Die große Verschwörung

Zweites Buch - Die Geheimnisse des „Cordon Sanitaire“

VIII. DER WEISSE KREUZZUG

1. Die Nachwehen

Die erste Etappe des Krieges gegen Sowjetrußland hatte zu keiner klaren Entscheidung geführt. Fast alle Gebiete der Sowjetunion befanden sich wieder in unbestrittenen Besitz der Regierung. Aber das Land war von einem aus feindlichen Lakaienstaaten gebildeten „cordon sanitaire“ umgeben und politisch und wirtschaftlich von jedem Verkehr mit der übrigen Welt abgeschnitten. Das sowjetische Sechstel der Erde war „nicht anerkannt“ - offiziell existierte es überhaupt nicht.

Im Inneren herrschte ein wirtschaftliches Chaos: die Fabriken waren zerstört, die Bergwerke standen unter Wasser, die Landwirtschaft lag brach, die Transportmittel waren unbrauchbar; Seuchen und Hungersnot suchten die Bevölkerung heim, das Analphabetentum hatte einen erschreckenden Umfang angenommen. Zu dem von der feudalen Zarenherrschaft vererbten Bankrott kamen die verheerenden Wirkungen des Krieges, der Revolution, Gegenrevolution und Intervention, die sieben Jahre ohne Unterbrechung angedauert hatten.

Die Welt außerhalb der Sowjetgrenzen konnte trotz aller Friedenssehnsucht keinen Frieden finden. Als der englische Staatsmann Bonar Law vier Jahre nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages im Unterhaus einen Bericht über die internationale Lage erstattete, mußte er feststellen, daß an allen Ecken und Enden des Erdballs noch immer dreiundzwanzig Kriege geführt wurden. Japan hatte bestimmte Teile von China besetzt und die koreanische Unabhängigkeitsbewegung brutal unterdrückt; die Volksaufstände in Irland, Afghanistan, Ägypten und Indien wurden von englischen Truppen niedergehalten; Frankreich lag in offener Fehde mit den syrischen Drusenstämmen, denen die englischen Munitionsfabriken von Metro-Vickers zum größten Leidwesen der Franzosen Maschinengewehre geliefert hatten; der deutsche Generalstab arbeitete hinter der Fassade der Weimarer Republik auf die Ausmerzung aller demokratischen Elemente und die Wiedererrichtung des imperialistischen Deutschland hin.

In allen Ländern Europas war eine fieberhafte Verschwörertätigkeit im Gange. Faschisten, Nationalisten, Militärs und Monarchisten, die sämtlich unter dem Deckmantel des „Antibolschewismus“ ihre höchst persönlichen Ziele verfolgten, waren in Komplotte für und wider einander verwickelt.

Ein Geheimmemorandum des englischen Außenamtes schildert die europäischen Verhältnisse der ersten Nachkriegsjahre:

„Europa ist heute in drei Hauptgruppen geteilt: die Sieger, die Besiegten und Rußland.

Das Gefühl der Unsicherheit, das die Gesundheit Westeuropas untergräbt, ist nicht zuletzt durch die Ausschaltung des russischen Machtfaktors aus dem europäischen Konzert bedingt. Hier liegt die stärkste und bedrohlichste Ursache unserer Unsicherheit.

Alle unsere ehemaligen Feinde trauern dem Verlorenen nach; unsere alten Verbündeten fürchten, das Gewonnene zu verlieren.

Die eine Hälfte Europas ist von Zorn, die andere von Furcht erfüllt: beides ist gefährlich.

Die Furcht führt zu Provokationen, Rüstungen, Geheimverträgen und Unterdrückung der Minoritäten. Solche Maßnahmen wecken neuen Haß und neue Revanchegelüste, was wiederum eine Steigerung der Furcht und eine Verstärkung der Abwehrmaßnahmen zur Folge hat: so ist der circulus vitiosus hergestellt.

