Die große Verschwörung

Viertes Buch - Von München bis San Francisco

XXIV. DIE SECHZEHN

Während der letzten Monate des zweiten Weltkrieges beschäftigten sich die sowjetfeindlichen Propagandisten und Agitatoren in England und Amerika vorwiegend mit der polnischen Frage. Während die Rote Armee nach Westen vorrückte, die polnische Grenze überschritt und täglich neue polnische Gebiete von den Nazis befreite, sprachen die englischen Konservativen und amerikanischen Isolationisten von der Bedrohung der „polnischen Freiheit“ durch die Sowjetunion. Woche um Woche erklärten die Hearst-Zeitungen und die Patterson-McCormick-Presse, Polen müsse durch, eine antisowjetische Aktion vor dem „Bolschewismus“ bewahrt werden. Abgeordnete des amerikanischen Kongresses und des englischen Parlaments führten zu wiederholten Malen Klage über die „Ambitionen des Roten Imperialismus in Polen“ und beschuldigten die Sowjetregierung des Verrats an den Grundsätzen der United Nations. Diese sowjetfeindliche Propaganda stützte sich zum großen Teil auf offizielle Verlautbarungen und Erklärungen der polnischen Exilregierung in London und ihrer Repräsentanten in Washington. Der Londoner polnischen Exilregierung gehörten polnische Militärs, Wortführer des polnischen Landadels, mehrere polnische Faschisten und einige Sozialisten und Bauernführer an, die nach dem Zusammenbruch Polens im Jahr 1939 in England Zuflucht gefunden hatten.[90]

In Wirklichkeit gab es zwei polnische Regierungen. Neben der Londoner Exilregierung bestand in Polen selbst ein provisorisches Regime, die sogenannte Warschauer Regierung, die sich auf eine Koalition der antifaschistischen polnischen Parteien stützte und die von den Londoner Polen beibehaltene faschistische Verfassung Pilsudskis vom Jahre 1935 ablehnte. Die Warschauer Regierung strebte durchgreifende wirtschaftliche und politische Reformen, die Abschaffung des feudalen Großgrundbesitzes und freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion an.

Auf der Jalta-Konferenz vom Februar 1945 wurde die Zukunft Polens ausführlich behandelt. Roosevelt, Churchill und Stalin kamen überein, daß die Warschauer Regierung „auf breiter demokratischer Grundlage unter Heranziehung demokratischer Führer aus Polen selbst und aus den Kreisen der im Ausland lebenden Polen reorganisiert“ und dann als rechtmäßige Provisorische Regierung des Landes anerkannt werden sollte.

Die in Jalta getroffene Abmachung stieß auf den hartnäckigen Widerstand der Londoner polnischen Emigranten und ihrer Verbündeten in England und Amerika. Man bezeichnete den Beschluß als einen „Verrat an Polen“ und versuchte, die Durchführung der Entscheidung von Jalta durch diplomatische Intrigen zu hintertreiben.

Die auf die polnische Frage bezügliche sowjetfeindliche Agitation erreichte ihren Höhepunkt, als die Sowjetregierung im Mai 1945 die Verhaftung von sechzehn polnischen Agenten der Londoner Exilregierung bekannt gab, die sich antisowjetischer Umtriebe schuldig gemacht hatten. Die polnischen Emigranten in London bezeichneten diese Maßnahme der Sowjetregierung als den schlagendsten Beweis für Moskaus Absichten, die „polnische Demokratie“ zu unterdrücken und dem polnischen Volk eine „rote Diktatur“ aufzuzwingen…

Der prominenteste unter den sechzehn verhafteten Polen war General Leopold Bronislaw Okulicki, der ehemalige Generalstabschef der polnischen Exilarmee, die in der antisowjetischen Kampagne der polnischen Emigranten eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Diese polnische Armee war ursprünglich auf Grund eines polnisch-sowjetischen Abkommens im Jahr 1941 auf sowjetischem Boden gebildet worden, um Seite an Seite mit der Roten Armee gegen Nazideutschland zu kämpfen. Das Kommando dieser Armee lag in den Händen des Generals Wladislaw Anders, eines ehemaligen Mitglieds der „Obersten-Clique“, die Polen während der Diktatur Pilsudskis beherrschte. Die Sowjetregierung stellte für die Ausbildung und Ausrüstung der Anders-Armee eine zinsenlose Anleihe von 300 Millionen Rubel zur Verfügung und gewährte Erleichterungen bei der Rekrutierung und Unterbringung der Soldaten. Aber General Anders, Okulicki und andere polnische Militärs machten im geheimen gegen die Zusammenarbeit mit der Roten Armee Opposition. Sie hielten den baldigen Sieg Nazideutschlands über Sowjetrußland für unausbleiblich und handelten dementsprechend.

