüber, nicht auf hoher See geblieben zu sein, und stellte mit Verbitterung fest, „ausländische Elemente“ hätten ihn in der höchsten Gefahr im Stich gelassen und verraten…

Der Gerichtshof verurteilte Koltschak zum Tode. Er wurde am 7. Februar 1920 von einem Exekutionskommando erschossen. Ein Teil seiner Offiziere floh zu den Japanern. Einer von ihnen, General Bakitsch, sandte dem weißgardistischen Konsul von Urga in der Mongolei folgende Abschiedsbotschaft: „Ich habe mich vor den Verfolgungen der Juden und Kommunisten über die Grenze gerettet!“

6. Wrangel und die Polen

Trotz all dieser katastrophalen Rückschläge holten die englisch-französischen Interventionisten noch zweimal zum Angriff gegen das westliche Sowjetrußland aus.

Im April 1920 rückten die Polen, die Ansprüche auf den westlichen Teil der Ukraine und die russische Stadt Smolensk erhoben, vom Westen her vor. Sie waren von Frankreich und England in großzügiger Weise ausgerüstet worden. Die Vereinigten Staaten stellten eine Anleihe von 50 Millionen Dollar zur Verfügung.[24] Die Polen fielen in die Ukraine ein und besetzten Kiew; dort wurden sie von der Roten Armee zum Stehen gebracht und zurückgeworfen.

Die russischen Truppen folgten den eilig fliehenden Polen hart auf den Fersen. Im August stand die Rote Armee vor den Toren Warschaus und Lembergs.

Die alliierten Regierungen überboten sich in neuen Anleihen und Lieferungen. Marschall Foch beauftragte seinen Stabschef, General Maxime Weygand, sofort die Leitung des polnischen Feldzuges zu übernehmen. Englische Tanks und Flugzeuge wurden nach Warschau dirigiert. Tuchatschewski und Kriegskommissar Leo Trotzki, die den Vormarsch der Roten Truppen leiteten, hatten es zu einer gefährlichen Ausdehnung der Verbindungslinien kommen lassen. Als Folge davon wurde die sowjetische Heeresmacht beim Einsetzen der polnischen Gegenoffensive auf der ganzen Front zurückgedrängt. Der Frieden von Riga zwang die Sowjetregierung, die westlichen Teile Bjelorußlands und der Ukraine an Polen abzutreten.

Der Friedensschluß mit Polen machte die Rote Armee für den Kampf mit General Wrangel frei, der an Stelle von General Denikin das Kommando im Süden übernommen hatte und mit Hilfe der Franzosen von der Krim nordwärts gegen die Ukraine vorgestoßen war. Im Spätherbst 1920 gelang es den Roten Streitkräften, Wrangel zurückzuwerfen und auf der Krim abzuriegeln. Nach der Erstürmung von Perekop ergoß sich die Rote Armee über die ganze Halbinsel und trieb Wrangels Truppen ins Meer.

7. Der letzte Überlebende

Nachdem die Intervention im Westen mit der Vernichtung der Wrangel-Armee ihr Ende gefunden hatte, befand sich nur noch eine ausländische Heeresmacht auf russischem Boden: die Armee des japanischen Kaiserreiches. Es schien, als ob Sibirien mit all seinen Reichtümern unwiderruflich in die Hände der Japaner fallen sollte. General Baron Tanaka, der japanische Kriegsminister und Leiter der japanischen Militärspionage, äußerte triumphierend: „Die Revolution hat den russischen Patriotismus vernichtet. Um so besser für uns! Von nun an kann die Sowjetmacht nur noch durch starke ausländische Truppen erledigt werden!“

Japan unterhielt in Sibirien noch immer 70000 Soldaten sowie Hunderte von Geheimagenten, Spionen, Saboteuren und Terroristen. Weißgardistische Formationen setzten ihre Operationen im fernöstlichen Rußland unter Aufsicht der japanischen Heeresleitung fort. An der Spitze all dieser sowjetfeindlichen Streitkräfte stand die Räuberarmee des Kosakenatamans Semjonow, eines Strohmannes der Japaner.

Obwohl die Japaner unter amerikanischem Druck nur langsam vorzugehen wagten, schlossen sie am 8. Juni 1921 in Wladiwostok einen Geheimvertrag mit Ataman Semjonow, in dem eine neue Generaloffensive gegen die Sowjetregierung vereinbart wurde. Auf Grund dieses Vertrages sollte Semjonow nach Auflösung der Sowjets die volle Regierungsgewalt übernehmen. Das Geheimabkommen enthielt weiter die Bestimmung:

„Sobald im Fernen Osten eine stabile Regierung besteht, sind japanische Staatsbürger bei der Erteilung von Jagd-, Fischerei- und Forstrechten sowie bei der Ausbeutung von Bergwerken und Goldminen bevorzugt zu behandeln.“

Einem der führenden Offiziere in Semjonows Stab, Baron Ungern-Sternberg, war eine wichtige Rolle in dem geplanten Feldzug zugedacht.

