Die große Verschwörung

Viertes Buch - Von München bis San Francisco

XXV. DIE VEREINTEN NATIONEN

Wenn es um Leben und Tod geht, lernen die Menschen zwischen Freund und Feind unterscheiden. In den Jahren des zweiten Weltkrieges wurden so manche Täuschungen und Lügen aufgedeckt.

Der Krieg brachte viele Überraschungen. Als die Fünfte Kolonne in verschiedenen europäischen und asiatischen Ländern aus ihrer Unterweltexistenz emportauchte, um mit Hilfe der nazistischen und japanischen Armeen die Macht zu ergreifen, stand die Welt diesem Geschehen zunächst fassungslos gegenüber. Das Tempo der ersten Achsensiege setzte alle in Erstaunen, die von den jahrelangen Geheimvorbereitungen, den Intrigen und terroristischen Verschwörungen der Achse nichts gewußt hatten.

Aber die größte Überraschung des zweiten Weltkrieges war Sowjetrußland. Es war, als ob sich über Nacht eine dichte, täuschende Nebelwand geteilt hätte: endlich wurde die wahre Bedeutung und Beschaffenheit des Sowjetvolkes sichtbar, seine Führer, seine Wirtschaft, seine Menschen und, wie Cordeil Hüll einmal sagte, „der Heldenmut ihrer patriotischen Begeisterung“.

Das war die erste große Erkenntnis, die aus dem zweiten Weltkrieg gewonnen wurde: daß die Rote Armee unter Marschall Stalin als die tüchtigste und stärkste Streitmacht auf Seiten des Weltfortschritts und der Demokratie zu gelten habe.

Am 23. Februar 1942 äußerte sich der amerikanische General Douglas Mac Arthur zu seinen Landsleuten über die Rote Armee:

„In der gegenwärtigen Weltlage stützen sich alle Hoffnungen der Zivilisation auf die ruhmvollen Banner der tapferen Roten Armee. Ich habe im Laufe meines Lebens an verschiedenen Kriegen teilgenommen; andere habe ich als Zeuge verfolgt, und schließlich habe ich die Feldzüge vieler hervorragender Heerführer der Vergangenheit mit großer Aufmerksamkeit studiert. Aber noch nie habe ich einen so wirksamen Widerstand gegen die schwersten Schläge eines bis dahin unbesiegten Feindes beobachtet, einen Widerstand, dem ein vernichtender Gegenangriff folgte, durch den der Feind in sein eigenes Land zurückgetrieben wird. Dieser Versuch ist wegen seines Umfanges und seiner Großartigkeit als die größte militärische Leistung der Weltgeschichte anzusehen.“

Die zweite Offenbarung war die verblüffende Kraftprobe des sowjetischen Wirtschaftsystems, das sich fähig erwies, die Produktion unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen in großem Maßstab aufrechtzuerhalten.

Der Stellvertretende Vorsitzende des Ministeriums für Kriegsproduktion der Vereinigten Staaten, William Batt, der sich im Jahr 1942 in offizieller Mission nach Moskau begab, berichtete nach seiner Rückkehr:

„Bei meiner Abreise hegte ich Zweifel darüber, ob die Russen den Anforderungen eines totalitären Krieges gewachsen sein würden; aber ich konnte mich bald davon überzeugen, daß die gesamte Bevölkerung ihre Pflicht tat - sogar Frauen und Kinder.

Bei meiner Abreise hielt ich nicht allzuviel von der technischen Begabung der Russen; ich mußte feststellen, daß sie die Leitung ihrer Fabriken und die Produktion von Kriegsmaterial mit ungewöhnlicher Energie und Umsicht betrieben.

Bei meiner Abreise fühlte ich mich durch die in Amerika verbreiteten Gerüchte über die Uneinigkeit und Willkür der russischen Regierung beunruhigt; ich fand eine starke, tatkräftige Regierung vor, die von der Liebe und Anhänglichkeit des ganzen Volkes getragen wurde.

Mit einem Wort, bei meiner Abreise fragte ich mich: ist Rußland ein verläßlicher, leistungsfähiger Bundesgenosse? … Die Antwort, die ich erhielt, war ein lautes, deutliches Ja.“

Drittens zeigte es sich, daß die vielen verschiedenartigen Nationalitäten der Sowjetunion geeint hinter der Regierung standen und Beweise einer Vaterlandsliebe lieferten, die in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat.

