Die große Verschwörung

Zweites Buch - Die Geheimnisse des „Cordon Sanitaire“

IX. SELTSAME LAUFBAHN EINES TERRORISTEN

1. Wiederauftreten Sidney Reillys

Berlin, Dezember 1922. In der Halle des berühmten Hotels Adlon wimmelt es von Menschen. Ein deutscher Marineoffizier plaudert mit einem Offizier des englischen Geheimdienstes und einer hübschen, jungen, eleganten Frau, der Londoner Operettensängerin Pepita Bobadilla. Manche kennen sie unter dem Namen Mrs. Chambers, Witwe des erfolgreichen englischen Dramatikers Haddon Chambers. Das Gespräch wendet sich dem Thema Spionage zu. Der Engländer erzählt von den außerordentlichen Leistungen eines britischen Spionageagenten in Sowjetrußland, den er als Mr. C. bezeichnet. Auch dem Deutschen ist Mr. C. ein Begriff. Die beiden Offiziere tauschen Anekdoten über den berühmten Abenteurer aus. Schließlich kann Mrs. Chambers ihre Neugierde nicht länger bezähmen: „Wer ist denn eigentlich dieser Mr. C.?“

„Wer ist nicht Mr. C.?“ antwortet der Engländer. „Ich sage Ihnen, Mrs. Chambers, dieser Mr. C. ist eine höchst geheimnisvolle Persönlichkeit - der interessanteste Mann von ganz Europa. Ich glaube, kein anderes Menschenleben steht so hoch im Kurs - die Bolschewiki würden gerne eine Provinz opfern, um ihn in die Hände zu bekommen - tot oder lebendig!… Die Gefahr ist sein Element. Er war in Rußland unser Auge und unser Ohr. Unter uns, es ist ihm und nur ihm zu verdanken, daß der Bolschewismus sich nicht zu einer noch stärkeren Bedrohung der westlichen Zivilisation ausgewachsen ist.“

Mrs. Chambers wollte mehr über den mysteriösen Herrn C. erfahren. Der Engländer lächelte: „Ich habe ihn erst heute Nachmittag gesehen. Er wohnt hier, im Adlon…“

Am selben Abend sah sie Mr. C. zum erstenmal. Sie beschrieb ihn später als „gepflegte Erscheinung, sorgfältig gekleidet; auf seinem schmalen Gesicht lag ein düsterer, beinahe höhnischer Ausdruck; so sieht ein Mann aus, der dem Tod nicht einmal, sondern viele Male ins Gesicht gelacht hat.“ Mrs. Chambers verliebte sich auf den ersten Blick.

Sie lernten einander kennen. Mr. C. sprach „über die Zustände in Europa, über Rußland und die Tscheka“, aber vor allem über die „bolschewistische Gefahr“. Er nannte Mrs. Chambers seinen wahren Namen: Hauptmann Sidney George Reilly…

Nach der verunglückten Verschwörung des Jahres 1918 hatte sich Reilly im Auftrag des englischen Kriegsministers Winston Churchill neuerlich nach Rußland begeben, um die Spionageabteilung der Denikin-Armee zu organisieren. Reilly stellte auch die Verbindung zwischen Denikin und den verschiedenen sowjetfeindlichen Verbündeten des Generals in Europa her. 1919 und 1920 hielt er sich in Paris, Warschau und Prag auf, wo er mit Eifer und Geschick bei der Zusammenstellung sowjetfeindlicher Truppenverbände und beim Aufbau von Spionage- und Sabotagezentralen mitwirkte. Später trat er als offiziöser Vertreter einiger millionenschwerer Emigranten, darunter auch seines ehemaligen Freundes und Chefs Graf Schuberski, auf. Zu den größten Unternehmungen, die er in dieser Zeit lancieren half, gehörte die Torgprom, das Kartell der ehemaligen zaristischen Industriellen und ihrer englisch-französischen und deutschen Partner.

Reilly hatte durch verschiedene finanzielle Transaktionen ein beträchtliches Vermögen erworben. Er war Direktor mehrerer Firmen, die früher Beziehungen zur russischen Geschäftswelt unterhalten hatten. Winston Churchill, General Max Hoffmann und der finnische Generalstabschef Wallenius zählten zu seinen persönlichen Freunden.

Der britische Spion haßte das Sowjetregime noch immer mit unverminderter Leidenschaft. Die Vernichtung des Bolschewismus war zum Leitmotiv seines Lebens geworden. Es ist begreiflich, daß die Gestalt Napoleons, des Mannes, dem Rußland zum Verhängnis wurde, faszinierend auf ihn wirkte. Er legte eine Sammlung von Napoleon-Reminiszenzen an, deren Wert mehrere zehntausend amerikanische Dollar betrug an.