Und nun kam das Schlußkapitel des Interventionskrieges. Generalleutnant Baron Roman von Ungern-Sternberg, ein blasser baltischer Aristokrat von femininem Aussehen mit blondem Haar und langem, rötlichem Schnurrbart, war als junger Mann in die Armee des Zaren eingetreten. 1905 kämpfte er gegen die Japaner, später trat er in ein sibirisches Kosaken-Polizeiregiment ein. Im ersten Weltkrieg diente er unter Baron Wrangel und wurde für Tapferkeit vor dem Feinde an der Südfront mit dem St.-Georgs-Kreuz ausgezeichnet. Bei seinen Kameraden stand er wegen seiner wilden, rücksichtslosen Grausamkeit und seiner plötzlichen heftigen Wutanfälle in schlechtem Ruf.

Nach der Revolution kehrte Baron Ungern nach Sibirien zurück, wo er das Kommando eines Kosakenregiments übernahm, das Raubzüge durchführte und vereinzelte Kämpfe gegen die örtlichen Sowjets lieferte. Schließlich traten japanische Agenten an ihn heran; sie überredeten ihn, sich nach der Mongolei zu begeben, wo sie ihm eine aus weißgardistischen Offizieren, sowjetfeindlichen chinesischen Soldaten, mongolischen Banditen und japanischen Geheimagenten bunt zusammengewürfelte Armee zur Verfügung stellten.

Ungern, der in seinem Hauptquartier Urga das Leben eines feudalen Raubritters führte, begann, sich als Träger einer geschichtlichen Mission zu fühlen. Er heiratete eine mongolische Prinzessin, trug statt westlicher Kleidung ein mongolisches Gewand aus gelber Seide und behauptete, der wiedergeborene Dschingis-Khan zu sein. Die stets in seiner Nähe weilenden japanischen Agenten bestärkten ihn in seinen Phantasien: er sah sich als Begründer einer neuen Weltordnung, die von Osten her Sowjetrußland und Europa erobern und die letzten Spuren der „dekadenten Demokratie und des jüdischen Kommunismus“ mit Feuer, Schwert und Kanonen vernichten sollte. In seinem an Wahnsinn grenzenden Sadismus beging er zahllose Ausschreitungen von barbarischer Grausamkeit. Einmal fiel ihm in einer sibirischen Kleinstadt eine hübsche jüdische Frau auf, er setzte für ihren Kopf eine Prämie von tausend Rubel aus. Sein Auftrag wurde ausgeführt, und der Überbringer des Kopfes erhielt die versprochene Summe.

„Ich werde eine Galgen-Allee anlegen, die durch ganz Asien und Europa führt“, erklärte Baron Ungern.

Als der Feldzug von 1921 seinen Anfang nahm, richtete Baron Ungern von seinem Hauptquartier Urga aus folgende Proklamation an seine Soldaten:

„Die Mongolei ist heute der gegebene Ausgangspunkt für einen Feldzug gegen die im sowjetischen Sibirien stehende Rote Armee … Die Kommissare, Kommunisten und Juden samt ihren Familien müssen vertilgt werden. Ihr Eigentum ist zu beschlagnahmen… Die Schuldigen können entweder zu Disziplinarstrafen oder zu verschiedenen Arten der Hinrichtung verurteilt werden. Rechtschaffenheit und Gnade ist nicht mehr die Parole. Fortan, gibt es nur noch Rechtschaffenheit und schonungslose Grausamkeit. Das Übel, das unser Land befallen hat und dessen Ziel die Vernichtung des göttlichen Teiles der Menschenseele ist, muß mit der Wurzel ausgerottet werden.“

Der Krieg in dem Öden, einsamen Grenzgebiet begann mit einer Reihe von räuberischen Überfällen. Rauchende Trümmer, verstümmelte Männer-, Frauen- und Kinderleichen bezeichneten den Weg, den Ungerns Truppen genommen hatten. In den eroberten Städten durften die Soldaten nach Herzenslust plündern und schänden. Juden, Kommunisten und alle, die im Verdacht einer wenn auch noch so zahmen demokratischen Gesinnung standen, wurden zu Tode gemartert und lebendig verbrannt.

Im Juli 1921 zog die Rote Armee ins Feld, um Ungerns Heer zu vernichten, nach einer Reihe von heftigen, unentschiedenen Kämpfen, gelang es schließlich der Roten Armee und den sowjetischen Partisanen, einen endgültigen Sieg zu erringen. Ungerns Horden flohen unter Zurücklassung ihrer Trains, ihrer Verwundeten und des größten Teiles ihrer Artillerie.