Am 31. August 1943 sagte Ministerpräsident Winston Churchill in Quebec über die Sowjetregierung:

„Keine einzige Regierung der Menschheitsgeschichte hat sich fähig erwiesen, Schädigungen von solcher Schwere und Grausamkeit zu überleben, wie sie Rußland von Hitler erleiden mußte … Rußland hat diese furchtbaren Schädigungen nicht nur überlebt und sich davon erholt, sondern es hat der deutschen Armee tödliche Schläge zugefügt, wie sie keine andere Streitmacht der Welt hätte führen können.“

Die vierte große Erkenntnis war, daß das Bündnis der westlichen Demokratien mit Sowjetrußland das greifbare Versprechen einer neuen, internationalen Ordnung des Friedens und der Sicherheit enthielt.

In einem Leitartikel der „New York Herald Tribüne“ vom 11. Februar 1943 hieß es:

„Es gibt heute nur zwei Möglichkeiten, zwischen denen die Demokratien zu wählen haben: gemeinsam mit Rußland die Welt neu aufzubauen, was ohne weiteres möglich ist, wenn wir an die Stärke unserer eigenen Grundsätze glauben und sie durch praktische Anwendung beweisen - oder in Zusammenarbeit mit allen reaktionären und antidemokratischen Kräften Europas Komplotte zu schmieden, deren einziges Ergebnis die Entfremdung des Kremls wäre.“

Am 8. November 1943 berichtete der Vorsitzende des Ministeriums für Kriegsproduktion der Vereinigten Staaten, Donald Nelson, über seinen Besuch in der Sowjetunion:

„Ich habe von meiner Reise den festen Glauben an die Zukunft Rußlands mitgebracht und an den Nutzen, den die künftige Entwicklung Rußlands der ganzen Welt und auch uns bringen wird.

Soweit ich die Lage übersehen kann, werden wir, sobald der Sieg errungen und dieser Krieg vorbei ist, nur eines zu fürchten haben: den gegenseitigen Argwohn. Wenn wir gemeinsam mit den übrigen Vereinten Nationen für die Friedenswirtschaft produzieren und den Lebensstandard aller Völker zu heben versuchen, werden wir uns auf einem aufsteigenden Weg befinden, der Aussichten auf Reichtum und Zufriedenheit eröffnet, wie sie die Menschheit nie gekannt hat.“

Die Deklaration der historischen Konferenz von Teheran, die am 1. Dezember 1943 bekanntgegeben wurde, war die Antwort an die sowjetfeindlichen und antidemokratischen Verschwörer, die die Welt fünfundzwanzig Jahre lang durch unaufhörliche Intrigen der Geheimdiplomatie, gegenrevolutionäre Komplotte, Terror, Furcht und Haß beunruhigt hatten, bis diese Bemühungen in dem kriegerischen Versuch der Achsenmächte gipfelten, die ganze Menschheit zu versklaven.

Die Führer der drei mächtigsten Nationen der Welt, Präsident Franklin Delano Roosevelt, Ministerpräsident Winston Churchill und Marschall Josef Stalin, begegneten einander zum erstenmal; nach einer Reihe von militärischen und diplomatischen Unterredungen wurde die Drei-Mächte-Erklärung herausgegeben.

Die Deklaration von Teheran enthielt das Versprechen, daß der Nationalsozialismus durch die gemeinsame Aktion der drei verbündeten Großmächte vernichtet werden würde. Darüber hinaus eröffnete die Erklärung der kriegsmüden Menschheit die Aussicht auf dauernden Frieden und eine Ära der Völkerfreundschaft:

„Wir sind uns voll der hohen Verantwortung bewußt, die auf uns und allen Nationen ruht, einen Frieden zu schließen, der den überwältigenden Massen der Völker der Erde Bereitwilligkeit abnötigen und die Geißel und den Schrecken des Krieges für viele Generationen bannen wird.

Zusammen mit unseren diplomatischen Ratgebern haben wir die Probleme der Zukunft geprüft. Wir werden die Mitarbeit und aktive Teilnahme aller Nationen, der großen wie der kleinen, suchen, deren Völker, ebenso wie unsere eigenen Völker, sich mit Herz und Sinn der Ausrottung von Tyrannei und Sklaverei, von Unterdrückung und Intoleranz widmen. Wir werden sie begrüßen, sowie sie sich bereit finden, in die Weltfamilie der demokratischen Nationen einzutreten.“

Dem Abkommen von Teheran folgten die entscheidenden Beschlüsse, die im Februar 1945 auf der Krim gefaßt wurden. Diesmal trafen sich die drei Staatsmänner - Roosevelt, Churchill und Stalin - in Jalta, wo sie eine einheitliche Politik festlegten, die zur endgültigen Niederwerfung Deutschlands und der vollständigen Ausschaltung des deutschen Generalstabes führen sollte. Die Besprechungen von Jalta wurden mit der Blickrichtung auf die bevorstehende Friedensperiode geführt.

