Die große Verschwörung

Erstes Buch - Revolution und Gegenrevolution

VII. EINE ABRECHNUNG

An die sieben Millionen russischer Männer, Frauen und Kinder waren in dem zweieinhalb Jahre währenden blutigen Interventions- und Bürgerkrieg durch Verwundungen, Hunger und Krankheit umgekommen. Die dem Lande zugefügten materiellen Verluste wurden später von der Sowjetregierung auf 60 Milliarden Dollar geschätzt. Obwohl dieser Betrag die Schuld des zaristischen Rußland an die Alliierten bei weitem überstieg, zahlten die Angreifer keine Reparationen.

Über die Kosten, die der Krieg gegen Rußland den alliierten Steuerzahlern aufbürdete, liegt nur wenig offizielles Material vor. Nach einem von Winston Churchill am 15. September 1919 herausgegebenen Memorandum hatte General Denikin allein bis zu diesem Tage von Großbritannien 100 Millionen Pfund Sterling und von Frankreich 30 bis 40 Millionen Pfund Sterling erhalten. Die englische Nordexpedition kostete 18 Millionen Pfund Sterling. Die Japaner gaben zu, für die Erhaltung ihrer 70000 Mann starken Truppe in Sibirien 900 Millionen Yen auf gewandt zu haben.

Aus welchen Beweggründen wurde dieser vergebliche, kostspielige, ohne Kriegserklärung begonnene Kampf geführt?

Die Weißen Generale gaben offen zu, daß es ihnen um die Wiedererrichtung ihres alten russischen Reiches, um die Erhaltung ihres Landbesitzes, ihrer Profite, ihrer Klassenrechte und ihrer Epauletten ging. Wohl gab es in ihren Reihen ein paar ehrliche Nationalisten, aber in der überwiegenden Mehrzahl bestand die Führung der Weißen Truppen aus reaktionären Vorgängern jener faschistischen Offiziere und Abenteurer, die sich später in Mitteleuropa hervortaten.

Die Absichten der Alliierten waren nicht so leicht zu durchschauen. Die Vertreter der alliierten Mächte stellten die Intervention vor der Öffentlichkeit als politischen Kreuzzug hin, soweit sie es überhaupt notwendig fanden, sich über Motive zu äußern. In Wirklichkeit spielte der „Antibolschewismus“ eine untergeordnete Rolle. Wichtiger waren andere Faktoren, wie das nordrussische Holz, die Kohle des Donezbeckens, das Gold Sibiriens und das Öl des Kaukasus. Außerdem handelte es sich um imperialistische Projekte in großem Stil: die Engländer strebten einen transkaukasischen Länderbund an, der Indien gegen Rußland abriegeln und England die Alleinherrschaft über die Ölfelder des Nahen Ostens sichern sollte; die Japaner wollten Sibirien erobern und kolonisieren; die Franzosen sahen das Donezbecken und das Schwarze Meer als ihr künftiges Einflußgebiet an; und die Deutschen hatten den hochfliegenden Plan, die baltischen Staaten und die Ukraine dauernd in Besitz zu nehmen.

Eine der ersten von der Sowjetregierung nach der Machtübernahme ergriffenen Maßnahmen war die Nationalisierung der großen Industrieunternehmen des Zarenreiches. Die russischen Bergwerke, Fabriken, Eisenbahnen und Petroleumquellen und alle übrigen großindustriellen Unternehmungen wurden staatliches Eigentum des Sowjetvolkes. Die Sowjetregierung lehnte auch die Anerkennung der vom Zarenregime aufgenommenen Auslandsanleihen ab, zum Teil mit der Begründung, daß diese Gelder mit der bewußten Absicht vorgestreckt worden waren, dem Zaren bei der Unterdrückung der Volksrevolution zu helfen.[26]

Das Zarenreich befand sich trotz all seiner äußeren Prunk- und Machtentfaltung in einer fast kolonialen Abhängigkeit von der englisch-französischen und deutschen Finanz. Die Franzosen hatten 17591 Millionen Francs in den Zarismus investiert. Nicht weniger als 72 Prozent der russischen Kohlen-, Eisen- und Stahlproduktion und 50 Prozent des russischen Öls wurden von englisch-französischen Finanzinteressen kontrolliert. Die Arbeit der russischen Werksleute und Bauern warf den ausländischen Geschäftspartnern des Zaren alljährlich Millionen von Francs und Pfunden in Form von Dividenden, Gewinnbeteiligungen und Zinsen ab. In dem nach der Oktoberrevolution veröffentlichten Londoner Börsen-Jahrbuch für 1919 fand sich unter der Überschrift „Russische Werte“ folgende. Eintragung: „1918 fällige Zinsen, seitdem im Rückstand.“