Deutschland ist derzeit nicht in der Lage, zum Angriff überzugehen, aber durch seine großen Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Kriegschemie wird es früher oder später seine militärische Bedeutung wiedererlangen. Nur wenige Deutsche hoffen und wünschen, daß diese Schlagkraft - wenn sie einmal wieder erreicht ist - gegen das Britische Reich eingesetzt wird.“

Während das englische Außenamt die deutsche Aufrüstung als wohlwollender Zuschauer verfolgte und seine ganze Aufmerksamkeit auf Rußland, „die bedrohlichste Ursache unserer Unsicherheit“, konzentrierte, träumte man jenseits des Ozeans, in der erregten und verworrenen Atmosphäre der auf Wilsons Präsidentschaft folgenden Jahre, von „glorreicher Isolierung“. Das amerikanische Schlagwort jener Zeit war: „Rückkehr zum Normalzustand“. Walter Lippmann definierte in der „New York World“, deren Mitarbeiter er damals war, was der Amerikaner sich unter „Normalzustand“ vorstellte:

„Das Schicksal Amerikas kann durch die Entwicklung in Europa nicht wesentlich beeinflußt werden.

Europa soll seine Suppe selbst auslöffeln.

Wir können nach Europa exportieren, ohne europäische Waren zu importieren.

… Wenn das den Europäern nicht gefällt, so sollen sie es bleiben lassen, aber es wird ihnen schlecht bekommen.“

Walter Lippmann kam zu der Schlußfolgerung:

„All diese Ängste und Wirren haben eine Art von Psychose hervorgerufen, als deren Folgeerscheinungen wir die Schaffung von Armeen und unsinnigen Zollschranken, die Verwilderung der Diplomatie, die vielfältige Entartung des Nationalismus, die Erstarkung des Faschismus und des Ku-Klux-Klan anzusehen haben…“

Trotz der Unruhe, die noch immer in den kriegsmüden, wirtschaftlich zerrütteten Ländern Europas herrschte, wurden die Generalstäbe Polens, Finnlands, Rumäniens, Jugoslawiens, Frankreichs, Englands und Deutschlands nicht müde, neue Invasionspläne zu entwerfen und zum Gegenstand eingehender Studien zu machen.

Auch die erbitterte sowjetfeindliche Propaganda nahm ihren Fortgang.

Vier Jahre nach der Beendigung des großen Krieges - es hätte der letzte aller Kriege sein sollen - waren bereits alle Voraussetzungen für einen zweiten Weltkrieg gegeben: der Schlachtruf lautete: „Kampf dem Bolschewismus!“ - der Feind war die Weltdemokratie.

2. Die weißgardistische Emigration

Die Weißen Armeen Koltschaks, Judenitschs, Denikins, Wrangels und Semjonows waren besiegt. Der mittelalterliche Riesenbau des Zarenreiches stürzte zusammen, und die dunklen Elemente reaktionärer Barbarei und Roheit, die so lange darin Unterschlupf gefunden hatten, zerstreuten sich in alle vier Winde. Gewissenlose Abenteurer, dekadente Aristokraten, gewerbsmäßige Terroristen, Söldner, Mitglieder der gefürchteten Geheimpolizei und andere feudale und antidemokratische Kräfte, die der Weißen Gegenrevolution gedient hatten, fluteten jetzt wie ein trüber reißender Strom westwärts, ostwärts und südwärts nach Europa und dem Fernen Osten, nach Nord- und Südamerika. Sie verpflanzten den Sadismus der weißgardistischen Generäle, die Pogromlehren der Schwarzen Hundertschaften, die zaristische Verachtung der Demokratie, die dunklen Haßgefühle, Vorurteile und Seelenkrankheiten des alten kaiserlichen Rußland in ihre neue Umgebung.

Die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine antisemitische Fälschung, durch deren Verbreitung die Ochrana das Volk zu Judenmassakern aufgehetzt hatte, und die „Bibel“ der Schwarzen Hundertschaften, die alle Übel der Welt als Auswirkungen einer „internationalen jüdischen Verschwörung“ darstellte, wurden jetzt in London, New York, Paris, Buenos Aires, Schanghai und Madrid in Umlauf gebracht. Die weißgardistischen Emigranten wirkten in allen Ländern, die ihnen Aufnahme gewährten, als Wegbereiter der internationalen Gegenrevolution - des Faschismus.

Im Jahre 1923 gab es in Deutschland eine halbe Million Weißemigranten. Mehr als 400000 hielten sich in Frankreich auf, 90000 in Polen. Weitere Zehntausende hatten sich in den baltischen Staaten und am Balkan, in China, Japan, Kanada, den Vereinigten Staaten und Südamerika niedergelassen. In New York allein wohnten dreitausend Weißgardisten mit ihren Familien.