Im August war Ungerns Heer umzingelt. Seine mongolische Leibwache meuterte und lieferte ihn an die Sowjettruppen aus. Der Baron, der sein seidenes mongolisches Gewand trug, wurde nach Nowo-Nikolajewsk (jetzt Nowo-Sibirsk) gebracht und als Volksfeind dem Außerordentlichen Sibirischen Revolutionstribunal überantwortet.

Der Prozeß, der in aller Öffentlichkeit stattfand, nahm einen ungewöhnlichen Verlauf.

Der Gerichtssaal war von Arbeitern, Bauern und Soldaten - Russen, Sibiriern, Mongolen und Chinesen - überfüllt. Auf der Straße drängten sich Tausende von Menschen. Viele von ihnen hatten Ungerns Schreckensherrschaft miterlebt; ihre Brüder, Kinder, Frauen und Männer waren erschossen, gefoltert und in Lokomotivkessel geworfen worden.

Nachdem der Baron sich auf seinen Platz begeben hatte, wurde die Anklageschrift verlesen:

„Auf Grund der vom Sibirischen Revolutionskomitee am 12. September 1921 getroffenen Entscheidung werden gegen Generalleutnant Baron von Ungern-Sternberg, ehemaligen Kommandanten der Asiatischen Kavalleriedivision, folgende Anklagen erhoben:

1. Unterstützung der japanischen Annexionspolitik durch den Versuch, einen asiatischen Staat zu gründen und die transbaikalische Regierung zu beseitigen.

2. Vorbereitung des Sturzes der Sowjetverwaltung zum Zwecke der Wiedereinführung der Monarchie in Sibirien mit dem Endziel, Michail Romanow als Regenten einzusetzen.

3. Die brutale Ermordung einer großen Anzahl russischer Bauern und Arbeiter und chinesischer Revolutionäre.“

Ungern machte nicht den Versuch, seine Untaten abzuleugnen. Er gab die Hinrichtungen, Folterungen und Massenmorde zu und hatte für alles die schlichte Erklärung: „Es war eben Krieg!“ Aber wie war es mit seiner Abhängigkeit von Japan? „Ich hatte die Absicht“, sagte Baron Ungern, „Japan in den Dienst meiner Sache zu stellen.“ Er behauptete, keine landesverräterischen oder engen Beziehungen zu den Japanern unterhalten zu haben. „Diese Aussage des Angeklagten ist eine Lüge“, erklärte der sowjetische Staatsanwalt Jaroslawski. „Wir haben genügend Material, um das Gegenteil zu beweisen!“

„Ich stand mit den Japanern in Verbindung“, gab der Baron zu, „gerade so wie mit Tschang Tso-lin[25] … Auch Dschingis-Khan bemühte sich um die Gunst Wan Khans, bevor er dessen Königreich eroberte!“

„Wir leben nicht im zwölften Jahrhundert“, erwiderte der Staatsanwalt, „und wir sind nicht hier, um über Dschingis-Khan zu richten!“

„Ein Jahrtausend lang haben die Ungerns Befehle erteilt“, schrie der Baron. „Nie haben sie von anderen Befehle entgegen genommen!“

Sein hochmütiger Blick streifte die erregten Gesichter der im Gerichtssaal anwesenden Soldaten, Arbeiter und Bauern.

„Ich weigere mich, die Autorität der Arbeiterklasse anzuerkennen! Was weiß ein Mann, der nicht einen einzigen Diener hat, vom Regieren? Er ist ja gar nicht imstande zu befehlen!“

Staatsanwalt Jaroslawski zählte die lange Reihe der Verbrechen auf: Strafexpeditionen gegen Juden und sowjetfreundliche Bauern, Verstümmelungen durch Abschneiden von Armen und Beinen, nächtliche Ritte über die Steppe, bei denen brennende Leichen als Fackeln dienten, die Zerstörung von Dörfern, die erbarmungslose Niedermetzelung von Kindern.

„Sie waren zu rot für meinen Geschmack“, erklärte der Baron ungerührt.

„Warum haben Sie Urga verlassen?“ fragte der Staatsanwalt.

„Ich hatte beschlossen, in Transbaikalien einzufallen und die Bauern zum Aufstand zu überreden. Aber ich wurde gefangen-genommen.“

„Von wem?“

„Einige Mongolen haben mich verraten.“

„Haben Sie sich jemals gefragt, warum sie das taten?“

„Ich wurde verraten!“

„Geben Sie zu, daß Ihr Feldzug das gleiche Ende gefunden hat wie die übrigen Aktionen, die in letzter Zeit gegen die Arbeiterregierung durchgeführt wurden? Sind Sie nicht auch der Ansicht, daß Ihr Unternehmen als der letzte Versuch dieser Art anzusehen ist?“

„Ja“, sagte Baron Ungern. „Mein Versuch war der letzte. Wahrscheinlich bin ich der letzte Überlebende!“

Im September 1921 wurde das Urteil des Sowjetgerichts vollstreckt. Baron Roman von Ungern-Sternberg, „der letzte Überlebende“ der Weißen Kriegsherren, wurde von einem Exekutionskommando der Roten Armee erschossen.