Sie schufen die Grundlage für die epochemachende Konferenz der Vereinten Nationen in San Francisco, wo im April die Charta einer internationalen Sicherheitsorganisation veröffentlicht wurde, die ihre Wurzeln in dem Bündnis der drei bedeutendsten Großmächte hatte.

Am 8. Mai 1945 unterzeichneten die Vertreter der deutschen Heeresleitung in Anwesenheit der führenden amerikanischen, britischen und sowjetischen Generale in dem zerstörten Berlin das abschließende Dokument über die bedingungslose Waffenstreckung der Naziwehrmacht. Der Krieg in Europa war zu Ende. In einer Botschaft an Marschall Stalin sagte Churchill:

„Künftige Generationen werden ihre Dankesschuld an die Rote Armee ebenso uneingeschränkt anerkennen wie wir, die lebenden Zeugen dieser stolzen Taten.“

Kein Krieg der Weltgeschichte war mit solcher Erbitterung geführt worden wie der Kampf zwischen Nazideutschland und der Sowjetunion. Eintausendvierhundertundachtzehn Tage, siebenundvierzig Monate, vier Jahre lang wurden auf den endlosen Schlachtfeldern der Ostfront Kämpfe von noch nie dagewesener Ausdehnung und Heftigkeit ausgefochten. Das Ende kam, als motorisierte Truppen der Sowjetarmee das Herz der nazistischen Zitadelle - Berlin - erstürmten und besetzten. Ein namenloser Sowjetsoldat hißte auf dem Reichstag die Rote Fahne.

In allen Ländern Europas wehten die Fahnen der Freiheit. Und dennoch folgte der Schaffung der Vereinten Nationen, deren Grundidee die Erhaltung der Eintracht zwischen den achsenfeindlichen Mächten und die vollständige Ausrottung des Faschismus nach dem Kriege war, eine plötzliche neue Welle sowjetfeindlicher Propaganda und Intrigen, die das Fundament des Friedens bedrohten. Es war geradeso wie nach dem ersten Weltkrieg: die europäischen Völker forderten die Verwirklichung ihrer demokratischen Ziele; die unterdrückten Kolonialvölker machten ihren Anspruch auf Freiheit und nationale Selbständigkeit geltend; und die Kräfte der internationalen Reaktion und des Imperialismus verbündeten sich, um ihre Geldinteressen zu schützen und die Bestrebungen der Völker zu vereiteln. Und wieder ertönte im Lager der Feinde der Demokratie die Kampfparole: Krieg dem „bolschewistischen Rußland“.

Kaum sechs Monate waren seit dem Abschluß des zweiten Weltkrieges vergangen, als Winston Churchill sich neuerlich zum lautesten Heerrufer des antisowjetischen Kreuzzuges machte. Nach der vernichtenden Niederlage der Konservativen Partei in England und angesichts der wachsenden Krise des britischen Imperialismus, dem die Herrschaft über das Kolonialreich zu entgleiten drohte, entdeckte Churchill von neuem die „bolschewistische Gefahr“. In einer vielbeachteten Rede an das amerikanische Volk, die Churchill am 5. März 1946 in Fulton, Missouri, hielt, forderte er ein antisowjetisches Bündnis zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten gegen „die immer stärker werdende Herausforderung und Gefährdung der christlichen Zivilisation durch den russischen Kommunismus.“

In Amerika und England setzte eine neue sowjetfeindliche Kampagne ein. Alle Völker der Welt wurden von der Furcht vor einem dritten Weltkrieg ergriffen.

Am 20. März 1946 warnte Senator Claude Pepper (Florida) im amerikanischen Senat mit eindringlichen Worten vor den furchtbaren Gefahren eines neuen Krieges:

„Rußland muß annehmen, daß seine Philosophie für Länder, die von Kartellen, Reaktionären oder Russophobien beherrscht werden, unannehmbar ist, und so hat es Ursache zu den verschiedensten Befürchtungen … Seine Sorge steigt aus den rauchenden, zerschossenen Ruinen seiner verwüsteten Gebiete auf. Sie stammt aus den Herzen der 15 Millionen Männer, Frauen und Kinder - das Fünfzigfache unserer Verluste -, die Rußland in diesem Kriege verlor, der 25 Millionen, denen der Krieg Heimat und Nahrung nahm … Rußland wird durch die Erinnerungen der Vergangenheit in seinen Befürchtungen bestärkt. Es hat noch nicht vergessen, daß die Armeen von vierzehn Nationen, darunter England, Frankreich, China, Amerika, Deutschland und Japan, im Sommer 1919 auf sowjetischem Boden gegen den jungen Sowjetstaat Krieg führten …