„Wenn es einem korsikanischen Artillerieleutnant gelingen konnte, die glühende Asche der Französischen Revolution auszutreten“, meinte Sidney Reilly, „so müßte es einem britischen Spionageagenten, der so viele Machtfaktoren auf seiner Seite hat, ein leichtes sein, sich zum Herrn von Moskau zu machen.“

Am 18. Mai 1923 wurden Mrs. Chambers und Hauptmann Sidney Reilly auf einem Londoner Standesamt getraut. Hauptmann George Hill, Reillys ehemaliger Mitarbeiter, fingierte als Zeuge. Schon nach kurzer Zeit nahm Mrs. Chambers an den aufregenden Abenteuern ihres Mannes lebhaften Anteil. Sie schrieb später:

„Allmählich wurde ich in die seltsamen Vorgänge eingeweiht, die sich hinter den Kulissen der europäischen Politik abspielten. Ich erfuhr, daß unter der Oberfläche aller europäischen Hauptstädte Verschwörungen gegen die neuen Tyrannen im Gange waren. In Berlin, Paris, Prag und London schlössen sich kleine Gruppen von Emigranten zu konspirativen Vereinigungen zusammen. In Helsingfors (Helsinki) erreichte die gegenrevolutionäre Aktivität, die von verschiedenen europäischen Regierungen gefördert und finanziert wurde, den Siedepunkt. Sidney widmete diesen Bestrebungen, die ihn in höchstem Maße interessierten, einen großen Teil seiner Zeit und seines Geldes.“

Eines Tages erschien in Reillys Londoner Wohnung ein geheimnisvoller Besucher, der sich zunächst „Mr. Warner“ nannte: ein großer, kräftiger Mann mit langen, schlenkrigen Armen, die fast bis zu den Knien hinabreichten. Das Gesicht verschwand beinahe hinter einem mächtigen schwarzen Bart. Über den vorstehenden Backenknochen blickten kalte, stahlblaue Augen. Er zeigte Reilly seine Beglaubigungspapiere: einen englischen Paß, eine von Boris Sawinkow, dem Führer der Sozialrevolutionäre, in Paris ausgestellte Empfehlung und den Einführungsbrief eines prominenten englischen Staatsmannes.

„Ich werde mich ungefähr eine Woche in London aufhalten“, sagte der Besucher, „um mit dem Außenamt zu verhandeln.“

Schließlich deckte „Mr. Warner“ seine Karten auf. Er hieß in Wirklichkeit Drebkow und hatte im Jahr 1918 eine der „Fünfergruppen“ in Reillys sowjetfeindlichem Verschwörerapparat geleitet. Jetzt stand er in Moskau an der Spitze einer weißgardistischen Untergrundorganisation.

„Sie hatten damals einen ausgezeichneten Apparat geschaffen, Hauptmann Reilly“, sagte Drebkow, „jetzt haben wir die Fäden wieder aufgenommen! Die Arbeit ist im Gang, alle früheren Agenten sind dabei. Erinnern Sie sich an Palkin? Er ist auch bei uns … Eines Tages werden wir mit den Rothäuten fertig werden, und dann kommt die gute alte Zeit wieder. Aber Sie wissen ja, wie wir Russen sind. Wir reden und reden und reden, wir entwerfen die großartigsten Pläne, und dann können wir uns über irgendwelche unwichtige Einzelheiten nicht einig werden - die besten Gelegenheiten gehen ungenützt vorbei - und nichts geschieht.“

Drebkow kam auf den eigentlichen Zweck seines Besuches zu sprechen.

„Wir brauchen einen Mann, Hauptmann Reilly“, sagte er, „einen Mann, der zu befehlen und zu handeln versteht, einen, dessen Anordnungen widerspruchslos befolgt werden, einen Meister - wenn Sie wollen, einen Diktator, wie Mussolini es ist -, einen Mann, der den Hader in unseren Reihen mit eiserner Hand unterdrückt und uns zu der Waffe zusammenschmiedet, die den Tyrannen bis ins Herz dringt!“

„Wie wäre es mit Sawinkow?“ fragte Sidney Reilly. „Er ist in Paris - er ist der richtige Mann für euch, ein wahrhaft großer Mann, eine Persönlichkeit, der geborene Führer und Organisator!“

Mrs. Reilly, die diese Unterredung in ihren Memoiren festgehalten hat, schreibt:

„Ich konnte Sidney anmerken, daß es ein schweres Opfer für ihn bedeutete, diese Mission an den russischen Führer Sawinkow abzutreten, den er rückhaltlos bewunderte.“

2. „Ein Geschäft wie jedes andere!“

Es gab im Jahre 1924 sowohl in der Downing Street als auch am Quai d’Orsay maßgebende Politiker, die in Boris Sawinkow den künftigen Diktator Rußlands erblickten. Sawinkow, dem es wie so manchen anderen gelungen war, sich aus dem chaotischen Zusammenbruch des alten Zarenreichs zu retten, war eine der markantesten Persönlichkeiten der russischen Emigration. Der schlanke, blasse Mann, dessen Haar sich bereits lichtete, hatte einschmeichelnde Manieren. Seine Kleidung war untadelig - am liebsten trug er Gehrock und Lackschuhe. Sawinkow glich, wie Somerset Maugham einmal sagte, eher einem Bankdirektor als dem berühmten Terroristen und skrupellosen Gegenrevolutionär, der er in Wirklichkeit war. Seine Vielseitigkeit war erstaunlich. Churchill, der Sawinkow durch Sidney Reilly kennenlernte, sagte von ihm in seinem Buch „Great Contemporaries“: Er vereinigte „staatsmännische Klugheit mit der Gabe, zu befehlen, heldenhaften Mut mit der Leidensfähigkeit eines Märtyrers“. Sawinkows ganzes Leben „ging in Verschwörungen auf“.