Aus einem Bericht des Oberstleutnants Berling, der später die Streitkräfte der Warschauer Regierung befehligte, geht hervor, daß General Anders 1941, kurz nach der Formierung der ersten polnischen Einheiten auf sowjetischem Boden, mit seinen Offizieren eine Beratung abhielt und ihnen folgendes erklärte:

„Wenn die Rote Armee unter dem Ansturm der Deutschen zusammengebrochen ist, was schon in wenigen Monaten der Fall sein wird, dann können wir uns über das Kaspische Meer nach dem Iran durchschlagen. Da es in diesem Gebiet außer uns keine bewaffneten Kräfte geben wird, werden wir vollständige Handlungsfreiheit haben.“

Als sich General Anders in seinen Erwartungen getäuscht sah, da die Rote Armee dem Blitzkrieg der Nazis standhielt, teilte er seinen Offizieren mit, sie brauchten sich wegen der Erfüllung des für den gemeinsamen Kampf gegen Deutschland abgeschlossenen polnisch-sowjetischen Militärpaktes keine Sorgen zu machen. „Wir haben keinen Grund, uns zu beeilen“, sagte er zu General Borucie-Spiechowiczow, dem Kommandanten der 5. Polnischen Infanterie-Division.

Nach Oberstleutnant Berlings Aussage taten Anders und seine Offiziere „ihr möglichstes, um die Ausbildung und Bewaffnung der Divisionen hinauszuziehen“ und dadurch ihre Verwendung im Kampf gegen die Nazis zu verhindern. Der polnische Generalstabschef General Okulicki setzte der Ausrüstung der polnischen Truppen aktiven Widerstand entgegen. Berling berichtet:

„Okulicki sabotierte die Errichtung eines Stützpunktes am Kaspischen Meer für die Übernahme englischer Waffen- und Materiallieferungen aus dem Iran. Die Sowjetbehörden ließen eigens für diesen Zweck eine Eisenbahnlinie legen und Lagerhäuser an der Küste des Kaspischen Meeres erbauen, aber die Armeeleitung des Generals Anders richtete es so ein, daß nicht ein einziges Gewehr, nicht ein Tank, nicht ein Sack Material seinen Bestimmungsort erreichte.“

Es gab unter den Polen Offiziere und Soldaten, die nichts sehnlicher wünschten, als von der sowjetischen Hilfe Gebrauch zu machen und ihr Vaterland gegen die deutschen Eindringlinge zu verteidigen, aber sie wurden von der reaktionären Clique der Generale Anders und Okulicki unter terroristischen Druck gesetzt. Man stellte Listen von „Sowjetfreunden“ zusammen, die als „Verräter an Polen“ galten. In einer besonderen Kartothek, dem sogenannten Akt B, wurden die Namen und Lebensgeschichten aller „mit den Sowjets Sympathisierenden“ festgehalten. Die polnische Heeresleitung verbreitete faschistische und antisemitische Propaganda. „Es wurde offen davon gesprochen“, berichtete Berling, „daß man mit den Juden ‚abrechnen’ müsse, und es kam häufig vor, daß Juden verprügelt wurden.“ Die „Dwojka“, der Spionagedienst der Anders-Armee, begann insgeheim, Informationsmaterial über die Kriegsindustrie, die Staatsgüter und Eisenbahnen der Sowjetunion und die Armeedepots und Stellungen der Roten Armee zu sammeln.

Das Frühjahr 1942 ging vorbei - und die in Rußland stationierte Anders-Armee hatte noch immer an keinem einzigen Gefecht teilgenommen. Statt dessen wurden die polnischen Offiziere und Mannschaften mit den antisowjetischen und antisemitischen Anschauungen ihrer Generale gründlichst bekannt gemacht. Schließlich forderte die polnische Heeresleitung, die polnische Armee solle unter britischer Aufsicht nach dem Iran evakuiert werden. Im August 1942 verließen 75491 polnische Offiziere und Soldaten mit 37756 Familienangehörigen die Sowjetunion, ohne ein einziges Mal für ihr Vaterland gekämpft zu haben.