Das englische Parlamentsmitglied, Oberstleutnant Cecil L’Estrange Malone erklärte im Jahre 1920 im Verlaufe einer ziemlich erhitzten Unterhausdebatte über die Politik der Alliierten in Rußland:

„Es gibt in diesem Lande Einzelpersonen und Interessentengruppen, die in Rußland Geld- und Aktienbesitz haben. Das sind die Leute, die mit Intrigen und Komplotten auf den Sturz der bolschewistischen Regierung hinarbeiten … unter dem alten Regime war es mögliche an der Ausbeutung der russischen Arbeiter und Bauern zehn oder zwanzig Prozent zu verdienen, aber der Sozialismus wird wahrscheinlich allen derartigen Geschäften ein Ende setzen. Wir können feststellen, daß fast alle großen Interessen dieses Landes in irgendeinem Zusammenhang mit Sowjetrußland stehen.“

Das „Russische Jahrbuch“ für 1918, fuhr der Sprecher fort, habe die von England und Frankreich in Rußland angelegten Beträge auf etwa 1600 Millionen Pfund Sterling (nahezu 8 Milliarden Dollar) geschätzt.

„Wenn wir davon sprechen“, sagte Oberst Malone, „daß Marschall Foch und das französische Volk keinen Frieden mit Rußland wollen, so meinen wir weder die französische Demokratie noch die französischen Bauern und Arbeiter, sondern die französischen Aktienbesitzer. Wir wollen es mit aller Deutlichkeit feststellen: wir meinen die Leute, aus deren unredlich erworben neu Geldern sich der in Rußland investierte Betrag von 1600 Millionen Pfund Sterling zusammensetzt.“

Die holländische Shell-Gesellschaft (Royal Dutch Shell Oil Company) war beispielsweise an der Kaspischen Petroleum-Gesellschaft, am nordkaukasischen Ölfeld, an der Neuen Petroleum-Gesellschaft Schibarew und vielen anderen Petroleumkonzemen beteiligt; der große englische Rüstungskonzern Metro-Vickers teilte sich mit Schneider-Creusot (Frankreich) und Krupp (Deutschland) in die Herrschaft über die zaristische Rüstungsindustrie; die großen englischen und französischen Bankhäuser Hoares, Baring Brothers, Hambros, Credit Lyonnais, Societe Generale, das Haus Rothschild und das Comptoir National d’Escompte de Paris hatten der Zarenregierung ansehnliche Beträge zur Verfügung gestellt.

„All diese wichtigen Finanzgruppen, deren Interessen stark ineinandergreifen“, erklärte Oberst Malone im Unterhaus, „wünschen die Fortsetzung des Krieges gegen Rußland … Hinter diesen Kreisen und den Finanzleuten, denen die Sitze auf dem anderen Flügel dieses Hauses gehören, stehen die Zeitungen und andere Faktoren, die entscheidenden Einfluß auf die Bildung der öffentlichen Meinung in England ausüben.“

Einige alliierte Sprecher machten aus den Beweggründen, die sie zur Unterstützung der Weißen Armeen in Rußland veranlaßten, kein Hehl. Sir Francis Baker, der die europäischen Geschäfte des Vickers-Konzerns leitete und an der Spitze der Englisch-Russischen Handelskammer stand, hielt bei einem Bankett, das der Russische Klub im Jahre 1919 in London für prominente Industrielle und Politiker veranstaltete, folgende Ansprache:

„Wir wünschen Admiral Koltschak und General Denikin allen Erfolg, und ich kann wohl nichts Besseres tun als mein Glas erheben und Sie bitten, auf das Wohl Admiral Koltschaks und der Generäle Denikin und Judenitsch zu trinken!