In seiner Jugend war Sawinkow ein führendes Mitglied der russischen Sozialrevolutionären Partei gewesen. Er teilte sich mit vier anderen maßgebenden Männern in die Leitung der Kampforganisation der Partei, eines terroristischen Spezialkomitees, das für die Vorbereitung der Attentate auf offizielle Persönlichkeiten der Zarenregierung verantwortlich war. In den Jahren nach der Jahrhundertwende wurden der Großfürst Sergei, ein Onkel des Zaren, und den Innenminister W. K. Plehwe durch diese Kampforganisation erledigt.[31]

Das Mißlingen des ersten Aufstandsversuches gegen die Zarenherrschaft im Jahre 1905 setzte der revolutionären Begeisterung Sawinkows einen Dämpfer auf. Er wandte sich der Literatur zu und schrieb eine aufsehenerregende Selbstbiographie, in der er seine Teilnahme an den Attentaten auf Plehwe und den Großfürsten Sergei beschrieb. Er erzählte, wie er, als britischer Agent verkleidet, mit einem gefälschten britischen Paß in der Tasche, tagelang in einem kleinen Haus einer Seitenstraße auf das Vorbeifahren der großfürstlichen Equipage wartete. Unter dem Tisch, an dem er saß, lagen drei Kilogramm Dynamit.

Als der englische Schriftsteller Somerset Maugham viele Jahre später, zur Zeit des ersten Weltkrieges, vom englischen Geheimdienst nach Rußland geschickt wurde, um die Verbindung mit Sawinkow aufzunehmen, fragte er den russischen Terroristen, ob es nicht großen Mut erfordere, solche Attentate auszuführen. Sawinkow antwortete: „Durchaus nicht, glauben Sie mir. Es ist ein Geschäft wie jedes andere. Man gewöhnt sich daran.“

Im Juni 1917 ernannte Kerenski auf Anraten der Alliierten den romanschreibenden Mörder Boris Sawinkow zum Politischen Kommissar der an der galizischen Front stationierten 7. Armee.

Die Soldaten dieses Heeresverbandes verweigerten der Provisorischen Regierung den Gehorsam, und man hoffte, Sawinkow würde den Unruhen mit seinen brutalen Methoden ein rasches Ende bereiten. Seine Auftraggeber wurden nicht enttäuscht. In einem Fall soll er die Deputierten eines bolschewistischen Soldatenrates mit eigener Hand erschossen haben…

Sawinkow veranlaßte Kerenski, General Kornilow zum Oberbefehlshaber der russischen Armeen zu ernennen. Sawinkow selbst wurde stellvertretender Kriegsminister. Schon damals stand er als Geheimagent im Dienst der französischen Regierung und arbeitete auf den Sturz Kerenskis und die Errichtung einer Militärdiktatur unter Kornilow hin.

Nach der Oktoberrevolution leitete Sawinkow in Jaroslawl einen inoffiziell von den Franzosen finanzierten antisowjetischen Aufstand in die Wege, der zeitlich mit Sidney Reillys Moskauer Putschversuch zusammenfallen sollte. Sawinkows Streitkräfte wurden von der Roten Armee vernichtet, es gelang ihm mit Mühe und Not, das nackte Leben zu retten. Nach seiner Flucht wurde er einer der einflußreichsten diplomatischen Vertreter der weißgardistischen Emigration in Europa. Winston Churchill schrieb über ihn in „Great Contemporaries“: „Der ehemalige Nihilist war für die Gestaltung der Beziehungen zu den Alliierten und den damals sehr wichtigen baltischen Staaten und Grenzstaaten, die den „cordon sanitaire“ des Westens bildeten, verantwortlich; er entledigte sich seiner Aufgabe mit großer Energie und außerordentlichem diplomatischem Geschick.“

Im Jahre 1920 ging Sawinkow nach Polen. Mit Hilfe seines Freundes Pilsudski sammelte er an die 30000 Soldaten und Offiziere, die er bewaffnete und für einen neuerlichen Angriff gegen Sowjetrußland auszubilden begann.

Später verlegte Sawinkow sein Hauptquartier nach Prag. Dort schuf er in enger Zusammenarbeit mit dem faschistischen General Gajda eine neue Organisation, die sogenannte „Grüne Garde“, der in erster Linie ehemalige zaristische Offiziere und gegenrevolutionäre Terroristen angehörten. Die Grünen Garden unternahmen eine Reihe von Raub- und Plünderungszügen in sowjetisches Gebiet; sie zündeten Dörfer an, massakrierten Arbeiter und Bauern und ermordeten die Beamten der Sowjetbehörden. Sawinkow wurde bei dieser Tätigkeit von den Spionagezentralen verschiedener europäischer Länder wirksam unterstützt.

Einer seiner Mitarbeiter, ein sozialrevolutionärer Terrorist namens Fomitschow, errichtete in Wilna, der im Jahre 1920 von den Polen besetzten ehemaligen Hauptstadt Litauens, eine Zweigstelle der von Sawinkow geleiteten konspirativen und terroristischen Organisation. Fomitschow bildete mit Hilfe des polnischen Spionagedienstes Geheimzellen auf sowjetischem Gebiet, deren Aufgabe es war, Spionagearbeit zu leisten und terroristischen Gruppen beizustehen, die von den polnischen Behörden mit Waffen, Geld und gefälschten Papieren ausgestattet über die Grenze gesandt wurden.