Am 13. März sandte der australische Korrespondent James Aldridge der „New York Times“ einen nicht zensierten Kabelbericht, in dem er die faschistische Haltung der Führer der polnischen Emigrantenarmee schilderte. Aldridge bemerkte, er hätte die Öffentlichkeit schon vor mehr als einem Jahr über die polnischen Emigranten aufgeklärt, wenn er nicht von der Zensurbehörde der Alliierten daran gehindert worden wäre. Ein alliierter Zensor hätte ihm gesagt: „Ich weiß, daß alles wahr ist. Aber was kann ich tun? Sie wissen ja, daß wir die polnische Regierung anerkannt haben.“

Aldridges Bericht enthielt unter anderem folgende Tatsachen:

„Das polnische Lager war nach Klassen eingeteilt. Die Lebensbedingungen verschlechterten sich stufenweise je nach der Klassenzugehörigkeit der Lagerinsassen. Die Juden waren in einem Getto eingeschlossen. Das Lager wurde nach totalitären Grundsätzen geleitet … Die besonders reaktionären Gruppen führten einen unermüdlichen Propagandafeldzug gegen Rußland … Als für mehr als 300 jüdische Kinder die Möglichkeit geschaffen wurde, nach Palästina zu fahren, verlangte die äußerst antisemitische polnische Elite von den irakischen Behörden, sie sollten den jüdischen Kindern die Durchreiseerlaubnis verweigern … Ich hörte von vielen Amerikanern, sie würden gern die Wahrheit über die Polen sagen, aber das sei wegen der ausgezeichneten Beziehungen der Polen zu maßgebenden Kreisen in Washington ein sinnloses Unterfangen…“

Vom Iran wanderte die polnische Emigrantenarmee nach Italien weiter, wo sie mit Hilfe der britischen Heeresleitung und mit Unterstützung des Vatikans ihr Hauptquartier errichtete. General Anders, General Okulicki und ihre Mitarbeiter nahmen sich kaum die Mühe, ihre wahren Absichten zu verschleiern: sie hatten den Ehrgeiz, aus der polnischen Emigrantenarmee die Kerntruppe einer neuen Weißen Armee zu machen, die später einmal den Kampf gegen Sowjetrußland aufnehmen sollte.

Als die Sowjettruppen sich im Frühjahr 1944 der polnischen Grenze näherten, verstärkten die Londoner polnischen Emigranten ihre antisowjetische Propagandatätigkeit. „Eine wesentliche Voraussetzung unseres Sieges, ja unserer bloßen Existenz, ist, wenn schon nicht die Niederlage, so doch wenigstens die Schwächung Rußlands“, hieß es in „Panstwo Polski“, einer der illegalen Zeitungen, die in Polen von Agenten der Exilregierung verbreitet wurden. Ein Geheimbefehl der Londoner Polen an ihre Agenten lautete: „Wir müssen uns unter allen Umständen bemühen, das beste Einvernehmen mit den deutschen Zivilbehörden aufrechtzuerhalten.“

Die polnische Exilregierung bereitete sich auf eine militärische Aktion gegen die Sowjetunion vor, die von der Armja Krajowa oder AK durchgeführt werden sollte, einer illegalen militärischen Formation in Polen, die von den Londoner Emigranten organisiert und geleitet wurde. Der Kommandant der Armja Krajowa oder AK war General Bor-Komorowski.

Anfang März 1944 wurde General Okulicki in das Hauptquartier des Generals Sosenkowski nach London befohlen. Sosenkowski war der militärische Repräsentant der polnischen Exilregierung. General Okulicki gab später einen Bericht über diese Geheimkonferenz:

„…als General Sosenkowski mich vor meinem Flug nach Polen empfing, sagte er, wir müßten mit einer unmittelbar bevorstehenden Offensive der Roten Armee rechnen, die zur Niederlage der Deutschen in Polen führen würde. In diesem Falle, meinte Sosenkowski, werde Rußland den Fortbestand der Armja Krajowa als einer der Londoner polnischen Regierung unterstehenden militärischen Organisation in dem von der Roten Armee besetzten Polen nicht dulden.“

Sosenkowski schlug vor, die Armja Krajowa nach der Vertreibung der Nazis aus Polen zum Schein aufzulösen und ein geheimes „Reservehauptquartier“ für Operationen im Rücken der Roten Armee zu schaffen:

„Sosenkowski sagte, dieses Reservehauptquartier sollte die Aufgabe haben, den Kampf der Armja Krajowa gegen die Rote Armee zu leiten … Sosenkowski beauftragte mich, diese Instruktionen an den Kommandanten der Armja Krajowa in Polen, General Bor-Komorowski, weiterzugeben …“

Kurz darauf wurde General Okulicki auf geheimnisvolle Weise mit einem Flugzeug in das von den Deutschen okkupierte Polen gebracht. Er setzte sich sofort mit General BorKomorowski in Verbindung und gab ihm Sosenkowskis Wünsche bekannt. Der Kommandant der Armja Krajowa teilte Okulicki mit, daß er die Absicht habe, einen Spezialapparat für die Durchführung folgender Aufgaben zu schaffen:

1. Die Erhaltung und Verwahrung von Waffen für die Untergrundbewegung und die Vorbereitung eines Aufstandes gegen die UdSSR.
2. Die Schaffung von Kampfabteilungen von maximal je sechzig Mann.
3. Die Bildung terroristischer „Liquidations“-Gruppen für die Ermordung der Feinde der AK und der Vertreter des sowjetischen Militärkommandos.
4. Die Ausbildung von Saboteuren für Operationen hinter der sowjetischen Kampflinie.
5. Militärspionage im Rücken der Roten Armee.
6. Die Sicherstellung der bereits von der AK eingerichteten Radiostationen und die Aufrechterhaltung der Radioverbindung mit dem Zentralkommando der AK in London.
7. Die Verbreitung gedruckter und mündlicher Propaganda gegen die Sowjetunion.

Im Herbst 1944 erreichten die Roten Truppen das Weichselufer. Sie machten vor Warschau halt, um nach der langen Sommeroffensive eine Neugruppierung der Kräfte vorzunehmen und frische Vorräte heranzuschaffen. Die sowjetische Heeresleitung beabsichtigte, Warschau nicht durch einen Frontalangriff, sondern durch ein plötzliches Einkreisungsmanöver zu nehmen, da die Stadt und ihre Einwohnerschaft geschont werden sollten. Aber General Bor-Komorowski hatte ohne Wissen des sowjetischen Oberkommandos und im Auftrag der Londoner Exilregierung eine allgemeine Erhebung der Warschauer polnischen Patrioten provoziert, indem er den unmittelbar bevorstehenden Angriff der Roten Armee auf die polnische Hauptstadt ankündigte. Die Rote Armee war zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise darauf vorbereitet, die Weichsel zu überschreiten, und die deutsche Heeresleitung konnte die von den polnischen Insurgenten gehaltene Stadt systematisch und strichweise mit Fliegerbomben und Artilleriefeuer belegen. Der nachfolgende Bericht über die Waffenstreckung der in Warschau befindlichen polnischen Streitkräfte und die Rolle, die General Bor-Komorowski dabei spielte, stammt von General Okulicki:

„Ende September 1944 begann der Kommandant der Armja Krajowa, General Bor-Komorowski, mit dem Kommandanten der deutschen Truppen in Warschau, SS-Obergruppenführer von Den-Bach, über die Kapitulation zu verhandeln. Bor-Komorowski beauftragte den stellvertretenden Leiter der zweiten (Informations-) Abteilung des Hauptquartiers, Oberst Bogulawski, als Repräsentant des Generalstabschefs der Armja Krajowa die Verhandlungen zu führen. Ich war zugegen, als Bogulawski über die von den Deutschen gestellten Bedingungen Bericht erstattete; er teilte General Bor-Komorowski mit, von Den-Bach habe erklärt, die Polen müßten den bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen unbedingt aufgeben, weil Sowjetrußland der gemeinsame Feind Deutschlands und Polens sei. Als ich Bor-Komorowski am Tage der Übergabe begegnete. sagte ich, daß von Den-Bach vielleicht recht gehabt hätte, und Bor-Komorowski pflichtete mir bei.“

Während der Herbst- und Wintermonate des Jahres 1944 und im Frühjahr 1945 versuchte die Rote Armee, die deutsche Militärmacht an der Ostfront durch eine Aufeinanderfolge gewaltiger Offensiven endgültig zu zerschmettern; in dieser Zeit betrieb die Armja Krajowa unter Führung von General Okulicki im Rücken der Sowjettruppen eine weitverzweigte Terror-, Sabotage- und Spionagetätigkeit. Es kam auch zu bewaffneten Überfällen.