Rußland erinnert sich an die Hetze gegen die Roten, die unverhüllte, offene Verschwörung der kapitalistischen Großmächte, die auch dann ihren Fortgang nahm, als die ausländischen Streitkräfte bereits aus der Sowjetunion zurückgezogen oder vertrieben waren - es erinnert sich. an die lange Zeit, da es von allen gefürchtet und gehaßt und von niemandem anerkannt war …

Es erinnert sich, wie man Hitlerdeutschland als Bollwerk gegen Rußland aufbaute, wie Rußland von den Münchener Verhandlungen ausgeschlossen wurde, die den künftigen Angriff Hitlers auf die Sowjetunion zu einer Gewißheit machten. Es erinnert sich an den deutsch-japanisch-italienischen Verschwörungsplan, Rußland unter dem scheinheiligen Vorwand des Antikomintern-Paktes zu vernichten - und es weiß noch sehr gut, daß keine der starken, mächtigen Nationen gegen diese aggressiven Absichten Einspruch erhob …“

Senator Pepper unterstrich die Gefahren des von Churchill vorgeschlagenen anglo-amerikanischen Bündnisses gegen Rußland:

„Die Organisation der Vereinten Nationen ist zum Untergang verurteilt, wenn zwei der Großen Drei unter dem Deckmantel eben dieser Organisation das dritte Mitglied der großen Dreieinigkeit mit einem neuen Cordon sanitaire umgeben … Wo ist also der Ausweg aus dieser Krise der Furcht? Und wie können wir die Organisation der Vereinten Nationen und den Frieden retten?

Ich wage zu behaupten, daß es nur einen Weg gibt: die große Konzeption Franklin Delano Roosevelts zu verwirklichen, der mehr als irgendein anderer zur Gründung der Vereinten Nationen beigetragen hat: die Einigkeit zwischen Großbritannien, Rußland und den Vereinigten Staaten wiederherzustellen und eine ganz neue geistige und sittliche Haltung dieser Mächte in den Fragen des Friedens und des Besitzes herbeizuführen.“

Als dieses Buch in Druck ging, besuchten die Verfasser den Mann, von dem im ersten Kapitel die Rede ist: Oberst Raymond Robins. Vor einigen Jahren zog sich Oberst Robins aus dem öffentlichen Leben zurück, um auf seinen Gut in Chinesgut Hill, Florida, ein beschauliches Leben zu führen. (Er vermachte dieses 3200 Morgen umfassende Gut der Regierung der Vereinigten Staaten als Naturschutzgebiet und landwirtschaftliche Versuchsstation.) Oberst Robins ist auch heute noch ein Anhänger der „unbürokratischen Methode“; er nimmt am Schicksal des einfachen Mannes leidenschaftlichen Anteil, er verabscheut Vorurteile und Habgier, und er bringt der Nation, deren Geburt aus den Wirren der Revolution er als Zeuge miterlebte, das regete Interesse entgegen.

Oberst Robins sagte:

„Den großartigsten Eindruck meines Lebens empfing ich in der Stunde, als ich in den Augen russischer Arbeiter und Bauern das Licht der Hoffnung aufleuchten sah - der Hoffnung auf Befreiung aus endloser Tyrannei und Bedrückung, die der Ruf Lenin s und anderer Führer der sowjetischen Revolution in ihnen geweckt hatte.

Sowjetrußland war immer für den Weltfrieden. Lenin wußte, daß ein Krieg sein großes Aufbauprogramm stören und vielleicht sogar vereiteln würde. Das russische Volk wollte stets den Frieden. Sein ganzes Denken, Wollen und Hoffen ist auf die erzieherische und industrielle Entwicklung und die Erschließung seines großen, reichen Landes gerichtet. Sowjetrußland besitzt keine Kolonien, die es ausbeuten könnte, und es sucht auch keine zu erwerben. Sowjetrußland betreibt keine ausländischen Handelskartelle, und es sucht auch nicht aus solchen Unternehmungen Gewinn zu ziehen. Stalins Politik hat die Gegensätze der Rassen, Religionen, Nationen und Klassen innerhalb der Sowjetgrenzen aufgehoben. Diese Einigkeit und Harmonie der Sowjetvölker weist den Weg zum internationalen Frieden.“

Kapitel XXIV. <--

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