Die Gesamtzahl der russischen Emigranten wurde auf eineinhalb bis zwei Millionen geschätzt.[28]

In Paris befand sich das Hauptquartier eines russischen Militärverbandes, unter dessen Aufsicht in ganz Europa, im Fernen Osten und in Amerika weißgardistische Kampfeinheiten zusammengestellt wurden. Die Mitglieder dieser Organisation gaben offen zu, daß sie eine neuerliche Invasion vorbereiteten.

Die französische Regierung richtete in dem nordafrikanischen Hafen Biserta, wo dreißig Schiffe der zaristischen Flotte mit ihrer gesamten Besatzung von 6000 Offizieren und Matrosen Zuflucht gefunden hatten, eine Marineschule für Weißgardisten ein. Die jugoslawische Regierung gründete Militärakademien, die ausschließlich für die Ausbildung zaristischer Offiziere und ihrer Sohne bestimmt waren. Ein großer Teil der Wrangel-Armee wurde nach den Balkanländern transferiert. Achtzehntausend Kosaken und Kavalleristen gingen nach Jugoslawien. Siebzehntausend weißgardistische Soldaten wurden nach Bulgarien geschickt. Andere Gruppen, die nach Tausenden zählten, waren in Griechenland und Ungarn stationiert. In den sowjetfeindlichen baltischen Ländern und auf dem Balkan rückten russische Weißgardisten zu hohen Staatsstellungen auf. Bestimmte Ressorts der Geheimpolizei wurden ihrer Leitung anvertraut.

In Polen stellte der russische Terrorist Boris Sawinkow mit Hilfe Marschall Pilsudskis eine Weiße Armee von 30000 Mann auf.

Ataman Semjonow rettete sich mit den Überresten seines Heeres auf japanisches Gebiet. Seine Soldaten wurden von der japanischen Heeresleitung zu einer besonderen weißgardistischen Armee zusammengefaßt und neu organisiert.

Baron Wrangel, General Denikin und der Pogromheld Petljura übersiedelten nach Paris, wo sie sich an verschiedenen sowjetfeindlichen Komplotten beteiligten. General Krassnow und Hetman Skoropadski, die ehemaligen Mitarbeiter der wilhelminischen Heeresleitung in der Ukraine, gingen nach Berlin und stellten sich unter den Schutz des deutschen militärischen Geheimdienstes.[29] Eine kleine Gruppe schwerreicher russischer Emigranten, die in Frankreich und anderen Ländern riesige Kapitalien investiert hatten, gründete im Jahre 1920 in Paris die Organisation „Torgprom“ (Russisches Handels-, Finanz- und Industrie-Komitee). Diesem Verband, der alle weiteren Verschwörungspläne gegen die Sowjetunion entscheidend beeinflußte, gehörten ehemalige zaristische Bankiers, Industrielle und Geschäftsleute als Mitglieder an, darunter auch G. N. Nobel, dem ein großer Teil der Ölfelder von Baku gehört hatte; Stepan Lianosow, der „russische Rockefeller“; Wladimir Riabuschinski aus der berühmten zaristischen Kaufmannsfamilie; N. K. Denisow, der sein Riesenvermögen in der Stahlindustrie erworben hatte, und viele andere monarchistisch gesinnte Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben des alten Rußland, deren Namen in der internationalen Industrie und Finanz wohlbekannt waren.

Die Torgprom stand in enger Fühlung mit englischen, französischen und deutschen Kreisen, die noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben hatten, nach dem Sturz der Sowjetregierung ihr in Rußland investiertes Geld zurückzuerhalten oder neue Konzessionen zu erwerben.

„Die Torgprom“, erklärte der Vorsitzende Denisow, „sieht es als ihre Aufgabe an, den wirtschaftlichen Kampf gegen die Bolschewiki mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden zu führen.“ Die Mitglieder der Torgprom ersehnten nach Nobels Worten „die baldige Auferstehung des Vaterlandes“ herbei, sowie „die Möglichkeit, wieder innerhalb des Vaterlandes zu arbeiten“.