Rußland ist ein wichtiges Gebiet. Sie alle stehen in enger geschäftlicher Beziehung mit diesem Lande und kennen daher seine großen Entwicklungsmöglichkeiten sowohl auf dem Gebiet der Fabrikation als auch der Gewinnung von Mineralien und anderen Bodenschätzen - denn in Rußland gibt es alles…“

Während die englisch-französischen Truppen und Munitionslieferungen nach Sibirien strömten, frohlockte das „Bulletin“ der British Föderation of Industries, der mächtigsten Industriellen-Vereinigung des Landes:

„Sibirien, die gewaltigste Beute, die sich der zivilisierten Welt seit der Entdeckung Amerikas bietet!“

Als die alliierten Truppen in den Kaukasus vorstießen und Baku besetzten, hieß es in der englischen Geschäftszeitung „The Near East“:

„Die Bedeutung Bakus für die Petroleumgewinnung ist unabsehbar … Baku ist die wichtigste Petroleumstadt der Welt. Petroleum ist der König und Baku sein Thron!“ Als die Weiße Armee des Generals Denikin mit Hilfe der Alliierten das Donezkohlenbecken besetzte, verkündete die von dem großen englischen Kohlenkonzern R. Martens & Co herausgegebene Werbebroschüre „Russia“:

„Rußland besitzt nach den Vereinigten Staaten die größten erforschten Kohlenreserven der Welt. Aus einer vom Internationalen Geologenkongreß veröffentlichten Schätzung geht hervor, daß die Kohlenvorkommen des Donezbeckens (wo General Denikins Truppen derzeit kämpfen) die Anthrazitreserven Großbritanniens um mehr als das Dreifache und die Nordamerikas um fast hundert Prozent übersteigen.“

Und der „Japanische Handelsmann“ schrieb zusammenfassend:

„Rußland hat eine Bevölkerung von 180 Millionen. Sein fruchtbarer Boden erstreckt sich von Mitteleuropa über Asien bis zu den Küsten des Stillen Ozeans, von der Arktis bis zum Golf von Persien und zum Schwarzen Meer… hier eröffnen sich geschäftliche Möglichkeiten, von denen die größten Optimisten nicht zu träumen wagten. Rußland ist seiner gegenwärtigen Leistungsfähigkeit wie seinen künftigen Entwicklungsmöglichkeiten nach die Kornkammer, das Fischereigebiet, der Holzstapelplatz, das Kohlenbergwerk, die Gold-, Silber- und Platinmine der Welt!“

Die englisch-französischen und japanischen Interventionisten wurden von der reichen Beute angelockt, die den Eroberern Rußlands sicher war. Die Amerikaner hatten verschiedenartige Beweggründe. Die traditionelle amerikanische Außenpolitik, deren Grundsätze von Woodrow Wilson und dem Kriegsministerium vertreten wurden, forderte Freundschaft mit Rußland, um das Gleichgewicht gegen den deutschen und japanischen Imperialismus herzustellen und gegebenenfalls einen Bundesgenossen gegen diese Mächte zu haben. Amerika hatte dem Zarenreich keine großen Beträge zur Verfügung gestellt. Aber später waren auf Anraten des Staatsdepartements mehrere hundert Millionen amerikanischer Dollar nach Rußland geflossen, um die wankende Kerenski-Regierung zu retten. Selbst nach der Revolution setzte das Staatsdepartement die Unterstützung Kerenskis und sogar die Finanzierung seiner „Russischen Gesandtschaft“ in Washington mehrere Jahre hindurch fort. Gewisse Kreise des Staatsdepartements standen mit den Weißen Generälen und den englisch-französischen Interventionsanhängern in engster Verbindung.

Die wichtigste Persönlichkeit der sowjetfeindlichen Bewegung in Amerika war Herbert Hoover, der damals an der Spitze des amerikanischen Lebensmittelhilfswerkes stand und später Präsident der Vereinigten Staaten wurde.

