Die große Verschwörung

Drittes Buch - Die fünfte Kolonne in Rußland

XX. DAS ENDE

1. Tuchatschewski

Rußland wurde wieder einmal von dem Gespenst des großen Korsen heimgesucht. Der neue Anwärter auf napoleonischen Ruhm war Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski. Aus dem ehemaligen zaristischen Offizier und Sohn eines adligen Gutsbesitzers war einer der Kommandeure der Roten Armee geworden.

Als der junge Tuchatschewski nach Ablegung seiner Prüfungen die Alexandrowsk-Militärakademie verließ, tat er den prophetischen Ausspruch: „Wenn ich nicht mit dreißig Jahren General bin, begehe ich Selbstmord!“ Den ersten Weltkrieg machte er als Offizier der zaristischen Armee mit. 1915 wurde er von den Deutschen gefangengenommen. Leutnant Fervaque, ein französischer Offizier, der Tuchatschewski im Gefangenenlager kennenlernte, schilderte den russischen Offizier als skrupellos und ehrgeizig. Er war ein begeisterter Anhänger Nietzsches. Als von der russischen Revolution die Rede war, sagte Tuchatschewski: „Viele wünschen sie herbei. Gott allein weiß, wohin eine Revolution in unserem Lande führen würde. Ich glaube, eine konstitutionelle Regierung wäre das Ende Rußlands. Wir brauchen einen Despoten!“

Am Vorabend der Oktoberrevolution entfloh Tuchatschewski aus der deutschen Gefangenschaft. Er kehrte nach Rußland zurück und schloß sich dort den zaristischen Offizieren an, die eine Weiße Armee gegen die Bolschewiki aufzustellen versuchten. Dann ging er plötzlich zur feindlichen Partei über. Einem seiner Freunde, dem Hauptmann Dmitri Golum-Bek, vertraute er seinen Entschluß an, sich von der Sache der „Weißen“ loszusagen. „Ich fragte ihn, was er zu tun gedenke“, erzählte Golum-Bek später. Er antwortete: „Ehrlich gesagt, ich gehe zu. den Bolschewiki. Die Weiße Armee kann nichts ausrichten. Wir haben keinen Führer.“ Einige Minuten ging er schweigend auf und ab, dann rief er aus: „Du brauchst mir nicht zu folgen, wenn du nicht willst, aber ich glaube, richtig zu handeln. In Rußland wird vieles anders werden!“ 1918 trat Tuchatschewski in die Kommunistische Partei ein.

Er fand bald seinen Platz unter den Abenteurern, die sich um den Kriegskommissar Trotzki scharten; aber er ließ sich niemals allzu tief in Trotzkis politische Intrigen hineinziehen. Da die junge Rote Armee Mangel an erfahrenen Fachleuten hatte, konnte er als erprobter, sachkundiger Offizier rasch Karriere machen. Er befehligte die Erste und Fünfte Armee an der Wrangel-Front, nahm an der erfolgreichen Offensive gegen Denikin teil und leitete gemeinsam mit Trotzki den unglücklichen Verteidigungskampf gegen die einfallenden Polen. 1922 wurde er Vorstand der Militärakademie der Roten Armee. Nachdem es im selben Jahr zum Abschluß des Vertrages von Rapallo gekommen war, nahm er mit einigen anderen maßgebenden Offizieren an den militärischen Verhandlungen mit der Weimarer Regierung teil.

In den folgenden Jahren stand Tuchatschewski an der Spitze einer kleinen Gruppe von Militärs und ehemaligen zaristischen Offizieren des Generalstabs der Roten Armee, die an der Führerschaft ehemaliger Partisanenkämpfer wie Marschall Budjonny und Marschall Woroschilow Anstoß nahmen. Zu Tuchatschewskis Gruppe gehörten die Generale Jakir, Kork, Uborewitsch und Feldman, die dem deutschen Militarismus eine geradezu sklavische Bewunderung entgegenbrachten. Der trotzkistische Offizier V. I. Putna, Militärattache in Berlin, London und Tokio, und General Jan B. Gamamik, ein persönlicher Freund der Reichswehrgenerale Seeckt und Hammerstem, waren Tuchatschewskis engste Verbündete.

Unter dem Einfluß Tuchatschewskis, Putnas und Gamarniks bildete sich innerhalb des Roten Generalstabes bald eine kleine, aber einflußreiche deutschfreundliche Clique heraus. Tuchatschewski und seine Freunde wußten von Trotzkis Vereinbarung mit der Reichswehr, die sie als „politisches“ Abkommen betrachteten, das durch eine Militärallianz zwischen Tuchatschewskis Gruppe und der deutschen Heeresleitung ergänzt werden sollte. Hitlers Aufstieg zur Macht beeinträchtigte das geheime Einverständnis Tuchatschewskis mit dem deutschen Oberkommando in keiner Weise. Hitler war ein „Politiker“, ebenso wie Trotzki. Die Militärs hatten eine besondere Art, die Dinge anzusehen…

Seit dem Entstehen des Blocks der Rechten und Trotzkisten hatte Trotzki in Tuchatschewski stets den Trumpf der ganzen Verschwörung gesehen, der erst im letzten, entscheidenden Augenblick ausgespielt werden sollte. Trotzki erhielt die Verbindung mit Tuchatschewski in erster Linie durch Krestinski und den trotzkistischen Militärattache Putna aufrecht. Bucharin betreute später Tomski mit der Aufgabe, für einen ständigen Kontakt mit der Militärgruppe zu sorgen. Sowohl Trotzki als auch Bucharin wußten ganz genau, daß Tuchatschewski „Politiker“ und „Ideologen“ gründlich verachtete, und sie fürchteten seine militärischen Ambitionen. In einem Gespräch mit Tomski erwog Bucharin einmal die Möglichkeit, die Militärgruppe zum aktiven Eingreifen aufzufordern. Bucharin sagte:

„Es würde ein Militärputsch sein. Und die Militärgruppe müßte logischerweise zu außerordentlich großem Einfluß gelangen … Ich sehe hier eine bonapartistische Gefahr. Und die Bonapartisten - ich denke da in erster Linie an Tuchatschewski - werden vor allem einmal mit ihren Verbündeten und sogenannten Inspiratoren in napoleonischem Stil kurzen Prozeß machen. Tuchatschewski hat das Zeug zu einem kleinen Napoleon in sich - und wir wissen ja, wie Napoleon mit den sogenannten Ideologen verfuhr.“

Bucharin fragte Tomski:

„Wie soll der Putsch nach Tuchatschewskis Vorstellung verlaufen?“

„Das ist Sache der militärischen Organisation“, antwortete Tomski. Er fügte hinzu, daß die Militärgruppe die Absicht habe, im Augenblick eines nazistischen Angriffes auf Rußland „die Front zu öffnen“ - mit anderen Worten, sich dem deutschen Oberkommando zu ergeben. Dieser Plan war bereits bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet und sowohl von Tuchatschewski, Putna und Gamarnik als auch von den Deutschen gebilligt worden.