Die sowjetfeindlichen Machenschaften der Torgprom griffen über das wirtschaftliche Gebiet hinaus. In einer offiziellen Erklärung dieser Organisation hieß es:

„Das Komitee für Handel und Industrie wird seinen unermüdlichen Kampf gegen die Sowjetregierung fortsetzen; es wird nicht aufhören, die Öffentlichkeit der zivilisierten Länder über die wahre Bedeutung der Ereignisse in Rußland aufzuklären und den Widerstand im Namen der Freiheit und Wahrheit vorzubereiten.“

3. Der Herr aus Reval

Im Juni 1921 veranstaltete eine Gruppe ehemaliger zaristischer Offiziere, Industrieller und Aristokraten im bayerischen Reichenhall eine internationale antisowjetische Konferenz, an der Vertreter aller europäischen sowjetfeindlichen Organisationen teilnahmen.

Man beabsichtigte, eine weltumspannende Agitation gegen Sowjetrußland aufzuziehen. Die Konferenz wählte einen „Obersten Monarchistischen Rat“, dessen Aufgabe es sein sollte, für die „Restauration der Monarchie unter Führung des erbberechtigten Souveräns aus dem Hause Romanow in Übereinstimmung mit den Grundgesetzen des Russischen Reiches“ zu kämpfen.

Auch die neugegründete Nationalsozialistische Partei Deutschlands sandte einen Delegierten. Sein Name war Alfred Rosenberg…

Seit dem Sommer 1919 war Rosenberg - ein schlanker, junger Mann mit dünnen Lippen, dunklem Haar und müdem, düsterem Blick - ein häufiger Gast der Münchener Bierhallen. Man konnte ihn regelmäßig im Augustiner- oder Franziskanerbräu antreffen, wo er oft stundenlang allein in einer Ecke hockte. Manchmal setzten sich ein paar Kameraden an seinen Tisch, und dann ging eine seltsame Veränderung mit ihm vor, obwohl er den Gruß der Freunde zunächst nur knapp und kühl erwiderte. Er begann mit leiser Stimme leidenschaftlich auf sie einzureden, die dunklen. Augen in dem kalkweißen Gesicht leuchteten. Er sprach ebenso gut Russisch wie Deutsch.

Rosenberg war der Sohn eines baltischen Großgrundbesitzern aus der Umgebung von Reval. Vor der russischen Revolution hatte er am Moskauer Polytechnikum Architektur studiert. Als die Bolschewiki zur Macht kamen, verließ er das sowjetische Gebiet und trat in die terroristische Weiße Garde ein, die unter der Führung des Generals Graf Rüdiger von der Goltz in den Ostseeprovinzen kämpfte. 1919 tauchte Rosenberg in München auf. Er hatte alle antidemokratischen und antisemitischen Lehren der zaristischen Schwarzen Hundertschaften in sich aufgesogen.

In München wurde Rosenberg der geistige Mittelpunkt eines kleinen Kreises von weißgardistischen Emigranten und enteigneten baltischen Baronen, die seinen erbitterten, giftigen Tiraden gegen Juden und Kommunisten andächtig lauschten, unter seinen Zuhörern befand sich gewöhnlich auch Fürst Awalow-Bermondt, der ein Freund Rasputins gewesen war und alle weißgardistischen Kommandanten des baltischen Feldzuges durch seine Brutalität in den Schatten gestellt hatte; ferner die Barone Scheuber-Richter und Arno von Schickedanz, zwei dekadente, gewissenlose baltische Aristokraten, und Iwan Poltawetz-Ostranitza, Veranstalter von Pogromen in der Ukraine und ehemaliger Verkehrsminister in der von den Deutschen eingesetzten ukrainischen Regierung des Hetmans Paul Skoropadski. Diese Männer teilten Rosenbergs Ansichten über die Dekadenz der Demokratie und die Verschwörung des Weltjudentums. Rosenberg hatte ein Grundthema, über das er nicht genug reden konnte: „Im Grunde seiner Seele ist jeder Jude ein Bolschewik!“