Hoover, der am Beginn seiner Laufbahn als Bergwerksingenieur bei englischen Firmen arbeitete, hatte sein Geld vor dem ersten Weltkrieg in russischen Erdölquellen und Bergwerken angelegt. In der korrupten Zarenregierung wimmelte es von hohen Beamten und aristokratischen Großgrundbesitzern, die den Reichtum und die Arbeitskraft ihres Landes bereitwillig gegen ausländische Bestechungsgelder oder einen Beuteanteil eintauschten. Hoover interessierte sich bereits 1909, als die ersten Bohrungen in Maikop vorgenommen wurden, für russisches Petroleum. Im Laufe eines Jahres erwarb er Beteiligungen an nicht weniger als elf russischen Petroleumgesellschaften, und zwar:

Neftjanoi Syndikat in Maikop
Schirwanski Öl-Gesellschaft in Maikop
Apscheron Öl-Gesellschaft in Maikop
Maikoper und Allgemeiner Petroleum-Trust
Maikoper Öl- und Petroleum-Produkte
Öl-Gesellschaft des Gebiets Maikop
Öl-Gesellschaft des Maikop-Tals
Maikoper Vereinigte Öl-Gesellschaft
Hadidschenski Syndikat in Maikop
Maikoper Neue Industriegesellschaft
Vereinigte Maikoper Ölfelder.

Im Jahre 1912 trat der ehemalige Bergwerksingenieur mit dem englischen Multimillionär Leslie Urquhart in Geschäftsverbindung; sie waren gemeinsam an drei Gesellschaften beteiligt, die der Ausbeutung von Holz- und Mineralkonzessionen im Ural und in Sibirien dienten. Dann gründete Urquhart die Russisch-Asiatische Gesellschaft und schloß ein Abkommen mit zwei zaristischen Banken, durch das die Gesellschaft das Recht erhielt, sämtliche in diesem Gebiet vorkommenden Schürfrechte auszuwerten. Die Russisch-Asiatischen Aktien, die 1913 einen Stand von 16,25 Dollar hatten, stiegen 1914 auf 47,50 Dollar. Im gleichen Jahr erwarb die Gesellschaft von der zaristischen Regierung drei neue, einträgliche Konzessionen, die folgendes umfaßten:

4 Millionen Morgen Land mit ausgedehnten Waldungen und Wasserkraft;
Gold-, Kupfer-, Silber- und Zinkvorkommen von schätzungsweise 7262000 Tonnen;
12 ausgebaute Bergwerke;
2 Kupferschmelzen;
20 Sägemühlen;
400 Kilometer Eisenbahnstrecke;
Stichöfen, Walzwerke, Schwefelsäurefabriken, Goldraffinerien;
ausgedehnte Kohlenlager.

Der Gesamtwert dieser Besitzungen wurde auf eine Milliarde Dollar geschätzt.

Nach der Oktoberrevolution wurden sämtliche Konzessionen, an denen Hoover beteiligt gewesen war, aufgehoben, die Bergwerke wurden von der Sowjetregierung beschlagnahmt.

„Der Bolschewismus ist schlimmer als der Krieg!“ sagte Herbert Hoover auf der Pariser Friedenskonferenz.

Auch im späteren Verlauf seines Lebens änderte er seine Haltung nicht; auf der ganzen Welt gab es kaum einen heftigeren Gegner der Sowjetregierung als Hoover. Gleichgültig, welche persönlichen Motive ihn leiteten - die Tatsache bleibt bestehen, daß Amerika die Weißgardisten mit Lebensmitteln versorgte und die Sturmtruppen der rückständigsten Regierungen Europas verpflegte, die den Aufstieg der Demokratie nach dem ersten Weltkrieg niederzuhalten trachteten. So wurde das amerikanische Hilfswerk zu einem Kampfmittel gegen die europäische Volksbewegung.[27]

„Die Politik Amerikas war während der Durchführung des Waffenstillstands auf ein einziges Ziel gerichtet: die Bolschewisierung oder Überrennung Europas durch bolschewistische Truppen mit allen Mitteln zu verhindern“, erklärte Hoover in einem Brief an Oswald Garrison Villard vom 17. August 1921. Seine Definition des „Bolschewismus“ deckte sich mit den Anschauungen der Foch, Petain, Knox, Reilly und Tanaka. Als Staatssekretär für Handel und Verkehr, als Präsident der Vereinigten Staaten und später als Führer des isolationistischen Flügels der Republikanischen Partei widersetzte er sich unentwegt der Aufnahme freundschaftlicher wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen mit Sowjetrußland, das Amerikas stärkster Bundesgenosse im Kampfe gegen den Faschismus hätte werden können. Die militärische Intervention in Rußland scheiterte nicht nur an dem beispiellosen Gemeinschaftsgeist der Sowjetmenschen, die ihre neuerworbene Freiheit heroisch verteidigten, sondern auch an der wirksamen Unterstützung, die der junge Sowjetstaat bei allen demokratischen Völkern der Erde fand. In Frankreich, England und den Vereinigten Staaten herrschte allgemeine Empörung über die Entsendung von Truppen, Waffen, Nahrungsmitteln und Geld für die weißgardistischen Armeen. Man bildete Komitees mit der Kampfparole „Hände weg von Rußland!“ Arbeiter streikten, Soldaten meuterten, um gegen die Interventionspolitik der Generalstäbe zu demonstrieren. Demokratisch gesinnte Staatsmänner, Journalisten, Erzieher und zahlreiche Geschäftsleute verurteilten den willkürlichen Überfall auf Sowjetrußland.