„In diesem Fall“, meinte Bucharin nachdenklich, „wird es uns vielleicht möglich sein, die bonapartistische Gefahr, die mich beunruhigt, loszuwerden.“

Tomski verstand nicht, was er meinte. Bucharm erklärte ihm, daß Tuchatschewski eine Militärdiktatur anstreben würde; möglicherweise würde er sogar versuchen, die politischen Führer der Verschwörung als Sündenböcke zu benutzen und sich auf diese Weise populär zu machen. Aber die Politiker könnten sich leicht revanchieren, wenn sie erst einmal an die Macht gelangt seien. „Es wird sich vielleicht als notwendig erweisen, die für die ‚Niederlage’ an der Front Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Das gibt uns die Möglichkeit, die Massen mit patriotischen Schlagworten für uns zu gewinnen.“

Zu Beginn des Jahres 1936 reiste Tuchatschewski nach London, um als militärischer Vertreter der Sowjetunion an dem Staatsbegräbnis König Georgs V. von England teilzunehmen. Vor seiner Abreise wurde ihm der längst ersehnte Titel „Marschall der Sowjetunion“ verliehen. Er war damals bereits überzeugt, daß der Untergang der Sowjetregierung nahe bevorstehe, daß ein neues Rußland im Verein mit Deutschland und Japan den Kampf um die Weltherrschaft antreten werde.

Auf der Reise nach London nahm Tuchatschewski kurzen Aufenthalt in Warschau und Berlin, um mit polnischen „Obersten“ und deutschen Generalen zu konferieren. Er war so zuversichtlich, daß er aus seiner Bewunderung für das deutsche Militär gar kein Hehl machte.

Bei einem offiziellen Diner, das die Pariser sowjetische Botschaft nach seiner Rückkehr aus London veranstaltete, setzte Tuchatschewski die europäischen Diplomaten durch offene Angriffe auf die Sowjetregierung in Erstaunen; er kritisierte die Versuche der Sowjetunion, die westlichen Demokratien für eine Politik der kollektiven Sicherheit zu gewinnen. Tuchatschewski, der mit Außenminister Nicola Titulescu an einem Tisch saß erklärte dem rumänischen Diplomaten:

„Monsieur le Ministre, es ist unrecht, daß Sie Ihre Laufbahn und das Schicksal Ihrer Nation an Länder ketten, die alt und ‚erledigt’ sind wie Großbritannien und Frankreich. Wir sollten unsere Blicke auf das neue Deutschland richten. Für eine gewisse Zeit zumindest wird Deutschland die Führung des europäischen Kontinents übernehmen. Ich bin überzeugt, daß Hitler zu unser aller Rettung beitragen wird.“

Diese Bemerkungen Tuchatschewskis wurden von dem ebenfalls geladenen rumänischen Diplomaten und Chef des Pressedienstes der Pariser rumänischen Botschaft, E. Schachanan Esseze, aufgezeichnet. Die berühmte politische Schriftstellerin Genevieve Tabouis berichtete später in ihrem Buch „Man nennt mich Kassandra“:

„Ich sah Tuchatschewski zum letztenmal am Tage nach dem Begräbnis König Georgs V. Bei einem Diner der sowjetischen Botschaft zeigte sich der russische General in Gesprächen mit Politis, Titulescu, Herriot und Boncour sehr aufgeschlossen … Er war gerade von einer Deutschlandreise zurückgekehrt und wurde nicht müde, die Nazis zu preisen. Er saß zu meiner Rechten, und als er auf einen Luftpakt zwischen Hitler und den Großmächten zu sprechen kam, sagte er immer wieder: ‚Die Deutschen sind schon jetzt unbesiegbar, Madame Tabouis!’ Was veranlaßte ihn zu so zuversichtlichen Äußerungen? Hatten ihm die deutschen Diplomaten, die zu diesem Mann aus der alten russischen Schule leichten Zugang fanden, durch eine besonders herzliche Aufnahme den Kopf verdreht? Ich war an diesem Abend jedenfalls nicht die einzige, die sich durch seine begeisterten Reden beunruhigt fühlte. Einer der Gäste - ein bedeutender Diplomat - flüsterte mir, als wir die Botschaft verließen, ins Ohr: ‚Nun, ich kann nur hoffen, daß nicht alle Russen so denken’.“

Im August 1936 wurde das Verfahren gegen den terroristischen trotzkistisch-sinoewjewistischen Block eröffnet. Tuchatschewski erkannte die Gefahr, die ihm durch die sensationellen Enthüllungen dieses Prozesses und die spätere Verhaftung Pjatakows und Radeks drohte. Er setzte sich mit Krestinski in Verbindung und teilte ihm mit, daß der Plan der Verschwörung grundlegend geändert werden müßte. Die Militärgruppe hätte eigentlich erst nach einem Angriff des Auslands auf die Sowjetunion in Funktion treten sollen. Aber dieses Eingreifen von außen wurde immer wieder durch unerwartete internationale Ereignisse - den französisch-sowjetischen Pakt, die überraschende Verteidigung von Madrid - verzögert. Die Verschwörer innerhalb Rußlands, sagte Tuchatschewski, müßten die Entwicklung durch einen Militärputsch vor dem ursprünglich angesetzten Termin beschleunigen. Die Deutschen würden ihren russischen Verbündeten sofort zu Hilfe kommen.

Krestinski versprach, Trotzki sofort zu schreiben und ihm die Notwendigkeit eines raschen Entschlusses auseinanderzusetzen. In dem Brief, den er im Oktober an Trotzki absandte, hieß es:

„Wir glauben, daß trotz der Verhaftung einer großen Anzahl von Trotzkisten die Hauptkräfte des Blocks bis jetzt nicht in Mitleidenschaft gezogen sind. Noch ist es möglich zu handeln; aber in diesem Fall wäre es für das Zentrum von größter Wichtigkeit, daß die Aktion des Auslands beschleunigt wird.“

Unter „Aktion des Auslands“ verstand Krestinski den Angriff der Nazis auf Sowjetrußland…

Kurz nach Absendung dieser Botschaft hatte Tuchatschewski auf dem Außerordentlichen VIII. Sowjetkongreß vom November 1936 eine erregte Aussprache mit Krestinski. Die Verhaftungen nahmen ihren Fortgang, und es lag kein Grund zu der Annahme vor, daß sie auf die unterste Schicht des Verschwörerapparates beschränkt bleiben würden. Der militärische Verbindungsmann der Trotzkisten, Putna, war bereits verhaftet. Es war klar, daß Stalin ein weitverzweigtes Komplott vermutete und drastische Maßnahmen im Sinn hatte. Das vorhandene Beweismaterial reichte aus, um Pjatakow und die anderen zu überführen. Die Verhaftung Putnas, die Entfernung Jagodas aus der Leitung der NKWD waren Anzeichen dafür, daß die Sowjetbehörden den Hintergründen der Verschwörung näherkamen. Niemand konnte voraussagen, wohin die Spur führen würde. Das ganze Unternehmen hing in der Luft.