Alfred Rosenbergs finsterer, gequälter Geist entwickelte allmählich aus den Elementen eines pathologischen Judenhasses und einer maßlosen Feindschaft gegen Sowjetrußland eine gegenrevolutionäre Philosophie, in der die fanatischen Vorurteile des zaristischen Rußlands und die imperialistischen Begierden Deutschlands einander begegneten. „Die Erlösung der Welt von der Dekadenz der jüdischen Demokratie und des Bolschewismus“ wird mit der Schaffung eines neuen Staates in Deutschland beginnen, schrieb Rosenberg im „Mythos des 20. Jahrhunderts“. „Aufgabe dieses neuen Staatsgründers ist“, fügte er hinzu, „einen Männerbund, sagen wir einen Deutschen Orden, zu gestalten.“

Deutsche Übermenschen sollten die Welt erobern. „Der Sinn der Weltgeschichte strahlte von Norden aus, getragen von einer blauäugig-blonden Rasse, die in mehreren großen Wellen das geistige Gesicht der Welt bestimmte.“

Rosenbergs gesamte schriftstellerische Tätigkeit wurde durch den Gedanken eines heiligen Kreuzzuges gegen Sowjetrußland beherrscht. Er sehnte sich nach dem apokalyptischen Tag, an dem die gewaltigen Armeen des neuen „Deutschen Ordens“ über die russische Grenze fluten und die verhaßten Bolschewiki zerschmettern würden. „Von West nach Ost“, erklärte er, „ist die Richtung vom Rhein bis zur Weichsel, „von West nach Ost“ muß es klingen „von Moskau bis Tomsk.“

Deutschland ging damals durch die schwere Krise der ersten Nachkriegsjahre: die Arbeitslosigkeit nahm ständig zu, die Inflation wuchs ins Uferlose, das Volk hungerte. Nach der blutigen Unterdrückung der deutschen Arbeiter- und Soldatenräte hatte man der Weimarer Republik in stillem Einverständnis mit der deutschen Heeresleitung eine demokratische Fassade gegeben, hinter der preußische Militaristen, Junker und Industriemagnaten ihre heimlichen Ränke spannen, deren Ziel die Wiedergeburt und Expansion des Deutschen Reiches war. In den übrigen Ländern der Welt ahnte man nicht, daß Deutschlands künftiges Rüstungsprogramm bereits bis in alle Einzelheiten festgelegt wurde. In einem Geheimlaboratorium für Forschung und Planung, das die Firma Borsig[30] in einem Wald in der Umgebung von Berlin errichtet hatte, arbeiteten Hunderte von Ingenieuren, Zeichnern und technischen Spezialisten unter Aufsicht der deutschen Heeresleitung.

Die Abteilung III B der deutschen Militärspionage hätte nach Beendigung des Krieges aufgelöst werden sollen. In Wirklichkeit setzte sie ihre Tätigkeit unter der Leitung ihres früheren antisemitischen Chefs Oberst Walther Nicolai mit Hochdruck fort, nachdem Krupp, Hugenberg und Thyssen reichliche Geldmittel für eine durchgreifende Neuorganisation zur Verfügung gestellt hatten.

Die Vorbereitungen für den nächsten Krieg wurden mit Eifer und Hingabe betrieben.

Arnold Rechberg, ein ebenso formgewandter wie energischer Industrieller, war einer der wichtigsten finanziellen Förderer der deutschen Geheimaufrüstung. Rechberg, der als ehemaliger persönlicher Adjutant des Kronprinzen noch immer freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern des alten kaiserlichen Generalstabs unterhielt, gehörte dem großen deutschen Kalikonzern an. Er interessierte sich lebhaft für die Tätigkeit der deutschnationalen und antisemitischen. Geheimbünde und war in diesem Zusammenhang auf Alfred Rosenberg aufmerksam geworden.

Eine persönliche Unterredung bestärkte ihn in seinen Sympathien für den gegenrevolutionären Eiferer aus Reval. Er brachte Rosenberg mit dem dreißigjährigen Österreicher Adolf Hitler zusammen, einem Agitator und Reichswehrspitzel, der sich ebenfalls seiner besonderen Gunst erfreute.

Rehberg hatte der Nazipartei Hitlers bereits Geldmittel für den Ankauf von Uniformen und die Deckung sonstiger Ausgaben zur Verfügung gestellt. Jetzt erwarb er zusammen, mit einigen reichen Freunden den „Völkischen Beobachter“, ein obskures Blatt, das zum offiziellen Parteiorgan der Nazibewegung gemacht wurde. Hitler ernannte Adolf Rosenberg zum Chefredakteur.