Später, in einem Brief an die „Iswestija“ vom 17. September 1924, gab Fomitschow eine Schilderung seiner Tätigkeit:

„Wenn diese Spione und Abteilungen nach Ausführung der ihnen aufgetragenen Morde zurückkehrten, gab ich die von ihnen gestohlenen Dokumente und das mitgebrachte Spionagematerial an die polnischen Behörden weiter. So arbeiteten die Detachements Sergei Pawlowski, Trubnikow, Monitsch, Daniel, Iwanow und andere kleinere Abteilungen sowie einzelne Spione und Terroristen. Ich erinnere mich, daß Oberst Sweschewski 1922 nach Rußland geschickt wurde, um Lenin zu ermorden …“

Sawinkow wurde durch seine außerordentliche organisatorische Begabung, durch die Suggestivkraft seiner Persönlichkeit und die Brutalität seiner Methoden zum Exponenten der Weißgardisten und der sowjetfeindlichen europäischen Staatsmänner, die noch immer an den bevorstehenden Sturz der Sowjetregierung glaubten. Aber selbst seine eifrigsten Gönner empfanden seine Vergangenheit manchmal als peinliche Belastung. Winston Churchill schildert in seinem Buch „Great Contemporaries“ die Verhandlungen, die er im Jahre 1919 in Paris mit dem ehemaligen Zarenminister Sasonow führte. „Wie kommen Sie mit Sawinkow aus?“ fragte Churchill. Sasonow antwortete mit einer hilflos-schuldbewußten Geste: „Er ist ein Mörder! Ich wundere mich selbst darüber, daß ich mit ihm arbeite! Aber was bleibt mir anderes übrig ? Der Mann ist außerordentlich tüchtig, er hat Einfälle und Energie. Niemand kommt ihm gleich!“

3. Ein Sonntag in Chequers

Im Jahre 1922 brach in den verwüsteten russischen Gebieten eine furchtbare Hungersnot aus. Der Zusammenbruch der Sowjetregierung schien unvermeidlich. Die politische Opposition innerhalb von Sowjetrußland entfaltete - ebenso wie die weißgardistische Emigration - eine fieberhafte Tätigkeit: man schloß Geheimverträge, man stellte Regierungen zusammen, die nur darauf warteten, die Macht zu übernehmen. Die Frage, wer der neue Diktator Rußlands werden sollte, wurde heftig diskutiert. Damals schien es Sidney Reilly an der Zeit, Winston Churchill mit Sawinkow zusammenzubringen.

Churchill interessierte sich schon seit langem für die Persönlichkeit des „literarischen Mörders“, wie er Sawinkow nannte. Er teilte Reillys Ansicht, daß man Sawinkow ohne weiteres „die Leitung großer Unternehmungen anvertrauen“ könne, und beschloß daher, ihn dem Ministerpräsidenten Lloyd George vorzustellen. Er arrangierte eine vertrauliche Zusammenkunft in Chequers, dem Landsitz der englischen Ministerpräsidenten.

Churchill nahm Sawinkow in seinem Auto mit. „Es war an einem Sonntag“, erzählt er in „Great Contemporaries“. „Der Ministerpräsident hatte einige Geistliche, führende Männer der Freien Kirche, eingeladen. Außerdem war ein walisischer Sängerchor eingetroffen, der zu Ehren des Ministerpräsidenten ein Konzert veranstaltete. Mehrere Stunden lang lauschten wir dem kunstvollen Vortrag der walisischen Gesänge. Dann fand unsere Unterredung statt.“

Aber Lloyd George zeigte sich durchaus nicht geneigt, Boris Sawinkow zum Schützling des englischen Staates zu machen. Seiner Ansicht nach war Rußland bereits „über das Ärgste hinaus“. Der bolschewistische Versuch, die Industrie des Landes nach sozialistischen Grundsätzen zu verwalten, müßte mißlingen. Die bolschewistischen Führer, so meinte Lloyd George, würden jetzt, wo sie die Regierungsgeschäfte selbst übernommen hätten. unter dem Druck der Verantwortung ihre kommunistischen Theorien aufgeben.

Die „Gefahr des internationalen Kommunismus“, die Churchill und dem englischen Spionagedienst so viel Kopfzerbrechen verursache, existiere überhaupt nicht.

4. Prozeß in Moskau 1924

Als Lenin am 21. Januar 1924 starb, begann für Sidney Reilly eine Periode neuer, hoffnungsfreudiger Aktivität. Seine Agenten berichteten aus Rußland, daß die oppositionellen Elemente des Landes den Kampf um die Macht mit verdoppelter Energie wieder aufgenommen hätten. Innerhalb der Kommunistischen Partei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die möglicherweise zu einer Spaltung führen konnten. Die idealen Voraussetzungen für einen Putsch waren gegeben.

Reilly war zu der Einsicht gelangt, daß sein ursprünglicher Plan, das Zarenregime wieder in seine Rechte einzusetzen, sich überlebt hatte. Rußland war zu weit vom Zarismus abgerückt. Reilly strebte eine Diktatur an, die sich auf die Großbauern (die Kulaken) und verschiedene militärische und politische Gruppen stützen sollte, die der Sowjetregierung feindlich gegenüberstanden. In seinen Augen war Boris Sawinkow der richtige Mann, um in Rußland ein diktatorisches Regime nach italienischem Muster zu errichten. Der britische Agent bereiste sämtliche europäischen Hauptstädte, um sich bei den Generalstäben und Spionagezentralen für Sawinkow einzusetzen.