Tuchatschewski war für sofortiges Handeln. Der Block müsse unverzüglich zu einer Entscheidung gelangen und alle Kräfte für die Unterstützung des Militärputsches bereit halten.

Krestinski sprach mit Rosengolz. Die beiden deutschen Agenten schlossen sich Tuchatschewskis Meinung an. Sie sandten Trotzki ein weiteres Schreiben, in dem sie ihn von Tuchatschewskis Absicht verständigten, noch vor Ausbruch eines Krieges loszuschlagen. Gleichzeitig schnitt Krestinski einige wichtige Fragen der politischen Taktik an. Er schrieb:

„Es wird notwendig sein, die wahren Ziele des Putsches zu verschweigen. Wir werden der Bevölkerung, der Armee und dem Ausland eine Erklärung geben müssen … vor allem wird es angezeigt sein, in unseren Bekanntmachungen an die Bevölkerung nicht zu erwähnen, daß wir mit unserem Putsch die Beseitigung der bestehenden sozialistischen Ordnung beabsichtigen … wir (sollten) uns als sowjetische Rebellen gebärden, die eine schlechte Sowjetregierung stürzen und eine gute Sowjetregierung an ihre Stelle setzen wollen … Jedenfalls sollten wir uns über diese Frage nicht allzu deutlich äußern.“

Die Antwort erreichte Krestinski gegen Ende Dezember. Trotzki stimmte in allen Punkten mit Krestinski überein. Er war nach der Verhaftung Pjatakows natürlich selbständig zu dem Schluß gelangt, daß die Militärgruppe sofort zum Handeln aufgerufen werden sollte. Während Krestinskis Brief noch unterwegs war, hatte er bereits an Rosengolz geschrieben und eine unverzügliche militärische Aktion empfohlen…

„Nach Erhalt dieser Antwort“, erklärte Krestinski später, „begannen wir sofort, praktische Vorbereitungen für den Putsch zu treffen. Tuchatschewski erhielt freie Hand, wir gaben ihm carte blanche für die selbständige Erledigung seiner Aufgaben.“

2. Der Prozeß gegen das trotzkistische Parallele Zentrum

Aber auch die Sowjetregierung ging zu durchgreifenden Maßnahmen über. Die Enthüllungen des Sinowjew-Kamenew-Prozesses hatten mit aller Deutlichkeit erwiesen, daß die Verschwörung weit über die Grenzen der geheimen Linksopposition hinausging. Die eigentlichen Kraftzentren des Komplottes lagen gar nicht in Rußland, sondern in Berlin und Tokio. Im Verlaufe der Untersuchung gewann die Sowjetregierung immer größere Klarheit über den wahren Charakter der Fünften Kolonne der Achsenmächte.

Am 23. Januar 1937 wurde vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR in Moskau gegen Pjatakow, Radek, Sokolnikow, Schestow, Muralow und zwölf ihrer Mitverschworenen, darunter wichtige Agenten des deutschen und japanischen Geheimdienstes, das Verfahren wegen Landesverrates eröffnet.

Monatelang hatten die führenden Mitglieder des trotzkistischen Zentrums jede Schuld abgeleugnet. Aber das Beweismaterial war zu vollständig und erdrückend. Sie mußten einer nach dem anderen zugeben, Terror- und Sabotageaktionen geleitet und auf Trotzkis Weisung Beziehungen mit der deutschen und japanischen Regierung unterhalten zu haben. Aber sowohl während der Voruntersuchung als auch im Prozeß gaben sie noch immer nicht alle Zusammenhänge preis. Sie verschwiegen die Existenz der Militärgruppe; sie erwähnten weder Krestinski noch Rosengolz; sie äußerten kein Wort über den Block der Rechten und Trotzkisten, die letzte und mächtigste „Schicht“ des Verschwörerapparates, die sich, noch während sie im Kreuzverhör standen, fieberhaft auf die Machtergreifung vorbereitete.

In der Haft deckte der ehemalige Stellvertretende Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Sokolnikow, die politischen Aspekte der Verschwörung auf: das Abkommen mit Heß, die Zerstückelung der Sowjetunion, den Plan, nach dem Sturz der Sowjetregierung eine faschistische Diktatur zu errichten. Vor Gericht sagte Sokolnikow aus:

„Wir waren der Ansicht, daß der Faschismus als die höchstorganisierte Form des Kapitalismus zum Sieg gelangen, Europa erobern und uns vernichten würde. Es schien daher richtiger, mit dem Faschismus gemeinsame Sache zu machen…“ Zur Erklärung wurden folgende Argumente vorgebracht: „Es ist besser, gewisse Opfer, sogar sehr schwere Opfer zu bringen, als alles zu verlieren … Wir dachten als Politiker… wir glaubten, ein gewisses Risiko auf uns nehmen zu müssen.“

Pjatakow gab zu, daß er der Führer des trotzkistischen Zentrums gewesen war. Das ehemalige Mitglied des Obersten Volkswirtschaftsrates sprach ruhig und überlegt, in sorgfältig gewählten Worten. Pjatakow bekannte sich zu der Terror- und Sabotagetätigkeit, die er nachgewiesenermaßen bis zum Augenblick seiner Verhaftung geleitet hatte. Sein langes, mageres, blasses Gesicht blieb während seiner Aussage völlig ausdruckslos. Nach den Worten des amerikanischen Botschafters Joseph E. Davia machte er den Eindruck eines „Professors, der einen Vortrag hält“.

Wyschinski versuchte, aus Pjatakow herauszuholen, wie die deutschen und japanischen Agenten sich den Trotzkisten zu erkennen gaben.

Pjatakow wich den Fragen aus:

Wyschinski: „Was veranlaßte den deutschen Agenten Rataitschak, sich Ihnen zu offenbaren?“

Pjatakow: „Zwei Leute hatten mit mir gesprochen…“

Wyschinski: „Gab er sich Ihnen zu erkennen oder machten Sie den Anfang?“

Pjatakow: „Es gibt wechselseitige Eröffnungen.“

Wyschinski: „Gaben Sie sich zuerst zu erkennen?“

Pjatakow: „Wer der erste war, er oder ich - die Henne oder das Ei -, ich weiß es nicht.“

John Günther schrieb später in seinem Buch „Inside Europe“:

„In weiten Kreisen des Auslandes herrschte die nicht ganz zutreffende Vorstellung, daß sämtliche Angeklagten die gleiche Geschichte erzählten, daß sie sich verächtlich und kriecherisch benahmen und den Eindruck von Schafen auf der Schlachtbank machten. Sie vertraten dem Staatsanwalt gegenüber mit Hartnäckigkeit ihren Standpunkt und gaben gewöhnlich nur das zu, was sie zugeben mußten…“