Am l. Januar 1921, zehn Tage nachdem der „Völkische Beobachter“ in den Besitz der Nazis übergegangen war, erschien ein Artikel, der die außenpolitischen Leitsätze der Hitler-Partei enthielt:

„Und wenn die Zeit gekommen ist, wenn sich der Sturm über der deutschen Ostmark zusammenzieht, dann gilt es, hunderttausend Männer zu sammeln, die bereit sind, ihr Leben zu lassen… Alle, die zum Letzten entschlossen sind, müssen mit der Haltung der Westjuden rechnen, die ein Klagegeschrei erheben werden, wenn der Angriff gegen die Ostjuden beginnt… Eines ist gewiß: die russische Armee wird nach einem zweiten Tannenberg über die Grenze zurückgeworfen werden. Das alles ist ausschließlich Sache der Deutschen und der eigentliche Beginn unserer Wiedergeburt.“

Der Verfasser dieses Leitartikels war Alfred Rosenberg. So begann die Nazibewegung als Verschmelzung feudalistisch-zaristischer Elemente mit den wiedererwachenden Bestrebungen des deutschen Imperialismus…

4. Der Hoffmann-Plan

Alfred Rosenberg lieferte der deutschen Nazipartei das politisch-ideologische Programm. Ein anderer Freund Rehbergs, General Max Hoffmann, wurde der Stratege des Nationalsozialismus.

General Hoffmann hatte einen Teil seiner Jugend als Attache am Zarenhof verbracht. Damals sprach er Russisch geläufiger als Deutsch. Als Fünfunddreißigjähriger avancierte er 1905 zum Hauptmann. Er wurde dem Stab des Generals von Schlieffen zugeteilt und diente während des Russisch-Japanischen Krieges als deutscher Verbindungsoffizier bei der Ersten Japanischen Armee. Der Kampf in der Mandschurei wurde für Hoffmann zu einem unvergeßlichen Erlebnis: die Frontlinie schien endlos lang. Die festgefügte, hervorragend ausgebildete Streitmacht der Japaner schnitt „wie ein Buttermesser“ tief in die zahlenmäßig weit überlegene Verteidigungsarmee ein, die über große Reserven verfügte, aber durch Schwerfälligkeit und schlechte Führung behindert war.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges wurde Hoffmann zum Kommandeur der in Ostpreußen stationierten Achten Armee ernannt. Es war seine Aufgabe, den unausbleiblichen Ansturm der Russen auf diese Provinz abzuwehren. In militärischen Fachkreisen schrieb man später das Verdienst an der vernichtenden Niederlage des zaristischen Heeres bei Tannenberg nicht Hindenburg oder Ludendorff, sondern dem strategischen Geschick General Hoffmanns zu. Nach der Schlacht bei Tannenberg übernahm Hoffmann die Leitung des deutschen Oberkommandos an der Ostfront. Er wurde Zeuge des Zusammenbruchs der Kaiserlich-Russischen Armee und diktierte der sowjetischen Delegation die Friedensbedingungen von Brest-Litowsk.

Hoffmann war der russischen Armee in zwei Kriegen entgegengetreten. Zweimal hatte er sie kläglich unterliegen sehen. Die Rote Armee war in seinen Augen nichts als eine Entartung des alten russischen Heeres, eine Ansammlung desorganisierter Pöbelhaufen.

Im Frühjahr 1919 legte General Hoffmann der Pariser Friedenskonferenz fertig ausgearbeitete Pläne für einen Marsch auf Moskau vor, der von der deutschen Armee angeführt werden sollte. Von seinem Standpunkt aus bot dieses Projekt den doppelten Vorteil, gleichzeitig „Europa vor dem Bolschewismus zu retten“ und der Auflösung der kaiserlichen deutschen Armee vorzubeugen. Marschall Foch nahm den Hoffmann-Plan mit gewissen Abänderungen an.