Damals gewann die sowjetfeindliche Bewegung einen mächtigen Helfer in der Person des Sir Henri Wilhelm August Deterding, eines in England geadelten Holländers, der an der Spitze des weltberühmten englischen. Petroleumtrusts „Royal Dutch Shell“ stand. Sir Henri wurde allmählich die wichtigste finanzielle Stütze aller antibolschewistischen Bestrebungen, in deren Rahmen er als Wortführer des internationalen Großkapitals auftrat.

Es war Reilly gelungen, das Interesse des Petroleumkönigs auf die Torgprom, die Organisation der zaristischen Millionäre, zu lenken. Deterding erwarb von Lianosow, Mantaschew und anderen Mitgliedern der Torgprom die theoretischen Besitzansprüche auf die wichtigsten Ölfelder Sowjetrußlands. Nach einem vergeblichen Versuch, seine Anrechte durch diplomatische Druckmittel geltend zu machen, bezeichnete sich der britische Petroleumkönig im Frühjahr 1924 einfach als „Besitzer“ des russischen Öls. Er behauptete, die Sowjetregierung sei ungesetzlich und stehe außerhalb des Bereiches der Zivilisation. Sir Henri Deterding erklärte der Sowjetunion den Krieg. Er gab offen zu, daß der Einsatz seines immensen Reichtums, seines Einflusses und seiner zahllosen Geheimagenten der Eroberung der ergiebigen kaukasischen Ölquellen galt.

Deterdings Eingreifen gab der Kampagne Sidney Reillys einen neuen Auftrieb. Der britische Spion entwarf sofort einen konkreten Angriffsplan, den er interessierten Mitgliedern der europäischen Generalstäbe unterbreitete. Es handelte sich um eine Neuauflage des Hoffmann-Planes, eine Verbindung von politischen und militärischen Aktionen.

Der politische Teil des Planes enthielt folgende Vorschläge: die Träger der geheimen Opposition in Rußland vereinigen sich mit den Terroristen Sawinkows zu einer gegenrevolutionären Bewegung. Sobald die Gegenrevolution erfolgreich in Gang gebracht ist, beginnt die militärische Phase. London und Paris sagen sich formell von der Sowjetregierung los und erkennen Boris Sawinkow als Diktator Rußlands an. Die in Jugoslawien und Rumänien stationierten Weißen Armeen überschreiten die sowjetische Grenze. Polen marschiert gegen Kiew. Finnland blockiert Lenin grad. Gleichseitig führt der georgische Menschewik Noi Shordania[32] unter Mitwirkung seiner Anhänger einen bewaffneten Aufstand im Kaukasus durch. In diesem Gebiet, das von dem übrigen Rußland abzutrennen ist, wird eine „unabhängige“; Transkaukasische Föderation unter englisch-französischem Protektorat gegründet. Die Ölquellen und Rohrleitungen werden den ehemaligen Besitzern und ihren ausländischen Geschäftsfreunden zurückgegeben.

Die antibolschewistischen Leiter der Generalstäbe von Frankreich, Polen, Finnland und Rumänien nahmen Reillys Plan mit großem Beifall auf. Das englische Außenamt war an der Abtrennung des Kaukasus von Rußland lebhaft interessiert. Der faschistische Diktator Benito Mussolini lud Boris Sawinkow zu einer persönlichen Unterredung nach Rom ein. Er wollte den „russischen Diktator“ kennenlernen. Mussolini machte sich erbötig, die Agenten Sawinkows mit italienischen Pässen auszustatten, um ihnen die für die Vorbereitung des Angriffs nötigen Reisen nach Rußland zu erleichtern. Außerdem wies der Duce seine Geheimpolizei, die „OVRA“, und. die faschistischen Botschaften an, Sawinkow in jeder Weise behilflich zu sein…

Reilly sagte mit Recht: „Eine große gegenrevolutionäre Verschwörung näherte sich der Vollendung.“

Nach einer langen, abschließenden Unterredung mit Reilly reiste Boris Sawinkow am 10. August 1924 nach Rußland ab. Er war im Besitz eines italienischen Passes und wurde von einigen zuverlässigen Adjutanten und Offizieren der Grünen Garde begleitet. Jenseits der Sowjetgrenze sollte er die letzten Anweisungen für den allgemeinen Aufstand geben. Man hatte alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um Sawinkows Identität geheimzuhalten und seine Sicherheit zu garantieren. Beim Betreten des Sowjetgebietes sollte er von Vertretern der weißgardistischen Untergrundbewegung in Empfang genommen werden, die in den Grenzstädten offizielle Stellen bekleideten. Ein Geheimkurier stand bereit, um Reilly die Meldung von Sawinkows Eintreffen zu überbringen.

Tage vergingen - die Nachricht blieb aus. Reilly, der sich in Paris aufhielt, wurde immer ungeduldiger und ängstlicher, da er vor der Ankunft des Kuriers nichts unternehmen konnte. Eine Woche verstrich. Eine zweite Woche…

Am 28. August begann der Aufstand im Kaukasus. Eine von Noi Shordanias bewaffneten Abteilungen überfiel bei Morgengrauen die friedlich schlafende georgische Stadt Tsehiatury. Die Vertreter der Sowjetregierung wurden getötet. Im ganzen Kaukasusgebiet kam es zu terroristischen Ausschreitungen. Die Aufständischen mordeten, warfen Bomben und versuchten schließlich, sich der Ölfelder zu bemächtigen…

Am nächsten Tag erhielt Reilly Klarheit über Boris Sawinkows Schicksal. Am 29. August 1924 meldete die sowjetische Zeitung „Iswestija“, daß der „ehemalige Terrorist und Gegenrevolutionär Boris Sawinkow bei dem Versuch, die Grenze zu überschreiten“, von den Sowjetbehörden verhaftet worden war.