Als die verschiedenen Angeklagten Pjatakow im Verlaufe des Prozesses durch ihre Aussagen schonungslos zum kaltblütigen, berechnenden politischen Mörder und Verräter stempelten, verlor er allmählich seine Ruhe und Ausgeglichenheit. Seine Stimme bekam einen unsicheren, deprimierten Klang. Die Behörden verfügten über Beweismaterial, dessen Bekanntgabe ihm einen sichtlichen Schock versetzte. Pjatakow änderte seine Haltung. Er behauptete, daß ihm schon vor seiner Verhaftung Zweifel an Trotzkis Führerschaft aufgestiegen seien. Er habe das Abkommen mit Heß nie gebilligt. „Wir waren in eine Sackgasse geraten“ erklärte Pjatakow dem Gerichtshof. „Ich suchte einen Ausweg…“ In seiner letzten Verteidigungsrede sagte er:

„Ja, ich war viele Jahre hindurch Trotzkist! Ich arbeitete Hand in Hand mit den Trotzkisten… Glauben Sie nicht, Bürger Richter, … daß ich während dieser Jahre, die ich in der stickigen trotzkistischen Illegalität verbrachte, nicht sah, was im Lande vorging! Glauben Sie nicht, daß ich nicht verstand, was in der Industrie geleistet wurde. Ich sage Ihnen offen: manchmal, wenn ich aus der trotzkistischen Illegalität auftauchte und mich an meine praktische Arbeit machte, empfand ich eine gewisse Erleichterung, und menschlich gesehen war diese Zwiespältigkeit natürlich nicht einfach eine Sache des äußeren Verhaltens; es war auch ein innerer Zwiespalt…

In wenigen Stunden werden Sie Ihr Urteil fällen… Versagen Sie mir eines nicht, Bürger Richter. Versagen Sie mir nicht das Recht zu fühlen, daß ich auch in Ihren Augen - wenn auch zu spät - aus mir selbst die Kraft geschöpft habe, mich von meiner verbrecherischen Vergangenheit loszusagen!“

Aber bis zum letzten Augenblick verriet Pjatakow mit keinem Wort die Existenz der letzten Verschwörer-„Schicht“.

Nikolai Muralow, der einst Kommandant der Moskauer Garnison und ein führendes Mitglied der alten Trotzki-Garde gewesen war, hatte seit 1932 gemeinsam mit Schestow und deutschen „Technikern“ die trotzkistischen Zellen im Ural geleitet. Er bat den Gerichtshof, sein „offenes Geständnis“ als mildernden Umstand zu werten. Der hochgewachsene, bärtige, grauhaarige Mann stand während seiner Aussage stramm. Er sagte, daß er sich nach längerem innerem Kampf entschlossen habe, „die Karten aufzudecken“. Walter Duranty und andere Zeugen bestätigten, daß die Worte, die er auf der Anklagebank sprach, einen durchaus ehrlichen Klang hatten:

„Ich verzichtete auf einen Verteidiger, und ich verzichtete darauf, selbst etwas zu meiner Verteidigung vorzubringen, weil ich gewohnt bin, mich mit guten Waffen zu verteidigen und mit guten Waffen anzugreifen. Ich habe keine guten Waffen zu meiner Verteidigung… Es wäre meiner unwürdig, irgend jemandem vorzuwerfen, er habe mich in die trotzkistische Organisation hineingezogen … Ich mache niemanden dafür verantwortlich. Ich bin selbst verantwortlich zu machen. Das ist mein Unglück… Über zehn Jahre war ich Trotzki ein treuer Soldat.“

Karl Radek, der durch seine dicken Brillengläser in den überfüllten Zuschauerraum blickte, war während des von Staatsanwalt Wyschinski geleiteten Kreuzverhörs abwechselnd demütig, einschmeichelnd, unverschämt und anmaßend. Er gab ebenso wie Pjatakow, aber mit größerer Ausführlichkeit, seine verräterische Tätigkeit zu. Er behauptete auch, er habe vor seiner Verhaftung unmittelbar nach Empfang des Briefes, in dem Trotzki das Abkommen mit der nazistischen und der japanischen Regierung bekanntgab, den Entschluß gefaßt, sich von Trotzki loszusagen und die Verschwörung aufzudecken. Wochenlang sei er mit sich zu Rate gegangen.

Wyschinski: „Und wozu entschlossen Sie sich?“

Radek: „Der erste Schritt wäre gewesen, zum Zentralkomitee der Partei zu gehen, eine Erklärung abzugeben und alle Beteiligten zu nennen. Das tat ich jedoch nicht. Nicht ich ging zur GPU, sondern die GPU kam zu mir.“

Wyschinski: „Eine geschickte Antwort!“

Radek: „Eine traurige Antwort.“

In seiner abschließenden Verteidigungsrede stellte sich Radek als ein von Zweifeln gequälter Mensch hin, der ständig zwischen der Loyalität für die Sowjetregierung und der alten Anhänglichkeit an die Linksopposition, der er seit den ersten Tagen der Revolution als Mitglied angehörte, hin und her gerissen worden sei. Es wäre seine feste Überzeugung gewesen, daß die Sowjetunion dem feindlichen Druck von außen nicht standhalten würde. „Ich hatte eine abweichende Auffassung in der Hauptfrage“, erklärte er dem Gerichtshof, „in der Frage der Fortsetzung des Kampfes um den Fünf jahresplan. Trotzki packte mich bei meinen schweren Zweifeln.“ Er sei stufenweise in den inneren Kreis der Verschwörung hineingezogen worden. Dann kam die Verbindung mit den ausländischen Geheimdiensten und schließlich Trotzkis Verhandlungen mit Alfred Rosenberg und Rudolf Heß. „Trotzki“, sagte Radek, „stellte uns vor die vollendete Tatsache dieses Abkommens …“

Dann erklärte er, wieso er sieh schließlich schuldig bekannt und alles, was er über die Verschwörung wußte, eingestanden habe:

„Als ich im Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten dem Leiter der Untersuchungskommission gegenüberstand, sagte er mir: ‚Sie sind kein kleines Kind. Hier sind fünfzehn Leute, die alle gegen Sie aussagen. Sie können sich nicht herausreden, und als vernünftiger Mensch werden Sie auch nicht versuchen, es zu tun …’ Zweieinhalb Monate lang quälte ich den Untersuchungsrichter. Es wurde hier die Frage aufgeworfen, ob wir während der Vernehmungen gemartert wurden. Ich muß sagen, ich wurde nicht gemartert, sondern ich habe die Untersuchungsrichter gemartert und gezwungen, eine Menge nutzloser Arbeit zu leisten. Zweieinhalb Monate lang zwang ich den Untersuchungsrichter, mir durch Fragestellungen und Konfrontierungen mit anderen Angeklagten seine Karten aufzudecken, so daß ich wußte, wer gestanden hatte und wer nicht und was jeder gestanden hatte … Eines Tages kam der Untersuchungsrichter zu mir und sagte: ‚Sie sind der letzte. Warum versuchen Sie noch immer, Zeit zu gewinnen? Warum sagen Sie nicht, was Sie zu sagen haben?’ - Ich antwortete: ‚Ja, morgen werde ich mit meiner Aussage beginnen.’“

Am 30. Januar 1937 wurde das Urteil verkündet. Die Angeklagten wurden des Landesverrates für schuldig befunden - sie hatten sich zu einer „Spionage- und Sabotageagentur der faschistischen Mächte Deutschland und Japan“ gemacht und beabsichtigt, „ausländischen Aggressoren beim Raub sowjetischer Gebiete“ behilflich zu sein.

Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR verurteilte Pjatakow, Muralow, Schestow und zehn andere Angeklagte zum Tode. Radek, Sokolnikow und zwei untergeordnete Agenten erhielten langjährige Gefängnisstrafen.

In seiner Schlußrede vom 28. Januar 1937 erklärte Staatsanwalt Wyschinski:

„Die Leute, die auf Trotzkis und Pjatakows Weisung mit dem deutschen und japanischen Geheimdienst in Verbindung traten, suchten durch ihre Spionagetätigkeit eine Situation herbeizuführen, die eine schwere Gefährdung nicht nur der Interessen unseres Staates, sondern auch verschiedener anderer Staaten bedeutet hätte, die ebenso wie wir den Frieden wünschen und gemeinsam mit uns um die Erhaltung des Friedens kämpfen … Es ist unser sehnlichster Wunsch, daß die Regierungen aller Länder, die den Frieden lieben und für den Frieden kämpfen, entschlossene Maßnahmen ergreifen, um die verbrecherischen Spionage-, Sabotage- und Terrorpläne der Feinde des Friedens und der Demokratie zu durchkreuzen, jener dunklen faschistischen Kräfte, die den Krieg vorbereiten und die Sache des Friedens, das heißt, die Sache der gesamten freidenkenden, fortschrittlichen Menschheit gefährden.“

Wyschinskis Worte fanden außerhalb Sowjetrußlands wenig Beachtung; aber es gab ein paar Diplomaten und Journalisten, die sie hörten und im Gedächtnis behielten.

Der amerikanische Botschafter in Moskau, Joseph E. Davies, war von dem Prozeß tief beeindruckt. Tag für Tag erschien er in Begleitung eines Dolmetschers im Gerichtssaal und verfolgte den Fortgang der Verhandlungen mit gespannter Aufmerksamkeit. Davies, der früher einmal Syndikus gewesen war, äußerte sich anerkennend über den sowjetischen Staatsanwalt Wyschinski, der von der gesamten sowjetfeindlichen Presse als „brutaler Inquisitor“ geschildert wurde. Davies stellte eine Ähnlichkeit zwischen Wyschinski und Homer Cummings fest. „Er war ebenso ruhig, leidenschaftslos, überlegt, sachkundig und klug. Er führte den Hochverratsprozeß in einer Weise, die mir als Anwalt Hochachtung und Bewunderung abnötigte.“

In einer vertraulichen Mitteilung vom 17. November 1937 an Staatssekretär Cordeil Hüll bemerkte Botschafter Davies, daß nicht nur er, sondern fast alle ausländischen Diplomaten in Moskau das Urteil für gerecht hielten. Davies schrieb:

„Ich sprach mit vielen, wenn auch nicht sämtlichen Mitgliedern des hiesigen diplomatischen Korps; sie sind - vielleicht ‚mit einer einzigen Ausnahme’ - übereinstimmend der Ansicht, daß die Verhandlung das Bestehen eines politischen Komplotts und einer staatsfeindlichen Verschwörung klar erwiesen hat.“

Der breiten Öffentlichkeit wurden diese Tatsachen vorenthalten. Starke Kräfte waren am Werk, um die Verbreitung der Wahrheit über die Fünfte Kolonne in Sowjetrußland zu verhindern. Am 11. März 1937 trug Botschafter Davies in sein Moskauer Tagebuch ein:

„Ein anderer Diplomat machte gestern im Verlauf eines Gespräches über den Prozeß eine sehr aufschlußreiche Bemerkung. Er meinte, die Schuld der Angeklagten sei nicht zu bezweifeln. Darüber seien wir uns als Augenzeugen des Prozesses einig. Die Außenwelt hingegen sehe den Prozeß offenbar auf Grund der Presseberichte als abgekartete Sache an. (Er gebrauchte den Ausdruck „Fassade“.) Und es sei vielleicht ganz gut, die Außenwelt in diesem Glauben zu lassen.“[67]

3. Aktion im Mai

Noch war die Verschwörung nicht erledigt. Obwohl Radeks Geständnis den Eindruck der Vollständigkeit erweckte, hatte er es ebenso wie Pjatakow verstanden, den Sowjetbehörden wichtige Tatsachen zu verheimlichen. Aber am zweiten Verhandlungstag machte Radek einen folgenschweren Fehler. Seine glatte Zunge verriet ihn. Bei dem Versuch, einer Frage Wyschinskis auszuweichen, erwähnte er den Namen Tuchatschewski. „Vitali Putna“, sagte Radek, „überbrachte mir eine Anfrage von Tuchatschewski.“ Er sprach rasch weiter, ohne Tuchatschewskis Namen noch einmal zu wiederholen.

Am nächsten Tag verlas Wyschinski Radeks Aussage: „In welchem Zusammenhang haben Sie Tuchatschewskis Namen genannt?“ fragte er Radek. Nach einer kurzen Pause gab Radek ohne Stocken und Zögern die gewünschte Erklärung. „Tuchatschewski brauchte Informationen über gewisse Regierungsgeschäfte“, die Radek in der „Iswestija“ zur Verfügung standen. Der Kommandant hatte Putna mit der Erledigung dieser Angelegenheit beauftragt. Das war alles. „Tuchatschewski hatte natürlich keine Ahnung, welche Rolle ich spielte … Ich kenne Tuchatschewskis Haltung, ich weiß, daß er der Partei und der Regierung absolut ergeben ist.“

Tuchatschewskis Name wurde von da an nicht mehr erwähnt. Aber die noch in Freiheit befindlichen Verschwörer kamen zu der Überzeugung, daß ein weiterer Aufschub des Endputsches Selbstmord bedeuten würde.

Krestinski, Rosengolz, Tuchatschewski und Gamarnik hielten in rascher Folge mehrere Geheimkonferenzen ab. Tuchatschewski begann, die Offiziere der Militärgruppe auf eine Anzahl von „Spezialkommandos“ aufzuteilen, die im Ernstfall bestimmte Aufgaben auszuführen hatten.

Ende März 1937 waren die Vorbereitungen für den Militärputsch nahezu abgeschlossen. Bei einer Besprechung in Rosengolz Moskauer Wohnung erklärte Tuchatschewski ihm und Krestinski, daß die Militärgruppe in sechs Wochen aktionsfähig sein werde. Der Putsch könne für Anfang Mai, jedenfalls für ein Datum vor dem 15. Mai angesetzt werden. Über die verschiedenen praktischen Methoden der Machtergreifung sei derzeit innerhalb der Militärgruppe noch eine Diskussion im Gange.

Rosengolz berichtete später über die „Variante“, die nach Tuchatschewskis Ansicht den besten Erfolg versprach: „Eine Gruppe ihm ergebener Militärs sollte sich unter irgendeinem Vorwand in seiner Wohnung versammeln, sich den Weg in den Kreml bahnen, die Telephonzentrale des Kremls besetzen und die Partei- und Regierungsführer umbringen.“ In diesem Plan war die gleichzeitige Besetzung des Gebäudes des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten durch Gamarnik vorgesehen.