Der englische Generalstabschef Sir Henry Wilson gab die Unbeliebtheit der alliierten Interventionspolitik offen zu. Er schrieb am l. Dezember 1919 im offiziellen englischen Blaubuch:

„Es hat sich gezeigt, daß die Bemühungen der Entente um Festlegung einer einheitlichen Rußlandpolitik auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen, weil die öffentliche Meinung keines einzigen alliierten Landes für eine bewaffnete Intervention von entscheidendem Charakter gewonnen werden konnte. Die bisherigen Operationen waren infolgedessen durch Mangel an Übereinstimmung und Zielsicherheit gekennzeichnet.“

So bedeutete der Sieg der Roten Armee über ihre Feinde gleichzeitig einen Sieg der demokratischen Völkergemeinschaft.

Schließlich scheiterte die Intervention an der Uneinigkeit der Angreifer. Im Lager der Interventionisten fanden sich alle reaktionären Kräfte der Welt zusammen, aber der Wille zu aufrichtiger Zusammenarbeit fehlte. Die imperialistische Koalition war durch widerstrebende imperialistische Interessen gespalten. Die Engländer fürchteten Frankreichs Ansprüche auf das Schwärze Meer und Deutschlands Absichten in den Ostseeprovinzen. Den Amerikanern schien es ratsam, Japans Sibirienpolitik zu durchkreuzen. Und die Weißen Generäle rauften um die Beute.

Der Interventionskrieg, der in ehrloser Heimlichkeit begonnen worden war, endete mit einem kläglichen Zusammenbruch. Er hinterließ ein böses Erbe von Haß und Mißtrauen, das die Atmosphäre Europas ein Vierteljahrhundert lang vergiftete.


ANMERKUNGEN

  1. Nach den furchtbaren antisemitischen Progromen, die im Jahre 1906 mit stillschweigendem Einverständnis der zaristischen Geheimpolizei von den Schwarzen Hundertschaften verübt wurden, erhob Anatole France erbitterte Klage gegen die französischen Finanzleute, die der zaristischen Regierung auch weiterhin Anleihen zur Verfügung stellten. „Mögen unsere Mitbürger endlich ihre Ohren öffnen“, sagte der berühmte französische Schriftsteller. „Sie sind gewarnt: wenn sie fortfahren, Rußland Geld zu leihen, damit die Regierung nach Herzenslust schießen, hängen, massakrieren, plündern und im ganzen, riesigen Bereich ihres unglücklichen Landes jegliche Freiheit und Zivilisation abwürgen kann, dann wird das vielleicht eines Tages böse Folgen für sie haben. Bürger von Frankreich, gebt kein Geld mehr für neue Grausamkeiten und Torheiten; gebt keine weiteren Milliarden für das Martyrium zahlloser Menschen.“ Aber die französischen Finanzmänner schenkten diesem leidenschaftlichen Protest keine Beachtung und legten auch weiterhin Millionen im Zarenreich an.

  2. Hoover nützte seine Machtbefugnisse als Leiter des Hilfswerkes aus, um die Weißgardisten zu unterstützen und den Sowjets jegliche Lebensmittellieferungen vorzuenthalten. In der Sowjetunion hungerten viele hunderttausend Menschen. Schließlich mußte sich Hoover unter dem Druck der öffentlichen Meinung doch entschließen, den Sowjets Lebensmittel zu senden. Aber auch dann fuhr er nach der Aussage eines im Nahen Osten beschäftigten Beamten des Hilfswerkes fort, „Geldsammlungen für das hungernde Rußland nach Möglichkeit zu verhindern“. („New York World“ vom April 1922.)

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