Sawinkow und seine Begleiter waren über Polen nach Rußland gereist. Auf sowjetischem Boden wurden sie von einigen Männern, die sie für Mitverschworene hielten, empfangen und in ein Haus in Minsk gebracht. Dort erschien ein bewaffneter Sowjetoffizier und erklärte, das Haus stehe unter militärischer Bewachung. Sawinkow und seine Freunde waren in eine Falle gegangen. Auch der Aufstand im Kaukasus nahm ein unrühmliches Ende. Die Bergbewohner, auf deren Beistand die Gegenrevolutionäre gerechnet hatten, ergriffen die Partei der Sowjetregierung. Gemeinsam mit den Petroleumarbeitern verteidigten sie die Eisenbahnlinien, die Rohrleitungen und die Ölfelder bis zum Eintreffen regulärer sowjetischer Truppen. Während der nächsten Wochen kam es noch hier und da zu vereinzelten Kampfhandlungen, aber es war vom ersten Augenblick an klar, daß die Sowjetbehörden die Lage beherrschten. Die „New York Times“ meldete am 18. September 1924, daß der kaukasische Aufstand „von einer mächtigen Pariser Finanzgruppe und den ehemaligen Besitzern der Ölfelder von Baku finanziert und geleitet“ worden sei. Einige Tage darauf wurde die gegenrevolutionäre Armee Shordanias von Sowjettruppen umzingelt und gefangengenommen.

Die Verhaftung Sawinkows und der Zusammenbruch des Aufstandes im Kaukasus bedeuteten für Reilly und seine Freunde sicherlich eine bittere Enttäuschung, aber der schwerste Schlag war die öffentliche Verhandlung, die bald darauf in Moskau gegen Sawinkow geführt wurde. Zum Entsetzen aller an dem Komplott beteiligten prominenten Persönlichkeiten begann Boris Sawinkow, die Einzelheiten der Verschwörung aufzudecken. Er erklärte, vom Augenblick seines Grenzübertritts an gewußt zu haben, daß er in eine Falle ging. Er sagte zu dem Offizier, der ihn verhaftete: „Ihr habt da ein gutes Stück Arbeit geleistet. übrigens war ich auf etwas Derartiges gefaßt. Aber ich bin trotzdem nach Rußland gefahren. Ich will euch sagen, warum … Ich habe mich entschlossen, den Kampf gegen euch aufzugeben!“

Sawinkow behauptete, die Sinnlosigkeit und Bösartigkeit der sowjetfeindlichen Bewegung endlich erkannt zu haben. Er versuchte, vor dem Sowjetgericht die Rolle des ehrlichen, irregeführten Patrioten zu spielen, der sich nur allmählich zur Klarheit über die wahren Ziele seiner Mitverschworenen durchgerungen hatte.

„Mit Entsetzen stellte ich fest, daß sie weder an das Vaterland noch an das Wohl des Volkes, sondern nur an ihre Klasseninteressen dachten!“

Sawinkow erzählte, daß die von ihm in Rußland aufgezogene terroristische Geheimorganisation bereits im Jahre 1918 von dem französischen Botschafter Noulens finanziert wurde. Noulens hatte ihn auch beauftragt, die Jaroslawl-Revolte vom Juli 1918 in die Wege zu leiten. Er versprach, Sawinkow durch die Landung französischer Truppen wirksam zu unterstützen, aber die Hilfe blieb aus, obwohl Sawinkow sein Wort gehalten hatte.

„Woher bezogen Sie damals Ihre Gelder und wie hoch waren die Beträge?“ fragte der Gerichtspräsident.

„Ich befand mich zu jener Zeit in einer verzweifelten Lage“, antwortete Sawinkow, „da ich keine Möglichkeit sah, Geld für unsere Bewegung aufzutreiben. Da traten plötzlich gewisse tschechische Persönlichkeiten unaufgefordert an uns heran und stellten uns einen Betrag von mehr als 200000 Kerenski-Rubel zur Verfügung. Damit war unsere Organisation gerettet… Die Tschechen wußten genau, daß ich ein Anhänger der terroristischen Kampfmethode war. Sie erklärten sogar ausdrücklich, das mir übergebene Geld solle in erster Linie für terroristische Zwecke verwendet werden.“

Später, fuhr Sawinkow fort, sei es ihm klar geworden, daß die sowjetfeindlichen Kreise des Auslands seine Bewegung nicht aus uneigennützigen Motiven unterstützten, sondern nur, um die russischen Ölquellen und Bodenschätze in ihren Besitz zu bringen. „Sie“ - damit meinte Sawinkow seine englischen Berater - „wurden nicht müde, mir die Vorteile einer südöstlichen Föderation im nördlichen Kaukasus und Transkaukasien vor Augen zu führen. Aber das war nur der Anfang. Später sollten auch Aserbeidschan und Georgien in diesen Bund einbezogen werden. Es roch nach Petroleum.“

Dann schilderte Sawinkow seine Verhandlungen mit Churchill.