Auch Krestinski und Rosengolz zogen dieses Projekt den anderen „Varianten“ vor, da es am kühnsten und darum aussichtsreichsten schien…

Gegen Ende der Besprechung herrschte in Rosengolz Wohnung zuversichtliche Stimmung. Die Verschwörer konnten mit gutem Grund auf ein Gelingen des von Tuchatschewski dargelegten Putschplanes hoffen. Pjatakow und die anderen waren verloren, aber der von den Verschwörern so lange ersehnte Tag der Entscheidung stand nahe bevor.

Der Monat April verging wie im Fluge: in fieberhafter Eile wurden die letzten Vorbereitungen getroffen.

Krestinski begann, umfangreiche Listen aller Moskauer Persönlichkeiten zusammenzustellen, „die bei Beginn des Putsches verhaftet oder von ihren Posten entfernt werden sollten, sowie Listen der Anwärter auf diese freiwerdenden Stellen“. Berufsmäßige Terroristen, die Gamarniks Befehl unterstanden, wurden für die Ermordung Molotows und Woroschilows ausgewählt. Rosengolz wollte versuchen, in seiner Eigenschaft als Volkskommissar für Außenhandel für den Vorabend des Putsches eine Unterredung mit Stalin zu vereinbaren und den Sowjetführer in seinem Hauptquartier im Kreml zu ermorden. Die zweite Maiwoche war gekommen. Da holte die Sowjetregierung plötzlich zu einem vernichtenden Schlage aus. Am 11. Mai wurde Marschall Tuchatschewski von seinem Posten als Stellvertretender Kriegskommissar entfernt; er erhielt ein untergeordnetes Kommando im Wolgagebiet. General Gamarnik wurde abgesetzt. Desgleichen die Generale Jakir und Uborewitsch, die in das Komplott Tuchatschewskis und Gamarniks verwickelt waren. Zwei andere Generale, Kork und Eidemann, wurden unter der Anklage, geheime Beziehungen zu Nazideutschland unterhalten zu haben, verhaftet.

„Ich rechnete mit meiner Verhaftung“, sagte Krestinski später. „Ich besprach die Lage mit Rosengolz. Da er sich nicht gefährdet glaubte, erbot er sich, die Verbindung mit Trotzki aufrechtzuerhalten … Einige Tage später wurde ich verhaftet.“

Durch eine offizielle Verlautbarung wurde bekanntgegeben, daß Bucharin, Rykow und Tomski nach gründlicher Beobachtung und Untersuchung unter der Anklage des Hochverrates standen. Bucharin und Rykow befanden sich in Haft. Tomski, dem es gelungen war, sich der Verhaftung zu entziehen, beging Selbstmord. General Gamarnik folgte am 31. Mai seinem Beispiel. Tuchatschewski und eine Anzahl hochstehender Armeeoffiziere wurden von der NKWD festgenommen. Bald darauf war auch Rosengolz verhaftet. Die Säuberungsaktion gegen die Fünfte Kolonne nahm im ganzen Lande ihren Fortgang.

Am 11. Juni 1937, um 11 Uhr morgens, begann vor einem militärischen Sondertribunal des Obersten Gerichtshofes der UdSSR die Verhandlung gegen Marschall M. N. Tuchatschewski und sieben andere Generale der Roten Armee. Da es sich um militärische Angelegenheiten von vertraulichem Charakter handelte, fand der Prozeß unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor einem Militärtribunal statt. Die Angeklagten wurden beschuldigt, mit feindlichen Mächten gegen die Sowjetunion konspiriert zu haben. Dem Tribunal gehörten die Marschälle Woroschilow, Budjonny und Schaposchnikow und andere Führer der Roten Armee an. Außer Tuchatschewski hatten sich sieben Generale zu verantworten:

General V. I. Putna, ehemaliger Militärattache in London, Tokio und Berlin.
General I. E. Jakir, ehemaliger Kommandant der Lenin grader Garnison.
General I. P. Uborewitsch, ehemaliger Kommandant der Roten Armee in Bjelorußland.
General R. P. Eidemann, ehemaliger Leiter der Ossoaviachim (eine freiwillige militärische Verteidigungs-Organisation).
General A. I. Kork, ehemaliger Leiter der Frunse-Militärakademie.
General B. M. Feldmann, ehemaliger Leiter der Personalabteilung des Generalstabes.
General V. M. Primakow, ehemaliger Kommandant der Garnison von Charkow.

Das offizielle Kommunique lautete:

„Die Untersuchung hat ergeben, daß die Angeklagten ebenso wie General Jan Gamarnik staatsfeindliche Beziehungen zu führenden militärischen Kreisen einer ausländischen Macht unterhielten, die eine der UdSSR feindliche Politik betreibt. Die Angeklagten arbeiteten für den militärischen Geheimdienst dieser Macht.“

Sie lieferten den militärischen Kreisen dieses Landes regelmäßig Geheiminformationen über die Rote Armee. Die Angeklagten betrieben Sabotage, um die Rote Armee zu schwächen und dadurch die Niederlage der Roten Armee im Falle eines Angriffes auf die Sowjetunion vorzubereiten.“

Am 12. Juni erfolgte die Urteilsverkündung. Das Militärtribunal sprach die Angeklagten in allen Punkten schuldig. Sie sollten als Landesverräter von einem Exekutionskommando der Roten Armee erschossen werden. Das Urteil wurde innerhalb von 24 Stunden vollstreckt.

Auch diesem Prozeß folgte im Ausland eine Welle sowjetfeindlicher Gerüchte und Propaganda. Es hieß, die ganze Rote Armee habe sich gegen die Sowjetregierung erhoben.

Viele unparteiische Beobachter fühlten sich durch die Ereignisse in Rußland tief beunruhigt. Man wußte damals noch nichts vom Wesen und von der Technik der Fünften Kolonne. Am 4. Juli 1937 hatte Joseph E. Davies, der amerikanische Botschafter in Moskau, eine Unterredung mit dem Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow. Er erklärte Litwinow mit aller Offenheit, daß die Hinrichtung der Generale und die Trotzkisten-Prozesse in Amerika und Europa keinen guten Eindruck gemacht hätten.

„Meiner Ansicht nach“, erklärte der amerikanische Botschafter dem Volkskommissar, „haben diese Vorgänge den Glauben Frankreichs und Englands an die Widerstandskraft der UdSSR Hitler gegenüber erschüttert!“

Litwinow antwortete mit gleicher Offenheit. Die Sowjetregierung habe sich durch diese Hinrichtungen und Prozesse die Gewißheit verschaffen müssen, daß es keinen Verräter mehr auf sowjetischem Boden gebe, der bei Ausbruch des unvermeidlichen Krieges mit Berlin oder Tokio zusammenarbeiten würde.