„Die von den sowjetischen Militärbehörden im Kampfgebiet angeordneten Maßnahmen wurden sabotiert“, erklärte später Stanislaw Jasiukowicz, der die Londoner Exilregierung als Vizepremier in Polen vertrat und auf Okulickis Seite stand. „Unsere Presse und unsere Radiostationen hetzten das polnische Volk durch ihre Verleumdungspropaganda gegen die Russen auf.“

Die Spezialabteilungen der AK hatten die Aufgabe, sowjetische Militärzüge in die Luft zu sprengen, Magazine der Roten Armee zu zerstören, Straßenminen zu legen und die russischen Transport- und Verbindungslinien auf jede denkbare Weise zu unterbrechen. Einer von Okulickis Mitarbeitern gab am 17. September 1944 folgenden Befehl heraus:

„Die Operationen müssen vielseitig sein und im geheimen durchgeführt werden. Es gilt, Transportzüge und Lastautos in die Luft zu sprengen, Brücken zu verbrennen, Lagerhäuser und Dorf Sowjets zu zerstören.“

Lubikcwski, der Kommandant einer AK-Abteilung und Leiter einer illegalen Spezialschule für Spione und Saboteure, berichtete später über die Tätigkeit seiner Agenten:

„Ich erhielt einen schriftlichen Rapport über die Durchführung meiner Anordnungen … Ragner informierte mich über zwölf Sabotageakte; er hatte zwei Züge zum Entgleisen gebracht, zwei Brücken gesprengt und eine Eisenbahnlinie an acht Stellen beschädigt.“

Rotarmisten und Anhänger der Warschauer Regierung wurden von terroristischen Spezialabteilungen der AK aus dem Hinterhalt ermordet. Nach einer später von den sowjetischen Militärbehörden veröffentlichten unvollständigen Statistik töteten die AK-Terroristen im Laufe von acht Monaten 594 Offiziere und Soldaten der Roten Armee; außerdem wurden 294 Mann verwundet …

Gleichzeitig betrieb General Okulicki hinter den sowjetischen Linien eine umfangreiche Spionage. Die Richtlinien für diese Tätigkeit wurden ihm vom polnischen Oberkommando in London auf drahtlosem Wege übermittelt. Als Beispiel kann die Anweisung No. 7201-1-777 dienen, die General Okulicki am 11. November 1944 durch Rundfunk von der Londoner polnischen Regierung erhielt.

„Da es für die Beurteilung und Planung der künftigen Entwicklung in Polen von grundlegender Wichtigkeit ist, die militärischen Absichten und Möglichkeiten … der Sowjets im Osten kennenzulernen, müssen Sie … diese Lücke durch Geheimberichte ausfüllen, die in Übereinstimmung mit den vom Informationsdienst des Hauptquartiers erteilten Instruktionen abzufassen sind.“

In dem Befehl wurden genaue Angaben über russische Truppeneinheiten, Versorgungszüge, Befestigungsanlagen und Flugplätze sowie über die Rüstungs- und Kriegsindustrie der Sowjetunion gefordert.

Woche für Woche gingen in Code abgefaßte Geheimberichte über ein im Rücken der Roten Armee operierendes System von Geheimsendern an die Londoner Exilregierung. Die Meldung No. 621-2, die von Krakau aus an das Londoner Oberkommando gesandt und vom sowjetischen militärischen Nachrichtendienst aufgefangen und entziffert wurde, hatte folgenden Wortlaut:

„In der zweiten Märzhälfte fuhren jeden Tag durchschnittlich 20 Züge mit Truppen und Munition (Artillerie, Tanks, Infanterie, zu einem Drittel Frauen) in westlicher Richtung durch … In Krakau wurden dringende Einberufungsbefehle für die Altersklassen 1895 bis 1925 angeschlagen. In derselben Stadt fand in Anwesenheit von General Zymierski die feierliche Beförderung von 800 aus dem Osten eingetroffenen Offizieren statt …“

Am 22. März faßte General Okulicki die letzten Ziele seiner Vorgesetzten in London in einem an Oberst „Slavbor“, den Kommandanten der westlichen Abteilungen der Armja Krajowa, gerichteten Geheimbefehl zusammen. In dieser bemerkenswerten Direktive erklärte Okulicki:

„Ein Sieg der UdSSR über Deutschland würde nicht nur Englands europäische Interessen bedrohen, sondern den ganzen Kontinent in Schrecken stürzen … Die Engländer werden mit Rücksicht auf ihre eigenen Interessen in Europa alle europäischen Kräfte gegen die Sowjetunion mobilisieren müssen. Es ist klar, daß wir in den vordersten Reihen dieses antisowjetischen europäischen Blocks unseren Platz finden werden; dieser Block ist ohne die Teilnahme eines unter englischer Kontrolle stehenden Deutschland nicht zu denken.“

Die Pläne und Hoffnungen der polnischen Emigranten hatten keine lange Lebensdauer. Anfang 1945 begann der sowjetische militärische Geheimdienst mit der Erfassung der hinter den Sowjetlinien tätigen polnischen Verschwörer. Im Sommer 1945 befanden sich die verantwortlichen Führer in den Händen der Sowjets. Sechzehn von ihnen, darunter General Okulicki, wurden dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR überantwortet.

Der Prozeß begann am 15. Juni im Gewerkschaftshaus in Moskau und dauerte drei Tage. Aus den Zeugenaussagen ging mit aller Deutlichkeit hervor, daß die polnischen Emigranten und ihre Untergrundorganisation den nazistischen Eroberern ihres Vaterlandes aus Haß gegen Sowjetrußland wertvolle Hilfe geleistet hatten.

Während der Verhandlung kam es zu folgendem Wortwechsel zwischen dem sowjetischen Staatsanwalt Generalmajor Afanasjew und dem kleinen, schmallippigen Führer der antisowjetischen Untergrundbewegung, General Okulicki:

Afanasjew: Behinderten Sie durch Ihre Tätigkeit die Operationen der Roten Armee gegen die Deutschen?

Okulicki: Jawohl.

Afanasjew: Wem halfen Sie damit?

Okulicki: Natürlich den Deutschen.

Generalmajor Afanasjew erklärte dem Gerichtshof, er werde für keinen der Angeklagten die Todesstrafe beantragen, weil sie alle „bloße Werkzeuge“ der polnischen Emigranten in London gewesen seien und jetzt, „wo wir die freudvollen Tage des Sieges erleben, keine Gefahr mehr bedeuten“.

Der sowjetische Staatsanwalt fuhr fort:

„In diesem Prozeß laufen alle Bestrebungen der polnischen Reaktionäre zusammen, die Sowjetrußland seit Jahren bekämpfen. Ihre Politik führte dazu, daß Polen von den Deutschen besetzt wurde. Die Rote Armee kämpfte für Freiheit und Unabhängigkeit gegen die Barbarei … Die Sowjetunion leistete mit Unterstützung der Alliierten einen entscheidenden Beitrag zur Niederwerfung Deutschlands. Aber Okulicki und seine Helfershelfer wollten der Roten Armee in den Rücken fallen … Sie ziehen den Cordon sanitaire um Rußland der Freundschaft mit unserem Lande vor …“

Am 21. Juni gab das sowjetische Militärkollegium seinen Urteilsspruch bekannt. Drei Angeklagte wurden freigesprochen. General Okulicki und elf seiner Verbündeten wurden schuldig befunden und zu Gefängnisstrafen von vier Monaten bis zu zehn Jahren verurteilt.[91]

Nach diesem Prozeß machten die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Anerkennung der Londoner polnischen Exilregierung rückgängig.[92] Die Warschauer Regierung wurde in Übereinstimmung mit den in Jalta getroffenen Vereinbarungen reorganisiert und offiziell als Provisorische Regierung Polens anerkannt.