„Churchill zeigte mir einmal eine Karte von Südrußland, auf der die Stellungen eurer Armee und der Truppen Denikins mit kleinen Fähnchen angezeichnet waren. Ich erinnere mich noch, was für einen Schock es mir versetzte, als er mit dem Finger auf Denikins Fähnchen wies und sagte: „Das ist meine Armee!“ Ich stand wie angewurzelt, ohne ein Wort zu erwidern. Ich war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, aber dann sagte ich mir: „Wenn ich jetzt hier eine Szene mache, bekommen unsere Soldaten in Rußland keine Stiefel mehr!“

„Und warum lieferten Ihnen die Engländer und Franzosen all diese Stiefel, Granaten, Maschinengewehre und dergleichen?“ fragte der Gerichtspräsident.

„Angeblich aus den edelsten Beweggründen“, antwortete Sawinkow. „Wir waren die treusten Verbündeten, ihr ward Verräter und so weiter. In Wirklichkeit wurden sie von anderen Motiven geleitet. Da gab es zunächst einmal einen Gesichtspunkt von sekundärer Bedeutung: Erdöl ist eine gute Sache! - und auf weitere Sicht ein großes Ziel: laßt die Russen miteinander streiten, je weniger übrigbleiben, desto besser. Auf diese Weise wird Rußland geschwächt.“

Diese sensationelle Vernehmung dauerte zwei Tage. Sawinkow deckte alle Einzelheiten seiner Verschwörerlaufbahn auf. Er nannte die Finanzleute und Staatsmänner Englands, Frankreichs und anderer europäischer Länder, die ihm Beistand geleistet hatten, bei Namen. Er behauptete, sie hätten ihn ohne sein Wissen zu ihrem Werkzeug gemacht. „Ich lebte wie in einem gläsernen Käfig. Ich sah nichts als meine Verschwörung… Ich kannte das Volk nicht. Ich liebte es. Ich war bereit, ihm mein Leben zu opfern. Aber seine wahren Interessen und Wünsche waren mir nicht bekannt.“

Im Jahre 1923 sei ihm die „Weltbedeutung“ der bolschewistischen Revolution allmählich aufgegangen. Er begann, an eine Rückkehr nach Rußland zu denken, um „mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören“.

„Ich dachte: vielleicht ist alles, was ich in den ausländischen Zeitungen lese, Lüge“, sagte Sawinkow. „Ich dachte: es kann nicht sein, daß diese Menschen, denen niemand etwas anzuhaben vermag, für das russische Volk nichts geleistet haben.“

Das Sowjetgericht verurteilte Boris Sawinkow wegen Landesverrates zum Tode. Das Urteil wurde in Anerkennung seiner vollständigen, ehrlichen Aussage in zehn Jahre Gefängnis umgewandelt.

Die Nachricht von Sawinkows Gesinnungswechsel schlug wie eine Bombe ein. Reilly eilte von Paris nach London zurück, um sich mit seinen Vorgesetzten zu beraten. Am 8. September 1924 ließ Reilly in der „Morning Post“, dem Organ der sowjetfeindlichen Konservativen, eine ausführliche, aufsehenerregende Erklärung abdrucken, in der er behauptete, die öffentliche Verhandlung gegen Sawinkow habe in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden.

„Sawinkow wurde bei dem Versuch, die russische Grenze zu überschreiten, erschossen. Der Prozeß war eine von der Moskauer Tscheka hinter geschlossenen Türen veranstaltete Komödie, in der einer ihrer Agenten als Hauptakteur auftrat.“[33]

Reilly bemühte sich, Sawinkow als unbeirrbaren Feind der Sowjets hinzustellen:

„Ich genoß den Vorzug, einer seiner vertrautesten Freunde und ergebensten Anhänger zu sein, und so ist es meine heilige Pflicht, seine Ehre zu retten… Ich gehörte zu den wenigen, die von seinen Absichten wußten… Ich war in der Zeit vor seiner Abreise jeden Tag mit ihm zusammen. Ich erfreute mich seines rückhaltlosen Vertrauens, und er arbeitete alle seine Pläne gemeinsam mit mir aus.“

Reilly schloß seine Erklärung mit einigen persönlichen Worten an den Herausgeber der „Morning Post“:

„Ihre Zeitung hat im Kampfe gegen den Bolschewismus und Kommunismus stets eine führende Rolle gespielt. Ich bitte Sie, helfen Sie mir, Boris Sawinkows Ehre und Namen zu verteidigen!“

Es stellte sich jedoch bald heraus, daß an der Glaubwürdigkeit der Nachrichten über den Moskauer Prozeß kein Zweifel möglich war, und Reilly sah sich daher gezwungen, einen zweiten Brief an die „Morning Post“ zu schreiben:

„Die genauen, zum großen Teil stenographischen Presseberichte über den Sawinkow-Prozeß, die durch die Aussage verläßlicher, unparteiischer Augenzeugen bestätigt wurden, haben den von diesem Manne verübten Verrat einwandfrei erwiesen. Er hat nicht nur seine Freunde, seine Organisation. und seine Sache preisgegeben, sondern er hat sich mit voller Überlegung und ohne Vorbehalt in das Lager seiner ehemaligen Feinde begeben. Er hat den Leuten, die ihn gefangennahmen, zu einem großartigen politischen Triumph verholten, den sie im In- und Ausland auswerten können; er hat sich mit ihnen vereinigt, um der antibolschewistischen Bewegung den denkbar schwersten Schlag zuzufügen. Sawinkows Name wird für immer aus der Ehrenliste der antikommunistischen Kämpfer gestrichen werden. Seine ehemaligen Freunde und Anhänger empfinden tiefen Schmerz über seinen unrühmlichen, schrecklichen Sturz, aber diejenigen, die unter keinen Umständen mit den Feinden der Menschheit paktieren werden, sind auch weiterhin guter Zuversicht. Der moralische Selbstmord ihres früheren Führers ist für sie ein neuer Ansporn, die Reihen zu schließen und ‚durchzuhalten’.“