„Eines Tages“, sagte Litwinow, „wird die Welt begreifen, daß wir unsere Regierung vor dem drohenden Verrat schützen mußten … Wir leisten der ganzen Welt einen Dienst, indem wir uns gegen die Bedrohung durch Hitler und die nazistische Weltherrschaft verteidigen und die Sowjetunion als Bollwerk gegen die nazistische Aggression intakt erhalten.“

Nachdem Davies sich durch persönliche Nachforschungen ein genaues Bild von der tatsächlichen Lage in Rußland gemacht hatte, sandte er Staatssekretär Cordeil Hüll seine „Depesche Nummer 457, Streng vertraulich“. Der Botschafter gab eine kurze Zusammenfassung der letzten Ereignisse und wies die wilden Gerüchte über die zunehmende Unzufriedenheit der Massen und den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Sowjetregierung zurück. „Von den Kosaken, die sich nach den Berichten der Zeitungen auf dem Roten Platz tummeln oder in der Nähe des Kremls kampieren, ist nichts zu sehen“, schrieb er. Seine Ansicht über den Fall Tuchatschewski faßte Davies in folgenden Worten zusammen:

„Wenn wir von der Möglichkeit eines Mordes oder eines auswärtigen Krieges absehen, erscheint die Stellung der Regierung und des gegenwärtigen Regimes im Augenblick und wahrscheinlich noch auf längere Zeit hinaus unerschütterlich. Das Gespenst des Korsen ist vorläufig gebannt.“

4. Finale

Der letzte der drei berühmten Moskauer Prozesse wurde am 2. März 1938 im Gewerkschaftshaus vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR eröffnet. Das Verfahren dauerte sieben Tage. Die Sitzungen fanden vormittags und am Abend statt. Militärische Angelegenheiten wurden in Geheimsitzungen erörtert.

Einundzwanzig Angeklagte standen vor Gericht, darunter der ehemalige Leiter der GPU, G. G. Jagoda, und sein Sekretär Pawel Bulanow, die Führer der Rechten Nikolai Bucharin und Alexei Rykow, die trotzkistischen Führer und deutschen Agenten Nikolai Krestinski und Arkadi Rosengolz, Christian Rakowski, Trotzkist und japanischer Agent, die Führer der Rechten und Agenten Deutschlands Michail Tschernow und Grigori Grinko, der polnische Agent Wassili Scharangowitsch und elf weitere Verschwörer, Mitglieder des Blocks, Saboteure, Terroristen und Auslandsagenten, der trotzkistische Verbindungsmann Sergei Bessonow und die ärztlichen Mörder Dr. Lewin, Dr. Pletnew und Dr. Kasakow.

Der amerikanische Korrespondent Walter Duranty, der dem Prozeß beiwohnte, schrieb in seinem Buch „The Kremlin and the People“:

„Es war tatsächlich der letzte aller Prozesse, weil diesmal völlige Klarheit herrschte; die Staatsanwaltschaft hatte genügend Tatsachenmaterial gesammelt, sie kannte ihre Feinde im Inneren und im Ausland.

Die anfänglichen Zweifel und Bedenken waren zerstreut, weil die aufeinanderfolgenden Prozesse, vor allem wohl der gegen die ,Generale, das zur Zeit der Ermordung Kirows noch höchst nebelhafte und unvollständige Bild allmählich ergänzt hatten…“

Die Sowjetregierung hatte ihre Anklage durch monatelange Voruntersuchungen, Vergleiche von Zeugenaussagen und Beweismaterial aus früheren Prozessen, Konfrontation der Angeklagten und Zeugen und gründliche Kreuzverhöre der in Haft befindlichen Verschwörer auf das Gewissenhafteste vorbereitet.

In der Anklageschrift der Sowjetregierung wurde erklärt:

1. daß die Angeklagten 1932/33 im Auftrag der Geheimdienste ausländischer, der UdSSR feindlich gesinnter Mächte eine Verschwörergruppe, genannt „Block der Rechten und Trotzkisten“, gebildet hatten, deren Ziel es war, im Interesse dieser fremden Mächte Spionage-, Sabotage- und Terrorakte zu betreiben, die militärische Leistungsfähigkeit der UdSSR zu untergraben, einen militärischen Angriff dieser Mächte auf die UdSSR zu provozieren, auf die Niederlage der UdSSR hinzuarbeiten, die UdSSR zu zerstückeln…

2. daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ mit gewissen ausländischen Regierungen in Verbindung getreten war, um deren Waffenhilfe für die Durchführung seiner verbrecherischen Pläne zu gewinnen;

3. daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ systematisch Spionage für diesen Staat betrieben und den ausländischen Geheimdiensten hochwichtige Staatsgeheimnisse preisgegeben hatte;

4. daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ in verschiedenen Zweigen des sozialistischen Aufbaus systematische Störungen und Sabotageakte durchgeführt hatte (in der Industrie und Landwirtschaft, im Eisenbahnwesen, auf finanziellem Gebiet, in der Entwicklung des Gemeindewesens usw.);

5. daß der „Block der Rechten und Trotzkisten“ eine Reihe von Terrorakten gegen führende Mitglieder der KPdSU(B) (Kommunistische Partei der Sowjetunion [Bolschewiki]) und der Sowjetregierung in die Wege geleitet und Attentate gegen S. M. Kirow, W. R. Menschinski, V.Kuibischew und A.M.Gorki durchgeführt hatte.

Durch den Prozeß gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten“ wurden die Arbeitsmethoden der Fünften Kolonne zum erstenmal der Öffentlichkeit vor Augen geführt. Die von der Achse angewandte Technik des geheimen Krieges - durch Propaganda, Spionage, Terror, Verräterei hoher Beamter, die Machinationen der Quislinge, die Heranbildung einer Geheimarmee im Inneren des Landes, die ganze Strategie der Fünften Kolonne, mit deren Hilfe die Nazis bereits Spanien, Österreich, die Tschechoslowakei, Norwegen, Belgien, Frankreich und andere Länder des europäischen und amerikanischen Kontinents unterminierten, wurde enthüllt. „Bucharin und Rykow, Jagoda und Bulanow, Krestinski und Rosengolz …“, erklärte der sowjetische Staatsanwalt Wyschinski in seiner Schlußrede vom 11. März 1938, „sie alle sind aus dem gleichen Holz wie die Fünfte Kolonne.“

Botschafter Joseph E. Davies, der den Verhandlungen beiwohnte, bezeichnete den Prozeß in juristischer, menschlicher und politischer Hinsicht als ein erschütterndes Drama. Am 8. März schrieb er seiner Tochter:

„Alle elementaren Schwächen und Laster der menschlichen Natur - persönlicher Ehrgeiz schlimmster Art - werden durch diesen Prozeß zutage gefördert. Die Fäden eines Komplottes werden sichtbar, das beinahe zum Sturz der bestehenden Regierung geführt hätte.“

Einige Angeklagte baten um ihr Leben; sie versuchten, sich aus der Verantwortung herauszuwinden, indem sie die eigentliche Schuld auf andere abwälzten und sich als ehrliche, irregeführte Politiker gebärdeten. Andere schilderten ohne jede Sichtbare Gemütsbewegung die grausigen Einzelheiten der von ihnen begangenen „politischen“ Morde und ihre Spionage- und Sabotagetätigkeit unter Anleitung des deutschen und japanischen militärischen Geheimdienstes. Sie hatten offenbar jede Hoffnung aufgegeben.