ANMERKUNGEN

  1. Die Londoner polnische Exilregierung betrachtete sich als legitimen Erben des Pilsudski-Regimes, dessen Politik durch den Gegensatz zu Sowjetrußland bestimmt wurde. Die polnische Vorkriegspolitik, die von dem antisowjetischen Oberst Beck, einem ehemaligen Offizier des Geheimdienstes, geleitet wurde, war nicht gegen Nazideutschland, sondern gegen Sowjetrußland gerichtet. Die Ausbildung der polnischen Armee, die - im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl - über die größte Kavallerie der Welt verfügte, erfolgte im Hinblick auf Operationen in der ukrainischen Ebene. Die polnische Industrie war an der deutschen Grenze konzentriert, die militärischen Befestigungen lagen an der Sowjetgrenze. Das vom Militär und von dem feudalen Großgrundbesitz beherrschte Polen war seit seiner Neugründung eine Hauptstütze des antisowjetischen „cordon sanitaire“ und ein Tummelplatz für internationale Agenten, die auf den Sturz der Sowjetregierung hinarbeiteten. Boris Sawinkow schlug, nachdem er aus Rußland geflohen war, sein Hauptquartier in Polen auf und organisierte mit direkter Unterstützung Pilsudkis in Polen eine 30000 Mann starke Weiße Armee. Gegen Ende der zwanziger Jahre vereinbarten die Torgprom Verschwörer mit der polnischen Heeresleitung, daß Polen eine der Hauptbasen des von ihnen geplanten neuen Interventionskrieges gegen Sowjetrußland werden sollte. Der polnische Geheimdienst zog alle antisowjetischen Kräfte, darunter auch die Untergrundorganisation Trotzkis und Bucharins, zu intensivster Mitarbeit heran. Nach dem Münchener Abkommen von 1938 bekannten sich die polnischen Staatsleiter offen zu ihrer antisowjetischen Einstellung. Als die Nazis ihr Ultimatum an die Tschechoslowakei richteten und die Tschechen sich zum Widerstand rüsteten, mobilisierte, die polnische Regierung ihre Armee und versperrte der hilfsbereiten Sowjetunion den Weg. Zur Belohnung gestattete Hitler den Polen, das Teschener Gebiet zu besetzen. 1939, am Vorabend des nazistischen Angriffs auf Polen, weigerten sich die polnischen Militärs noch immer, ihre selbstmörderische antisowjetische Politik aufzugeben; sie wiesen das von Sowjetrußland vorgeschlagene militärische Abkommen zurück und erlaubten der Roten Armee nicht, die polnische Grenze zu überschreiten und der Wehrmacht entgegenzutreten. Diese Politik hatte verhängnisvolle Folgen. Fast unmittelbar nach dem Einfall der Nazis in Polen floh die polnische Regierung unter Mitnahme der polnischen Goldreserven ins Ausland. Einige Mitglieder dieser polnischen Regierung bildeten die polnische Exilregierung, die zuerst in Frankreich und später in England die sowjetfeindlichen Intrigen fortsetzte, die ihr Land bereits an den Rand des Abgrunds gebracht hatten. Diese Komplotte wurden von einflußreichen Persönlichkeiten aus internationalen wirtschaftlichen, politischen und kirchlichen Kreisen gefördert, die in einem Sieg Sowjetrußlands über Nazideutschland eine Bedrohung ihrer Interessen sahen.

  2. Das Verfahren gegen den sechzehnten Angeklagten, Anton Paidak, wurde wegen dessen Erkrankung verschoben. Unmittelbar nach der Verhaftung der sechzehn Polen durch die sowjetischen Behörden hatten der amerikanische Staatssekretär Edward R. Stettinius und der englische Außenminister Anthony Eden heftig gegen diese Maßnahme protestiert. Sie bezeichneten die Verhafteten als prominente polnische „demokratische Führer“. Nach dem Prozeß zogen es Stettinius und Eden vor, diskret zu schweigen.

  3. Die Sowjetregierung hatte die diplomatischen Beziehungen zu der polnischen Regierung bereits zwei Jahre vorher, am 25. April 1943, wegen der antisowjetischen konspirativen Tätigkeit der Londoner Polen abgebrochen. Die polnische Exilregierung war seit ihrer Gründung in erster Linie von der britischen Regierung gefördert und finanziert worden. Nach der Anerkennung der Warschauer Regierung sollte ein Teil der polnischen Emigranten die englische Staatsbürgerschaft und möglicherweise Beschäftigung bei den Polizeitruppen der englischen Kolonien erhalten. Als General Anders und seine Mitarbeiter von dem Beschluß der Alliierten, das Warschauer Regime anzuerkennen, verständigt wurden, gaben sie eine öffentliche Erklärung heraus, in der es hieß, die unter ihrem Kommando stehenden polnischen Emigranten würden die Entschließung der Alliierten niemals anerkennen, sondern der Londoner „Regierung“ treu bleiben und nur „mit den Waffen in der Hand“ in ihre Heimat zurückkehren. Im Herbst 1945 sagten sich jedoch zahlreiche Mitglieder der polnischen Emigrantenarmee von ihren reaktionären Führern los und folgten der Einladung der Warschauer Regierung, nach Polen zurückzukehren und am Wiederaufbau des Landes teilzunehmen.

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