Das öffentliche Geständnis Sawinkows brachte seine ehemaligen englischen Gönner in peinliche Verlegenheit. Reilly wurde schleunigst nach den Vereinigten Staaten abgeschoben. Churchill zog sich für einige Zeit auf seinen Landsitz in Kent zurück. Das britische Außenamt hüllte sich in Schweigen. Aber diese Affäre hatte noch ein sensationelles Nachspiel. Ende Oktober 1924, wenige Tage vor den englischen Wahlen, verkündete die „Daily Mail“, eine der Zeitungen des Rothermere-Konzerns, plötzlich in einer riesigen Schlagzeile, Scotland Yard habe eine sowjetische Verschwörung gegen England aufgedeckt. Als dokumentarischen Beweis veröffentlichte die „Daily Mail“ den berühmten Sinowjew-Brief, in dem der Leiter der Komintern, Grigori Sinowjew, den englischen Kommunisten Anweisungen für den Wahlkampf gegen die Konservative Partei Englands erteilte.

Diese Antwort der Tories auf Sawinkows Geständnis erzielte die beabsichtigte Wirkung. Die Wahlen, die im Zeichen einer heftigen antibolschewistischen Propaganda standen, brachten den Konservativen einen entscheidenden Sieg.

Einige Jahre später erklärte Sir Wyndham Childs von Scotland Yard, daß Sinowjew nie einen derartigen Brief geschrieben habe. Das veröffentlichte Dokument war eine von mehreren ausländischen. Agenten hergestellte Fälschung. Die Idee stammte aus dem Berliner Büro des Oberst Walter Nicolai, der den militärischen Spionagedienst des kaiserlichen Deutschland geleitet hatte und jetzt für die Nazipartei arbeitete. Unter seiner Aufsicht schuf Baron Uexkuell aus der baltischen Weißen Garde, der später eine nationalsozialistische Presseagentur übernahm, in der deutschen Hauptstadt eine Organisation, die sich ausschließlich mit der Fabrikation sowjetfeindlicher Dokumente befaßte und für die Verbreitung und möglichst wirkungsvolle Propagierung dieses Materials Sorge trug.

Die Weiterleitung des gefälschten Sinowjew-Briefes an das britische Außenamt und später an die „Daily Mail“ war angeblich von George Bell, einem geheimnisvollen internationalen Agenten durchgeführt worden. Bell stand im Solde des englisch-holländischen Petroleummagnaten Henri Deterding.


ANMERKUNGEN

  1. Der eigentliche Leiter dieser Kampforganisation war Jewno Asew, einer der ungewöhnlichsten „agents provocateurs“ der Weltgeschichte. Während er auf der einen Seite als Spion im Dienst der zaristischen Geheimpolizei stand und in dieser Eigenschaft von Zeit zu Zeit an Revolutionären und Terroristen Verrat beging, war er der Urheber der Pläne für die Ermordung des Großfürsten Sergei, Plehwes und anderer zaristischer „Würdenträger“. Sein einziges Interesse galt dem Geld; er half bei der Vorbereitung der Morde, weil er wußte, daß die Sozialrevolutionäre Partei ihm für solche besondere Leistungen höhere Spesenrechnungen bewilligen würde. Der zaristischen Geheimpolizei war seine Beteiligung an diesen Attentaten natürlich nicht bekannt.
    Ein anderer sozialrevolutionärer Führer, der mit Sawinkow und Asew zusammenarbeitete, war Viktor Tschernow. Er beteiligte sich später ebenso wie Sawinkow eifrig an sowjetfeindlichen Umtrieben. 1940 ging er nach den Vereinigten Staaten, wo er sich noch heute mit der Verbreitung sowjetfeindlicher Propaganda befaßt. Weitere Einzelheiten über Tschernows spätere Tätigkeit finden sich im XXIII. Kapitel.

  2. Im Jahre 1918 stand Noi Shordania an der Spitze einer von den Deutschen eingesetzten Marionettenregierung im Kaukasus. Als die Engländer die Deutschen im Jahr 1919 vertrieben, wurde Shordania das Haupt der unter englischer Kontrolle stehenden Transkaukasischen Föderation. 1924 verlegte er sein Hauptquartier nach Paris. Die französische Regierung stellte ihm vier Millionen Francs zur Verfügung.

  3. Diese Ausführungen eröffneten die lange Reihe phantastischer „Erklärungen“, die in den Jahren nach der Revolution von Feinden der Sowjetunion vorgebracht wurden, um die vor sowjetischen Gerichten abgelegten Geständnisse ausländischer Verschwörer und russischer Verräter zu desavouieren. Diese „Erklärungen“ erreichten ihren Höhepunkt während der sogenannten Moskauer Prozesse (1936 bis 1938). Siehe III. Buch.

Kapitel VIII. <--      --> Kapitel X.

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