In seiner abschließenden Verteidigungsrede gab Bucharin eine anschauliche psychologische Schilderung der inneren Spannungen und Zweifel, von denen ein großer Teil der einstigen Radikalen, die Sowjetrußland gemeinsam mit Trotzki an Nazideutschland und Japan verraten hatten, in der Haft befallen wurden. Er sagte:

„Ich habe bereits in meiner Hauptaussage erklärt, daß wir gegenrevolutionären Verschwörer nicht durch die nackte Logik des Kampfes in diese stinkende Untergrundexistenz getrieben wurden, die im Laufe dieses Prozesses ihr ungeschminktes Gesicht gezeigt hat. Diese nackte Logik des Kampfes ging Hand in Hand mit einer gedanklichen und psychologischen Entartung, einer Entartung, die sowohl uns selbst als auch das Volk erfaßte. Es gibt in der Geschichte genügend Beispiele einer solchen Degeneration. Man braucht, nur Briand, Mussolini und andere zu nennen. Bei uns war die Degeneration zu weit vorgeschritten … Ich will jetzt von mir selbst sprechen, von den Ursachen meiner Reue. Es muß natürlich zugegeben werden, daß belastendes Beweismaterial eine große Rolle spielt. Drei Monate lang verweigerte ich jede Aussage. Dann begann ich zu sprechen. Warum? Weil ich meine ganze Vergangenheit im Gefängnis einer Neuwertung unterzogen hatte. Denn wenn man sich fragt: wofür sollst du eigentlich sterben? - sieht man plötzlich nichts als eine ersehreckende, schwarze Leere vor sich. Das ist die Antwort, wenn man ohne Reue in den Tod gehen will … Und wenn man sich sagt: gut, nehmen wir an, ich brauche nicht zu sterben; nehmen wir an, ich bleibe durch ein Wunder am Leben - wo ist der Sinn? Ich werde völlig isoliert sein, ein Feind des Volkes, ich werde mich in einer unmenschlichen Lage befinden, gänzlich abgesondert von allem, was das Wesen des Lebens ausmacht… Und sofort ergibt sich die gleiche Antwort. … Dies sind vielleicht die letzten. Worte meines Lebens… Ich darf a priori schließen, daß Trotzki und die anderen Verbündeten meines verbrecherischen Tuns sowie die Zweite Internationale… versuchen werden, uns und besonders mich zu verteidigen. Ich lehne diese Verteidigung ab… Ich erwarte das Urteil.“

Das Urteil wurde am Morgen des 13. März 1938 verkündet. Alle Angeklagten wurden schuldig befunden. Drei von ihnen - Pletnew, Bessonow und Rakowski - erhielten Gefängnisstrafen. Die übrigen wurden zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Drei Jahre später, im Sommer 1941, nach dem Einfall der Nazis in die Sowjetunion, schrieb der ehemalige amerikanische Botschafter in der UdSSR, Joseph E. Davies:

„In Rußland gab es keine sogenannte ‚innere Aggression’, die mit den Deutschen kooperierte. Hitlers Marsch auf Prag im Jahre 1939 wurde durch militärische Aktionen der Henlein-Organisationen unterstützt. Ähnliches geschah bei der Invasion Norwegens. Das Bild, das Rußland bot, war frei von sudetendeutschen Henleins, von slowakischen Tisos, belgischen Degrelles und norwegischen Quislingen … Man kann die Gründe in der Geschichte der sogenannten Verräter- oder Säuberungsprozesse von 1937 und 1938 nachlesen, denen ich persönlich beiwohnte. Bei nochmaliger Durchsicht der Prozeßberichte und meiner eigenen Aufzeichnungen … fand ich, daß die den russischen ‚Quislingen’ abgerungenen Geständnisse und Aussagen buchstäblich alle uns heute bekannten Methoden der deutschen Fünften Kolonne enthüllten…“

Alle diese Prozesse, Säuberungsaktionen und Liquidierungen, die damals so gewaltsam schienen und in der ganzen Welt Empörung hervorriefen, stellen sich heute klar und deutlich als ein Teil der kraftvollen, entschlossenen Bemühungen der Stalin-Regierung dar, sich nicht nur gegen Aufstände im Innern, sondern auch gegen Angriffe von außen zu schützen. Die verräterischen Elemente im Lande wurden mit aller Gründlichkeit ausfindig gemacht und beseitigt. Alle Zweifel wurden zugunsten der Regierung gelöst.

In Rußland gab es 1941 keine Vertreter der Fünften Kolonne - man hatte sie erschossen. Die Säuberung hatte das Land von Verrätern gereinigt und befreit. Die Fünfte Kolonne der Achse in Sowjetrußland war vernichtet.


ANMERKUNGEN

  1. Trotzkis Anhänger und Bewunderer in Europa und Amerika ließen eine endlose Folge von Erklärungen. Pamphleten, Flugschriften und Artikeln erscheinen, in denen die Moskauer Prozesse als „Stalins Rache an Trotzki“ und Auswirkungen seiner „orientalischen Rachgier“ dargestellt wurden. Den Trotzkisten und ihren Verbündeten standen viele führende Zeitschriften offen. In den Vereinigten Staaten erschienen ihre Erklärungen und Artikel in „Foreign Affairs Quarterly“, „Reader’s Digest“ „Saturday Evemng Post“, „American Mercury“, „New York Times“ und anderen bekannten und weitverbreiteten Zeitungen und Zeitschriften. Zu den Freunden, Anhängern und Bewunderern Trotzkis, denen durch Presse und Rundfunk reichlich Gelegenheit gegeben wurde, ihre Ansichten über die Prozesse zu äußern, gehörten: Max Eastman, Trotzkis ehemaliger Vertreter und offizieller Übersetzer in Amerika; Alexander Barmine, ein sowjetischer Renegat, der einmal Mitglied des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten gewesen war; Albert Goldman, Trotzkis Rechtsanwalt, der 1941 wegen aufrührerischer Umtriebe gegen die Armee der Vereinigten Staaten von einem amerikanischen Gericht verurteilt wurde; „General“ Kriwitzki, ein russischer Abenteurer und Zeuge des Dies-Komitees, der behauptete, einmal in der GPU eine wichtige Rolle gespielt zu haben (er beging Selbstmord. Wie er in einem zurückgelassenen Brief erklärte, als Sühne für seine „großen Sünden“); Isaac Don Levine, ein altbewährter antisowjetischer Propagandist und Mitarbeiter der Hearst-Presse, und William Henry Chamberlin, ebenfalls Mitarbeiter von Hearst, der seine Ansichten über die Prozesse unter dem Titel „The Russian Purge of Blood“ in der in Tokio erscheinenden Propaganda-Zeitung „Contemporary Japan“ veröffentlichte.

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