Ataman Semjonow und die Überreste des japanischen Söldnerheeres zogen sich über die sowjetische Grenze nach der Mongolei und nach China zurück.

Es dauerte noch ein Jahr, bis kein einziger Japaner mehr auf sowjetrussischem Boden stand. Am 19. Oktober 1922 umzingelten die Roten Truppen Wladiwostok. Die Stadtbesatzung ergab sich und lieferte ihre gesamte militärische Ausrüstung ab. Am nächsten Tag wurden die letzten japanischen Soldaten auf Transportschiffe verladen. Über Wladiwostok wehte die Rote Fahne. Das japanische Außenministerium erklärte: „Durch den Beschluß, unsere Truppen zurückzuziehen, soll deutlich zum Ausdruck gebracht werden, daß Japan keinerlei Aggression plant und um die Erhaltung des Weltfriedens bemüht ist.“


ANMERKUNGEN

  1. Im Jahre 1937 wurde der inzwischen verstorbene John Cudahy, dessen Familie in Chikago große Fleischkonservenfabriken besitzt, amerikanischer Gesandter in Irland, später Botschafter in Belgien. Er war ein entschiedener Gegner Sowjetrußlands und wurde später ein führendes Mitglied des isolationistischen „America First Committee“, das in den Jahren 1940/41 die Unterstützung achsenfeindlicher Nationen durch Pacht- und Leihlieferungen bekämpfte.

  2. Mit Hilfe der gut ausgerüsteten Truppen des Generals von der Goltz stürzte Baron Mannerheim die finnische Regierung und forderte Prinz Friedrich von Hessen, den Schwager Wilhelms II., auf, den finnischen Thron zu besteigen. Von der Goltz und Mannerheim führten eine Schreckensherrschaft ein, die den Widerstand des finnischen Volkes brechen sollte. In wenigen Wochen erschossen Mannerheims Weiße Garden etwa 20000 Männer, Frauen und Kinder; Zehntausende wurden in Sammellager und Gefängnisse gebracht, wo viele durch Folterungen, Hunger und Kälte umkamen.

  3. Schon seit Juli 1918 griffen englische Truppen aktiv in die Ereignisse im südlichsten Teil Rußlands ein. Damals entsandte die englische Heeresleitung Soldaten aus Persien nach Turkestan, um einen von Menschewiki und Sozialrevolutionären geleiteten Aufstand gegen die Sowjets zu unterstützen. Das von dem Gegenrevolutionär Noi Shordania geleitete „Transkaspische Exekutivkomitee“ setzte eine unter englischem Einfluß stehende Scheinregierung ein.

    Den Engländern wurden als Dank für die Unterstützung der gegenrevolutionären Kräfte vertraglich besondere Privilegien für die Ausfuhr von Baumwolle und Petroleum aus diesem Gebiet zugesichert.

  4. Herbert Hoover stellte den Polen Güter des amerikanischen Hilfswerkes im Werte von mehreren Millionen Dollar zur Verfügung. Am 4. Januar 1921 beschwerte sich Senator James Reed aus Missouri im Senat darüber, daß 50 Millionen Dollar aus den vom Kongreß bewilligten Hilfsgeldern .verwendet wurden, um die „polnische Armee kampffähig zu erhalten.“

    Ein großer Teil der in den Vereinigten Staaten für das europäische Hilfswerk aufgebrachten Gelder diente der Unterstützung der sowjetfeindlichen Intervention. Hoover selbst bestätigte diese Tatsache in seinem Bericht an den Kongreß vom Januar 1921. Der Kongreß hatte dem Hilfswerk ursprünglich 100 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Nach Hoovers Bericht kamen die 94938417 Dollar, über die er Rechenschaft ablegte, fast ausschließlich unmittelbar an Rußland angrenzenden Ländern und denjenigen Teilen Rußlands zugute, die sich in den Händen der weißgardistischen Armeen oder der alliierten Interventionsgruppen befanden.

  5. Ungerns Verbindung, mit dem berüchtigten chinesischen General Tschang Tso-lin führte unter anderem zu einem Abkommen, das den Baron zu einem Scheinrückzug verpflichtete. Als Entschädigung sollte er 10 Prozent von den 10 Millionen chinesischer Dollar erhalten, die Tschang von der Pekingregierung erpreßt hatte.

Kapitel V. <--      --> Kapitel VII.

(zurück zum Inhaltsverzeichnis)