In den Nachkriegsjahren, die dem Zusammenbruch der bewaffneten Intervention gegen Sowjetrußland folgten, versuchte Hoffmann eine neue Version seines Planes durchzusetzen, die er den Generalstäben aller europäischen Länder in Form eines vertraulichen Memorandums zur Kenntnis brachte. Seine Vorschläge fanden lebhaften Widerhall in den faschistenfreundlichen Kreisen Europas, deren Einfluß von Tag zu Tag wuchs. Marschall Foch und sein Generalstabschef Petain, die beide in einem persönlichen Freundschaftsverhältnis zu Hoffmann standen, fanden warme Lobesworte. Franz von Papen, General Baron Karl von Mannerheim, Admiral Horthy und der Leiter der englischen Marinespionage, Admiral Sir Barry Domvile, setzten sich ebenfalls für Hoffmanns Plan ein.

Obwohl die späteren Fassungen von der traditionellen militärischen und politischen Strategie der Bismarck-Schule grundlegend abwichen, wurde das Projekt von einer starken und einflußreichen Clique innerhalb des deutschen Generalstabes gefördert. Der Oberbefehlshaber der deutschen Reichswehr, General Hans von Seeckt, war anfänglich ein Gegner des Hoffmannplanes. Seeckt hatte die Absicht, das russische Menschen- und Rohmaterial in den Dienst eines Revanchekrieges gegen den Westen zu stellen. Er glaubte zu einer Einigung mit den oppositionellen Elementen innerhalb der Roten Armee und der Sowjetregierung gelangen zu können. Später unterstützte er den Hoffmann-Plan und wurde ein Anhänger des Nationalsozialismus. Der neue Hoffmann-Plan schlug ein Bündnis Deutschlands mit Frankreich, Italien, England und Polen auf der Grundlage des gemeinsamen Kampfes gegen Sowjetrußland vor. Ernst Henri, ein weitblickender Beurteiler europäischer Verhältnisse, schrieb in seinem Buch „Hitler over Russia?“, der Plan fordere

„die Konzentration neuer Armeen an der Weichsel und Dwina nach dem Vorbild Napoleons: einen Blitzkrieg unter deutscher Leitung gegen die zurückweichenden bolschewistischen Truppen; die Einnahme von Lenin grad und Moskau im Laufe weniger Wochen; die durchgreifende Besetzung des Landes bis zum Ural - und somit die Sanierung einer erschöpften Zivilisation durch die Eroberung eines halben Kontinents.“

Ganz Europa mit Deutschland an der Spitze sollte die Waffen ergreifen und gegen die Sowjetunion zu Felde ziehen.


ANMERKUNGEN

  1. Nicht alle Flüchtlinge waren Gegenrevolutionäre. Tausende entwurzelter Menschen, die der elementaren Erhebung der Massen furchtsam und verständnislos gegenüberstanden, schlössen sich dem Strom der Auswanderer an. Sie zogen von Land zu Land und machten verzweifelte Versuche, in der neuen Umgebung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Manche wurden Chauffeure, Kellner, Stubenmädchen, Barfrauen, Köchinnen und Fremdenführer. Viele bettelten in den Straßen der westeuropäischen Großstädte. In den Bordells von Charbin, Schanghai und Peking wimmelte es von russischen Emigrantinnen.

  2. Es ist nicht uninteressant, die spätere Laufbahn der Generäle zu verfolgen, die an der Spitze der ausländischen Interventionsarmeen standen.
    Die tschechischen Generäle Gajda und Sirovy kehrten nach Prag zurück. Sirovy wurde Oberbefehlshaber des tschechischen Heeres, Gajda wurde Generalstabschef. Im Jahre 1926 nahm General Gajda an einem faschistischen Staatsstreich teil, der im Keim erstickt wurde. Später war er in verschiedene faschistische Komplotte verwickelt. Sirovy wurde im Jahre 1938 der Quisling der tschechoslowakischen Armee. Der englische General Knox kehrte nach England zurück und zog als konservativer Abgeordneter in das Parlament ein. Er betrieb eine heftige sowjetfeindliche Propaganda und gehörte zu den Gründern des Verbandes der Freunde des Nationalistischen Spanien. Foch, Petain, Weygand, Mannerheim, Tanaka, Hoffmann und andere Generäle des Interventionskrieges wurden die Führer verschiedener sowjetfeindlicher und faschistischer Bewegungen der Nachkriegszeit.

  3. Später finanzierte Borsig die Tätigkeit der Fünften Kolonne in der Sowjetunion.

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